galaktischer Angriff auf die Geschmacksnerven
28.01.2001 (29.06.2001)
Pro:
s . Text
Kontra:
s . Text
Empfehlenswert:
Nein
Details:
Originalität:
Story:
Darsteller:
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 yorg
Über sich:
... die Zeit ist nur ein Bach, in dem ich angeln gehe (Thomas Hemerken, Mönch) ... doch wer angeln w...
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Gerade wollen wir unserem Ohrensessel verlassen, den Fernseher ausschalten, die Erdnuss-Schalen entsorgen, da trifft es uns überraschend, wirft uns in die noch warmen Polster zurück, lässt uns innehalten: Abrupt sehen wir uns in eine seltsam römelnde Antike zurückversetzt, staunen, warten auf den irren Mel Brooks oder einen verwegenen Ben Hur, bekommen aber lediglich einen Kühlschrank geliefert. Wir bleiben sitzen, ersticken beinahe an der letzten Erdnuss, sind erstaunt, nahezu vom Schlegel erschlagen. Denn allmählich schafft sich die Erkenntnis Raum, dass sich noch nie deutsches Industrieunternehmen derart offensiv nach vorn gewagt, sich durch Selbstkritik so deutlich in ein reinigendes Fegefeuer stellte - wie nun ferrero. Doch der Reihe nach ... Das kleine, niedlich anzusehende Filmchen beginnt auf einer grünen Wiese, auf der toga-ummantelte Gestalten die körperliche Pflicht versehen, Steinplatten mit uns unbekannt bleibenden lapidaren Inschriften zu versehen. ... poch ... klapper ... poch ... poch ... klapper .... Ein freundlicher Vorarbeiter erleichert, so scheint es, mit einem etwas monoton anmutenden Rhythmus die Arbeit. ... dumm ... dumm ... dumm-dumm ... Textverarbeitung wird uns als Stichwort geliefert. Jedoch sehen wir keine Schreiberlinge mit Papyrus, sondern meisselnde Metze. Etwas muss also geschehen sein. Eine blutig beendete Schlacht, eine unerwartet hereingebrochene Natur-Katastrophe, auch eine um sich her pestilierende Seuche, eine Piemont-Kirschen-Vergiftung - wir wissen es nicht. Doch etwas Schreckliches geschah - das eine Massenfertigung von Grabsteinen nach sich zog. Wir verlassen diese Frage erst einmal, tauchen wieder in die sandalierte Atmosphäre und lassen uns von einer crossover duploiden Däniken-Erfahrung verführen, starren auf einen plötzlich ... wumm ... im Bilde prangenden Kühlschrank. Die staubige Zeit, so heisst es, habe ein Ende und die fleissigen Handwerksgehilfen erhalten ihr ferreroisches Manna - wozu sie den verwirrt auf des Gerätes Tür einschlagenden Aufseher allerdings sanft überrennen müssen. Ein durchaus verwirrender Spot. Erst einmal. Hilfsarbeiter werkeln in festlichem Weiss. Eine traurige Figur zwischen Galeerentrommler und Imbissbuden-Manager in ihrem Zentrum. Eine raffinierte Andeutung von Zukunftstechnologie. Ein Angriff Ausserirdischer. Ein jesuanisches Speisen der Bedürftigen. Und ein unbekanntes Unglück über all dem Elend. Wow! Und dennoch ist alles gesagt und die Erkenntnis schnell gewonnen. Die aufklärerische, im hessischen Stadtallendorf etwas JVA-haft ansässige Firma Ferrero will sich nicht nur an das heikle Thema der Lohnsklaverei heranwagen - sondern auch an die eigene Geschichte. Mit diesem Fanal cinematographischer Deutlichkeit wird ein für allemal erklärt, dass die Unterdrückung ein Ende hat. Nie wieder soll es Knechtschaft und Duckmäusertum geben. Nie wieder soll sich die möglich sein, ehrlich schaffende Zuckerbäcker in die Enge zu treiben, sie zu drücken und zu zwingen. Damit ist jetzt Schluss - so die Botschaft. Diese Zeiten sind vorbei. ... klopf ... klopf ... dengel .... Es ist Zeit für einen Befreiungsschlag. ... dumm ... dumm ... dumm-dumm ... Erst kommt das Fressen. Und Ferrero stopft die Mäuler. Quengelnd immer weiter sinnentleert Arbeitsschutz einklagende, überflüssige Erhöhungen eines längst weit über dem chinesischen Durchschnitt liegenden Lohnes fordernde Gewerkschafter - ab jetzt - wumm - Milchschnitte. Querulierend investigative Journalisten, die noch die grosszügige Förderung ortsansässsiger Politik sachunkundig mit Bestechung verwechseln - jetzt reicht's - wumm - Milchschnitte.Politisch Verirrte, die gutgläubig in ungezählte Arbeitsplätze investierte magere Steuerersparnisse schmaläugig zurückfordern - nicht mit uns - wumm - Milchschnitte. Dummdreist sich ureigen und jedem zugänglich dem Süsswarenhersteller zustehnde Webadressen wie www.kinder.de sichernde Netzuser - so nicht Freunde - wumm - Milchschnitte.Undankbar rechthaberische Zwangsarbeiter, einst durch freundliche Aufnahme in den Firmendienst vor dem sicheren Tod gerettet, nun nörgelnd Entschädigung für die Verschonung fordernd - von wegen - wumm - Milchschnitte. Und so hat es der sympathisches Naschwerkhersteller wieder einmal verstanden, zu verblüffen, vielleicht nicht zu versöhnen, jedoch standhaft zu bleiben. Erinnerungen an die jüdäische Befreiungsfront werden wach. Und vor dem geistigen Auge der dies reglos Betrachtenden wirft Freund Schwanzus Longus all die keksverachtenden Purschen zu Poden. Ja, nun haben wir es verstanden. Und die neue Milchschnitten-Werbung steht damit in eine Reihe mit innovativen, gesellschaftskritischen Überraschungs-Beiträgen, die die trutzig sich hinter Zaun und Mauer verschanzenden Stadtallendorfer jüngst immer wieder lieferten. Wir lehnen uns entspannt zurück und begeben uns ein zweitesmal auf die Reise. Für all jene vollständig bezahnreihten, die bisher um unseren lustigen Nuss-Nougat-Dealer herumgekommen sind - wer dies schon kennt, darf uns hier allerdings auch reulos verlassen. Wir anderen lassen uns von Giulio Giotto, dem unehelichen Retorten-Sohn des Patrons Michele Ferrero durch die Ferrero-Welt führen. Wir gehen los. In einer grossen Fabrikhalle finden wir sie alle. Ein Schrein neben dem anderen. Gruselige Verehrung der Zusatzstoffe. Zuerst wandern wir zum Original. Kinderschokolade. Legionen grinsender Pausbacken. Und das von arischem Klischee befreiten Eintreten für die Rolle der Mutter als Bewahrerin und matrilineare Sinnstifterin der Familie. Filigrane Ferrmanzipation. Giulio kann seinen Stolz nicht verstecken. Wir ziehen vorsichtshalber unsere Mütze. Dann geht es weiter. Schritt für Schritt. Wir können nicht alles schaffen, wollen aber das Wichtigste gesehen haben. Ferrero Küsschen. Erstmals ist auch die kinderlose Wichtigkeit der Ein- und Zweipersonen- Haushalte anerkannt. In einer wunderbaren Vorwegnahme moderner genetischer Möglichkeiten singen die Incubierten: Wer Freunde hat, braucht Küsschen. Und, so liegt im Raum: Wer Küsschen hat, hat bald keine Freunde mehr. Eine raffinierte Paradoxie nussigen Daseins. Kaum zu lösen. Wieso auch immer. Neuerlich sogar mit Ententanz. Giottino gerät ins Schwärmen. Wir geben uns beeindruckt, machen uns aber dennoch wieder auf den Weg. In der nächsten Ecke finden wir Mon Chéri. Eine Hommage an die eine oder andere Apennin-LandschaftHier. Und der im Alltag der Kindererziehung gebeutelten Kinderschokoladen-Mutter wird ein nervenberuhigendes Tonicum geboten. Elegant suchtfreundlich gestaltet. Doch nicht immer zu bekommen. Ein kleines Augenzwinkern zu Guilio. Der scheint nichts zu verstehen. Gestikuliert leise vor sich hin. Il Bastardo führt uns weiter, vorbei an einem etwas über seine aufgesetzte Stimme stolpernde Vater, der mobil-kommunizierend die Kleinen betreut. Auch das ist mittlerweile möglich. Wenn auch von Giulio nicht gern gesehen. Ein Tribut an die gesellschaftliche Entwicklung. So schlendern wir etwas müde zu einem Glanzstück. Hanuta. Der von den Rügenwäldlern lausig kopierten Verherrlichung deutscher Musketier-Tradition. Hier wird germanische Geschichte stolzbrüstig vertreten - flankiert durch Duplo, mit dem auch die in Lara Croft tumb reitende Jieper-Jugend nicht ausgeschlossen bleibt. Ungeduld macht sich breit. Schokolade über Schokolade. Also ... wpf ... wpf ... zum Ende des Rundganges. Und so ... schnauf ... gelangen wir in die Ecke für den Tierschutz, dem nach dem besonderen Engagement für Pinguine und Flusspferde nun eines für Nasshörner flankierend zur Seite gestellt wurde. Alles in Braun. Landestypische Tiere in ihrer gewohnten Umgebung also. ... wpf ... knrks ... wpf ... knrks ... Wir gehen auf Nüssen. Giotto-Baby liegt immer noch tot neben den Hanutas. Also führen wir auch keine Selbstgespräche. Nun also, ... wpf ... wpf ... wir fühlen uns kakaobesudelt, zuletzt, sehnlich erwartet, kaum erhofft, endlich eine mutig-offensive Entscheidung, die sich beleidigt Zwangsarbeiter Nennenden nicht länger als Ausgeschlossene zu betrachten, ihnen die cremige Hand zu reichen ... wompf ... sie als ehemalig Firmenangehörige zu begrüssen ... nicht als Sklaven ... zwanghaft nur die Phantasie ... als Freie - und, bevor uns Braun vor Augen wird, noch Paulus: qui in ferrero vocatus erat servus, nunc dominus sit (nach 1.Kor.7,22) ... oder: qui in faece lavat in faece morierit (eigene Korinthe) ... und - etwas beckenbäuerlnd - das Getränk ist auch schon drin. Wir verneigen uns dankbar vor Mut und Einsicht und tun dies ehrfurchtstarr und mit in Milch schwimmenden Augen .... Aber dann wachen wir gottseidank auf .... kühler Schweiss steht uns auf der Stirn ... der Fernseher rauscht leise vor sich hin ... wir entfernen uns mit zitternden Händen zwei oder drei Milchschnitten aus der Mundhöhle ... süss anzusehnd verpackte Warnungen ... wir schalten den Fernseher aus und begeben uns ... schlurf ... schlurf ... in die Küche ... wmpf ... wmpf ... anal braune Abdrücke auf den Fliesen ... wmpf ... schmlpf ... zum Kühlschrank ... kurz eingedenk, dass da ausser uns noch etwas ist - ... öffnen die Tür ... knarks ... entlassen den fröstelnden Trommler wieder in die Freiheit ... auch nur eine Zwangsarbeiter ... verbasteln das letzte Überaschungsei ... knacken die letzte Tollkirsche ... werfen ein paar windige Küsschen für unsere Freunde aus dem Fenster .... und geben uns die Kugel .... ..................................................................................... Quellen (Auszug):Ferrero kämpft weiter für das Matriarchat. taz, 17.8.2000 www.taz.de/tpl/2000/08/17/a0107.nf/stext.Name,ask09854aaa.idx,23 Sind Kinder im Internet Kinder oder Schokolade? taz, 22.12.2000 www.taz.de/tpl/2000/12/22/a0103.nf/stext.Name,ask09854aaa.idx,4 Die "schwarze Liste" wird kürzer. taz, 28.10.2000 www.taz.de/tpl/2000/10/28/a0031.nf/stext.Name,ask09854aaa.idx,11 Ferrero-Manager lenkt Hessen-CDU. taz, 14.09.2000 www.taz.de/tpl/2000/09/14/a0050.nf/stext.Name,ask09854aaa.idx,16 Ferreros Küsschen. (Deutschlands größter Schokoladenfabrikant hält das hessische Stadtallendorf fest im Griff. Die CDU macht es möglich.) Der Spiegel 31/200 www.spiegel.de/spiegel/0,1518,87264,00.html ..................................................................................... (aus der Reihe: Werbung einmal anders sehen - Teil 3) © 01/2001 - 06/2001
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05.07.2001 13:34
Hallo Jörg - "Küßchen" für diesen Bericht. Absolut erstaunlich was du so alles mit dieser Werbung assoziieren kannst. Ich hab mich köstlich unterhalten und gebe mir jetzt die Kugel, gell. Herzliche Grüße Daniela
03.07.2001 16:12
Der Spot ist zwar bedeutend besser als der dämliche von Prof. Rino, aber dümmlich ist er trotzdem noch immer!!! Ciao Shultzie
02.07.2001 12:03
Bringt mir ein Gebüsch! Nein! Doch nicht sooo eins!