Lernen ist härter als ein Job

5  13.11.2000

Pro:
Eigeninitiative ist gefragt

Kontra:
es ist nicht einfach und bequem

Empfehlenswert: Ja 

unbekannt50

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:104

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Grüüüß Euch

Lebenslanges Lernen hießt DAS Zauberwort des Jahrzehnts. Ich finde das wunderbar, denn lernen macht mir enormen Spaß. Lernen wohlgemerkt, das hat nichts mit streben zu tun, sondern mit ständiger Weiterentwicklung und Kampf gegen die anklopfende Bequemlichkeit. Über meine Weiterbildung und die Erfahrungen hieraus möchte ich berichten.

1. Die Weiterbildung an sich
2. Das Arbeitsamt muß Dein Freund sein
3. Die Ausbildung - nützlich oder nicht
4. Das Praktikum
5. Das Selbstmarketing, damit es einen Sinn macht


1. Die Weiterbildung an sich

Vor zwei Jahren habe ich, dank meines lieben viertelvordrei, eine Weiterbildung zur Managerin für die GUS-Staaten angefangen. Da ich ohnehin mal in Moskau studiert hatte, lag das ganz nah und es reizte mich schon, nunmehr noch was Gescheites über Ökonomie und Wirtschaft zu lernen. Die Informationen des Weiterbildungsträgers (BAZ Selbelang e.V., ca. 25 km westlich von Berlin gelegen) waren gut, die persönlichen Gespräche vorab vielversprechend, der Kurs stieß auf bundesweites Interesse und mein Arbeitsamt war durchaus erfreut, mir diesen Platz dort zu finanzieren. Na wunderbar!

Der theoretische Ausbildungsteil umfasste ein Jahr, daran schlossen sich drei Monate Praktikum an. Ich will Euch jetzt nicht die einzelnen Fächer aufzählen - die entsprachen schon den Dingen, die zum Management gehören und natürlich sich mit der russischen Sprache und Landeskunde beschäftigten. Zum Praktikum komme ich nachher noch ausführlich.

Ganz wichtig VOR Beginn einer Weiterbildung ist die Frage nach der Anerkennung des Abschlusses. Das klingt merkwürdig? Es gibt Zertifikate, die nur vom Bildungsträger ausgestellt werden und bundesweit überhaupt keine Bedeutung haben. Dann ist die ganze Lernerei nur halb so sinnvoll, denn dieser Zettel ist nicht mehr wert als der Teilnahmebescheid vom letzten Kochkurs. Ein solches Zertifikat habe ich erworben, weil ich eben VOR Beginn der Weiterbildung noch nicht so schlau war *grins.

Also besser nach IHK-Zertifikaten oder anderweitig staatlich anerkannten Abschlüssen fragen. Die setzen zwar einen anderen Prüfungsmodus voraus, aber dafür gelten die Abschlüsse dann auch als Zugangszertifikate für Hoch- und Fachschulen etc.


2. Das Arbeitsamt muß Dein Freund sein

Ich möchte auf Sachen hinweisen, die jedem bevorstehen, der sich um eine Weiterbildung bemüht, und möchte auf die Kleinigkeiten zeigen, die maßgebend sind.
Da wäre zunächst das Arbeitsamt. Ohne das geht nix. Natürlich gibt es gesetzliche Vorgaben, wer wann Anspruch auf eine Weiterbildung oder Umschulung hat. Und es gibt unendlich viele Kann-Bestimmungen. Die solltet Ihr nutzen. Was genehmigt wird und was nicht, hängt nach meiner Erfahrung IMMER von dem zuständigen Bearbeiter ab. Und damit ist das Wichtigste überhaupt, dass dieser Bearbeiter oder diese Bearbeiterin Euch mag. Das klingt vielleicht blöde, versucht Euch mal vorzustellen, daß diese Person auch bloß einen Job macht. Und sie ist heilfroh, wenn sie keinen Dauermeckerfritzen vor sich hat, denn die unzufriedenen Damen und Herren machen die Mehrheit der Arbeitsamtbesucher aus.

Dazu gehört z.B., dass man akkurat gekleidet dort erscheint (und nicht in Leggings oder Jogginghosen, schließlich will man eine Managementausbildung machen) und sich mit seinem Anliegen vorab schon mal beschäftigt hat. Richtig ist, dass man nach allem fragen muß. Die Mitarbeiter sind mitunter (je nach Haushaltslage des Amtbezirkes) gehalten, bestimmte Informationen über Fördergelder etc. nur auf Anfrage zu erläutern. Schimpft nicht auf die Leute, die diese Anordnungen umsetzen, sondern stellt Euch darauf ein. Fragen ist angesagt, fragen und nochmals fragen.

Das Fragen will geübt sein, möglichst keine Frage so formulieren, dass man mit ja oder nein darauf antworten kann. So lockt Ihr das Gegenüber ein bisschen aus der Reserve und erfahrt vielleicht Dinge, über die Ihr bis dahin noch gar nicht nachgedacht hattet. Wenn Ihr z.B. nach dem Verfasser dieser Meinung fragen würdet, so wäre die richtige Antwort jetzt spy, und wenn Ihr feststellen würdet, dass oben drüber gar nicht spy sondern jemand anders als Verfasser auftritt, dann solltet Ihr mal gleich eine Mail losschicken. Aber natürlich nicht ans Arbeitsamt.

Wenn Ihr Euch eine Weiterbildungsmaßnahme ausgesucht habt und die Zusage von Eurem Arbeitsamt habt, dass die dem Antrag stattgeben (kann man auch unter Vorbehalt schriftlich erhalten), dann bittet um einen Antrag auf Rückerstattung von Reisekosten - denn Ihr müsst ja zu dem Bildungsträger (wer immer das auch sein mag) hinfahren zur Informationsveranstaltung bzw. zum Vorstellungsgespräch. Dieser Antrag muß VOR der Fahrt dorthin gestellt werden, sonst gibt es kein Geld. Gleichzeitig lasst Euch einen Antrag auf Erstattung von Bewerbungskosten mitgeben, auch hier kann man nur Quittungen einreichen, deren Datum nach dem Datum der Antragstellung liegt. Aus eigener Erfahrung kann ich Euch sagen, dass da eine ganze Menge an Quittungen für Briefmarken, Fotos, Papier, Mappen, großen Kuverts, Fotoecken etc. zusammenkommt. DM 500,- kann man pro Jahr in Anspruch nehmen, das sollte man auch tun. Bei jeder Abrechnung dann gleich wieder einen neuen Antrag mitnehmen.

Noch was zum Start der Weiterbildung. Der ganze Antragskram beim Arbeitsamt kann schon so 6 Wochen Bearbeitungszeit in Anspruch nehmen. Wenn man das vorher weiß, kann man sich darauf einstellen. Wenn es mit dem Bargeld knapp wird bis zur ersten Überweisung vom Arbeitsamt, lasst Euch rechtzeitig einen A-Schein vom Arbeitsamt ausstellen. Mit diesem Schein, der bestätigt, dass ein Antragsverfahren dort läuft, aber noch nicht abgeschlossen ist, geht man dann zum Sozialamt und erhält bis zu dem Moment, da das Arbeitsamt mit seinem Papierkram fertig ist, einen Abschlag in der Größenordnung, in der das Unterhaltsgeld (so heißt das während einer Weiterbildung) sein wird. Dieser Weg ist vielleicht nicht der Traum Eurer schlaflosen Nächte, aber Ärger mit dem Vermieter und ähnlich geldgierigen Einrichtungen bleibt damit aus. Die Ämter verrechnen dann untereinander, darum braucht Ihr Euch nicht zu kümmern.

Wenn die Weiterbildung theoretisch genehmigt ist, beim Ausfüllen der Anträge nicht den Antrag auf Erstattung des Fahrgeldes (während der gesamten Weiterbildungszeit) vergessen! Rechnet Euch vorher aus, ob Ihr günstiger mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem PKW weg kommt. Der PKW muß nicht Euer eigener sein, man kann auch das Auto der Freundin oder der Oma angeben, aber einen Führerschein sollte man schon haben und ab und an mit dem Auto fahren auch.

Wenn der Ausbildungsort nicht gleich Eurem Wohnort ist, erkundigt Euch, unter welchen Umständen Ihr auswärtige Unterkunfts- und Verpflegungspauschale in Anspruch nehmen könnt. Ob Ihr das dann auch immer nutzt, sei mal dahingestellt. Wichtig ist hier unter Umständen nicht die absolute Kilometerentfernung, sondern die tägliche Fahrzeit. Ruhig fragen, Ihr habt nichts zu verlieren.


3. Die Ausbildung - nützlich oder nicht

In Weiterbildungsgruppen sind immer Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Vorkenntnissen. Das kann nerven, nämlich bei den Dingen, die man selbst kann und andere nicht, und das kann nützen, wenn man nämlich den Nachbarn fragen kann. Stellt euch darauf ein, dass nicht jeder Tag total informativ ist. Dann lernt Ihr an diesen Tagen eben etwas anderes, z.B. Kommunikation mit anderen Menschen oder Ihr versucht die Methodik des Lehrers zu finden oder Ihr übersetzt den Kurzvortrag des Kommilitonen im Kopf ins Englische oder Ihr achtet mal darauf, wie man Fragen geschickt formuliert. Wenn man will, findet man immer etwas, was den Unterricht spannend macht und etwas Neues darstellt. Das macht natürlich Mühe, aber es bringt mehr, als den Tag zu vergammeln oder gar nicht erst hinzufahren. Das kann sehr gefährlich sein, den die Arbeitsämter schicken immer mal einen zum Überprüfen der Anwesenheit vorbei.

Wichtig ist auch von Anfang an nach einem späteren Einsatz zu suchen. Die Weiterbildung ist nach ein bis zwei Jahren vorbei und dann will man ja nicht wieder zum Amt latschen. Von Anfang an (ich habe fälschlicherweise etwas zu spät damit angefangen) im Kopf haben, was und wo man später arbeiten will.

Eventuell können Dozenten Kontakte vermitteln. Oftmals werden Besuche von Messen und Ausstellungen organisiert oder vorgeschlagen - auf jeden Fall wahrnehmen! Hier ist auch Eigeninitiative sehr gefragt. Also die Augen aufmachen und den Lehrgangsleiter fragen, ob der Bildungsträger das Eintrittsgeld für die Messe oder das Forum übernehmen würde. Wenn es nicht gar zu artfremd ist, wird dem gern stattgegeben und auch die Freistellung ist kein Problem. Bei solchen Veranstaltungen sollte man immer auf der Suche nach einem Praktikumsplatz sein. Denn der ist das wichtigste der ganzen Weiterbildung.


4. Das Praktikum

Ob eine Weiterbildung gut oder schlecht ist, hängt ganz entscheidend von Art und Dauer des Praktikums ab. Bei meiner Weiterbildung sollte es ein dreimonatiges Auslandspraktikum sein. Im Laufe der Weiterbildung stellte sich jedoch heraus, dass das Praktikum hauptsächlich für den Bildungsträger erfolgen sollte, also nicht für ein anderes Unternehmen. Zwar in Russland, aber so lange Sprachurlaub ohne Aussicht auf einen Job konnte ich für mich nicht gutheißen.

Also habe ich mich selber auf die Suche gemacht. Wichtig finde ich hier nicht unbedingt die Möglichkeit nach dem Praktikum fest eingestellt zu werden (das sagt natürlich keiner vorher zu), sondern daß das Praktikum in einer Einrichtung abläuft, in der ich was lernen kann und deren Zeugnis mir bei einer späteren Bewerbung weiterhilft. Also ruhig an die Konzerne ran, an die Ministerien, Landesämter usw. Die wollen nicht einstellen, aber kostenlose Arbeitskräfte nehmen sie gern und die hier geknüpften Kontakte können bei einer späteren Einstellung in einem kleineren Unternehmen wichtig sein. Außerdem bekommt man ein ganz anderes Selbstbewusstsein, wenn man spürt, dass man mindestens genauso schlau ist wie die Leute mit den guten Verträgen. Da geht man später viel sicherer in ein Vorstellungsgespräch.

Das Arbeitsamt hat mich hier übrigens sehr unterstützt. Ich konnte das Auslandspraktikum in ein Inlandspraktikum umwandeln und hatte weder finanzielle noch sonstige Nachteile. Ich habe mein Praktikum in der Landesagentur für Struktur und Arbeit (LASA) in Potsdam absolviert und dort bei den Existenzgründungsberatern gearbeitet. Ich konnte meine Erfahrungen aus dem Bereich der Werbung einbringen und habe viel gelernt, z.B. über Fördergelder, was mir wiederum heute zugute kommt. Außerdem habe ich immer noch sehr gute Kontakte zu den Mitarbeitern der LASA und so etwas ist immer von Vorteil.


5. Das Selbstmarketing, damit es einen Sinn macht

Während der gesamten Weiterbildungszeit heißt es sich bewerben, sich vorstellen, Angebote suchen. Das ist nervig, weil auf dutzende Bemühungen vielleicht eine gescheite Antwort kommt. Ich finde es ganz wichtig, dass man weniger guckt, wer gerade jemanden sucht, sondern den schwierigeren Weg geht: sich aussucht, wo man hinwill. Hey, Ihr habt ein oder zwei Jahre Zeit, Euch bei diesen zwei oder drei Arbeitgebern vorzustellen und dort einen Namen einzuführen - nämlich Euren. Das ist anstrengend, Lotto spielen ist einfacher aber eben auch erfolgloser. Kein Arbeitgeber will jemanden, der dasitzt und wartet, bis man im einen Job auf dem Silbertablett bringt. Das ist die Chance - zeigt was Ihr könnt. Vielleicht bekommt Ihr während der Weiterbildung schon mal einen kleinen Auftrag von der Firma oder könnt bei einer Messe am Stand mithelfen (vielleicht kostenlos, aber wenn es um DEN Job geht...). Dem Wunsch nach einer Besichtigung des Werkes oder Büros wird sicherlich stattgegeben, man kann sich für eine betriebliche (zusätzliche!) Weiterbildung während der Umschulungsferien interessieren oder oder oder.

Mit Sicherheit lohnt sich ein erheblicher zeitlicher Aufwand zur Anfertigung einer Bewerbungsmappe evtl. mit Arbeitsproben und eine tagelange Vorbereitung auf ein persönliches Gespräch. Sucht Euch jemanden, der das besser kann als Ihr und lernt von demjenigen (auch für Experten gibt es noch was zu lernen).

Leute, Ihr habt so schnell nicht wieder die Gelegenheit, dass euch jemand fürs Lernen bezahlt! Für die von Euch, die gerade noch in der Ausbildung stecken, hört sich das vielleicht komisch an, aber es ist so! Nutzt die Zeit, um an der Volkshochschule noch einen Sprach- oder Computerkurs zu besuchen. Oder sichert Euch einen Rhetorikkurs oder ein Kommunikationstraining. Wenn erst wieder ein fester Job da ist, sind die Abende kurz genug....

Bei der Eigenwerbung sollte man wenn möglich auch das Internet nutzen (wenn es zur Branche passt). Tragt Euch in Jobbörsen ein, bereitet eine Onlinebewerbung vor, verweist in Euren Briefen an Unternehmen auf die eigene Homepage - vorausgesetzt, dass dort eine beruflich-vernünftige Darstellung zu finden ist und kein privater Quatsch. Man kann ja z.B. für die Bewerbungszeit eine separate Seite schalten.

Kurz und gut: eine Weiterbildung ist eine gute Chance voranzukommen - vorausgesetzt man betrachtet die Zeit als harte Arbeit und handelt dementsprechend. Das Alter spielt dabei übrigens nicht die entscheidende Rolle, sondern der persönliche Einsatz. Dann lugt das Glück schon mal um die Ecke.

Tschüüüß - Eure schwupsy

Die Bewertung hier unten können wir mal wieder vergessen - z.B. Kosten. Was soll die komische Auswahl - das Arbeitsamt zahlt

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
antjeeule

antjeeule

22.12.2002 20:53

Hallo schwupsy! Ich denke, dass ich diesen Bericht schonmal bei dooyoo gelesen habe, will aber jetzt nicht kontrollieren. Es ist bestimmt auch länger her. Du hast hier wirklich eine supergute Zusammenfassung geschrieben, die ich vorbehaltlos unterschreiben würde, hätte ich jetzt noch eine so weitreichende Fortbildung vor mir. An alles hast du gedacht. Also echt ein prima Leitfaden, den man, was die Ämter und Fragen angeht, eigentlich nur abschreiten, bearbeiten und entsprechend abhaken muss. Ich habe jetzt gerade noch einen anderen Arbeitsbereich für mich aufgetan. Allerdings wurde ich hier - aber ganz seriös - angeworben. Der Job macht viel Spaß. Aber ich muss auch viel dazulernen. Es macht mir aber nicht soviel aus, weil ich auch gerne Neues hinzulerne. Dir und deinem viertelchen schon mal hier alle guten Wünsche für ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Start ins Neue Jahr. Liebe Grüße, Antje

elton_at

elton_at

17.11.2000 09:28

Guten Morgen Schwupsy. Ja ja den Umgang mit Mitarbeitern einer Behörde... da hab ich so meinen Schwachpunkt. Da ich von Hause aus ein agiler und entscheidungsfreudiger Mensch bin, ist das Besuchen einer solchen Institution (oder soll ich Anstalt sagen???) so ziemlich die Höchststrafe. Ich schlafe vorher schlecht und träume auch nachher noch davon. Sollte mich mal bei Dir zur Weiterbildung annmelden"ggh". CU

Crucial

Crucial

15.11.2000 14:36

Hui, du kannst auch bestimmt ein Buch über das Thema schreiben! ;-)

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