Internat kann krank machen
18.10.2000
Pro:
Hilfe für Blinde und Sehbehinderte
Kontra:
Organisation ist denen Fremd
Empfehlenswert:
Ja
 katnanna
Über sich:
Mitglied seit:13.10.2000
Erfahrungsberichte:8
Vertrauende:3
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 14 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ich bin nun schon mein 5. Jahr im Internat. Es steht in Marburg (an der Lahn in Hessen) und hat seine Wohngruppen in der ganzen Stadt verteilt. Dies ist das einzige private Gymnasium in Deutschland, dass extra für Blinde und Sehbehinderte Schüler erschaffen wurde. Der Unterricht hier läuft recht normal ab und die Klassen haben verschiedene Größen von ca. 5 - 13 Schülern. Die Wohngruppen sind von 1 - 8 Schülern. Da wird dann nochmal in MJG und SWG unterteilt. MJG heißt, dass es eine Minderjährigen-WG ist. Da leben zwar auch volljährige Schüler drin, aber diese dann eher, wenn sie nicht so gut mit sich allein zurecht kommen oder einfach keine Lust haben, auf fast eigenen Beinen zu stehen. Eine AWG ist eine WG, wo die Schüler recht selbstständig leben dürfen. Jede WG hat mindestens einen Betreuer. Normalerweise ist es so, dass die MJG's 3 Betreuer und die AWG's 1 Betreuer haben. Nun gut, erstmal zur Schule: Es sind ca. 300 SchülerInnen und diese kommen aus ganz Deutschland und den angrenzenden Ländern. Es ist eine Ganztagsschule (d.h. morgens um 8 Uhr fängt die Schule an und kann auch mal bis 18 oder 20 Uhr gehen, aber meist geht es bis 15:30 Uhr) und man hat aller 2 Wochen auch noch am Samstag von 8 - 12:30 Uhr Unterricht!
Viele Lehrer sind nett und hilfsbereit. Doch ein was muss ich auch mal bemängeln oder eher gesagt mehreres: 1. Die Organisation lässt wirklich zu wünschen übrig. 2. Viele Schüler werden durch diese miese Stimmung in der Schule versaut. Sie werden arrogant und unfreundlich. Leider bemerken dies nicht mehr viele und so werden die, die wohl noch normal geblieben sind, unterdrückt und zu Außenseitern. Dies ist ein gravierendes Problem an der Schule, aber ich glaube, dass es nicht die einzige Schule mit solchen Problemen ist.
Jedenfalls ist ein ungutes Gefühl was man dann jeden morgen hat, wenn man von irgend einer Seite doof angemacht wird, weil man z.B. gute Laune schon am frühen morgen hat. So, das Internat: Wie schon erzählt, ist man in einer Gruppe und lernt dort alles, was man für das spätere Leben gebrauchen könnte. Ich wohne jetzt mein 2. Jahr in einer SWG und habe das Glück gehabt, in einer Einzel-WG zu landen. Dies ist für mich ein schönes Erlebnis, denn so lerne ich nämlich auch, mich von meiner Familie ein wenig abzukapseln. Denn hier habe ich all meine Freiheiten, die ich nur genießen kann, denn keiner kann genau überprüfen, ob ich mal jemanden zu Besuch hab oder nicht. In einer MJG ist man da schon beaufsichtigter, aber da kommt es auch drauf an, welche Betreuer man da erwischt. Denn es gibt echt total nette Betreuer, aber auch so was von Strenge, dass man am Liebsten gar nicht da wohnen will. Jedenfalls ist es egal wo du wohnst, MJG oder SWG, die Betreuer können einem echt auf den Senkel gehen, denn wir sind schon erwachsen und die versuchen einen noch zu erziehen. Insgesamt kostet ein Schüler dem Landeswohlfahrtsverband des jeweiligen Bundeslandes, wo seine Eltern wohnen, 100.000 DM.
Im Großen und Ganzen ist diese Schule eine Bereicherung für Blinde und Sehbehinderte. Sie können dadurch endlich mal zeigen, dass sie nicht blöd sind und können vielleicht auch dadurch endlich einen Job erlernen, der Karriereverdächtig ist. Aber die Schule müsste noch ein bisschen was über Organisation lernen, sonst wird das nix.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
Verwandte Tags für Marburg - BLISTA
|
|
31.10.2000 04:53
guter Beitrag. du hast Recht,leider gibt es noch immer viele Vorurteile gegenüber Sehbehinderten.