Dieser Erfahrungsbericht wurde von 13 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Hallo liebe Leser,
ich habe selbst vor einem/vor zwei (Zivildienst) Jahren vor der Entscheidung gestanden, wo mich mein Medizinstudium hinführen soll und bin auf dieser Seite gelandet. Die Berichte hier halfen mir bei meiner Entscheidung für Heidelberg - die ich, um das mal vorwegzunehmen, nicht bereue!
Stand des Berichts: WS 10/11; SS 11
Warum ich jetzt schon schreibe: Die Studienabschnitte unterscheiden sich sehr stark und verändern sich jeweils schnell - es hat also keinen Sinn, als Kliniker über die aktuelle Vorklinik zu schreiben; man hat keinen Einblick, wie es dort im Moment aussieht. Ebenso kann ich mich nicht zum klinischen Abschnitt äußern. Ich bin einfach mal so frei und verfasse den Artikel so, als ob ihr euch sowieso schon auf Heidelberg festgelegt hätte. ;-)
Vorneweg: Die Bewerbung
Wie kommt man nun an einen Studienplatz? Grundsätzlich: Über hochschulstart.de, ehemals die "ZVS". Das Vergabeverfahren ist eine Wissenschaft für sich. Ich hatte damals mehrere Wochen darüber gelesen, die Fallen versucht zu entdecken und zu umschiffen, die Gewichtungsverfahren studiert und versucht herauszufinden, wie ich die besten Chancen habe. Hab im Nachhinein dann festgestellt, dass ich trotzdem in vielen Punkten einfach noch alles falsch verstanden hatte. Nicht entmutigen lassen! :-) Wichtig ist aber, dass ihr euch wirklich einlest, damit es euch nicht ergeht, wie diesem jungen Herrn: http://www.sueddeutsche.de/karriere/bester-abiturient-im-interview-abi-mit-aber-keinen-studienplatz-1.1050439
Mein Tipp für eure Bewerbung: Macht den Test für medizinische Studiengänge (http://tms-info.org/). Der erhöht eure Chancen im Hochschulauswahlverfahren an den baden-württembergischen Universitäten sowie an ein paar anderen deutschen Unis drastisch, wenn ihr überdurchschnittlich abschneidet (also 50% der Teilnehmer weniger gut waren als ihr). Auch wenn ihr ein tolles Abi habt, macht den Test. Wenn ihr gut seid, ist euer Platz sicher, wenn nicht, habt ihr immer noch Abibestenquote. Nicht, dass es euch ergeht wie Vladim. ;-) PS: Ich bin damals mit einem Abi von 1,9 und TMS 1,4 im Nachrückverfahren reingekommen.
Und falls es dann immernoch nicht geklappt hat, bewerbt euch für das Losverfahren. Bei uns gab es nur eine einzige Bewerbung für das Losverfahren – jetzt ist sie eine Kommilitonin von uns.
Die Wohnungssituation
Hier gilt die Devise: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Heidelberg hat zwar an sich viel Wohnraum, aber ihr wollt sicher keine Wohnung in HD-Schlierbach... Ich würde sagen, dass man als Medi in Bergheim am besten wohnt. Altstadt und Neuenheimer Feld (wo ihr fast ausschließlich seid) sind jeweils zehn Minuten mit dem Rad entfernt und das Viertel hat eine geniale Verkehrsanbindung (die öffentlichen in Heidelberg sind extrem gut ausgebaut, man kann eigentlich nicht zu einer Haltestelle gehen, ohne eine Straßenbahn/Bus zu seinem Ziel zu verpassen). Toll zum Wohnen sind aber auch Altstadt und Weststadt, hier gibt es den stärksten Flair von studentischem Leben und Wohnen. In Neuenheim und Handschuhsheim ist es etwas ruhiger, aber man ist schnell an der Uni. Alles andere liegt dann meist etwas ab vom Schuss, aber man muss das auch nicht überschätzen. Die Devise lautet: „In Heidelberg kann man alles radeln!“ Ihr solltet aber unbedingt früh suchen, es gibt Horrorgeschichten von Erstis, die auf Wohnheimfluren schlafen oder jeden Tag zwei Stunden pendeln. Leider ist es ja auch abhängig von der Zulassung, die teils erst sehr spät kommt... Wohnraum ist in HD allerdings auch teuer. Für 300 Euro bekommt man eigentlich nur WG- oder Wohnheimzimmer und das meist kalt. In die Peripherie hin nimmt die Miete jedoch meist schnell ab (grundsätzlich sind die Lebenshaltungskosten in HD relativ hoch).
Die ersten Schritte an der Uni
Eure erste Berührung mit den Kommilitonen wird wahrscheinlich in der Ersti-Woche stattfinden. Es ist zwar nicht verpflichtend, an dieser teilzunehmen, aber ich lege es euch ans Herz. Die Fachschaft organisiert in dieser Woche (die Woche vor Vorlesungsbeginn) wirklich ganz tolle Sachen: Einführungsveranstaltungen, Stadt-Rally (hat nichts mit Kinderrally zu tun), Wanderung, Kneipentour und Ersti-Party sind nur ein paar der Programmpunkte, die euch erwarten. Nehmt unbedingt so viel wie möglich mit! Vielleicht organisiert sich ein Teil von eurem zukünftigen Jahrgang auch schon vor der Ersti-Woche über Facebook oder Studi und trifft sich vorab: Ich war damals ein wenig verwirrt, weil sich alle schon kannten! Die Grüppchen-Bildung findet sehr schnell statt. Ich bin immernoch mit den Leuten zusammen, die ich am ersten Tag angequatscht habe – und so geht es eigentlich jedem! Tolle Gelegenheit zum Leute kennenlernen: Das Ersti-Frühstück!
Grundsätzlich werdet ihr nach der Ersti-Woche mit allem Rüstzeug ausgestattet sein, was ihr fürs weitere Studium braucht: Infos zum Curriculum, den Prüfungen, Orientierung auf dem Campus, „Don't panic!“ und - am wichtigsten – Freunden!
Das erste Semester
Zehn Tage bis zur ersten Prüfung! Das Skelett des menschlichen Körpers! Tag 1: Der Stoff wird gesichtet und für nicht bewältigbar befunden, der erste Galgenhumor kommt auf. Tag 7: Bleiche Gesichter, Kaffeebecher in zitternden Händen, in der Mensa werden alle Knochen des menschlichen Körpers samt den kleinsten Höckern und Furchen aufgezählt. Tag 11: Bleiche Gesichter, Kaffeebecher in zitternden Händen und alle lachen über die super Party nach der Prüfung und kurieren ihren Kater aus.
Das sei hier nur mal exemplarisch hingestellt: Der Ablauf wird das ganze erste Semester dieser sein. Die Inhalte des Curriculums bestehen aus der gesamten makroskopischen Anatomie, ein bisschen Chemie und medizinischer Terminologie. Dazu kommen noch ein paar Kurse wie „Anatomie am Lebenden“, „HeiPrax“ und MTP.
Anatomie: Der Stoff ist wirklich umfangreich und man kann sich nur kurze Durchhänger nach einer Prüfung leisten. Es gibt 5 Prüfungen (Osteologie, Extremitäten, Situs, Kopf-Hals, ZNS), die mit wenigen Wochen Abstand aufeinander folgen. Die Inhalte sind aber sehr spannend und stets schaffbar. Der großartige Präparierkurs ist in HD bereits im 1. Semester und verschafft euch tolle Einblicke in den menschlichen Körper.
Chemie: Es gibt eine Vorlesung pro Woche sowie ein Seminar. Es gibt Arbeitsblätter im Seminar, die die meisten Studenten abschreiben. Ich würde euch empfehlen, zwei Stunden pro Woche zu investieren und das Blatt selbstständig zu lösen. Sonst wird die Zeit vor der Klausur und dem Praktikum schnell sehr knapp. „Die ganze Uni Heidelberg ist in den Semesterferien! Die ganze? Nein, ein kleines Dorf im Neuenheimer Feld leistet Widerstand!“ Das Praktikum der Chemie findet im direkten Anschluss an die letzte Anatomie-Prüfung statt. Im Praktikum gibt es fünf Termine in zwei Wochen, an denen jeweils ein schriftliches Eingangs-Testat stattfindet, von denen jedes bestanden werden muss. Nur so erhält man seine Prüfungszulassung für die Chemieklausur, die eine weitere Woche später geschrieben wird. Deshalb empfehle ich die Arbeitsblätter. Die Tutoren in der Chemie sind meist recht nett und bemüht, teils auch etwas „übereifrig“. Die Klausur ist dafür kein Problem mehr nach den Eingangstestaten - falls ihr einen Chemie-Leistungskurs in der Schule hattet, lacht ihr euch eh schlapp über den Stoff. Für alle anderen ist der Schein trotzdem problemlos erreichbar. :-) Prof. Menche ist sehr engagiert, was die Chemie für Mediziner angeht – einer der „Guten“!
Terminologie: Behandelt die medizinische Fachsprache und ein paar historische sowie psychologisch-soziologische Aspekte, eigentlich ganz witzig. Läuft nebenher, deswegen ist noch keiner exmatrikuliert worden.
Für's erste Semester gilt: Don't panic und dranbleiben. Es ist zwar hart, schweißt aber Menschen zusammen.
Die „vorlesungsfreie“ Zeit
… gibt es vom ersten auf das zweite Semester nicht wirklich. Nach Chemie fängt direkt der mathematische Vorkurs vom Physikpraktikum an. Die Mathedozenten plustern sich schrecklich auf, dabei braucht man für Physik wirklich kein Mathegenie zu sein. Physik wird etwas entspannter als das bisherige Studium. Die Physik ist zwar bemüht um die Mediziner, allerdings merkt man den Tutoren im Praktikum zum größeren Teil Unlust an. Sehr schade war auch die Tatsache, dass manche Kommilitonen fast schon kriminelle Energien an den Tag legten: Protokolle, welche man über die Versuche verfassen muss, verschwanden aus den offenen Ablagen und kamen erst in (!) der Klausur wieder.
Die Osterpause
Mit Glück gibt es eine Osterpause von zwei Wochen, in der ihr nochmal Luft holen könnt. Bei uns war es auf eine Woche zusammengekürzt.
Das zweite Semester
Hier kommt zum ersten Mal der Reformstudiengang richtig durch: „Integrierte“ Vorlesungen, Praktika und Seminare. Soll heißen, dass man Zellbiologie, Histologie, Biochemie, Physiologie (und Humangenetik) in einer Vorlesungsreihe abwechselnd hat. Der Sinn ist wohl, sich einem Thema von verschiedenen Seiten zu nähern – was auch sehr gut klappt! Wenn man erst die Struktur eines Muskels lernt, anschließend etwas über die Physiologie der Kontraktion erfährt und sich schließlich noch etwas über den Stoffwechsel informiert, bleiben die Inhalte einfach besser hängen.
Es gibt zudem nur eine große und eine kleine Klausur am Ende des Semesters. Die „integrierte Klausur“ überprüft Kenntnisse in Zellbiologie (Histologie), Biochemie, Physiologie und Mikrobiologie, während separat eine Humangenetik-Klausur stattfindet, die aber verhältnismäßig leicht ist.
Grundsätzlich gibt es aufgrund der Prüfungsstruktur mehr Freiheiten. Allerdings verleiten diese Freiheiten auch schnell dazu, alles etwas zu leicht zu nehmen und plötzlich ist das kurze Sommersemester vorbei und es sind nur noch zwei Wochen bis zu Klausur... Mit ein bisschen Selbstdisziplin und -organisation ist das aber alles kein Problem. Falls das MTP (Mentoren-Tutoren-Programm) noch angeboten wird: Mir hat es sehr (im 1. und 2. Semester) geholfen. Man weiß eben doch noch nicht alles über das „Wie“ des Lernens.
Die Dozenten und die Lehre
Man merkt in Heidelberg, dass die Studenten in Richtung Forschung gelenkt werden. Ganz unverhohlen bemerkte ein Professor in der Vorlesung: „Wir führen ihnen den Stoff zu detailliert aus, damit sie später besser forschen können!“ Diese Ambition wirkt sich auch auf den Schwierigkeitsgrad der Prüfungen aus. Eigentlich wird in den integrierten Klausuren stets im Nachhinein ein leichterer Schnitt gesetzt, damit die Mindestzahl an Studenten laut Studienordnung durchkommt. Die gute Seite: Das Physikum bestehen Heidelberger Studenten meist „mit Links“ und das mit guten Noten. Im Allgemeinen ist die Lehre aber wirklich sehr gut. Es gibt eine Menge Angebote an extracurricullären Kursen und die Dozenten sind meist engagiert, es gibt nur wenige schwarze Schafe. Eigentlich hat jeder Prof seine Eigenart, die ihn sympathisch macht.
Das Leben, die Menschen, die Stadt, die Nacht
Grundsätzlich gefällt es mir in Heidelberg extrem gut. Die Stadt ist natürlich verhältnismäßig übersichtlich, aber es ist nicht für jeden Menschen die Millionenstadt das Non-Plus-Ultra. Wenn man will, ist man in kurzer Zeit in toller Natur, die immer wieder zu Entdeckungstouren einlädt. Das Shopping ist in Heidelberg teils recht schwierig. Für Klamotten fahre ich meistens nach Mannheim (15 Minuten S-Bahn von Hbf zu Hbf), alles andere bekommt man in Heidelberg eigentlich schon, nur eben nicht immer in der Auswahl, die man aus größeren Städten gewohnt ist.
Die Kulisse mit Schloss und Altstadt benötigt keines Kommentars. Nicht umsonst geht so manches Herz in Heidelberg verloren. :-)
Die Stadt hat gerade die Größe, dass man jeden wiedertrifft, aber trotzdem immer neue Leute kennenlernen kann. Was die Kommilitonen angeht, kann ich nur sagen, dass der größte Teil einfach ganz feine Menschen sind. Klar, jeder hat so seine Macken, aber ich habe schnell gute Freunde gefunden. Was man auf jeden Fall merkt, ist dass die meisten Medizinstudenten einen ähnlichen Background haben. Das ist wertungsfrei gemeint, es fällt nur auf. Grundsätzlich findet jeder seine Gruppe, das Auskommen untereinander ist sehr gut und von „Konkurrenz“ merkt man fast nichts. Ein weiteres Schmankerl sind die Kommilitoninnen, von denen es viele und sehr viele sehr hübsche gibt. ;-)
Wenn man ein paar Leute von anderen Fakultäten kennenlernen will, sind dazu die zahlreichen übergreifenden studentischen Organisationen geeignet sowie die ebenfalls regelmäßig stattfindenden Fakultätspartys. Und damit zum Nachtleben!
Im Vorneherein habe ich mir ein bisschen Sorgen gemacht, dass nichts in Heidelberg los wäre. Das kann man so aber nicht sagen. Unter den Semesterferien ist zwar weniger los, aber gerade zur Vorlesungszeit findet jede Woche mindestens eine Studentenparty statt, außerdem gibt es noch für alle Musikgeschmäcker Locations, die regelmäßige Öffnungszeiten haben. Ein paar Namen dazu vielleicht Karlstorbahnhof, Nachtschicht, Zieglers, deep, Tangente, Villa Nachttanz, Jinx und für das feucht-fröhliche Erlebnis die „Untere Gasse“, ein Konglomerat einer Unzahl von Kneipen und kleinen Clubs (Legenden zufolge gibt es sogar einen großen und einen kleinen „Kneipenschein“ an der Uni ;-)). Wenn man wollte, könnte man so gut wie immer von Dientag bis Sonntag durchfeiern... Und falls nicht gibt es da ja noch Mannheim!
Der Campus
Wie schon angesprochen, verbringt man die meiste Zeit im „Neuenheimer Feld“, einem Teil der Uni Heidelberg, der sich nicht wirklich durch studentischen Charme hervortut. Gleichzeitig ist der Eindruck „Betonwüste“ aber auch nicht treffend, da es immer wieder nette Ecken zum Sitzen gibt und auch Grünanlagen überall eingestreut sind.
Die Mensa
Die zeughaus-Mensa ist zum zweiten Mal in Folge Mensa des Jahres! Dumm nur, dass man dort nicht sehr oft isst. ;-) Wenn man es aber mal tut, ist Genuss vorprogrammiert dank des immer frischen und abwechslungsreichen Buffets. Trotzdem ist auch die Mensa im „Feld“ nicht zu verachten. Während die Menüs manchmal doch recht grenzwertig schmecken, findet sich beim Buffet für jeden etwas – das ist zwar etwas teurer, aber wenn man sich beherrscht, zahlt man trotzdem nicht mehr als drei Euro.
Fazit
Ich hoffe, mein Schreibstil war euch nicht zu verquer! Vielleicht habt ihr einen kleinen Einblick gewinnen können, wie man sich nach zwei Semestern Medizin in Heidelberg „fühlt“! Das Studium kann ich euch vorbehaltlos empfehlen. Ich glaube nicht, dass ich an irgendeiner anderen Uni ein glücklicherer Student sein könnte. Zwar muss man sich anstrengen und fleißig sein (manchmal wünscht man sich dann doch ins Philosophie-Studium), aber dafür ist es egal, mit welchen Vorkenntnissen ihr ins Studium geht (ich hatte weder Bio noch Chemie in der Oberstufe), weil der Fleiß belohnt wird. Auch ist der Zugang meiner Meinung nach sehr fair über Abiturnote, TMS und zusätzliche Qualifikationen geregelt. Gerade der TMS prüft Dinge, mit denen man sowieso schon in der Vorklinik fast ständig konfrontiert ist. Tja, was bleibt da noch zu sagen? Wenn ihr wirklich Medizin studieren wollt, ist Heidelberg meiner Meinung nach sicher eine der besten (vielleicht die beste aller) Alternativen, die ihr wählen könnt.
Ich hoffe, ihr empfandet diesen Bericht als hilfreich und freue mich, falls ihr damit eurer Entscheidung ein Stück näher gerückt seid!
10.08.2011 10:18
Heidelberg hat wirklich einen sehr guten Ruf. Toller Bericht.
09.08.2011 23:42
Sehr ausführlich und anschaulich dein Bericht, dafür gebe ich gern ein bh her. LG Mela
09.08.2011 22:42
Super Bericht! Danke