**~TYPISCHES STUDENTEN-AUTO~**
14. Apr 2003
(16. Mai 2003)
Pro:
unerreichter Antriebskomfort
Kontra:
bissgen teuer im Unterhalt
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Zuverlässigkeit:
Fahreigenschaften:
Bedienung:
Platzangebot:
mehr
 youngtimer-portal.de
Über sich:
HURRAY - 10.000 PUNKTE!!!!
Mitglied seit:06.04.2003
Erfahrungsberichte:16
Vertrauende:24
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Ich war der coolste Student – während die anderen Jungs mit den geliehenen Corsas ihrer Mütter und verbrauchten Escorts ihrer älteren Brüder zur Uni kamen, kam ich feudaler daher, als der Chef der Uni selbst – der nämlich hatte einen 260E – nicht schlecht zwar, aber neben meinem V12-ChromSchild-Geschmückten 600 SEL einfach geradezu verschwindend winzig ;-> Wie konnte es dazu kommen? Jungfrau zum Kinde ist nichts dagegen.
Ich hatte mein Studium zu dieser Zeit – ich war im 5. Semester – bereits seit einiger Zeit mit einem Job bei einem Gebrauchtwagen-Händler finanziert. Da konnte man einerseits prima so arbeiten, dass es auf keiner Steuerkarte der Welt auftauchte, andererseits konnte man jedes Wochenende einen Wagen mit roter Nummer mitnehmen und vorsichtig um den Block fahren ohne dabei das eigenen Budget zu belasten. Auf diese Weise lernte ich mit der Zeit jedes Auto einmal für mindestens 500 km von innen kennen, was ein sehr erfreulicher Nebeneffekt war.
Und: Gebrauchtwagen-Händler fahren grundsätzlich riesige Protzer-Schleudern mit teuren Felgen. Keine Ahnung, warum das so ist, aber jeder Besitzer eines Asche-Platzes mit fröhlich über Preisschildern wehenden Fähnchen in verschiedenen Farben hat entweder einen 7er, einen A8, eine amerikanische Schleuder oder eben eine S-Klasse – und stets mit fetten aber billigen Felgen von ATU. So auch mein damaliger Chef, der satte 4 dieser Plätze besaß – der hatte gleich einen 600er, Langversion, Vollausstattung mit allem, was die damalige Preisliste hergab mit Ausnahme von Navigation.
Ich war sein Lieblingsmitarbeiter und durfte den Wagen manchmal am Wochenende haben, wenn ich ihn als Gegenleistung
zum Flughafen fuhr und wieder abholte – wir hatten ein Vertrauensverhältnis. So weihte er mich auch ein, als es ein wenig eng wurde und ich einen Monat auf Lohn verzichten musste. Und dann noch einen Monat.
Zu Beginn des dritten Monats fragte er mich dann eines Abends, ob ich 1000 Mark hätte. Für 1000 könnte ich seinen Benz haben. Das schien mir natürlich unsinnig – schließlich sprachen wir von einem Wagen, der noch eine große 5stellige Summe wert war.
Dann weihte er mich ein, dass es mit dem Laden binnen 3 Monaten zuende ginge und er die Chance sehen würde, mich auf diese Weise noch abschließend zu entlohnen, bevor die Gläubiger alles bekämen. Wir setzten einen Kaufvertrag auf, ich übereignete ihm eine Stunde später meinen auch nicht mehr ganz neuen Opel Rekord und fuhr mit einem 600er V12 nach hause.
FUCK! Mit den 2000, die ich für meinen Opel Rekord bekommen hatte, konnte ich den 600er natürlich nicht sehr lange bewegen, da ich zudem innerhalb der nächsten 4 Wochen meinen Job verlor, da mein bisheriger Chef auf die niederländischen Antillen abdüste, bevor de Dichtmacher kamen.
Ich belieh daher den Wagen ziemlich fett bei der Bank, was mit einem Wertgegenstand dieser Art tatsächlich geht, dann jedoch eine Vollkasko-Versicherung erfordert – alles in allem ließ ich so schon mal 4.000 Mark bei meiner Versicherung :-( ==>DER 600er im Alltag Was bekommt man für sein Geld? Zunächst einmal ist der W140, Baujahr 1991 das größte und unflätigste Auto seiner Zeit und war zeitgenössisch als Panzer verschrien, was im positiven Sinne stimmt, im negativen jedoch nicht. Panzer ja, weil der Wagen unglaublich fett aber auch unglaublich sicher ist. Panzer nein, weil er sich dennoch erstaunlich agil bewegen lässt – bedeutend agiler zudem, als die äußere Form mit über 5,20m vermuten lässt. Peinlich jedoch: diese erste Serie hatte noch PEILSTÄBE, wie man sie eigentlich nur aus dem bereich der LKW kennt, die beim Zurücksetzen eben sehr unübersichtlich sind – was der W140 eigentlich gar nicht ist – er ist halt lang und breit, ein VW Sharan ist jedoch bedeutend weniger unübersichtlich.
Bis heute unerreicht: die Sitze. Auch diese sind bemerkenswert fett, weisen gar eine Teilung im Muster auf, die Mercedes bis dahin nicht kannte, durch die schiere Sitzbreite jedoch unabdingbar geworden war.
Die Sitze sind Sessel-bequem, breit, spektakulär angenehm gepolstert, knutsch- und fummel-fest und mit beinahe unzerstörbarem Leder bezogen. Letzteres gilt übrigens fürs Lenkrad nicht – das reagiert schon mal pingelig auf einen Ring am Finger oder einen Reißverschluss an der Hose, einen Knopf am Ärmel. Alles andere jedoch ist mit dieser Atom-Giftgas-sicherern Grundsätzlichen Solidität ausgestattet und wirkt immer ein wenig, wie aus Granit aus dem vollen gemeißelt, was sich auch in über 2 Tonnen Basisgewicht widerspiegelt. Letzteres führt dann leider zu runden 15 Litern Verbrauch, gerne und ohne große Mühe auch mal mehr. 12,5 gehen unter Laborbedingungen – ich pendelte mich bei 14,2 ein.
Der Zwölfzylinder hat damit jedoch nicht die Grenze seines Durstes erreicht. Alle 4000 -5000 Kilometer genehmigt er sich noch einen 300ml-Schluck besten Öls… Dennoch – und das kann nur nachvollziehen, wer diesen Wagen je gefahren ist – das Feeling der Kombination aus Panzer-Umfeld und brachialem Antrieb und letztlich Komfort, dass dieser Wagen bietet, „rechtfertigt“ den Verbrauch. Denn: 408PS aus 6 Litern Hubraum sind auch von 2 Tonnen nicht todzukriegen – im Gegenteil: Alle Steigungen scheinen einem plötzlich flach. Fährt jemand vor dir auch nur einen Hauch zu langsam, zuckst du kurz mit dem rechten Fuß und flutscht einfach an ihm vorbei.
Nur mal als Ansatzpunkt: ein 911er hatte in diesen Jahren 136PS (!!) weniger … Hinzu kommt natürlich die Art, wie sich ein 600er in Szene und Bewegung setzt. Nahezu geräuschfrei, vor allem gemessen am 911er verrichtet er sein Werk, unauffällig wie ein dienstbarer Geist benimmt sich jedes einzelne der 408 Pferdchen, wenn es einen unauffällig in den Sitz presst, alldieweil die Automatik den rechten Gang bereitstellt, Schaltvorgänge nur auf dem Drehzahlmesser sichtbar werden….
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ein Gedicht ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Da läuft einem in Erinnerung wirklich immer noch der Sabber seitlich aus dem Mundwinkel….
Unerträglich ist der 600er eigentlich nur in Parkhäusern. Ist der Wendekreis im Verhältnis nicht einmal absurd, so ist er eben netto betrachtet eine absolute Katastrophe, wenn Pfeiler und Wände in der Nähe sind. Hinzu kommt, dass man als 23jähriger wirklich ein dickes Fell braucht, um diesen Wagen zu fahren. Nicht nur, weil meine Mutter mich verschiedenster Mafia-Kontakte verdächtigte, auch, weil man einfach immer so rüberkommt, als hätte man Papis Auto für den Wochenendausflug geklaut. Spass macht, diesem Wagen mit einer billigen Sonnenbrille, kurzen Hosen, DreiTageBart und Stoffturnschuhen zu entsteigen – am besten garniert mit einem AC/DC-T-Shirt in verwaschenem Schwarz.
Ich habe das Vergnügen auf den Tag genau 2 Jahre genossen, satte 76000 Kilometer perfekten Komforts – dann habe ich den Wagen mit Erlaubnis der Bank verkauft, alle meine Schulden bei der VR samt Avalprovision bezahlt, meinen Abschluss gemacht und auf einen 16 Jahre alten 280E umgerüstet, der mir mit seinen 185PS lange Zeit untermotorisiert vorkam und mit seinen 4,84 irgendwie klein wirkte. ___________ Die Geschichte, wie ich zu meinem ersten Mercedes kam, kann ich noch meinen Enkeln erzählen - - - - Und wenn ich mal groß bin....
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30.05.2009 00:48
Gross aber nicht schön
18.04.2009 12:49
Ein BH für diese wirklich außergewöhnliche, seltene Story :-)
24.05.2006 14:22
Ich komme aus dem Lachen nicht mehr aus. Eigentlich ist der Bericht als Erfahrungsbericht über das Auto direkt kaum brauchbar, aber als Bericht zum leben mit dem Wagen schon. Ich lese mir den Bericht jetzt bestimmt noch 3 mal durch... Gruß M