Erfahrungsbericht über "Mark Gillespie - Supersonic Wednesday (DVD)"

veröffentlicht 03.04.2006 | Almstedt
Mitglied seit : 12.07.2004
Erfahrungsberichte : 81
Vertrauende : 1
Über sich :
Sehr gut
Pro Geile Musik, gute Musiker, sehr guter Sound
Kontra Den Jungs fehlt ein millionenschwerer Plattenvertrag
sehr hilfreich

"Hol Dir die Fußgängerzonen der Welt ins Zimmer..."

Das Originalcover, was Ciao nicht auf die Reihe brachte...

Das Originalcover, was Ciao nicht auf die Reihe brachte...

Vorab eine Klarstellung: nein, ich bin weder verwandt noch verschwägert mit diesem jungen Herrn, auch nicht bezahlt, bestochen oder sonstwie zum Schreiben dieser Zeilen genötigt worden...

Es liegt wohl daran, dass ich unter einem Helfersyndrom leide und immer, wenn ich Ungerechtigkeiten entdecke gar nicht anders kann als meinen Anzug aufzureißen und als SuperMan... - ööööh, das war glaube ich dann doch eine andere Geschichte... ;o)))

Also, dann schreibe ich mal wieder einen meiner unerwünschten Berichte - auf mehrfachen Wunsch eines einzelnen Herren hier auf Ciao - über ein Genre, das anscheinend draußen in der realen Welt trotz seines erheblichen Mehrwerts immer noch nicht angekommen zu sein scheint - der Musik DVD.

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Wie kam ich auf Mark Gillespie?
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Eigentlich (leider) gar nicht...

Ein lieber Arbeitskollege, der um meine Musikkrankheit wußte feuerte eines Tages im Herbst 2005 einen dünnen Umschlag in meine Richtung - "hier Du Musikdepp, damit Du Dich nicht langweilst..." folgte dem Geschoß, das sich glücklicher- und überraschenderweise als Musik-DVD entpuppte...

Da mir meine Kollegen aber auch schon Scooter unter den Laser gemogelt hatten, woraufhin ich erst einige Tage später wieder aus der geschlossenen Abteilung entlassen wurde, hielt sich meine Freude vorerst aber in sehr engen Grenzen, um nicht zu sagen, dass ich die DVD fast in einen Boomerang verwandelt hätte...

Irgendwie behielt ich die DVD doch in meinen Händen, nahm sie mit nach Hause und erst als sie Tage später immer noch nicht explodiert war oder ätzende Säuren freigesetzt hatte, verleibte ich sie meinem PC ein und wurde sofort von der auf der DVD enthaltenen Droge ergriffen... - ich schwofte, schaukelte, schnippte und zuckte im Takt mit und drückte reflexartig auf den Repeat-Button, sobald sich die DVD nach viel zu kurzen 85 Minuten wieder ins Hauptmenü begab...

Inzwischen hat sich diese DVD unter meinen knapp 200 Musik-DVDs richtig breit gemacht und notiert seit Monaten vordere TOP10 Plätze in meinen privaten Replay-Charts - trotz David Gilmour, Sting, E.S.T., Lee Ritenour, Pat Metheny, John Scofield, Santana, etc... - was zum Teufel macht der gute Mann dort und was kann man dagegen tun? Nun, haltet euch fern von Mark Gillespie (was einem sehr einfach gelingen dürfte) und kommt seiner Mischung aus Blues, Norah Jones, Bill Withers, Adult Pop, Singer/Songwriter, bloß nicht zu nahe! Noch ist dagegen kein Impfstoff entwickelt... - Isolation ist alles, was dagegen hilft! ;o))

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Wer ist Mark Gillespie?
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Gute Frage, ich habe den Mann noch nie gesehen außer auf dieser DVD, was daran liegen mag, dass ich erst zweimal in meinem Leben die Ehre hatte, in Gießen zu verweilen, wo der gebürtige Manchester Junge zur Zeit wohnhaft ist. Jedenfalls zog der gute Mark (Jahrgang 1970) mit seiner Gitarre nach seinem abgebrochenen Schauspielstudium 10 Jahre lang durch die europäischen Fußgängerzonen bis nach Israel, bevor er dann in Göttingen vom Bassisten und Produzenten Peter Herrmann von der Straße gezerrt wurde, um in dessen kleinem (?) Studio die erste CD aufzunehmen.

Da sich diese CD nicht nur in den Fußgängerzonen dieser Bananenrepublik gut verkaufte und inzwischen sechs Nachfolger geboren hat (nebst dieser DVD), sammelten sich langsam weitere hochkarätige Mitmusiker um diesen begabten jungen Mann, der einen nicht unerheblichen Teil seiner Live-Programm mit seinem typisch britischen Humor veredelt.

Was beeindruckt neben wirklich inhaltsvollen Texten? Nun, zum einen die durchaus sehr gehobene Qualität seiner gitarristischen Arbeit auf seiner charakteristischen Gibson Chet Atkins, zum anderen seine charaktervolle Stimme, die definitiv keinen Songcontest gewonnen hätte! Dazu kommt sie viel zu individuell rüber - immer voll auf die Zwölf, mal sanft, dann wieder wütend, zornig, erbost, mal laut mal wie Seide, mal ins Herz und mal ins Gehirn, zurückgenommen und rausgeschleudert, mal wild extrovertiert und dann wieder schüchtern...

Im Sommer 1997 war die Band als Vorgruppe für Jethro Tull unterwegs und seine dritte CD mit dem bezeichnenden Titel "Mindless People" wurde von keinem geringeren als dem "deutschen Bruce Springsteen" Wolf Maahn produziert.

Trotzdem haben es alle großen CD-Label bis zum heutigen Tage geschafft, Mark Gillespie bis zum heutigen Tage zu ignorieren. Vielleicht trauen sich die heutigen A&R Manager ja nicht mehr an erwachsene Musiker heran?! ;:))

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Seine Band:
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Thomas Dill - Gitarren
Seit 1999 arbeitet er mit Mark Gillespie und seiner Band als Gitarrist und heute musikalischer Leiter der Truppe. Seine Arbeit auf diversen Gitarren ist immer kreativ, geschmackvoll im positiven Sinne und unterstreicht den jeweiligen Song vor allem optimal...
Wenn Thomas Dill gerade mal nicht mit Mark Gillespie unterwegs ist, schreibt der studierte Musiker (Jahrgang 1967) Fachbücher, Filmmusik oder produziert als Endorser für ROLAND die "Sounds der Helden", die inzwischem jedem E-Gitarristen und E-Bassisten ein Begriff sein sollten...

Peter Herrmann - Bass
Seit 1996 dabei, ist er derjenige, der Mark Gillespie zum Musiker hat verkommen lassen... ;o)) Komisch, was manche Leute nach einem abgeschlossenen Musikstudium (Magister) so anfangen... ;o))
Sein Bass-Spiel ist sowohl auf dem Kontrabass als auch auf diversen E-Bässen stets präzise, kräftig groovend aber meiner Meinung nach zu zurückgenommen - der dürfte ruhig öfter mal richtig reinhauen!

Markus Leukel - Drums
Bei dem braucht man verdammt viel Zeit - der spielt so variabel und nuanciert, das man jeden Song ein dutzendmal immer wieder hören kann und immer wieder über andere Details stolpert.

Ralf Erkel - Keyboards
Wehe, wenn der Mann seine KORG Bastion verläßt und mit dem Akkordeon loslegt (wie beim Song "Daydreamer's Son") - auf einmal wehen Tom Waits, Rickie Lee Jones, John Mellencamp und andere Haudegen durch den Raum.. Noch ein nicht nur humoriger und vielseitiger, sondern auch sehr erdiger und kompetenter Musiker.

José J. Cortijo - Percussion
Nein, nicht der zweite Teil der Gastarbeiterfraktion neben Mark: der Mann kann's. Leider wohl nur sporadisch ein Mitglied der Band (wegen anderweitiger Verpflichtungen) ist der Mann ein klassischer Percussionist, nicht im Stile eines manchmal (aber auch nur manchmal!!) eher virtuos aufdringlichen Nippie Noya, sondern eher als Bindeglied zwischen Rhythmus-Stütze und fragiler Detailarbeit.

Tess Wiley & Miriam Pfaff - Background Vocals
Treten hier leider viel zu wenig in Erscheinung auf dieser DVD, weder positiv noch negativ - leider fehlen die Background-Stimmen in etlichen Live-Arrangements. Selbst "Roses", bei dem Tess die zweite Solostimme singt, ist eher eines der farbloseren Stücke der DVD.


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Aufnahmetechnik:
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Dieses DVD ist eine der seltenen DVDs mit einer Aufnahmetechnik, dass einem das Blut in den Ohren kocht.
Mit linearem LPCM2.0 mit 1536Kbps holt sie alles aus der Wiedergabe-Kette heraus! Einen 5.1 Sound gibt es nicht, ernsthaft vermißt habe ich den allerdings bisher auch nicht...

Audio-Format: LPCM 2.0
Video Format: PAL, 4:3
Region: All regions
Running time: 85:02 min (Konzert) plus
Extras: 42:29 min
Disk Format: DVD9

Recording Engineer: Oliver Giebig of Bang Studios.
Mixed & Mastered by: Matthias Fischer und Mark Gillespie
Video Production: Marco Laufenberg & Ingo Freund (@Firefinch Productions)
Visual Director: Marco Laufenberger
Produced by Mark Gillespie
© by: 2004 Chocolate Factory Records

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Songliste:
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1. April Sun
2. Supersonic Sunday
3. The Road
4. The River
5. Compromised
6. I Believe
7. Easy
8. Daydreamer's Son
9. Give it time
10. So damn young
11. Roses
12. Mindless People
13. Waterfront
14. You
15. Spooky
16. The light at the end

Aufgenommen live am 09. Juni 2004 mit fünf Kameras im Kino Traumstern in Lich

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Sound & Bild:
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Darf ich es mit einem Wort sagen??? Nein??? Okay, ich habe es befürchtet.... ;o))

Okay, mein Wort dafür ist "goil"... hier passt alles, auch wenn das Publikum gößtenteils sehr lethargisch in einem größeren Theater auf Stühlen (fest)sitzt und sich nicht groß bewegen (darf?), keine hysterischen Ohnmachtsanfälle passieren, etc. Diese Musik ist halt Adult Pop vom feinsten, nix Tokyo Hotel, vielleicht etwas, wo Silbermond in ein paar Jahren hoffentlich auch mal sind...

Immer hat man das Gefühl, man wäre dabei - das Bier auf meinem Mischpult wird warm und schal, der Rotwein zieht ausreichend Luft (endlich) und/oder ein Cognac erwacht zu voller Blüte und geschmacklicher Macht...
Diese Musik ist im beste Sinne ehrlich, persönlich, hochklassig arrangiert, nie zu laut, nie zu virtuos, nie langweilig, nie nichtssagend, nie überflüssig...

Wer jetzt meint, die Musik wäre ihm völlig unbekannt, dem kann ich nur sagen: klar, warum wohl? Musik findet aber nicht mehr nur im Radio statt und vieles, was die Musikindustrie ob der Qualität am liebsten ausradieren möchte, hält sich unverdrossen in irgendwelchen Nischen, Klischées, oder im Herzen von Musikern - Gott sei Dank!

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Fazit:
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Hört euch Mark Gillespie einmal an, entweder auf einer seiner sechs CDs, Live oder immer wieder auf dieser DVD. Es lohnt sich...
Für mich ist diese DVD etwas, was (viel) größer ist als die Summe seiner Einzelteile. Die Musik und die Musiker sind authentisch, ungeschminkt, ungekünstelt und erlebenswert...

Muss ich eure Zeit noch länger beanspruchen? Nööö... - wer mich kennt ist sowieso schon bei der Internet Suche, wer mich nicht kennt, überlegt es sich vielleicht noch... - aber wartet besser nicht, bis der Mann Geschichte ist....

So, das war's mal wieder (vorerst) von meinereiner...
Euch wünsche ich eine gute Nacht und bis bald - man liest sich!

Bernd Almstedt

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • Stepnwolf veröffentlicht 22.05.2006
    Mark Gillespie sagt mir zwar nichts, ich bin aber überrascht, dass in deinem Bericht der Name Rickie Lee Jones auftaucht. Die scheint ja eigentlich auch niemand zu kennen. Du wohl schon. Schön zu wissen ...
  • mozarteum veröffentlicht 25.04.2006
    so, jetzt kann ich endlich die unterwäsche auf die bühne schmeissen ... :-))) lg detlef
  • thearcadefire veröffentlicht 12.04.2006
    Hallo Bernd, erzähl mehr davon, wie es sich so als Superman lebt, lol ... Wenn Du nun auch den Schock des Lebens bekommst, wirst nun vielleicht eher zum Hulk lol, aber das muß gesagt werden: Manches von Scooter fand ich gut, den Rest hasse ich dafür abgrundtief ... Bisher bin ich von Mark Gillespie weitestgehend isoliert worden, ich überlege, in welchem Zusammenhang ich da ausgenommen bin, denn der Name ist mir sehr bekannt, doch mit Blues, Norah Jones und zumeist auch mit Bill Withers kann ich kaum bis gar nichts anfangen ... Okay, die Lösung naht, der Herr Maahn war wieder aktiv, aber das war nicht alles, erstaunt hat mich aber, daß der Herr Gillespie aus Gießen den Markt eroberte ... Das Problem der A&R-Manager der großen Plattenfirmen ist ein ganz anderes, die würden sich schon trauen, doch bei dem Personalwechsel dort, das erinnert manchmal an "Die Reise nach Jerusalem", denn wer keinen Stuhl bekommt, geht, ein anderer sitzt nun an anderer Position usw., dumm nur, das Spiel scheint sich alle 2-4 Monate zu wiederholen ... Unbekannt, ja, da haben wir doch wieder das Radio und die Konservensender VIVA und MTV, die anderen haben es versucht, sind aber gescheitert (ONYX, anfangs VH1), Musik, die nicht gespielt wird, kann nicht bekannt werden ... Unzählige Namen fallen mir dazu ein, Runrig, Rush, The Levellers, James, The Silencers, I Muvrini (sieht man von "Terre D'Oru" bzw. "Fields Of Gold" zusammen mit Sting ab), Big Country usw. ... Gruß, Sven, der sich mal nach den 6 CD's und Hörproben umschaut
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Produktdaten : Mark Gillespie - Supersonic Wednesday (DVD)

Produktbeschreibung des Herstellers

Haupteigenschaften

Genre1: Musik

Ciao

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