Psychologisches und historisches Meisterwerk
20.10.2000
Pro:
Wundervoller Stil, tiefe, psychologische Einblicke
Kontra:
- -
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
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 sycorax
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:82
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 6 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Biographien haben schon immer zu meiner Lieblingslektüre gezählt - und auf der Liste derer, die ich gelesen habe, stehen zwei ganz oben und werden immer wieder in die Hand genommen: Stefan Zweigs "Maria Stuart" und seine "Marie Antoinette". Stefan Zweig ist - vor allem mit der "Maria Stuart" - etwas gelungen, was ich bis dahin für fast unmöglich hielt: Er hat über eine Person, die schon seit hunderten von Jahren tot ist und von der es weder gute Bilder noch sehr viele "Augenzeugenberichte", Protokolle oder eigene Briefe gibt, eine historisch getreue, immer an den Fakten angelehnte Biographie geschrieben, die es schafft, die Königin und Frau Maria Stuart in ihrem Tun und Lassen lebendig erscheinen zu lassen. Dabei ist es Stefan Zweig gelungen, "neutral" zu bleiben. Sicher, er sympathisierte mit Maria Stuart - man merkt es daran, mit wieviel Liebe und Einfühlungsvermögen er ihre schwierige Kindheit beschrieb: Die Abreise von Schottland nach Frankreich, die einer Flucht vor dem mächtigen, englischen König glich; die Kinderjahre in Frankreich als Gefährtin ihres späteren ersten Ehemanns; die Ehe zwischen den beiden kaum ausgewachsenen Kindern, die König und Königin von Frankreich zu spielen hatten; ihre Trauer um den früh verstorbenen Gefährten ihrer Kindertage; den Schock, als sie aus dem kultivierten, sonnigen Frankreich ins rauhe, ungemütliche Schottland zurückkehrte und wie sie versuchte, dort - in Opposition zur sittenstrengen, bigotten Kirche des schottischen Reformers John Knox - etwas von der Spielfreude und der Leichtigkeit des Lebens am französischen Hof zu bewahren. Zweig, der als jüdischer Autor aus Nazideutschland fliehen mußte und sein Leben nach einigen schweren Exiljahren durch Selbstmord beendete, kann nachvollziehen, wie schwer es für Maria Stuart in Schottland war - und er läßt seine Leser mitfühlen.Dennoch verklärt er Maria Stuart nicht zur Heldengestalt. Er hält sich an die Fakten - und die scheinen ziemlich eindeutig: Maria Stuart hat nicht nur davon gewusst, dass ihr Geliebter Bothwell, ihren zweiten Mann, Henry Darnley, umbringen wollte - sie hat Bothwell auch in seinen Plänen unterstützt und sich dadurch, dass sie den kranken Darnley aus dem gut bewachten Schloss seines Vaters heraus nach Edinburgh zurück- und damit in die Hände seiner Mörder lockte, mitschuldig gemacht. Zweig leugnet es nicht. Im Gegenteil: Er beschreibt den Weg zum Mord und er zeigt die Hintergründe auf, in dem er auf die berühmten "Kassettenbriefe" eingeht. Und spätestens hier zeigt sich seine Meisterschaft: Stefan Zweig, der ja mit Siegmund Freud befreundet war und über ihn geschrieben hat, war der Großmeister der psychologischen Darstellung. So wie er uns in seiner berühmten "Schachnovelle" die Gefühle und Motive der Handelnden erklärt, so kann er es auch in der "Maria Stuart": Ihre Verzweiflung, ihr Getriebensein, ihre Hörigkeit, die sie "Stolz und Ehre" (wie sie selbst schrieb) für den Geliebten dahin geben ließen, ihre Angst vor der Entdeckung ihrer Affäre, die ja doppelter Ehebruch war. Er sagt uns, wer Bothwell war, warum er so auf die bis dahin so "unschuldige" Königin wirken konnte - und obgleich er Marias Handeln mit keinem Wort entschuldigt, macht er es verständlich. Dabei schreibt Zweig ein Deutsch, von dem die meisten heute hochgelobten Autoren eine ganze Menge lernen könnten. Zweig schwafelt nicht, sondern setzt im Gegenteil jedes Wort mit Bedacht, wobei er einen Klang entwickelt, der "leicht" wirken könnte, wenn man nicht wüßte, wie schwer es ist, so elegant und fließend zu schreiben. Er hat es nie auf "Spannung" abgesehen, aber dennoch gelingen ihm die großen Spannungsbögen, die durch die Handlung tragen. Zweigs "Maria Stuart" ist darum für mich mehr als nur eine Biogaophie. Sie ist ein großes, literarisches Werk und hat darum einen Ehrenplatz in meinem Bücherschrank.
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Maria Stuart - Stefan Zweig
Seiten: 480, Ausgabe: 37, Taschenbuch, Fischer Taschenbuch Verlag
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2011, 438 Seiten, Maße: 12,5 x 19 cm, Taschenbuch, Deutsch
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Maria Stuart (Fischer Klassik) - Stefan Zweig
Seiten: 448, Ausgabe: 3, Taschenbuch, FISCHER Taschenbuch
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11.07.2002 16:03
Maria Stuart von Zweig ist auch eines meiner Lieblingsbücher meines absoluten Lieblinsautors. Schön beschrieben. Gruß, Kai