Beginn der Geschichte
19.07.2005
Pro:
7
Kontra:
8
Empfehlenswert:
Ja
 Wysiwyg
Über sich:
Löwinnen an die Leine!
Mitglied seit:25.03.2002
Erfahrungsberichte:139
Vertrauende:25
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Ich sitze so gerne über der Kluft, daß sie uns schon seit langem einen Platz an der schmalen Balustrade reservieren. Wenn wir eine Stunde oder so vom Haus auf der Klippe entfernt sind, reitet einer von uns voraus - niemals ich, sonst jeder, der sich noch einigermaßen bei Kräften fühlt -, und sorgt dafür, daß wenigstens einer der Tische frei ist, wenn ich ankomme. Selbst bei Sturm und Regen. Sie spannen die Abdeckungen nicht gerne auf, wenn aus dem Wald die Fallwinde wehen, aber sie tun es. Seit der Geschichte mit dem Oberpriester damals tun sie alles, damit wir uns richtig wohlfühlen. Nicht weil damals die Wahrheit ans Licht gekommen ist. Das ist der Lauf der Welt. Fast alles kommt irgendwann ans Licht. Unsere Kunst haben darin gezeigt, die Wahrheit so herauszuputzen, daß die, die damals im Haus waren, heute noch leben und wieder dort einkehren können. Hätten wir auch nur den Anschein erweckt, daß wir die Wahrheit begriffen hätten, dann hätte der König sehr schnell handeln müssen. Womöglich hätte er auch das Gasthaus schleifen lassen als Mahnung an alle, daß es gefährlich sein kann, Verbrechen aufzudecken, die die Integrität des Landes gefährden. Die Verbrechen selbst gefährden sie, nicht nur die Aufdeckung. Dazu ist es nicht gekommen, und eben darum genießen wir auf der Klippe Narrenfreiheit, und eben darum bezahlen wir dafür. Klingt das seltsam? Nicht doch. Wer bezahlt, ist niemandem etwas schuldig. Sie bezahlen, und wir bezahlen. So hat alles seine Ordnung. Eben darum sitze ich jetzt über der Kluft, an der Nordseite der Balustrade. Klingt das seltsam? Die Rechte liegt auf dem schmalen Sims aus dunklem Granit, der über die Jahrhunderte hin blank poliert und noch dunkler geworden ist, aber ich habe den Balkon im Blick und die Linke frei. Ich bin Linkshänder.Deshalb sah ich auch die beiden Gestalten, die sich auf der Südseite hinsetzten, bevor Moeran mir gegenüber auf den Stuhl glitt. "Hast du sie dir genauer angesehen?", fragte sie und stellte beide Humpen mit kalten Klaw ab. Die Humpen sind aus ausgehöhltem Stein, schwer, obwohl sie sehr fein und dünnwandig gearbeitet sind, so groß, daß sie einen halben Liter fassen, so massiv, daß man damit gut argumentieren kann, wenn es sein muß. Die erste Form des Arguments ist es, sie auf den Tisch zu schlagen, daß es kracht. Es gibt noch weitere Formen. Die Humpen dampften leicht, weil sie kalt waren. In der Nähe des Bruchs gibt es einen Riß in dem unerschütterlichen Felsen der Kluft, der sich an der Oberfläche fortsetzt. Aus irgendeinem Grunde wehen alle Winde - seien es die Fallwinde aus dem Wald mit ihrem Duft nach uraltem Boden und kühlen Bäumen, seien es die Aufwinde aus der Steppe, die eine Ahnung von saftigem Gras, das gerade so eben ein wenig angetrocknet ist, mit sich bringen und von Blumen und Farnen und von dem schweren Wasser das Arnon, der direkt unter uns fließt -, aus irgendeinem Grunde wehen alle Winde so durch diesen Riß, daß sie im Inneren einen leichten Unterdruck erzeugen. Im Keller des Hauses auf der Klippe gibt es einen breiten Durchgang in diesen Riß hinein, der wohl noch aus der Zeit der Station stammt, so sorgfältig ist der Fels behauen und der Boden geglättet. Der Raum im Riß ist unglaublich kalt. Vielleicht liegt das am Unterdruck, vielleicht an anderen Phänomenen, die wir nicht verstehen, und sehr wahrscheinlich nutzen wir diesem Raum auch nicht so, wie er ursprünglich einmal genutzt wurde, denn heutzutage dient er für das Haus als riesenhafter Kühlraum, den keiner betreten kann ohne gehörigen Schutz; er würde auf der Stelle erfrieren, so unfaßbar kalt ist es darin. Deshalb - das wollte ich eigentlich nur erklären - gibt es hier auch den kältesten Kalw im bekannten Universum. Hier oben war es warm und trocken, aber unter uns zogen sich langsam Wolken zusammen. Nur dünn und vereinzelt im Augenblick, aber sie würden sich vermutlich zum Abend hin verdichten und vielleicht auch noch auf die Ebene abregnen. Der stetige Fallwind aus dem Wald würde zum Glück verhindern, daß sie aufstiegen und uns auch noch durchnäßten, aber das Wetter würde auch die Leute behindern, die heute abend durch den Bruch aufsteigen und sich hier mit uns treffen wollten. Einzelne Bereiche werden manchmal bei starkem Regen tückisch, und nicht immer reichen die Fangstellen aus, abrutschende Tragetiere aufzuhalten. Nicht selten drücken auch die Fallwinde die Wanderer über den Rand des Bruchs in die Leere. Deshalb steigt niemand, der seinen Verstand beisammen hat, bei sehr schlechtem Wetter auf. Moeran hielt noch immer die Hände unter ihre Achseln. Sie trägt nicht gerne die Humpen auf einem Tablett, weil das so devot aussieht. Sagt sie. Dafür erfriert sie sich lieber die Hände. Ich schaute angelegentlich über den Rand. Gestern hatte ich noch, weit hinten am westlichen Horizont, eine Ahnung von Windhaven sehen können, aber jetzt verschwamm alles in einem ärgerlichen Durcheinander aus Dunst und dem Wechselspiel von Licht und Schatten unter den träge ziehenden Wolken. "Ihre Hosen sind naß", sagte Moeran, ihre Hände knetend. "Hast du das gesehen?" "Nein", sagte ich. "Ich glaube, du kannst aufhören, deinen Becher anzustarren. Du wirst dir schon nicht die Zunge vereisen." Es ist sonderbar. Sie sagt Becher, wenn ich Humpen sage und sogar denke. Wir sagen Arsch und so weiter, wenn einen von uns die Lust ankommt, sie während einer Pause auf dem Weg zu nehmen, sie sagt Hintern. Wir können es ihr beibringen, so oft wir wollen, sie vergißt es immer wieder. Nicht absichtlich, da bin ich sicher, weil sie nicht gerne möchte (oder vielmehr, auf eine etwas verdrehte Weise, ein wenig doch möchte), daß wir ihr wieder etwas beibringen, aber ob absichtlich oder nicht, sie vergißt es immer wieder. Der Busen ist das zwischen den Brüsten, sagen wir, aber obwohl sie nickt, denkt sie bei nächster Gelegenheit nicht mehr daran. Wie auch immer. Ich werde den ersten Schluck nehmen.Es ist so kalt, daß die Schläfen unerträglich schmerzen würden, fiele der Schluck zu großzügig aus. So aber verdampft der Klaw sofort im Mund zu einer feinen Gischt wilder Eindrücke. Die trockene Kälte löst sich auf in einen Ansturm von Fruchtigkeit und Freude. Anders kann ich es nicht beschreiben. Es wirkt nicht wirklich naß. Sondern unglaublich fein sprudelnd, so sehr, daß es eher spritzt als sprudelt, als würde in meinem Mund ein kaltes Feuerwerk zerstieben, ein ganz kleines, wie die, die wir zur Beltanezeit in Windhaven bestaunen können. Wie der Frennen, wenn er auf den Arnon trifft. Wie Gischt, die sich am Gaumen bricht und in der Kehle ausläuft wie anstrandende Wellen. Es ist wunderbar, so hoch über der Welt zu schweben, die drohende Gegenwart des Waldes zur Linken, die Leere an der Kluft zur Rechten, während der böige Fallwand in den Haaren und auf dem erhitzten Gesicht spielt, und langsam einen Schluck nach dem anderen zu nehmen und zu spüren, wie im Mund der Sauerstoff und die Säure aus den feinen Blasen im Klaw befreit werden. Schnelles Trinken schadet. Der Mund muß sich erst wieder erwärmen. Darum rauchen manche beim Trinken. Das ist auch besser für die Zähne als die barbarische Sitte der Hastigen, zwischendrein etwas Heißes zu trinken. Ich verzichte auf beides, weil hier oben, auf der Klippe, der Klaw so lange kalt bleibt, wie man sich Zeit nimmt. Das ist nirgendwo sonst so. "So", antworte ich endlich träge. "Ihre Hosen sind naß. Aha. Vielleicht sind sie durch den Frennen gewatet…" Sie lächelte. Etwas… nun, maliziös, gebe ich zu. "Wo sollte das denn gewesen sein?" Ich schaute über die Brüstung. Irgendwo in der Ferne zuckten Blitze. Es ist seltsam, das von so hoch oben zu sehen. Ich zuckte die Schultern. "Eben", sagte sie. "Fast überall sind die Ufer so steil, daß man schon ins Wasser fallen muß, um sich die Hosen so naß zu machen, und überall da, wo man ins Wasser fallen kann, weil das Ufer nah genug am Weg liegt, ist die Strömung schon so stark, daß man mitgerissen wird. Kein Mensch würde so nahe an den Fällen ins Wasser springen." Selbstzufrieden griff sie nach ihrem Humpen. "Stimmt", räumte ich ein. "Eigentlich gibt es keine Stelle hier in der Nähe…" Das hatten wir auf sehr ärgerliche Weise erfahren. Die letzte Stelle, wo wir unsere Tiere am Frennen tränken konnten, lag über zwei Stunden - Reitstunden, wohlgemerkt - tiefer im Wald. Danach stieg das Gelände an, und der Fluß rauschte durch mehr oder weniger steile Uferwände, die ihm an manchen Stellen eine unerwartete Geschwindigkeit verliehen, so eng rückten sie gegeneinander. "Aber ihre Beine sind viel zu naß", sagte sie versonnen. "Bist du sicher? Ich habe sie nicht gesehen." "Bin ich. Sehr naß." "Und sie trocknen sie nicht drinnen am Feuer? Oder hier draußen direkt am Rand, im Wind? Seltsam." Sie setzte ihren Humpen ab. Der Klaw steigt schnell in die Augen. Sie werden sofort klarer und durchsichtiger. Zugleich scheinen sie aber auch auf eine befremdliche Weise entfernter, abwesender, weniger ein Teil von uns selbst; und dieses Gefühl breitet sich, je mehr wir davon trinken, immer weiter in uns aus, und wenn es unsere Hände und Füße erreicht hat, dann wirken wir wie betrunken, es ist aber etwas anderes, in Wirklichkeit. "Erzähl", sagte ich. Sie schaute mich an. "Du hast dir doch längst deine Gedanken gemacht, Löwenmädchen. Sie verstecken sich, so gut sie können. Sie haben nasse Hosen, die sie sich nicht allzuweit von hier geholt haben müssen, wenn ihre Hosen noch nicht getrocknet sind. Es hat nicht geregnet, und sie sind in keinen Fluß gefallen. Den Bruch hinauf braucht man anderthalb Stunden, wenn es schnell geht, und durch den Wald zu Fuß noch länger. Was also ist geschehen?"Ich werde nicht klug aus dieser Frau. Sie hat eine überbordende Phantasie. Das ist meistens sehr unterhaltsam. Und wenn ich nicht so gerne meine Ruhe hätte, dann hätte ich mich vielleicht auch etwas ernsthafter darum gekümmert, herauszufinden, was hier wirklich vorging. Während unsere Frauen am Feuer saßen - ein gutes Gasthaus präsentiert seinen Gästen immer ein Gästen immer ein prasselndes Feuer, ganz gleich wie warm das Wetter draußen ist (in diesem Haus freilich scheint immerzu aus dem Fußboden, auch wenn er aus Holz ist, eine unirdische Kälte aufzusteigen, so daß ein ordentliches Feuer allemal angebracht ist; auch das ist ein Erbe, daß es wohl von der längst untergegangenen Station übernommen hat, wie so allerhand) - und ausspielten, wer sich für diese Nacht seinen Gefährten aussuchen konnte, hielt einer von uns die beiden im Auge, weil Moeran sich sicher war, daß sie noch heute abend Besuch erhalten würden. So war es dann auch. Die Ebene lag schon im Dunklen - hier oben dämmerte es noch -, als unsere Geschäftsfreunde anlangten, eine größere Gesellschaft, aus der sich einer löste und zu den beiden am Tisch trat, um sie zu begrüßen. Er bewegte sich ganz natürlich. Es war kein zufälliges Treffen, und er war klug genug, es auch nicht so erscheinen zu lassen, aber die Erklärung, die er uns später gab, klang, so beiläufig sie auch gegeben wurde, in meinen Ohren nicht ganz vollständig. Daran war nur Moeran schuld. Die Erklärung selbst tut nichts zur Sache, auch wenn sich daraus später eine ganz unerwartete Geschichte entwickelte und auch wenn das die Geschichte ist, die ich eigentlich erzählen will. (Ich werde zu gegebener Zeit darauf zurückkommen.) Es reicht aus, daß die beiden zwei Boten waren, die ihm eben das Vermögen überbracht hatten, das er für seinen Part in den Verhandlungen benötigte, mit denen wir die nächsten Tage verbringen würden. Danach verzogen sich die beiden Herren, deren Hosen inzwischen einigermaßen getrocknet waren; sie sind wohl noch in der Nacht weiter gezogen nach Norden. Ihr Dialekt klang so, als wären sie dort zu Hause. "Ich glaube fast, ich habe etwas gerochen", meinte Moeran, als sie mich, sehr viel später am Abend, in mein Zimmer schob. Ich nehme immer das gleiche. Es liegt nach Westen, über der Kluft - die Fenster sind vergittert, damit kein Unglück geschieht -, es ist ziemlich geräumig, weil links und rechts kleine Nebenräume abgeteilt sind - ein kleiner Raum für die Morgenwäsche, und einer, der ein wenig vorgebaut ist, an der Hausecke. Dieser Teil des Hauses ist aus gewachsenem Fels und sehr viel älter als das Haus selbst. Er ist der einzige rückwärtige Bereich der oberen Stockwerke, der nicht über dem Balkon hängt, sondern über dem Abgrund selbst. Das Stockwerk unter uns ragt nicht ganz so weit vor, aber beide Zimmer - sie sind etwa zwei Schritte breit und vier oder viereinhalb Schritte tief -, das untere und das obere, haben an dem Ende, der über der Ebene hängt, einen Boden nicht aus Fels, sondern aus Glas. Es ist ein Glas, wie wir es heute nicht mehr herstellen können, so klar, so hart, so plan. Vermutlich ist dieser Teil des Hauses ein Teil der alten Station. Der Rest ist verschwunden. Wenn man von hier eine Linie nach Norden sieht, verlängert sie sich, glaube ich, geradewegs in den Bruch und bis hinunter zur Ebene. In diesem Zimmer sitze ich oft und denke nach, während weit, weit unter mir sich das schmale Band des Arnon am Felsen entlangwindet. Nicht heute abend. Heute abend schon sie mich auf das Bett zu, das schon immer unter den beiden Fenstern steht. Am Kopf- und am Fußende wiederholt sich das Muster der Gitter in den Fenstern. "Was hast du gerochen, Mädchen?" fragte ich, mehr aus Höflichkeit als aus Interesse. "Das, was sie versucht haben auszuwaschen", sagte sie. "Ich habe in der Küche nachgefragt. Sie haben ihre Wasserflaschen aufgefüllt, bevor sie aufgebrochen sind. Sie waren offensichtlich restlos leer. Alles fürs Auswaschen aufgebraucht, da bin ich sicher." "Und du hast Blut gerochen?" fragte ich. "Ja", sagte sie. "Da kommt noch was nach." Ich glaube, irgendwie war sie an dem Abend nicht so ganz bei der Sache. Ich hätte es besser wissen und die Angelegenheit mit ihr besprechen sollen. Aber so war ich selbst schuld. Selbst wenn sie eine überaus blühende Phantasie hat, ist es doch immer klug, sie zu melken.
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23.11.2006 18:36
Da kommt noch etwas nach?
26.07.2005 18:23
Regt die Phantasie an. :-)
25.07.2005 23:21
da kommt noch wass nach? odda blut?