Nachtimpression

3  13.02.2006

Pro:
-

Kontra:
-

Empfehlenswert: Ja 

Embraceable

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

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Und wenn ich sie einfach nicht wahrnehmen würde, die Straßenbahn, wie sie im unerbittlichen Rhythmus an meinem Fenster entlang donnert, immer auf ein Neues, ohne eine Aussicht auf den einen Moment, diesen der absoluten Stille.
Ich sitze an meinem Schreibtisch, die erste Hälfte meiner Zigarettenschachtel leer geraucht und mich leer gemacht. Ich warte - doch auf was? Die nächste Bahn kommt sicher, wieder werden Leute einsteigen, mit der gleichen, langweiligen Biographie und wieder werden sie, im unermüdlichen Tackt ihrer nicht mehr wahrnehmbaren Emotionen das Gleiche tun, sich hingeben, ihrer Tristesse, ihres selbst auferlegten Wahnsinns.
Bin ich anders?
Will ich es sein?
Schreit nicht etwas unentwegt in mir nach dem Verlassen der Konventionen, dem Herausbrechen aus der Scheinwelt, der Oberfläche, die schon eine leichte Schicht von Staub als Deckmantel angesetzt hat?

Ich zünde mir eine weitere Zigarette an, das beruhigende Knacken des Feuerzeugs und das Knistern des ersten Zuges, ich lausche ihm hinterher wie einer verlorengegangenen Melodie.
Die nächste Bahn kommt. Endstation Leben.

Eigentlich sollte ich glücklich sein, wenn ich nur wüsste, was denn nun Glück wirklich ist.
Wenn es kommt, soll man ihm einen Stuhl hinstellen, so hieß es einst in einem geliebten Kinderbuch. Mir fehlt die Bestuhlung.
Was machen, wenn man den Moment verpasst, weil man stets, einem Süchtigen gleich, den nächsten erlangen will, ungeachtet des Augenblicks.

Konservieren? In einer Dose auffangen, so wie ich es damals als Kind mit dem Weihnachtsduft machen wollte, der lieblichen Mischung aus Tannennadeln, Bienenwachskerzen und Fonduefett. Es hat nie geklappt. Vielleicht habe ich die falsche Dose verwendet.

Beim Glück war ich stehengeblieben, genau, meinem Glück, in einer Stadt zu wohnen, in der es das normalste der Welt ist, Student zu sein, oder eben schlossbesichtigender Japaner.
Nicht lange her, als es mich in genau jene Stadt verschlug, der ich vorher so viel Schönheit abgewinnen konnte und deren Ästhetik mir jetzt verborgen bleibt wie zugedeckte Salonmöbel in einer Sommerresidenz.
Wird man imun gegen Glück?

Ich drücke meine Zigarette aus, sie qualmt noch etwas trotzig nach und erlischt dann vollkommens.
Wird es auch bei mir irgendwann so sein? Sie qualmte trotzig und erlosch.
Gut möglich, Trotz ist eine jener lieblichen Eigenschaften, die man sich bewahren sollte nachdem man erwachsen geworden ist, ohne es wirklich zu wollen, oder kein Kind mehr ist ohne jemals wirklich eines gewesen zu sein.

Es wird Nacht, selbst die Straße gibt sich der Dunkelheit hin, der Verkehr wird weniger, der Asphalt atmet hörbar auf.

Zeit zu haben kann tötlich sein für mich. Zu viel Platz für Gedankenspiele, die sonst nur fortwährend bevor ich einschlafe meinen Geist heimsuchen.

Ein Leben im Konjunktiv spielt sich vor meinem inneren Auge ab.
Ich halte inne - was bleibt mir auch anderes übrig.
Das befreiende Alleinsein beengt mich zu sehr.

Ich ertappe mich beim Suchen nach Ablenkungen, nur nicht zu viele Spiele in meinem Kopf, lieber noch eine Zigarette oder ein heißes Bad.

Um meine Ängste zu teilen ist es fast zu spät, die meisten werden sich in ihre Daunen gehüllt haben, den Kopf mit Definitionen und Statistiken wohlgenährt und verdauend im Schlaf, da stört man lieber nicht...

Aufbrechen? Nicht alleine, das sähe ja so aus, als hätte ich niemanden. Und das wäre ja dann die Wahrheit. Die, die alle so schätzen und dennoch als Schutzmantel für ihr verlogenes Leben gebrauchen.
Auch ich, vor allem ich.

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Nine19

Nine19

17.03.2006 23:12

Nüchtern. Wahrheit spiegelt sich. Schmerzhaft - auch beim Lesen, weil sehr nachvollziehbar.

sternchen1960

sternchen1960

07.03.2006 09:44

bewegend melancholisch...

McDonough

McDonough

23.02.2006 11:33

Melancholisch schöne Gedanken, die zum Nachdenken anregen.... Gruß Jens

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