Ein unvorstellbares Leben

5  22.12.2005

Pro:
Einfühlsam, spannend, geschichtlich sehr interessant, aufklärend und vieles mehr

Kontra:
-  -

Empfehlenswert: Ja 

Babbel

Über sich: Das Leben ist schön... lalala

Mitglied seit:05.04.2000

Erfahrungsberichte:254

Vertrauende:52

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 53 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Was tut man, wenn man in einer S-bahn sitzt, die ständig Verspätung hat und das auf absehbar lange Zeit? Man könnte schlafen, doch meistens ist der Sitznachbar so laut oder hört so laute Musik, dass dies unmöglich ist. Man könnte aber auch an seinem eigenen Buch weiterschreiben, doch (auch hier) leider sind die Waggons auf meiner Strecke so marode, dass sie wie Espenlaub wackeln und so ein gerade und später wieder lesbares schreiben unmöglich machen. Also bleibt eigentlich nur eine Alternative: Lesen. Aus diesem Grunde habe ich mir die Empfehlung einer Arbeitskollegin zu Herzen genommen und mir das Buch "Middelsex von Jeffrey Eugenides gekauft. Ich bin ehrlich gesagt mit wenig Erwartungen an das Buch herangetreten, entspricht es ja nicht unbedingt dem Genre, dass ich normalerweise lese. Doch es hat mich von Anfang an gefangen genommen. Das Buch ist in der rororo-Taschebuchreihe erschienen und über die ISBN 3-499-23810-1 erhältlich.

Der Autor:

Jeffrey Eugenides wurde im Jahre 1960 in Grosse Pointe, Detroit/Michigan geboren. Er hat eine Frau sowie eine Tochter und lebt heute in Berlin. Dorthin kam er anlässlich eines Stipendiums des DAAD und der American Academy. Sein erstes Buch erschien 2000 unter dem Namen "The Virgin Sicides" (Die Selbstmord-Schwestern). Das Buch wurde von Sofia Coppola (Tochter von Francis-Ford Copplula) verfilmt. Buch sowie Film ernteten viel Aufmerksamkeit und sorgten für weltweites Aufsehen. 2003 erhielt Eugenides den Welt-Literaturpreis.

Das Cover:

Das Buch ist in verschiedenen blau-grauen Tönen gehalten. Lediglich der Name des Autors ist in weiß und der Titel in rosa angegeben. Es zeigt ein Kind (ob Junge oder Mädchen ist unklar, auch wenn der erste Eindruck auf ein Mädchen schließen lässt), das eine Art Hammer in der Hand hält und damit ein Herz schmiedet. Denn dieses Herz liegt auf einem Amboss, hinter dem Kind ist ein Kessel mit Feuer zu sehen.

Die Story

Die Geschichte ist aus dem Blickwinkel von Cal Stephanides geschrieben. Cal heißt eigentlich Calliope und wurde als jüngste Tochter einer griechischen Familie in den USA geboren. Ihre Großeltern Lefty und Desdemona flüchteten 1922 in die Vereinigten Staaten, da es in ihrer Heimat zum Krieg kam und das Dorf in dem sie lebten, zerstört wurde. Auf der Fahrt von Griechenland nach Amerika heirateten die beiden, bekamen später einen Sohn und eine Tochter. Das Problem war nur: Die beiden waren zwar Cousins 2. Grades, aber gleichzeitig auch noch Geschwister.

Calliope stellt von vorneherein klar, dass er seit einigen Jahren Cal heißt und ein Hermaphrodit ist. Dies bedeutet, dass in seinem Körper zwei Geschlechter gefangen sind. Anders als bei einem Transvestiten ist dies nicht eine bewusste Entscheidung, sondern ein körperliches Merkmal, dass in seinem Fall leider erst sehr spät entdeckt wurde. Um es dem Leser verständlicher zu machen, springt Cal zurück in die Vergangenheit und beschreibt die Umstände, die Desdemona und Lefty dazu brachten, einander zu heiraten und eine Familie zu gründen. Cal erklärt nicht nur die familiären Zusammenhänge, die Freundschaften, die Traditionen der Griechen, Cal lässt auch immer wieder zeitliche Einflüsse in Form von politischen Entscheidungen, lokalen Ereignissen und menschlichen Gesinnungen einfließen, um dem Leser ein umfassendes Bild seiner "Herkunft" zu vermitteln.

SEINE Herkunft. Da, ich habe tatsächlich diese Form verwendet, um deutlich zu machen, das Cal ein Mann ist. Doch eigentlich wuchs er ja als Tochter auf. Sogar der Arzt, der ihn nach seiner Geburt untersuchte, fand nichts außergewöhnliches, was aber wohl auch daran liegen mag, dass er schon sehr alt war und zudem von seiner attraktiven Krankenschwester abgelenkt wurde. Aber ich will nicht zu tief ins Detail gehen, denn das eigentlich interessante neben der Entdeckung seines eigenen "wirklichen" Geschlechtes sind die vielen kleinen Hintergrundinformationen, die gespickt mit Selbstironie, technischen, wissenschaftlichen und zeitgenössischem Wissen so verpackt sind, dass der Leser gar nicht anders kann, als unbedingt Seite für Seite dem Ende des Buches entgegen zu streben.

Das Buch an sich ist in mehrere Teilbücher gegliedert, die die einzelnen Stationen der Familiengeschichte aufzeigen. Erst im dritten Buch lernt de Leser Calliope als solche kennen und mögen. Man erfährt, dass die kleine Calliope als Tochter eines Hamburgerkettenbesitzers aufwächst, der obwohl griechisch erzogen, gleichzeitig doch sehr amerikanisch ist. Calliope kommt auf eine Mädchenschule, findet es teilweise normal, Mädchen sehr gern zu haben. Als sie dann dort ihre erste große Liebe trifft, wundert es sie aber schon, dass sie sexuelle Gefühle für ein Mädchen entwickelt, außerdem befindet sich an ihrem Körper ein Teil, dass sie selbst den "Krokus" nennt. Sie kann sich nicht erklären was dies ist, traut sich aber auch nicht, andere zu fragen. Glaubt, dass sie nur unterentwickelt ist (keine Brüste, keine Menstruation). Dass sie völlig anders ist, ahnt Calliope, doch wie es um sie tatsächlich steht, erfährt sie erst viel später und durch Zufälle.

Im vierten Buch erfährt Calliope, dass sie zweigeschlechtlich ist. Sofort versuchen ihre Eltern etwas zu unternehmen und bringen sie zu einem Spezialisten. Der angebliche Spezialist erkennt nicht, dass Callie ihn aus Angst vor der Verdammnis durch ihre Eltern Dinge vorlügt. Sie weiß, dass ihre Eltern ihre Tochter gerne behalten würden, doch innen drin, tief in ihrem Herzen weiß Calliope, dass sie vielmehr Cal ist. Ein Junge. Als sie diese Erkenntnis gewinnt, flieht sie vor einer Operation, die sämtliche männlichen Genitalien entfernen soll, um fortan als Junge weiterzuleben.

Cal, der dieses Buch als Rückblick seines Lebens beschreibt, ist ein Mann mittleren Alters, der immer wieder von seinen eigenen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht erzählt. Er zeigt auf, wie schwierig es ist, als Mann und doch kein Mann und gleichzeitig mit der Erziehung einer Frau fertig zu werden. Von seinen Hemmungen beim Sex, seiner Angst zurückgewiesen zu werden oder nur aus Mitleid genommen zu werden.

Fazit:

Jeffrey Eugenides ist es gelungen ein meisterhaftes Buch zu schreiben. Anders kann ich es einfach nicht sagen. Entgegen meinen Erwartungen zu Beginn, dass das Buch vielleicht doch nichts für mich wäre, wurde ich schnell von der Handlung gefesselt. Viele Geschehnisse konnte ich nachvollziehen, sogar die Entscheidung von Cals Großeltern, so dass mir im Folgeschritt bewusst wurde, dass es solche Menschen tatsächlich aufgrund eben solcher Familiengeschichten gibt.
Der flüssige, angenehm ausgeschmückte Schreibstil lässt den Leser wünschen immer weiter und mehr zu lesen. Man fühlt mit den Charakteren und - das kommt selten genug vor - es ist dem Autor gelungen, dass ich mich völlig in die Erzählung einbringen konnte, was mir sonst bei Ich-Formen sehr, sehr schwer fällt.

Auf jeden Fall klärt das Buch auf. Es zeigt dem Leser, dass man auch tief unter die Schale sehen muss, um zu erkennen, dass - auch wenn diese Menschen anders sind - sie doch genau das sind: Menschen. Zwar nicht wie du und ich, doch etwas ganz besonderes. Und für diejenigen, die an Gott glauben sei gesagt, vielleicht hat ER sich sogar etwas dabei gedacht. Denn ein Satz aus dem Buch machte mich sehr nachdenklich: Eine Freundin (ebenfalls Hermaphrodit von Cal) erklärte ihm, was genau er ist und sagte: "Weil wir das sind, was als Nächstes kommt." Vielleicht sind Hermaphroditen (wenn es sie auch schon seit ewigen Zeiten geben mag) tatsächlich Vorboten einer neuen Entwicklung, eines neuen Schrittes in der Evolution. Wir können nur abwarten und sehen was da kommt.

So mit diesem höchst philosophischen Schlusswort möchte ich mich in diesem Jahr verabschieden. Ich weiß, ich habe nicht sehr viel dieses Jahr geschrieben, doch das Jahr war auch sehr ereignisreich. Dennoch möchte ich den Lesern schon jetzt fröhliche Weihnachten und einen Guten Rutsch wünschen. Vielleicht lesen wir uns ja im nächsten Jahr wieder.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
pahoehoe

pahoehoe

12.08.2006 13:14

Ist es tatsächlich so, dass es sich bei einem Transvestiten um eine bewusste Entscheidung handelt?

Keks500

Keks500

27.12.2005 09:30

Werde ich mir merken. LG

BeastyGirl

BeastyGirl

23.12.2005 18:04

Toller Bericht!! Das Buch liegt noch auf meinem "Lesestapel"! Wünsche Dir und Deinen Lieben schöne Feiertage!!! LG, Uschi

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