Leben verbindet
22.09.2001
Pro:
hervorragendes Konzept, ausgezeichnet erzählt, vielschichtige Charaktere
Kontra:
nicht gar so spannend und atmosphärisch wie der Erstling
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
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 menelik79
Über sich:
Mitglied seit:17.06.2001
Erfahrungsberichte:17
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 45 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Schon vor einer ganzen Weile habe ich euch bereits meine Meinung über Alex Garlands ersten Roman „The Beach“ kund getan. Damals konnte ich mich während dem Schreiben kaum zurückhalten, mich mit diesem Buch sofort wieder irgendwo einzuschließen, in das beschriebene thailändische Inselparadies einzutauchen und die echte Sonne erst wieder zu sehen, wenn ich das Buch zum zweiten Mal fertig habe. Nun ist das Leben ja bekanntlich kurz und es gibt eine fast unendlich große Anzahl Bücher, die eine echte Leseratte „schon immer mal lesen wollte“, keine Zeit also alle Bücher zwei- oder dreimal zu lesen! Um aber meinem Drang trotzdem nachkommen zu können bin ich damals – kurz nachdem ich den „Beach“-Bericht veröffentlicht habe – zum Buchhändler meines Vertrauens gerast, um mir Garlands zweites Buch zu holen, das im Original den Titel „The Tesseract“ trägt, und übersetzt unter „Manila“ im Laden steht. Leider, denn der Originaltitel ist auf ganz besondere Weise eine Vorinterpretation und Konzeptbeschreibung des Buches. INHALT: Ein „tesseract“, so durfte ich später im Buch lesen, ist nämlich die einzige Form einer gewissen geometrischen Figur namens „hypercube“ ( Hyperwürfel? Entschuldigt, wenn ich eins nicht bin, dann ist es ein Mathematiker!), in der diese für den Menschen sicht- und vorstellbar ist. Der „hypercube“ hat nämlich die besondere Eigenschaft der Vierdimensionalität. Da wir Menschen aber dreidimensionale Wesen sind können wir uns diese Figur in ihrem Idealzustand logischerweise nicht vorstellen „genau wie ein zweidimensionaler Junge sich keinen dreidimensionalen Würfel vorstellen kann“ ( Zitat aus dem Buch, Übersetzung von mir). „Faltet“ man die Figur jedoch auf, so wie man einen Würfel zu einem zweidimensionalen Kreuz auffalten kann, dann sind all ihre Bestandteile auch für uns sichtbar. Diesen aufgefalteten „hypercube“ nennt man „tesseract.“ Mit seinem Buch hat Garland quasi das literarische Äquivalent zu diesem mathematischen Problem geliefert. In seiner Erzählung entfaltet er ein solches „tesseract“ indem er anhand eines sehr simplen Grundplots – so simpel, klar und einfach wie eine geometrische Figur eben – der die Leben verschiedenster Menschen aus der philippinischen Hauptstadt Manila zueinander in Beziehung setzt. In dieser Basishandlung geht es um einen britischen Matrosen namens Sean, der in einem schäbigen Hotel auf die Ankunft von „Don Pepe“ – dem örtlichen Mafia- und Piratenboss – und seiner Handlanger wartet, um mit diesen die Bedingungen für freies Geleit seines Schiffes aus philippinischen Gewässern auszuhandeln. Während er wartet wird er jedoch zunehmend nervöser, aus Angst vor den Killern „Don Pepes“. Als die Mafiosi schließlich vor seiner Zimmertüre stehen gerät die Situation völlig außer Kontrolle. Mosaikartig setzt Garland die Geschichte zusammen, wobei die einzelnen Steine die Leben jenes britischen Matrosen, der Mafiosi, einer philippinischen Familie der gehobenen Mittelschicht, zweier Straßenkinder und eines Psychologen sind. Während er seinen Basisplot verfolgt berührt er mit diesem nach und nach alle beteiligten Charaktere, schwenkt seine Perspektive in deren Leben um und erzählt ihre jeweilige Geschichte – völlig unabhängig von der Grundstory, so daß die einzelnen Mosaiksteinchen eigentlich eher Türen in die unterschiedlichsten Welten sind. Zwischendurch schwenkt er immer wieder beliebig zwischen den Positionen aller anderen hin und her, und entwickelt die Geschichte langsam weiter, bis er schließlich all die Menschen, die schon die ganze Zeit über in einer unbewußten Beziehung standen, zusammenführt und den Plot auflöst. So hat man also mit dem Buch tatsächlich das „tesseract“ des großen und vielschichtigen Komplexes dessen vor sich, was sich in dem Buch eigentlich abspielt. Faszinierende, spannende, tiefgründige und vor allem äußerst farbige und lebendige Portraits völlig unterschiedlicher Menschen drehen sich um das verbindende Element des Basisplots und ergeben dabei ein unvergleichlich komplexeres Gebilde aus Beziehungen und Zusammenhängen, das man tatsächlich nur in der nacheinander geschilderten, also aufgefalteten, Fassung völlig begreifen kann. Es stellt sich also bezüglich des Inhalts eigentlich nur die Frage ob denn nun die bewegte und bewegende Schilderung der Leben der Akteure oder das Konzept und der Komplex an sich mehr begeistern können. Wie schon bei „The Beach“ ist ein ganz besonderes Plus auch des zweiten Garland-Buches seine Verwendung von Sprache. Die ist zwar wunderbar jugendlich frisch und lebendig, wirkt aber nie so schnodderig wie die vieler anderer Jungautoren und schon gar nicht so oberflächlich. Auch die sozial und durch Herkunft bedingten sprachlichen Unterschiede seiner Charaktere hat er dabei sehr gelungen berücksichtigt. Genau wie bei seinem Erstling gelingt ihm auch hier wieder ausgezeichnet die Stimmung seiner Schauplätze darzustellen. Wenn man anfangs mit Sean durch die Stadt geht spürt man die drückende Hitze und riecht den Moder, wenn man schließlich mit ihm in seinem heruntergekommenen Hotelzimmer sitzt und auf Don Pepe wartet. Viele kleine Details in der Beobachtung seiner Charaktere hauchen auch ihnen echtes Leben ein. Diesmal hat Garland sich allerdings nicht nur auf das Leben der „low-lives“ und Aussteiger konzentriert, sondern eben auch auf das der „ganz normalen“ Menschen Manilas, wie der genannten Mittelschichtfamilie ( Mann, Frau, Sohn, Tochter, Oma, Häuschen mit Garten und Familienwagen). Das ihm auch das so gut gelungen ist zeigt, daß er eben tatsächlich mehr kann als Szeneliteratur zu schreiben. Obgleich seine Figuren zwar nicht allesamt Aussteiger irgendwelcher Art sind, so ist doch allen ein gewisses Element der Einsamkeit und der Traurigkeit ( in der Sprache der Philippinos, dem "tagalog" gibt es für beides nur ein Wort) gemeinsam. Selbst der mächtige Mafiaboss Don Pepe strebt ständig nach etwas unerreichbarem, ebenso in gewisser Weise die Mutter der Familie, natürlich die Straßenkinder, aber auch der Psychiater, der einen Traumdeutungsversuch mit diesen durchführt. Dieser steht vor lauter Einsamkeit schließlich sogar kurz vor dem Selbstmord. Unerfüllte Wünsche und Einsamkeit sind also neben der Struktur ein weiteres verbindendes Element für Garlands Charaktere. Neben dieser individuellen Problematik behandelt Garland allerdings auch noch verschiedene soziale Themen der Philippinen, die oft auch direkte Konsequenzen auf die individuellen Geschichten der Figuren haben. So beschreibt er die Probleme im Aufeinandertreffen der Philippinos mit den Europäern, und beschreibt dabei Don Pepe, der selbst eigentlich lieber Europäer wäre. Er geht auf die Unterschiede zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung ein und legt ihn ländlichen Traditionen einen Grundstein für die Unzufriedenheit für Rosa, die zweifache Mutter. Der Gegensatz zwischen Arm und Reich und viele weitere Themen werden außerdem angesprochen, so daß der Leser ein breites Bild philippinischer Gesellschaft erhält. FAZIT: Na, was soll ich schon sagen? Wo bleibt der dritte Garland?! Zwar konnte „The Tesseract/Manila“ mich nicht ganz so sehr in seinen Bann ziehen, wie das die einmalige Atmosphäre von „The Beach“ geschafft hat, und es war auch nicht ganz so spannend, dafür hat mich dieses Buch voll und ganz von den literarischen Fähigkeiten Garlands überzeugt. Ein hervorragender Erstling könnte ja immer noch ein – wenn auch enorm gelungener – Glückstreffer sein, zu einem Konzept wie das des „Tesseract“ gehört jedoch noch einiges mehr. Die perfekt durchdachte Struktur dieses Romans zeugt von echten technischen Autorenqualitäten, die vielschichtige Charakterisierung der Figuren von hoher Sensibilität und Einfühlungsvermögen, der simple Basisplot schließlich von Sinn für das Wesentliche, denn unter einer überladenen Story hätte das Buch eher gelitten. So kann man sich voll und ganz auf das Konzept und auf die Leben der Charaktere einlassen, die sich so wie es ist locker und elegant um die Storyline drehen, und nicht überschwer an einem komplexen Handlungsgerüst aufhängen. Von mir gibt’s also einen definitiven Kaufbefehl! Die Leute, die „The Beach“ einzig und allein wegen des „Rucksack-Elements“ gelesen haben sollten zwar vielleicht lieber die Finger von „The Tesseract/Manila“ lassen. Diejenigen unter euch die aber im Erstling schon begeistert von Garlands Atmosphären, Charakteren und Gedanken waren und sich jetzt auf sein einzigartiges Konzept einlassen wollen, sowie überhaupt alle die gerne ebenso junge wie gute Literatur lesen, sollten unbedingt zuschlagen!
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04.10.2002 00:56
Das Buch liegt schon so lange bei mir im Schrank, ich muss es endlich lesen...bei der Kritik... *viele Grüße* TAMI
01.10.2001 14:09
Huhu! Super Bericht. Ich find es sehr schwer, richtig gute Bücher zu bekommen, deswegen werde ich mir demnächst auch ein 'Garland'-Buch zulegen. Schreib dir dann wie ich es finde! *LG* tamia2
24.09.2001 14:15
Sei gegrüßt. Vor lauter eigener neuer Schreiberei komme ich seit ein paar Tagen nicht zum Lesen von Berichten... um so schöner ist es, mal wieder etwas von Dir zu lesen. Guter, gelungener Bericht... In diesem Sinne - Pessoa