Tiefgründige Geschichtensammlung
10.07.2003
Pro:
stilistisch interessant, fesselnd, tiefgründig
Kontra:
dauert etwas, sich einzulesen
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 Boda
Über sich:
Mitglied seit:07.05.2001
Erfahrungsberichte:123
Vertrauende:13
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 36 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Mit „Mein Name sei Gantenbein“ zwang mich Max Frisch dazu, die ersten zehn Seiten des Buches zweimal zu lesen, bevor ich mich bereit fühlte, fortzufahren. Das liegt nicht daran, dass Frisch eine komplizierte Sprache verwendet, sondern vielmehr daran, dass man dem Konzept, das diesem Roman zugrunde liegt, nicht allzu häufig begegnet. Der Konjunktiv im Titel deutet das Prinzip schon an: der Roman setzt sich aus fiktiven Geschichten zusammen, die sich der Wahrheit entziehen. Natürlich ist jeder Roman fiktiv. Das haben wir in der Schule gelernt. Aber hier ist sich der Erzähler darüber im Klaren und erzählt seine Geschichten, um seine Vergangenheit zu bewältigen.Die Ausgangssituation: „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu.“ heißt es zu Beginn. Dieser Mann fragt sich, warum seine Ehe gescheitert ist, fragt sich, was wirklich geschehen ist. Der Erzähler erfindet Geschichten, um das Vergangene zu spiegeln. Dabei benutzt er verschiedene „Ichs“, um das Problem zu überprüfen. Immer wieder werden diese neuen Personen mit „ich stelle mir vor“ eingeleitet, um ihre Nicht-Existenz zu verdeutlichen. Hauptperson, Lieblingsich des Erzählers bleibt dabei Gantenbein. Ein Mann, der einen Blinden spielt, obwohl er sehen kann, wie jeder andere, der aber so in der Lage ist, seine Umwelt, die sich unbeobachtet fühlt, noch genauer zu beobachten. Aus dieser Sichtweise kann sich Gantenbein zwar zum Glück die Anklage der Gesellschaft, aber notwendigerweise nicht kulturkritische Aussagen verkneifen. Das ich hier keine Zusammenfassung darbieten kann, liegt ausnahmsweise nicht an meiner Faulheit, sondern vielmehr daran, dass es an handelfestem Material dafür fehlt. Das mag vor allem an der Sprache legen: Anders als ein üblicher Roman reiht Frisch Aussagen aneinander, ohne ihnen eine feste Grundlage zu bieten, seine Sätze sind mehr Entwürfe als Schilderungen. Das ist nötig, um den Leser in seiner beobachtenden Position zu halten: die Identifikation mit einer der Figuren ist fast völlig ausgeschlossen. Die Sprache entzieht sich bekannten Schemata, Raum, Zeit und üblichem epischen Erzählfluss. Angefangene Geschichten werden unterbrochen und später fortgesetzt. Die Verwirrung, die ich beim Lesen der ersten Seiten empfand, ging dabei jedoch bald in Faszination über. Frisch schafft es auch in teilweise abgehackter Erzählweise, teilweise philosophische Gedanken zu äußern, die man sich ab und an als Aphorismen notieren möchte. Faszinierend fand ich auch, dass man den eigentlichen Erzähler nicht über eine Erzählung seines Lebens, sondern durch seine Erfindung anderer Personen kennen lernen kann. Jede Person, die man dabei kennen lernt ist einzigartig, faszinierend, manchmal abstoßend, aber dann erst recht interessant. Fazit: Mit „Mein Name sei Gantenbein“ schuf Max Frisch schon 1964 einen stilistisch absolut modernen Roman. Einen Roman, der mich zwar auf den ersten Seiten Überwindung kostete, doch mich dann so fesselte, dass ich ihn gar nicht wieder weglegen wollte. Also: geeignet für Leser, die eher für Experimentelle als fürs Traditionelle in der Belletristik zu haben sind. Für Hobbyphilosophen und –psychologen und für all die, die in Homo Faber nicht nur auf den „perversen“ Vater achteten, sondern denen auch der Stil positiv auffiel. Traditionell erscheint „Mein Name sei Gantenbein“ im Suhrkamp Verlag, Preis: 10 Euro. Es sei denn ihr kauft es wie ich für 2 Euro aufm Flohmarkt.
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11.07.2003 21:39
das buch erinnert mich an die bücher die wir immer im deutschunterricht lesen!hört sich aber interessant an! schönes we!
11.07.2003 00:09
Ich kenn nur den Homo Faber...
10.07.2003 23:54
In der Tat eines der faszinierendsten Bücher, die ich bisher gelesen habe. Seltsam und Faszinierend. Ähnlich ging es mir eigentlich nur noch bei Thomas Bernhards Auslöschung.