DAS KULT-AUTO VON MORGEN
08.05.2003
Pro:
unfassbar solide, derzeit historisch billig
Kontra:
bissgen schmal auf der Rückbank, vordersitze zu stark gefedert
Empfehlenswert:
Ja
 LIGHTCHASER
Über sich:
Mitglied seit:01.03.2002
Erfahrungsberichte:25
Vertrauende:17
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 46 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Wer einmal einen Blick auf die Oldtimer-Szene der vergangenen Jahre wirft – einen Blick, auf die Fahrzeuge, die mit zunehmendem Alter immer cooler und wertvoller geworden sind, der stellt sehr schnell fest, dass die Fahrzeuge von Daimler-Benz oder Mercedes oder wie auch immer man die Firma in welcher Phase ihrer Historie auch immer nennen mag, immer ganz vorne dabei gewesen sind, bei den Oldtimern, bei den Youngtimern der Neuzeit. Ganz vorne ist gier nach wie vor der Mercedes W123, die Mercedes-Mittelklasse aus den Jahren 1976-85.
Der nächste Mercedes, der jetzt noch erschwinglich ist, in den kommenden Jahre jedoch als Youngtimer und Kultmobil der Verehrung des Achtziger-Kults gefeiert werden wird, ist ohne Frage der Mercedes 190 – oder auch werksintern W201 genannte – „kleine“ Mercedes. Klein ist gemessen an der heutigen A-Klasse, die eher im Golf-Segment angesiedelt ist, natürlich eher relativ, da der 190er in seinen Ausmaßen eher den damaligen Mitbewerbern vom Schlage eines Ford Sierra (heute Mondeo) oder Opel Ascona (heute Vectra) entspricht.
Dennoch war der 190er zum Zeitpunkt seines Erscheinens bei weitem umstrittener als die A-Klasse es je war – Elch-Test hin oder her. Schließlich war der 190er, seit etwa 1972 immer wieder einmal ein fester Punkt der automobilen Gerüchteküche als sogenannter „kleiner Benz“ eine echte Revolution!
Nie zuvor hatte Mercedes ein so kleiner Auto gebaut – vielmehr hatte Daimler-Benz immer schon sein Geld in der sogenannten Gehobenen Mittelklasse verdient, die At Fahrzeuge vom Schlage eines Opel Rekord, Ford Granada, etc. Mitte der 70erjedoch wurde der Siegeszug von Erzrivalen BMW mit dem 3er BMW derartig eklatant, dass langsam aber umso sicherer klar wurde, dass Mercedes sich in diesem Segment auch engagieren würde.
Damals hätte ich nie gedacht, dass ich einmal einen solchen Wagen mein Eigen nennen würde – ich ging in die 8. Klasse, als der 190er erschien und fühlte mich natürlich berufen, auf dem Schulhof hin und wieder Kommentare abzugeben in der Art von „eigentlich ist ein Auto in der Größe ja kein richtiger Mercedes“ – Kunststück: Mein Vater fuhr den spiessigen Audi 80 dieser Tage, wäre gerne einen Benz gefahren, der ihm jedoch zu dieser Zeit zu teuer schien – also war der Benz Klassenfeind…. Als ich mir Ende letzten Jahres den 190er als billigen Zweitwagen für die Stadt zulegte, kam es wieder durch.
??? Einen Mercedes ??? !!! Der ist teuer und protzig !!! nein – ist er in diesem Falle nicht – ganz im Gegenteil.
Ein 190er ist heute weder teuer noch protzig – morgen aber schon einer der coolsten Insider-Kult-Wagen, den wir kennen werden. Ganz speziell gilt das natürlich für den 2.6er – der so etwas wie der 450SEL 6.9 des kleinen Mannes ist und der letzte Mercedes, der sich der seltsamen Eigenart bedient, eine Modellbezeichnung zu haben (in den Falle 10), die durch eine zusätzliche Zahl (2.6) relativier, beziehungsweise ad absurdum geführt wird – und in diesem Falle eben so absurd wie möglich durch die größtmögliche Hubraumabweichung.
Satte 2587 Kubik, verteilt auf 6 Zylinder, schleppt mein Daimler(chen) mit sich herum – 160PS macht er daraus, was für den kleinen 190er, dessen schwächsten Modelle deutlich weniger als die Hälfte dieser Leistung aufwiesen, mehr als genug ist. Trotz Automatik hat der Wagen schier abartige Beschleunigungsreserven, die man einem so unauffällig im Verkehrsbild umherfahrenden Wagen im Prinzip gar nicht zutraut. Hier werden beispielsweise etwas über 8 Sekunden für den Spurt auf 100 KM;/H realisiert – ein Wert, der jeden zeitgenössischen Fahrer eines GTIs oder gar GSI vollkommen erblassen ließ und auch heute noch an der Ampel geeignet ist, um erstaunte Blick zu erzeugen.
Das ganze wandelt sich im Innenraum 1:1 in Spaß um. Einerseits ist da das perfekte Daimler-Benz-Feeling: alles ein wenig zu groß und zu grob, um wirklich fein zu sein, Jaguar-fein etwa, dennoch mit dem brutalen Charme der extrem hohen Wertigkei9t und Robustheit gesegnet, die einen das bisweilen grobschlächtige Design schnell vergessen lässt. Von Innen war der kleine 190er viel mehr Benz, als man von außen vermuten mochte. Das gilt ganz speziell eben für das Topmodell mit 2.6 Litern und 6 Zylinder. Der Antriebskomfort des kleinen Wagens ist ebenso perfekt, von Leisetreterei geprägt, wie eben der ganze Wagen beispielsweise durch Federung und Abrollgeräusch sicherzustellen in der Lage ist, dass auch Köln-München nicht zur Tortur wird.
Die Sitze sind eher durchwachsen. Während die Rückenlehne, ebenso wie die sensationelle Verstellmetrik, die die Handhabung leicht macht, ebenso wie der Verstellbereich des 2.6ers zu überzeugen vermögen, ist die Auflagefläche, die Sitzfläche eher kein echter Spass – zu weich zu nachgiebig, zu sehr trampolinartig gefedert, dass man meinen könnte, man hüpft nur so durch die Gegend. Ich habe meinen 190er daher bei einem befreundetren Sattler ein wenig aufpolstern lassen – die 167.000 Kilometer hatten hier – trotz gerade einmal eines Besitzers – ihre Spuren hinterlassen. Die Investition von gerade einmal 120 Euro für diese klassischen Handwerksarbeit war eine sehr sehr gute Investition, die jedem Besitzer eines älteren 190ers - vor 1989 – nur ans Herz gelegt werden kann – sie verändert den Charakter des Autos ungemein ins Positive. Das ist vor allem im Kontext zu sehen, dass ich gerade einmal 2700 Euro für diesen Wagen bezahlt habe, der mit seinen 167.000 keineswegs verbraucht wirkte und darüber hinaus natürlich deutlich besser ausgestattet war, als ein vergleichbarer Golf, den man für diesen Betrag erwerben könnte, der aufgrund des kleinen Innenraumes jedoch am ehesten mit dem 190er vergleichbar erscheint.
ABS und AIRBAG sind hier bereits an Bord, ebenso wie eine Klimaanlage und elektrische Fensterheber rundum und natürlich die Servolenkung, die 1988 bei einem Golf keineswegs selbstverständlich war – auch 3 oder 4 Jahre später noch nicht, was im übrigen auch für das ABS gilt. Die Qualität der Materialien ist eine absolute Sensation – nach 167.000 Kilometern wirkte beim Kauf vieles wie am ersten Tag – auch der Lack, zum Teil bereits verzinkten Untergrundes, ist in einem herausragenden Zustand – hier wird Daimler-Qualität sehr sprichwörtlich erlebbar – ebenso wie bei den formidablen Features wie den dreckbefreiten Seitenscheiben, sichergestellt durch eine eigens hierfür ausgeformte A-Säule.
Da könne sich auch manche neu7en Fahrzeuge einen Scheiben von abschneiden, was im übrigen auch fr die Ergonomie gilt, die ja traditionell eher als Domäne des Erzrivalen aus München eingestuft wird. Dennoch ist beim Daimler alles am rechten Platz, Ebenso ist auch das Fahrverhalten so dynamisch, dass man es eher beim BMW 323 vermuten würde, als bei einem Wagen, der in vielem so sehr verspiessert stuttgarterisch wirkt, dem mit verchromtem Emblem ausgelieferten Lenkrad beispielsweise. Hinzu kommt, dass der Wagen mit 9,6 Litern Super im Schnitt über mittlerweile 22500 Kilometer genügsam zur Sache geht und trotz seiner nun immerhin 190.000 Kilometern Laufleistung kein Öl verbraucht und ich mit Ausnahme der hinteren Bremsbeläge keinerlei Investitionen in dieses Fahrzeug hatte.
Alles in Allem ist der Wagen somit aus ökonomisch extrem interessant – seine ausgezeichnete Federung empfehlen ihn zum längerem Behalten etwa ebenso wie sein – auch bei Nässe – schier narrensicheres Fahrverhalten, die über den zwar gut zugänglichen, dennoch zu kleinen Kofferraum hinwegtrösten können. Erst wenn der größte Teil der rund 1,9 Millionen gebauten 190er aus dem Straßenbild verschwunden sein werden, werde die meisten Leute diesen „kleinen“ Mercedes zu schätzen wissen. Wer sich diesen Klassiker sichern will, ist heute noch mit 2500 Euro dabei – in drei Jahren kann es aufgrund der einmaligen Paarung aus Solidität und entspannter Spiessigkeit schon das doppelte sein…....
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31.03.2004 20:02
Wirklich toller Bericht. Habe auch mal so einen gefahren und war genauso begeistert wie Du. Gut ist der Tip mit dem Sattler. Gruß nickben
29.11.2003 20:49
ein autobericht, den das leben schrieb! finde ich super! gruss regine
09.05.2003 11:26
Auch wenn ich meinen 190 D 2.5 Turbo gerade gegen eine C-Klasse eingetauscht habe - der Baby-Benz der ersten Generation ist einfach Kult. Wenn der große Turbodieselmotor schon faszinierend ist, so legt der Sechszylinder noch einmal eine Schüppe drauf. Mich begeistert an dem 2.6 die Laufruhe und die Kraft, die manch ein Zeitgenosse nicht im 190er vermuten würde. Wäre ich derzeit nicht auf den Diesel angewiesen (bei rund 30.000 km im Jahr will ich die Tankrechnung für den Zwo-Sechser nicht sehen), stünde der Top-Baby-Benz ganz oben auf meiner Wunschliste. Wahrscheinlich werde ich mich tatsächlich in einigen Jahren ärgern. Im Augenblick gibt es sie nämlich noch, die Top-Rentner-Exemplare mit guter Ausstattung - doch sie werden zusehends seltener. LG, LittleScotchman