Ich taufe dich... JUGENDBUCH!
02.06.2004
Pro:
authentisch, lebensnah, ohne Zeigefinger, fantastischer Schreibstil
Kontra:
nada
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
Niveau
mehr
 mary-p
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:501
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 46 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Jugendbücher sind eine Sache für sich. Eigentlich sind sie verschrien, da viel zu oft von Leuten ohne Ahnung geschrieben, die vermutlich versuchen die glücklichen Erinnerungen ihrer Kindheit auf Heute zu reflektieren. Das kann nur schief gehen oder in einer Soap enden. Allerdings kann es auch passieren, dass man ein Buch in die Pfoten bekommt, bei dem man ganz laut ruft: „Jesus! Es ist ein JUGENDBUCH!“ Dieses Ereignis tritt nur alle Jubeljahre ein und letztens war es mal wieder soweit. „Marsmädchen“ nannte sich der Debütroman von Tamara Bach, der 2003 bei Oetinger erschien, knapp 160 Seiten hat und 9 Euro 90 kostet. Es gewann den Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis. Doch was macht das Buch jetzt zu besonders und zu einem guten Jugendbuch? Nehmen wir nun unser Skalpell und sezieren wir doch einmal die einzelnen Faktoren...Aufmachung Die Aufmachung ist in gewisser Weise schon ein bisschen wichtig, wenn man die doch eher sprunghafte und schnelle Zielgruppe anschaut. Um bei jungen Mädchen, die aus Langeweile den Bücherladen durchkramen, anzukommen, muss man schon besonders aussehen. Sonst klappt’s nicht. Das ist bei „Marsmädchen“ sehr gut gelungen, wie ich finde und wie man auch auf dem Produktfoto sehen kann, obwohl das farblich nicht so toll ist. Undefinierbare Kugeln, vielleicht Kaugummikugeln, sind auf der Vorderseite angeordnet und auf den ersten Blick kann man nichts damit anfangen. Ein paar größere, andersfarbige Kugeln stechen hervor, es glitzert und glänz ein bisschen, sieht interessant, mysteriös aus. Was steckt dahinter? Und dann, gut sichtbar und zentral, der Schriftzug „marsmädchen“, passend zum Bild und irgendwie neugierigmachend. Was heißt Marsmädchen? Science-Fiction? Sieht doch gar nicht so aus...Thematik Jugendbücher sollten Themen behandeln, die den Jugendlichen interessieren, klar, und das sind zumeist andere, enger gestecktere als bei Erwachsenen. Obwohl einige der erwachsenen Buchtypen auch im Bereich der Jugendbücher zu finden sind. Selbstfindung, Liebe, eine Prise Crime... Aber Hauptsache, irgendwie zum Leben eines Jugendlichen passend.In „Marsmädchen“ wird ein recht sensibles Thema aufgegriffen, bei dem es allerdings fraglich ist, ob es wirklich so viele „normale Teenager“ erreichen wird. Deshalb steht es vielleicht auch nicht explizit auf dem Klappentext... Denn es geht zwar um Liebe, allerdings nicht um die jugendbuchkonforme Art der Liebe (man kann in vielen Fällen auch „Seifenoper“ dazu sagen...), sondern das langsame Aufkeimen einer Romanze zwischen der protagonistischen Ich-Erzählerin Miriam und ihrer Klassenkameradin Laura sowie dem Umgang damit. Auf der anderen Seite geht es unterschwellig aber auch ein bisschen um das Leben als Teenager in einer kleinen Stadt. Von der Langeweile, die herrscht, und wie sie auf einmal durch ein interessantes Mädchen beseitigt werden kann. Die Probleme mit „Was machen wir am Wochenende?“ laden auf jeden Fall zur Identifikation ein. HandlungNach den Sommerferien wurden in Miriams Jahrgangsstufe die Klassen neugemischt, da der Jahrgang zu klein geworden war. Mit ihren alten Klassenkameraden Suse und Ines, die so etwas wie Freundinnen für sie sind, findet sich Miriam auf einmal in einer neuen Klasse, in die auch Laura geht, die sitzengeblieben ist. Eines Morgens, als Miriam wie jeden Tag in die größte Kabine des Mädchenklos geht, um vor Unterrichtsbeginn noch ein bisschen mit Suse und Ines rumzuhängen, die rauchen und von ihren tollen Freunden erzählen, sitzt Laura da. Laura fasziniert Mirima ein bisschen, auch wenn sie es zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch nicht so benennen kann. Mit der Zeit freundet sich Miriam immer mehr mit der lebenslustigen und etwas verrückten Laura an, die immer etwas zu unternehmen weiß und zu der sie, anders als mit Ines oder Suse, eine wirkliche Mädchenfreundschaft aufbaut. Doch nachdem die beiden eines Abends nach ein bisschen Alkohol und ein bisschen Gras miteinander rumknutschen, ist alles irgendwie verändert. Miriam ist verknallt und fühlt sich dabei komisch, denn sie weiß nicht so genau, wie sie damit umgehen soll, besonders, nachdem Laura dann beschließt, dass man trotz der Gefühle nur Freundinnen bleiben möchte... Die Handlung erinnert an einen Fluss. Sie fließt dahin, nimmt dann vielleicht mal eine kleine Biegung, wird dort durch einen vorstehenden Stein gestört, muss sich gegen Wasserpflanzen anstemmen... Tamara Bach versucht nicht zwanghaft Spannung reinzubringen oder bereits bekannte Strukturen in ihrer Geschichte aufzunehmen. Sie erzählt einfach, sehr authentisch, aus Miriams Leben und dem kleinen Glanzpunkt, das es durch Laura bekommt. Eine Geschichte, wie aus dem Leben geschnitten, ohne übertriebene Wendungen, Verwicklungen oder kitschige Happy-Ends. Einfach erzählen. Es geht langsam voran, manchmal wirkt das Buch beinahe lustlos, aber auf eine passende Art und Weise. Denn auch Miriams Leben scheint diesem Tempo angepasst zu sein und da die Ich-Perspektive sowieso schon sehr persönlich ist, können wir Miriam dadurch noch besser folgen.Protagonisten Die fünfzehnjährige Ich-Erzählerin Miriam lebt mit Eltern und 18-jährigem Bruder in der kleinen Stadt. Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist so naja, mit dem Rest ihrer Familie hat sie nicht wirklich viel zu tun. Miriam ist ziemlich gelangweilt und glaubt, es passiert immer nur das Gleiche, träumt auch mal gerne vor sich hin. Sie hat keine bestimmten Hobbys oder Fähigkeiten, sind nicht besonders aus, hat auch keine wirklich festen Freundschaften.Mit Laura ändert sich das. Das leicht flippige Mädchen, dass vorher bei ihrem geschiedenen Vater in Köln gelebt hat, ist ein bisschen rebellisch und macht, worauf sie Bock hat. Sie ist ziemlich gesellig und hängt entweder mit Laura oder mit ihrem besten Kumpel Phillip herum, den Miriam anfangs arrogant findet, bis sich irgendwann so etwas wie Freundschaft zwischen den beiden einpendelt. Laura steckte schon einmal in dieser Situation in ein Mädchen verliebt zu sein und das bescherte ihr nicht nur ein paar Gerüchte in der kleinen Stadt, sondern auch beinahe Schläge vom Freund des Mädchens, in das sie verliebt war. Seitdem ist sie ein bisschen vorsichtig, was das Zeigen ihrer „Neigung“ (nicht negativ gemeint) angeht und möchte die Gefühle gegenüber Miriam lieber unterbinden. Die Charaktere in dem Buch sind sehr authentisch und lebensnah gezeichnet. Es gibt keine Ungereimtheiten oder Charakterzüge, die nicht zu passen scheinen. Wie schon die Handlung sind auch die Personen wie aus dem normalen Leben ausgeschnitten, weshalb die Identifikationsmöglichkeit sehr groß ist. Das wird vermutlich besonders bei der Ich-Erzählerin klappen, die meist gelangweilt, etwas frech, manchmal beinahe rotzig, pubertär-rebellisch, dann aber auch zart und unsicher erzählt. So benimmt sich vielleicht nicht jedes Mädchen in diesem Alter, aber es ist sehr verständlich rübergebracht.Schreibstil „Keiner zu Hause. Das Haus ist ganz ruhig. Manchmal ist es so, kennst du das, es ist ganz ruhig und in dir schreit alles plötzlich, ganz laut, und du willst selbst einfach nur schreien oder treten oder spucken und Flickflack machen oder so? Manchmal bin ich innen viel großer und passe hier nicht rein.“ (Seite 22)„Dann schaue ich sie an und sie mich, und dann ist es irgendwie anders. Nicht schlecht anders, komisch eher, wie ein neues Lied, das ganz fremd klingt, aber nicht schlecht. Und irgendwann summst du die Melodie mit, erinnerst dich an die Wörter, liegst im Bett, denkst an Laura und lächelst ins Dunkle hinein, weil das Lied gut ist, schöner als die anderen, weil es das Herz zum Klopfen bringt und du dich an dich erinnerst. So ist das mit Laura. Und das ist komisch“ (Seite 71) Der Schreibstil erinnert an inneren Monolog, wird folglich so geschrieben, wie die Person denkt. Das gelingt sehr gut, da eine alltägliche, oft derbe Sprache gewählt wurde, und es keine hochgestochenen Sätze gibt. Sehr oft gibt es stattdessen solche wurmartigen Aufzählungen oder Bilder wie im zweiten Textauszug, die totale Missachtung normaler Punktuation oder Sprachregeln, die uns früher in der Schule eingeprügelt wurden („Dann“ ist ein sehr schlechtes Wort in einem Schulaufsatz!). Aber gerade diese Regelmissachtung lässt die Sprache so lebendig und direkt aus Miriams Kopf wirken, so dass wir uns pudelwohl und zu Hause fühlen. Genauso könnten wir auch denken... Der einfache Stil erzeugt eine wunderbare und sehr authentische Stimmung, die von den gelungenen Dialogen noch unterstrichen wird. Denn auch diese missachten jegliche Regeln des Schreibens sowie die horriblen Gesprächsregeln aus der Schule. Stattdessen werden Sätze zusammengefrickelt, die man manchmal meint, schon mal irgendwo gehört zu haben. Oft kurz, ein bisschen unordentlich, nicht unbedingt mit viel Aussage, keine besonders geschickte Wortwahl, einfach gehalten – so, wie Menschen normalerweise sprechen.Zeigefinger? Das ist ja das Schlimmste an Jugendbüchern, wenn der Leser auch noch belehrt werden soll. Ein rebellischer Teenager (sie sind alle innerlich ein bisschen rebellisch, ich weiß es...) möchte sicher nicht hören, wie er sein Leben in die richtigen, mittelständisch wohlgeordneten Bahnen geleiten kann – er möchte viel lieber etwas lesen, zu dem er laut „Jaaaa! Jaaa! Das kenn ich!“ schreien kann. Dieses Buch enthält keinen Zeigefinger, eher seinen Nachbarn, und versucht auch nicht mit einer „Moral von der Geschicht“ zu belehren. Wie schon beim Punkt „Handlung“ erwähnt: Das Buch fließt einfach und erzählt seine Geschichte, da ist gar kein Platz für einen Zeigefinger.Fazit „Marsmädchen“ gehört zu den besten deutschen Jugendbüchern, die ich kenne. Eine die Jugend in gewisser Weise ansprechende Thematik, lebensnahe Charaktere mit Identifikationscharakter, eine angenehm authentisch und normale Handlung sowie ein sehr schöner, persönlicher Schreibstil frei von der Leber weg. Kein Zeigefinger, sondern das Leben aus der Sicht eines 15-jährigen Mädchens dargestellt, das kein Engel, aber auch kein wirklich böses Mädchen ist, sondern einfach nur irgendwie gelangweilt vom Leben, der Stadt, der Schule – bis Laura kommt. Eindeutig fünf Sterne für so viel Authenzität und Identifikation und eine Empfehlung an alle jüngeren Menschen, die mal etwas lebensnahes lesen möchten. Und wer Personen dieser Altersgruppe etwas schenken muss, der ist mit diesem Buch gut beraten – wenn er kein Problem damit hat, dass es sich nicht um ein „braves“ Buch handelt, sondern um eines, dass so roh und rau ist wie das Leben.Weitere gute Jugendbücher, die der Autorin aufgrund ihrer Authenzität gefallen haben: -Alexa Henning von Lange „Ich habe einfach Glück“: Frech, flappsig, mittelfingerig, ein paar Tage aus dem Leben einer normal verrückten Familie mit normal verrückten Töchtern-Richard van Camp „Die ohne Segen sind“: Direkt, derb, depri, die brutale Geschichte von Larry, der in Kanada in einem Indianerreservat lebt und dort seine Jugend verlebt, die man gar nicht Jugend nennen möchte -E.R. Frank „Das Leben ist komisch“: Geschichten um verschiedene Jugendlichen aus verschiedenen Bereichen in New York. Sehr gut geschrieben, ohne Zeigefinger oder Moral, und zum Weinen lebensnah-Laurie Halse Anderson „Speak“ (auf Deutsch: „Sprich“): Melinda wird über den Sommer zu einer Ausgestoßenen und spricht nicht mehr, stattdessen schildert sie sehr authentisch die Beobachtungen an ihren scheinheiligen Klassenkameraden und wahrt ihr Geheimnis. Wir sehen: Das Jugendbuch lebt... to be continued
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Marsmdchen - Bach, Tamara
Taschenbuch, 192 S., Roman, Erschienen: 2005
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Marsmädchen, Tamara Bach
2007, 3. Aufl., 191 Seiten, Maße: 12,2 x 19,2 cm, Taschenbuch, DeutschDeutscher ...
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Hab gestern mal in der Stadtbücherei geguckt, da ist es leider noch nicht :-(
02.06.2004 18:30
Eine gelungene Rezension. Wenn du dieses *Jugendbuch* magst, dann kann ich dir gerne noch ein paar andere empfehlen, die ich immer noch total gerne lese! Auch wenn ich....hm, wie lange ist man mit 19 Jahren aus der Jugendbuchzeit raus? Liebe Grüße Marlene