Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
interessante Geschichtslektüre |
| Kontra: |
sicher teilweise etwas anstrengend |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Der Mann ist sicher nicht jedermans Freund, aber einige Bewertungen könnte der Bericht schon noch vertragen.
Metternich, den Napoleon "den größten Lügner des Jahrhunderts" nannte, ist bis heute der Inbegriff des glatten, doppelzüngigen Diplomaten; in der Geschichtsschreibung gilt er als Genie der Staatskunst. Sein größter Triumph war Napoleons Sturz, seine Tragik war, der Repräsentant eines sterbenden Zeitalters zu sein, das von den großen Revolutionen weggefegt wurde.
Die Politik des frühen 19. Jahrhunderts aber beherrschte er wie kein anderer. Vierzig Jahre lang hielt er die Fäden der Macht, der politischen Intrige in der Hand, dirigierte er das Konzert der europäischen Staaten.
Selten ist ein Politiker so gnadenlos verbal verurteilt worden oder in den Himmel gehoben worden.
Ich, in der DDR aufgewachsen und geschult, kenne Metternich nur als den Reaktionär, den Intriganten des Wiener Kongresses und den Initiator der Heiligen Allianz und der Karlsbader Beschlüsse.
Seine Gegenspieler, insbesondere in Preußen und Russland kommen in der Lehre da schon besser weg, obwohl auch sie dynastische reaktionäre Ziele verfolgten und durchsetzten und sich an die Spitze einer breiten Volksbewegung gegen Napoleon und die französische Unterdrückung stellten um sie dann in ihrem Sinne zu nutzen.
Insbesondere preußisch-deutsche Historiker „… fielen über ihn her und zerfetzten ihn.
Schlosser verhöhnt seine „ jesuitisch- diplomatischen Künste“,
Gervinus tadelt den „ unehrenhaften, arbeitsscheuen, genusssüchtigen, oberflächlichen, und sittenlosen, selbstsüchtigen und lässigen Höfling, der nur in der Routine Genie zeigte“,
Hormayr wirft ihn „ seine Trägheit und Gleichgültigkeit, seine lockeren Sitten und Unmoral , sein Epikuräertum (Genussmenschentum d. A,) „ vor,
Dahlmann ; Droysen, Sybel, und Häusser springen nicht freundlicher mit ihm um, Treitschke führt eine kräftige Klinge gegen den finsteren Feind des deutschen Staates“ (S. 7)
Ottokar Lorenz rückt da manches gerade, wenn er schreibt: „ Doch Metternich hatte nicht Preußens Interesse zu vertreten“ (S. 7)und damit hat er nicht nur recht, sondern rückt auch die Stellung Metternichs in der Geschichte etwas gerade.
Zum Buch :
Es erschien im Bastei Lübbe Verlag GmbH Bergisch- Gladbach 1966, ISBN 3-404-00696-9 zum Preis 6,80 DM. Ich selbst kaufte es auf den Trödelmarkt für 0,50 Euro. Das Taschenbuch hat 368 Seiten,
Autor ist , Henry Vallotton (1891-1971) , Schweizer Rechtsanwalt, konservative Politiker und Autor historische Bücher. Neben Metternich schrieb er auch über Bismarck und Hitler.
Gliederung:
Vorwort
Kindheit und Werdegang bis zur ersten diplomatischen Mission 1773- 1803
Berlin-Paris- Wien 1803- 1810
Die Heirat Napoleons I. mit der Erzherzogin Marie Louise 1810
Von Paris nach Elba und Moskau 1810- 1814
Der Wiener Kongress 12. Oktober 1814 – 09. Juni 1815
Die Heilige Allianz. Von Kongress zu Kongress 1815- 1827
Offizielle und private Trauer 1821- 1826
Gute und böse Stunden 1827- 1832
Metternich, Marie Louise und der Junge Adler
Zwischen zwei Revolutionen 1831- 1847
Die Revolution von 1848
Wer war Metternich?
Der Mensch
Der Diplomat und der Staatsmann
Das Ende
Register.
Sehr ausführlich und anschaulich in einer verständlichen Sprache werden Metternich und seine Zeitgenossen in diesem Geschichtsabschnitt, seinen Gedanken und Aktivitäten dargestellt. Ein umfangreiches Register als Anhang erleichtert die Orientierung und Einordnung.
Wie schon geschildert lassen die deutschen Historiker wenig Gutes an Metternich und auch er ist nicht fein, wenn es darum geht „deutsche verklärte Helden“ zurecht zu rücken.
So schrieb er in seinen Erinnerungen:“ Blücher und seinen Freischaren sannen nur auf Zerstörung und Plünderung von Paris „ (S. 100 )
Mit den Freikorps habe ich seit jeher meine Probleme, da gab es die guten patriotischen a la von Lützow , die Beutegierigen a la von Barnekow und die in der DDR nicht genannten a la von der Marwitz, weil er später zu den Konservativen zählte.
Alle machten sie Beute, wenn es welche zu machen gab, wie in jedem anderen Krieg der damaligen Zeit. Die einen legte die Beute an oder beiseite, andere wie z.B. von Barnekow versoff und verhurte mit seinen Mannen über 100 000 Taler fast über Nacht.
Die Helden wie Blücher wurden mit Hunderttausenden für ihre Heldentaten belohnt, der kleine Mann ging leer aus oder erhielt das „Eiserne Kreuz“, wen er überlebte und Glück hatte.
Metternich bemerkte zu den Preußen im Zusammenhang mit den Friedensverhandlungen mit den Franzosen nach Waterloo: “ Eine schwierige Aufgabe , denn Blücher und der preußische Generalstab , berauscht vom Sieg, forderten jetzt Elsaß, Lohringen, das Saartal und eine Kriegsentschädigung von 1 Milliarde 200 Millionen…“ (S. 129) und weiter heißt es „… Die preußischen Generale ( in erster Linie Blücher ) zeigten( in Paris) eine Härte, die schon an Rache grenzt. Sie wollen ihr Joch über das hinaus, was die Vorsicht verlangt, fühlbar machen. Sie missbrauchen den Sieg.“ Gonesse 9. Juli 1815 (S.130) und im September 1815 schreibt Metternich:“ Die Zerstückelung Frankreichs, seine Ausbeutung, die Räubereien, alle Ausschweifungen der Wut und der Missbrauch der Gewalt vollziehen sich hier täglich auf erschreckende Weise. Preußen hat sich an die Spitze dieser neuen Revolution gesetzt…“
Wilhelm von Humboldt bekommt auch sein Fett weg, schreibt doch Talleyrand an seine Mätresse, der Vertreter Frankreichs auf dem Wiener Kongress:“ Ihre Preußen lieben die usurpatorische Doktrin Napoleons mit wahrer Leidenschaft- sie verabscheuen nur seine Erfolge! Es sind unangenehme Leute, allen voran Herr von Humboldt“.
Die jetzt in aller Munde heldenhafte, tugendreiche und schöne Königin Louise, Gattin von Friedrich Wilhelm III. wird in dem Buch nicht erwähnt.
Dafür ihr Gatte und sein Nachfolger.“ Friedrich Wilhelm III. einfach, bescheiden, unentschlossen, hatte sein ganzes Vertrauen auf Metternich gesetzt, den er für unfehlbar hielt. Ihm folgte sein ältester Sohn Friedrich Wilhelm IV…. Der König gab sich phantasievoll, von Plänen erfüllt, zugleich ungestüm und unentschlossen. Mazade nennt ihn einen „brillanten Kranken“.“
Wie wir sehen kommen unsere „ Preußen“ nicht gerade gut weg und das war eigentlich das Wertvolle für mich- Geschichte und ihre Deutung aus einer anderen Sicht
Fazit:
Warum so ein preiswertes (Volks)Buch 1966 ?
Sicher weil man seine Taten und Anschauungen für die Gegenwart brauchte.
Im Vorwort heißt es: „ Dieser Staatsmann hat es dank seiner subtilen und fein abgestimmten Politik verstanden für viele Jahre den europäischen Zusammenbruch zu verhindern… Er war der Schutzherr Mitteleuropas gegen alle Angriffe von Osten und Westen“. (S. 8) Es war der Vorabend der 68er Bewegung und da scheinen Herrschende ein Gefühl dafür zu haben, was man da machern muss.
2010, ein aktuelles Buch angesichts wachsender Auseinandersetzunge im Inneren wie Äußeren zwischen den führenden Staaten und die Pendeldiplomatie zwischen Berlin, Moskau, Peking, Warschau ,Paris, Brüssel und Washington ist sicher nicht von ungefähr.
Ob Guido dafür der Richtige ist, habe ich nicht zu entscheiden, obwohl er im Zusammenhang mit der Türkei und Polen gegen anderen deutschen Wortmeldungen klar der Realistischere ist.
Obwohl sicher etwas anstrengend, sollte man das Buch schon einmal lesen.
Anlage und Service nach Wikipedia für Leute, die sich für die angegebenen deutschen Historiker interessieren.
Friedrich Christoph Schlosser (* 17. November 1776 in Jever; † 23. September 1861 in Heidelberg) war ein deutscher Historiker.
Georg Gottfried Gervinus (* 20. Mai 1805 in Darmstadt; † 18. März 1871 in Heidelberg) war ein deutscher Historiker und nationalliberaler Politiker.
Friedrich Christoph Dahlmann (* 13. Mai 1785 in Wismar; † 5. Dezember 1860 in Bonn) war ein deutscher Historiker und Staatsmann; bekannt als einer der „Göttinger Sieben“ und Mitverfasser der Paulskirchen-Verfassung von 1848.
Josef Freiherr von Hormayr (* 20. Januar 1782 in Innsbruck; † 5. November 1848 in München) war ein österreichischer Historiker, Schriftsteller, Politiker und Freiheitskämpfer
Johann Gustav Bernhard Droysen (* 6. Juli 1808 in Treptow an der Rega; † 19. Juni 1884 in Berlin) war ein deutscher Historiker.
Johann Gustav Ferdinand Droysen (* 10. April 1838 in Berlin; † 10. November 1908 in Halle) war ein deutscher Historiker
Heinrich Karl Ludolf von Sybel (* 2. Dezember 1817 in Düsseldorf; † 1. August 1895 in Marburg) war ein deutscher Historiker und Politiker.
Ludwig Häusser (* 26. Oktober 1818 in Kleeburg, Elsass; † 17. März 1867 in Heidelberg) war ein deutscher Historiker und liberaler Politiker
Heinrich Gotthardt von Treitschke (* 15. September 1834 in Dresden; † 28. April 1896 in Berlin) war ein deutscher Historiker, politischer Publizist und Mitglied des Reichstags (von 1871 bis 1884, zunächst als nationalliberaler Abgeordneter, seit 1879 ohne Parteizugehörigkeit).
Nun ran ans Kommentieren und Bewerten.