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Tantchens Potpourri

5  02.12.2004

Pro:
Ich liebe sie alle .

Kontra:
Das sagte auch Mielke .

Empfehlenswert: Ja 

jinky

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:233

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 142 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

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Kao-Tai bedient die Zeitmaschin’.
Wo landet er, der Mandarin,
der Chef der hohen Dichtergilde,
der Katzenfreund voll Altersmilde?
In Min-Chen, Ba-Yan, heutzutag’.
Das Leben dort ist eine Plag’
für uns’ren vornehmen Chinesen:
sehr seltsam sind die Ba-Yan-Wesen
und noch dazu so primitiv
in ihrem Hal-bal-Ma-ßa-Mief!
Und gäb’ es nicht Mo-te-schang-dong,
fehlte es ganz an Amüsemong.
Das ist Satire, ganz vorzüglich
und über jedes Maß vergnüglich –
und doch auch, wie sich das gehört,
ein Werk, das ab und zu verstört:
nur in Verzerrung sieht man klar:
ein Paradox, und darum wahr.

(H. Rosendorfer, Briefe in die chinesische Vergangenheit)

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Ein Alter stirbt, ein Junger freit.
Mehr kommt nicht vor. Und doch bereut
man keine einzige Minute,
die man Fontane schenkt: der Gute
schreibt altersweise, voll Humor:
bei Preußen kommt das selten vor.
Wie traurig, daß man sonst nur liest
die Nervensäge Effi Briest
an uns’ren Schulen. Schade d’rum:
so ist halt das Gymnasium.

(Th. Fontane, Der Stechlin)

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Achilleus schmollt und ist beleidigt:
der Chef, auf den man ihn vereidigt,
nimmt ihm doch glatt die Sklavin fort!
D’rum streikt Achill, ihm g’rad zum Tort.
Was daraus alles sich entwickelt
und wer wen mit dem Schwert zerstückelt,
das schildert hübsch in Hexametern
Homer. Und mögt ihr noch so zetern:
die wahre Freude kommt nur auf,
nimmt man das Griechisch mit in Kauf.

(Homer, Ilias)

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Studenten radeln, fesch im Gown,
vom Carfax bis nach Summertown.
Dabei passiert man Northmore Road,
wenn man zur rechten Seite schaut.
Dort, in Nord-Oxford, wohnt ein Prof,
der selbst schon ist Legendenstoff.
Er ist versiert als Linguist,
dem kein Idiom zu schwierig ist:
das alte Englisch ist ja Pflicht,
und ohne Kymrisch kommt man nicht
sehr weit in Wales, und „Kornisch“ heißt,
was man in Cornwall sprach zumeist,
allwo King Arthurs Runde tafelt
und von der Ritterehre schwafelt.
Altnordisch muß dazu schon sein,
sonst steht man nur auf einem Bein.

Das ist Professors täglich Brot,
doch etwas Abwechslung tut not:
hat er sein Pensum absolviert,
wird mittelirdisch phantasiert:
von Elben, Zaub’rern, Hobbits, Zwergen
und ihren Hallen in den Bergen,
von Moria, der Zwergenbinge:
wir reden hier vom „Herrn der Ringe“.
Tolkien erfindet Völker, Sprachen,
Runen, Kalender, Orks und Drachen,
Annalen, Karten, Dynastien
und Chrono- wie Genealogien.

Von sonn’ger Auenlandidylle
wandert der Ring in aller Stille
ins Feuer ewiger Vernichtung:
los ist nun Frodo die Verpflichtung,
die Bürde bis zum Schluß zu tragen
voll Angst, am Ende zu versagen.
Um Minas Tirith tobt die Schlacht,
Earendil strahlt in der Nacht.
Der Waldläufer erringt den Thron,
der Truchseß trauert um den Sohn.
Breit fließt der Strom, der Anduin;
die Elben zieh’n nach Westen hin.

Es ist ein großes Panorama
aus Epos, Sage, Lied und Drama,
das Tolkien hier vor uns entfaltet
und das, so mein’ ich, nicht veraltet:
A good read! Großart’ge Lektüre
ist uns’res Hobbits Aventüre.

(J. R. R. Tolkien, Der Herr der Ringe)

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Recht grämlich ist Herr Tacitus:
das Kaisertum macht ihm Verdruß.
Und auch den Senatorenstand
empfindet er als degoutant:
Charakterloses Schmeichlerpack!
Die Republik wär’ sein Geschmack
schon eher, doch die ging ja munter
in recht viel Blutvergießen unter.

Was seit Augustus’ Tod geschah,
bringt er dem werten Leser nah’:
Tiberius? Ganz unerträglich!
Und Claudius erst recht unsäglich;
von Nero gar nicht erst zu sprechen,
der ist ja nur noch zum Erbrechen.
Ein Heuchler war Herr Seneca,
in Ordnung Paetus Thrasea.
So schimpft der Autor, geifert, ätzt,
er streut Verdacht, verleumdet, hetzt:
und alles in brillantem Stil,
voll Raffinesse und – scheinbar! – kühl:
Von Zorn und Eifer bin ich frei!
So tönt er. Und er lügt dabei.
Man liest es und ist fasziniert,
wie hier ganz Rom desavouiert.

(Tacitus, Annalen)

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Nach so viel finst’rer Dekadenz
bei Roms allhöchster Prominenz
bedürfen wir der heit’ren Muse:
Hinweg, Frau Klio! Tuet Buße!
Wir rufen jetzt nach Arthur Dent,
der trist durch die Galaxis trampt.
Sein Handtuch hat er stets dabei –
Vogonen ist das einerlei;
die sind so häßlich wie sie rührig
im Schreiben fürchterlichster Lyrik.
Das Personal wird komplettiert
von Marvin, der stets demprimiert,
von Ford, Hans-Dampf-in-allen-Gassen,
den seine Gläub’ger herzlich hassen,
und Zaphod mit der Doppelbirne
(getrennt sind seine beiden Hirne),
der gerne mal ein Raumschiff klaut.
(„Desaster Area“ ist laut.)
Desinfektion von Telephonen
kann sich auf Golgafrincham lohnen.
Slartibartfaß, der Fjord-Designer,
ist tüchtiger als unsereiner,
wie uns der Durchblicksstrudel lehrt:
wer da nicht kichert, lebt verkehrt,
denn – hört ihr mir auch alle zu? –
die Antwort lautet: forty-two.

(D. Adams, Per Anhalter durch die Galaxis)

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Schon wieder Oxford! Liebestoll
ist Wimsey (Lord!) von Balliol.
Die Dame, die er auserkor,
ihr Leben kürzlich fast verlor:
des Mordes angeklagt, unschuldig!
Doch Peter recherchiert geduldig.
Er löst den Fall und bittet sie
um ihre Hand. Doch sie sagt: Nie!
Ich müßte ständig dankbar sein –
so wird die Ehe nur zur Pein.

Das ist der Stand. Sie schreibt Romane –
nicht g’rade allererste Sahne,
doch lebt sie unabhängig, frei,
und Peter leidet still dabei.
Ihr College schließlich bringt die Wendung:
es gab eine Kapellenschändung,
und Harriet soll Klärung bringen.
Doch will’s ihr nicht so recht gelingen,
bis Peter trifft in Oxford ein:
nun lösen sie den Fall zu zwei’n,
und sie merkt endlich, daß sie liebt
Lord Peter Wimsey – und es gibt
zum zarten, zauberhaften Schluß
vor dem Sheldonian den Kuß
der künft’ges Eheglück verspricht:
„Nunc Placet!“ – mehr verrat’ ich nicht.

Altmodisch? Kitschig? Weit gefehlt!
Es sei hier keinesfalls verhehlt:
dieser Roman ist feministisch,
emanzipiert, anti-machistisch,
dabei doch klug und auch poetisch:
Ideologie wird nicht zum Fetisch.
Sayers schreibt leicht und nicht verbissen,
ganz unverbohrt – man möchte wissen:
ist das der Genius der Stadt?
Wohl dem Land, das ein Oxford hat!

(D. Sayers, Gaudy Night)

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Hans Castorp reist ins Dorf Davos.
Dort amüsiert man sich famos,
derweil geschäftig die Tuberkeln
Zerstörung in der Lunge werkeln:
dann kommt der Pneumothorax dran,
auf dem man prachtvoll pfeifen kann.

Hans freilich hat nur Temp’ratur.
Gleichwohl: er schätzt die Liegekur
sowie das Freizeitangebot.
(O weh! Nun ist der Vetter tot.)
Der Assistent zergliedert Seelen,
läßt Eros sich und Tod vermählen;
der Jesuit wird d’rob verdrießlich.
Er findet derlei unersprießlich.
Es deklamiert der Philosoph
Und Mynheer Peeperkorn hält Hof
mitsamt der holden Clawdia,
des Kaukasussens Gloria.

Sie ist’s, die unser Hänschen liebt
und der er ihren Bleistift gibt.
So rinnen sieben Jahre hin;
der Leser und die Leserin
verfolgen alles mit Genuß
bis hin zum kriegerischen Schluß.

(Th. Mann, Der Zauberberg)

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Kampanien! Jeunesse dorée
feiert beim Neureichen-Diner.
Giton, Enkolp: ein Schwulenpärchen
vergnügt sich wie in einem Märchen.
Trimalchio zeigt Bildungslücken,
die Gäste kreischen vor Entzücken.
Reichen redet man nach dem Munde,
sonst geht man schließlich vor die Hunde.
Falls sich nun jemand sehr verwundert:
die Party steigt in dem Jahrhundert,
in dem der Herr gekreuz’get ward.
(Ich weiß schon, der Vergleich ist hart.)

Der erste römische Roman:
man hat verdammt viel Spaß daran,
auch wenn die Furie der Geschichte
beschloß, daß sie das Gros vernichte.
Ach! Bruchstücke sind uns erhalten
(das ist recht oft so bei den Alten),
Fragmente nur, doch uns’re Klöster
bedurften and’rer Seelentröster
als des Petron Obszönitäten.
Da leider sie sein Werk verschmähten,
schrieben sie’s einfach nicht mehr ab,
d’rum sind die Manuskripte knapp.

Doch das, was trotzdem uns geblieben,
genügt uns, inniglich zu lieben
den ungezog’nen Herrn Petron,
uns’ren frivolen Musensohn,
der starb mit solcher Eleganz
und gänzlich ohne Larmoyanz,
weil er mit Nero sich entzweit:
denn dieser war erfüllt von Neid –
zu Recht! Denn seine Fähigkeiten
zu dichten, kann man wohl bestreiten.
Humor war Neros Stärke nicht.
Letztlich war er ein armer Wicht.
Petronius’ Charme leuchtet bis heut –
wer weiß, bis in die Ewigkeit?

(Petronius, Satyrica)

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„Sein oder Nichtsein!“ singt der Schwan
vom Avon. Hamlet kommt gut an,
auch „König Lear“ wird sehr geschätzt:
ganz grundlos wähnt er sich verletzt
von seinem jüngsten Töchterlein.
Er irrt sich, und sieht’s schließlich ein.
Und auch der Traum der Sommernacht
dem Publikum viel Freude macht:
Titania und Oberon!
Man applaudiert; das ist der Lohn
des Dichters und der Schauspieltruppe.
(Nun ja, auch Geld ist nicht ganz schnuppe.)

Ich schweife ab – mein altes Laster
nebst Wein und Zigarettenknaster.
Nun komm’ auf’s Thema ich zurück:
Welches ist Shaespeares Meisterstück?
MacBeth? King Richard? Caesar gar,
des’ Mörder honorabel war?
O nein. Ich liebe die Sonette.
Sie liegen stets an meinem Bette.
Sie nähm’ ich auf die Insel mit.
Ich trage sie auf Schritt und Tritt
im Herzen; mehr mag ich nicht sagen:
denn Sentiment schlägt auf den Magen.


(W. Shakespeare, Sonette)

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Nine19

Nine19

20.07.2005 15:33

Einfach herrlich, mehr fällt mir dazu nicht ein. Lg

KoenigAragorn

KoenigAragorn

03.07.2005 23:41

Mein Urteil geht hernieder, für diesen tollen reader. Auf ganz wundervolle Weise, schickt Ihr uns auf des Lesers Reise. Hinzu kommt die famose Auswahl der Schrifen, wo so mancher sollt auch mal hin abdriften.

drucker03

drucker03

03.06.2005 13:58

Schöne Form. Dafür allein gibt's schon ein bh. Die Auswahl selbst finde ich zum Teil zu kanonmäßig, aber wenn's gefällt ... Nur beim Rosendorfer erhebe ich vehement Einspruch: Ihn in der Liste zu führen, ist ohne jeden Zweifel angebracht. Aber warum ausgerechnet mit den Briefen!? Warum nicht sein unerreichter "Ruinenbaumeister"? Oder meinetwegen auch das "Messingherz" ... irgendwie finde ich von Rosendorfer alles besser als die Briefe, sogar seinen streckenweise kreuzlangweiligen Prinzen von Homburg.

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