Meine letzten Gedanken: Lachen...

4  08.05.2004

Pro:
in sich gehen

Kontra:
man findet nicht nur gutes

Empfehlenswert: Ja 

magmordrag

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 78 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Ich hab mir erlaubt die Einleitung zu dieser Aktion von M-Team zu kopieren, der diese Aktion ins Leben gerufen hat, damit ihr wisst, worum es geht.

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Dies ist eine Aktion, die ich (M-Team) starte, um uns alle zum Nachdenken anzuregen. Gerade in der heutigen Zeit weiß man nie, wie der nächste Tag sein wird. Eine gute Freundin von mir sagte mir unlängst: „wenn die Menschen Waffen haben, dann benutzen sie sie auch“! Und sie hat Recht. Siehe Hiroshima. Ziel der Aktion ist es, dass möglichst viele sich Gedanken zu diesem Thema machen, und sich bewusst werden, dass es sehr schnell zu Ende sein kann, für uns alle. Ein jeder soll sich für Frieden einsetzen, und soll wachsam sein. Denn wir haben sehr viel zu verlieren. Darum überleg dir, was du wohl denken würdest, wenn du wüsstest, es ist aus. Für viele oder alle. Überlegt dir, an was du denken würdest. Was geht dir durch den Kopf, an deinem letzten Tag, dem letzten Tag der Menschheit? Versucht dir bewusst zu werden, wie viel doch auf dem Spiel steht, und versuch es in Worte zu fassen. Ich werde jeden Beitrag in meiner Visitenkarte mit Link eintragen, Hinweis im Gästebuch genügt. Ich hoffe, dass du ernsthaft genug sein kannst, um dieses reale Thema verantwortungsvoll anzugehen. Es folgt nun mein Beitrag, ich werde die Aktion „Meine letzten Gedanken“ nennen. Einen eigenen Titel deines Berichtes kannst du nach dem Doppelpunkt in der Überschrift anfügen. HINWEIS: Es darf maximal dieser mit Sternen markierte Absatz kopiert werden. Schreiben solltest du schon selber ;-)
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Ich hätte nicht geglaubt, das es so schwer werden würde meine Gedanken zu diesem Thema schriftlich festzuhalten. Die Gedanken schießen mit viel zu hoher Geschwindigkeit durch meinen Kopf, um sie einzufangen, doch ich habe es versucht und bin dabei auf mich selbst gestoßen und kann euch daher nur empfehlen es auch zu versuchen. Sicher gibt es viele unter euch, denen es gelingt wunderbare Texte dazu zu schreiben, und ich bin sehr gespannt darauf, doch auch wenn ich mich nicht gerade zu denen zähle, die hier große Literarische Ergüsse produzieren hat es mir etwas gegeben und nach einer Weile war ich in dieser fiktiven Situation tief gefangen. Eine Erfahrung wert, wenn man sich drauf einläßt.

Es ist soweit. Bald wird es dunkel werden für uns alle und ich sitze hier auf dem Dach und warte auf den letzten Sonnenaufgang der Menschheit. Heute Abend wird nichts mehr von uns übrig sein und ich blicke jetzt zum letzten Mal in die Sterne. Bin ich traurig?
Natürlich, um viele Dinge lohnt es sich zu trauern. Aber wenn ich tiefer in mich sehe, meine Seele hervor zerre, dann finde ich auch Gleichmut. Sieh dir diese Menschen dort unten doch an.

Hektisch rennen sie durch die Straßen, in ihren Herzen nur Gier. „Mehr“ ruft es in ihren Köpfen „Mehr!“
Und ich?

Wo sind meine Träume geblieben, die Zeit läuft ab und ich kann sie nicht finden. Könnte ich nicht noch einen oder zwei verwirklichen? Und jetzt sind sie weg, zur Banalität verblaßt und vergessen. Waren sie denn je wichtig? Was fange ich an mit der kurzen Zeit, die noch bleibt?
Warum? Haben wir das verdient? Wenn ich ehrlich bin, ich denke ja. Mit sicherer Zielstrebigkeit haben wir uns die eigene Grundlage zerstört, haben uns gegenseitig verletzt bis es nun zu Ende geht.
Die Dunkelheit kommt und wir werden vergessen. All die Errungenschaften unserer Zivilisation werden mit uns verschwinden, Elektrizität, Atomwaffen, Demokratie, Terrorismus, Kunst, Selbstmitleid, und unendliches mehr. Nicht allzu traurig drum. Wir haben uns selbst immer wieder überholt, uns die Sterne als Ziel gesetzt und fast gewonnen. Und nun wird unser Drang nach „Mehr" uns vernichten.
Und ich sitze hier und trauere meinen Träumen nach. So wichtig waren sie mir doch, so ausgereift. Und so egoistisch.
Hat es das gebraucht mir die Augen zu öffnen?
Hat das die Menschheit gebraucht um aufzuwachsen? Nein, nicht einmal das ändert etwas. Sie sind immer noch blind. Dann ist es vielleicht das Beste so.

Stoisch sitze ich hier und sehe, wie langsam die Panik um mich ausbricht. Sie haben die Nachrichten nun also endlich auch erkannt.
Dort drüben springt Herr C. in seinen schicken Mercedes, die Arme voll Klamotten. Seine Frau stürmt aus dem Haus, drei kleine Köfferchen in der einen Hand, an der anderen die Tochter. Aus großen verständnislosen Augen blickt das kleine Mädchen in die Welt, es ist ihr letzter Tag und sie weiß gar nicht, was sie alles versäumen wird. Jetzt kommen mir doch die Tränen. Hinter dem Fenster, durch das ich hier raus geklettert bin spielt mein Kleiner und ich habe es die ganze Zeit geschafft, nicht an ihn zu denken, einfach zu verdrängen, was mir das Herz zerreißt. Ich kann die Tränen nicht mehr zurück halten und schlucke schwer.
Vielleicht hätten diese beiden Kinder es besser gemacht als wir, vielleicht wären sie glücklich geworden, hätten sich verliebt und geliebt. Und vielleicht hätten sie die Lösung gefunden.
Werde ich jetzt doch wütend? Wütend auf das Schicksal oder auf Gott? Nein, wütend auf UNS, weil wir unseren Kindern die Chance genommen haben glücklich zu werden und endlich eine Lösung für alle zu finden. Ich fühle mich schuldig, so schuldig. Hätte ich nicht etwas tun können? Nein, ich hätte sicher nicht alles allein ändern können, doch ich hätte Vorbild sein können und so vielleicht andere motivieren ebenfalls nicht die Augen zu schließen, und die wieder andere und wer weiß, wie weit es gereicht hätte. Wäre es genug gewesen? Hätte ich also doch etwas tun können?
Sieh nur dort drüben. Sie stürmen in die Kirche und rufen nach Erlösung, schreien nach einem Wunder, das nicht geschehen wird. Scheinheilig drängelt sich ein junger Priester durch die Massen vor den Toren und schiebt dabei verwirrte verzweifelte Alte beiseite, die sich doch nur einen ruhigen Zufluchtsort vor den Wirrungen hier draußen suchen wollten. „Wie kannst du uns das antun?“ Schreit eine Dame in den Himmel „Ich habe doch mein Leben lang Steuern gezahlt?“ Fragt sie das wirklich? Sie dich doch um möchte ich ihr zurufen, fragst du das ernsthaft? Weiter stürmen die Massen, in der Hoffnung dieses Haus aus Stein biete Sicherheit, als glaubten sie wirklich ER würde sie dafür retten. So blind. Würde er das wollen würde er es tun und keine Rücksicht auf Mauern und Kirchensteuern nehmen. Sollte es nicht in unseren Herzen stehen?
Und wieder denke ich an dieses unschuldige Herz hinter mir und beginne nun doch zu schluchzen. Ich weiß verdammt, wir haben es verdient, und ich wollte mich nicht dieser Panik anschließen, wollte meinem Kind die Angst in den Straßen ersparen.
Aber es tut mir so leid, für ihn und alle Kinder, die noch frei sind von Schuld, nur für sie, nicht für uns.
Und dann weiß ich, wie ich meine Zeit verbringen möchte, bis es endet. So lasse ich die Massen dort draußen weinen und schreien, klettere zurück in mein Zimmer und schließe den Lärm aus.
„Was ist denn Mama?“ Diese großen vierjährigen Augen blicken mich friedlich an.
„Nichts mein Engel, nichts.“
Und ich setzte mich zu ihm auf den Boden und beginne zu erzählen, soviel ich kann von all den Dingen, die er nicht mehr erleben wird, um ihm so viel schönes mit zu geben wie ich kann. Und dabei erinnere ich mich auch selbst. Das Gefühl der ersten Liebe, der erste Kuß, das erste Mal ein Gefühl wie fliegen, der Augenblick, als ich ihn sah, ihn küssen und halten durfte. Aber ich erzähle ihm auch von dem Herzschmerz, wie es ist manchmal so traurig zu sein, das alles dunkel scheint. Und wie die Sonne dann für mich auf geht, wenn sein Papa mich in den Arm nimmt oder mein kleiner Schatz mich mit diesen wunderschönen Augen ansieht und sagt „Ach Mama.“ Und dann streichelst du mir so lieb über den Arm, dass ich nicht mehr traurig sein kann. Ich erzähle dir, wie glücklich mich das wieder macht.
Und so seltsam es auch scheint, es funktioniert auch heute. Während die Welt um uns zerfällt, sitze ich hier mit meiner kleinen Kichererbse im Arm und beginne zu lachen. Aus dem erzählen ist toben geworden und was kann es besseres geben, als Lachen und glücklich sein, egal, wie kurz es noch sein mag?

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
pinknicki

pinknicki

23.11.2004 01:23

...einfach wunderschön geschrieben!!!

zoobremia

zoobremia

29.09.2004 13:47

Hi, sehr bewegend geschrieben ... Tja, in Sachen Hiroshima fällt mir ein treffender Text ein, mit dem ich bereits wieder einen U2-Bericht plane, "There Are Some Fires You Can't Put Out - This Is The Unforgettable Fire" ... Da ich dieses Lied faktisch alle 2-3 Tage höre, setze ich mich auch mit dem Thema Atombombe, Frieden, Hiroshima, denn darauf bezieht sich der Song, auseinander ... Eine tolle Aktion übrigens, wie auch ein toller Song ... Viele Grüße, Sven (Zoobremia)

apple1984

apple1984

28.08.2004 23:43

Wow, das ist doch sehr literarisch, RESPEKT, gibt ein bh :-)....

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