Der Rücktritt: bedauerlich, aber richtig

3  01.03.2011

Pro:
richtige Konsequenz aus dem Fehler

Kontra:
ein schwerer Schlag für Deutschland

Der_Troll

Über sich: Bitte keine Klickzirkelanfragen (bzw. Leserunden, wie das manche so gern umschreiben)

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Skandale gibt es in der Politik schon so lang ich denken kann. Da habe ich mit Freunden wie z.B. dem ciao-Autoren Mark_Oh schon manch eine heftige Diskussion geführt. Und schon immer haben Politiker versucht, sich da rauszureden. Manchmal mit mehr und manchmal mit weniger Rückhalt aus Reihen der eigenen Partei . Und die anderen Parteien nutzen auch jede Gelegenheit aus, ihre politischen Kontrahenten schlecht dastehen zu lassen. Nicht oft, hat es für manch einen Politiker das aus bedeutet. Einige aktuelle Beispiele sehen wir ja zur Zeit in Afrika. Aber ganz aktuell jetzt auch in Deutschland. Ich rede vom Stabsunteroffizier der Reserve Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg. Ich habe hier bewußt den vollständigen Namen genannt, wobei einem auffallen wird, daß ich zwei Buchstaben und einen Punkt weggelassen habe, da er momentan keinen Doktortitel innehat. Aber gerade das war ja der Auslöser des ganzen.

Zu Guttenberg, ein CSU-Politiker, ist am 5. Dezember 1971 in München geboren, und seit 2002 Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Als Bundesminister trat er erstmal 2009 in Erscheinung, als er das Amt des Wirtschaftsminister von Glos übernommen hatte. Mit der Bundestagswahl 2009 hatten sich die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag etwas geändert. Es kam zur schwarz-gelben Koalition und aufgrund der Koalitionsverhandlungen konnte zu Guttenberg sein Amt nicht länger fortführen. Aber er blieb im Kabinett der Bundeskanzlerin, die ihn auf den Posten des Verteidigungsministers setzte. Und auch da hat er sich schnell eingearbeitet. Und für meine Begriffe hat er dort eine sehr gute Politik gemacht. Zum einen hat er immer klar gesagt, was Sache ist, zum anderen hat er endlich das angefangen durchzusetzen, was schon seine ganzen Vorgänger (beginnend ab Volker Rühe) immer geplant hatten und aber nur in willkürlichen Ansätzen vorsichtig in Erwägung gezogen haben. Die große Bundeswehrreform. Ich gebe zu, daß mir selber vieles Bauchschmerzen bereitet, was der zu Guttenberg damit macht, aber ich bin mir bewußt, daß es sein muß, auch wenn es vielleicht zu meinem persönlichen Nachteil ist. Aber es wird endlich was gemacht. Und das ganz konsequent. Deutlichstes Beispiel für die Bevölkerung ist die Aussetzung der Wehrpflicht.

Aber auch so einer gewissen Fürsorgepflicht ist er weit mehr nachgegangen als jeder andere Vorgänger von ihn. So häufig wie er war keiner bei den Truppen im Auslandseinsatz usw.
Und er hatte es schon immer sehr schwer mit der Opposition, die diesen Spitzenpolitiker aber lange nicht kleinkriegen konnte. Da wurde versucht, alles was er tut, schlecht aussehen zu lassen. Von wegen, er würde alles nur für die Publicity tun usw. Und man hat deutlich gemerkt, daß die Opposition generell alles schlecht empfand. Bestes Beispiel war die Affäre mit der GorchFock. Da hat er ganz überraschend den Kapitän von seinen Pflichten entbunden. Hätte er es nicht getan, hätte er sicher aus Oppositionsreihen gehört, daß er bei so etwas doch einschreiten muß. Aber er hat es nun gemacht (auch wenn er den Kapitän dazu hätte vorher vernehmen müssen).
Aber er konnte sich immer gut behaupten, weil er klare Worte gefaßt hat und wirklich nachvollziehbare Beweggründe für sein Handeln hatte und weitgehend so eine Politik gemacht hat, wie sie besser kaum machbar ist. Das hat ihm auch in der Bevölkerung sehr beliebt gemacht. Und eigentlich hätte er nicht ohne weiteres kleingekriegt werden können.

Doch dann die krasse Wende. Die Plagiatsaffäre oder auch Copy&Paste-Affäre. Weil der zu Guttenberg halt so populär ist, kam mal einer auf die Idee sich mit seiner Doktorarbeit auseinanderzusetzen. Und dadurch kam ins Tageslicht, daß die ja nahezu wörtlich von anderen Quellen übernommen wurde. Gut am Anfang konnte er sich noch rausreden, daß er nur nicht korrekt gearbeitet habe, weil er übernommene Stellen nicht als Zitat gekennzeichnet habe.
An sich ist es ja auch legitim, andere Publikationen und Doktorarbeiten heranzuziehen und seine Arbeit darauf aufzubauen. Daher konnte man mit seiner Erklärung an sich zufrieden sein. Doch natürlich gab es dann Kreise, die sich das mal genauer angesehen haben. Und ehrlich gesagt kam mir das wie ein Dolchstoß vor. Nahezu die ganze Doktorarbeit war gefaked und aus verschiedenen Quellen einfach zusammengestellt und fremde Inhalte als eigene verkauft.
Was mir da besonders wehgetan hat, war, daß er dann nicht von Anfang an dazu gestanden hat. Er hat es ja noch runtergespielt als keinen Formfehler. Und dann schien er ja selbst überrascht zu sein, daß da so vieles zusammengestellt wurde. Da fragt man sich, ob er vorher den Inhalt seiner Doktorarbeit überhaupt kannte. Wo möglich ist er selber von einem Ghostwriter beschissen worden.
Und ich glaube, daß hat ihn bei der Bevölkerung am meisten geschadet. Er wurde eines Fehlers überführt, hat aber mit seiner Stellungnahme versucht nur so viel einzugestehen, wie er zu dem Zeitpunkt überführt wurde und dann kam raus, wie groß das Ausmaß ins Gesamt ist. Und dann die jüngsten Affären der Bundeswehr noch nicht ganz abgeschlossen, war da nun natürlich das gefundene Fressen für die Opposition, die beharrlich dessen Rücktritt oder Rauswurf forderte. Aber das hat er zwei Wochenlang ausgehalten und hätte das sicher auch aussitzen gekonnt. Aber um so überraschender nun sein Rücktritt, den er laut eigenen Angaben schweren Herzens aufgrund dieser Affäre gemacht hat.

Ich selber sehe das mit gemischten Gefühlen. Aber man muß das ganz klar differenzieren. Kann man sagen, daß seine übermäßig gute Politik seinen Fehler wettmacht? Das muß klar verneint werden. Ich stelle mir das jetzt wie vor Gericht in einem Strafprozeß vor. Da ist ein Gericht auch an den gesetzlichen Strafrahmen gebunden. Und wenn einer sonst noch so gut und sozial engagiert ist. Wenn er einer Straftat schuldig ist und verurteilt wird, muß er zumindest die Mindeststrafe dafür kriegen (sofern kein minderschwerer Fall vorliegt). Und ehrlich gesagt halte ich so etwas für einen schweren Betrug. Wenn ich das im Abitur oder im Examen gemacht hätte, hätte mir auch ein Strafprozeß gedroht. Und das gleiche gilt auch für Diplomarbeiten, Habilitationen usw. Und natürlich für eine Doktorarbeit. Das Minimum ist schon, daß er den Doktortitel aberkannt kriegt, wobei man da nicht zu viel wind rum machen sollte, da er ihn ja von sich aus freiwillig abgegeben hat. Und eigentlich müßte ihm auch noch ein Verfahren wegen des Betrugs drohen. Und das würde ich nicht beschönigen.

Aber muß er nun wirklich sein Amt aufgeben? Nun generell nein. Wenn ich jemanden einstellen wollte und die Person irgendwie negativ vorbelastet ist (sei es eine Eintragung im Führungszeugnis) ist es doch meine Sache, ob ich die Person trotzdem beschäftigen möchte oder nicht. Und so ist es da auch. Unsere Verfassung sagt eindeutig, daß der Bundeskanzler bestimmt, wer seine Minister sind. Und wenn Frau Merkel meint, er könne trotz allem und auch ohne den Doktortitel ein guter Minister sein, dann ist es ihre Entscheidung und sollte akzeptiert werden. Aber natürlich hat die Opposition da keine Ruhe gelassen. Das ist vermutlich die beste und einzige Chance, diesen Minister zu attackieren. Und dann nutzt man als Oppositionspolitiker das nun einmal aus.

Gut im Ansehen in der Bevölkerung hat zu Guttenberg so nach und nach abgebaut, aber wenn er sich wie ein typischer Politiker verhalten hätte, hätte er es einfach ausgesessen.

Um so überraschender der plötzliche Rücktritt, von dem ich (©Troll) gegen halb 11 Uhr heute plötzlich im Radio gehört habe. Er hat es persönlich als Konsequenz für sein Fehlverhalten dargestellt.

Wie ich das finde? Irgendwie bedauere ich das. Ich persönlich habe ihn als Verteidigungsminister sehr geschätzt und fand ihn mit Abstand als besten Verteidigungsminister, den wir zu meinen Zeiten je hatten. Und ehrlich gesagt habe ich momentan keine Vorstellung davon, wer das Amt jetzt übernehmen könnte. Vielleicht wird es das Comeback für Friedrich Merz. Oder ein ganz neuer Name wird in Erscheinung treten. Das müssen wir jetzt einfach abwarten.
Aber ich finde es sehr gut, daß sich der zu Guttenberg so entschieden hat. Vielleicht auch etwas der Druck von Politikern aus eigenen Reihen, die so Statements wie „viel darf er sich nicht mehr erlauben“ abgegeben haben. Oder mit der Unterschriftensammlung zahlreicher Doktoranten im Nacken. Aber vermutlich auch aus Selbsterkenntnis, Einsicht und (um es ihm positiv zu unterstellen) auch etwas Reue. Er hat es jedenfalls nun überraschend gemacht. Und ich finde es richtig, daß er sich so entschieden hat, so sehr ich es auch bedauere. Aber in Deutschland hat so ein Titel schon eine große Bedeutung und verlangt weit mehr ab, als es in zahlreichen anderen Ländern der Fall ist. Und das ganze würde nur ins Lächerliche gezogen werden, wenn er das Amt so fortführen könnte. So ein Betrug ist keine Bagatelle und sollte deutliche Konsequenzen nach sich ziehen. Und gerade als Politiker in so einem hohen Amt, kommt ja auch noch eine gewisse Vorbildfunktion hinzu. Und wie kann man Leuten bewußt machen, daß so ein Betrug nicht zu verharmlosen ist, wenn selbst so hochrangige Amtsträger ihr Amt einfach so fortführen, und man einfach drüber hinwegsieht, zumal ja nicht einmal klar ist, ob er ohne die vorgegaukelte Leistung in dieses Amt gekommen wäre. Wenn das so durchgehen würde, würde es ja förmlich zum Betrug aufrufen, so nach dem Motto „wenn es zufällig irgendwann mal rauskommt, gestehe ich es halt und gebe den Titel zurück. Bis dahin habe ich es aber mit Hilfe des Titels weit gebracht“

Und so zeigt der freiwillige Rücktritt von zu Gutenberg schon, daß er noch einen gewissen Anstand und Moralvorstellungen hat und für sich selbst entschieden hat, daß es das Beste ist. Und da stimme ich ihm zu und habe auch wirklich sehr viel Respekt vor der Entscheidung. Hätte er sich etwas früher dazu durchringen gekonnt, hätten es jetzt die ganzen Büttenredner zur Fastnacht aber wesentlich leichter gehabt, sich auf das Thema (um das man ja nicht rumkommt) einzustellen. Aber ich glaube, da muß man einfach die Flexibilität der Redner testen.
Aber auch wenn ich eben diesen Entschluß von ihm sehr positiv auffasse und finde, daß er sich damit durchaus wieder sehr gut darstellt, muß ich gestehen, daß ich es trotzdem ein bißchen kritisch sehe und noch hinterfrage, ob das nicht eine weitergehende Taktik ist. So könnte ich mir vorstellen, daß er sich bessere Aussichten ausrechnet, mal wieder in ein Amt berufen zu werden, wenn er jetzt etwas macht, worüber sich keiner mehr aufregen kann. Oder vielleicht merkt er, daß seine Reformen nicht so hinhauen, wie geplant (heute wurden zum ersten Mal Rekruten nur auf freiwilliger Basis eingezogen, von deren Anzahl zu befürchten ist, daß sie nicht den Bedarf deckt) usw. Wenn die Reformen nun nicht so positiv ausfallen, wie erhofft, muß dann ja nun ein ganz anderer Politiker den Kopf für hinhalten. Vielleicht hat man auch hinter den Kulissen dazu gedrängt. Denn dieses Jahr stehen ja mehrere Wahlen an. Und – auch wenn ich es selber nicht verstehen kann – viele Wähler machen bei jeder Wahl auch Dinge davon abhängig, die auf ganz anderer Ebene geschehen. So könnte sich das Verhalten des zu Guttenberg auch negativ auf manch eine Landtagswahl auswirken.

Alles in Allem muß ich sagen, war der zu Guttenberg in meine Augen einer der besten Politiker, die vieles beweg haben und auch mit ganzem Herzen das Amt ausübten. Sowohl in Bundeswehrkreisen als auch außerhalb, war er sehr beliebt. Selbst im Ausland, wie wir Dank wikileaks wissen. Lange schien er nahezu perfekt, wobei sich das mit einem Schlag änderte, als rauskam, daß er auch einen Schandfleck in seinem Leben hat. Und leider war der nicht nur eine Kleinigkeit, sondern eine große Lüge, die er täglich mit sich geschleppt hat. Eigentlich immer, wenn er irgendwo seinen Namen angegeben hat. Es wäre zwar jetzt interessant, mal die anderen Doktorarbeiten der Abgeordneten zu prüfen. Und ich bin sicher, daß da noch mehr ähnliche Fälle rauskommen werden. Aber ich sag mal so. Jeder, der betrügt, trägt das Risiko, daß es irgendwann mal auffliegt. Und beim zu Guttenberg war das nun einmal der Fall. Das ist sein persönliches Pech und er hat die Konsequenzen getragen. An sich finde ich das gut, nur aber auch bedauerlich, weil ich weiß, daß es keinen besseren Verteidigungsminister geben wird. Eigentlich hätte so etwas einfach nicht passieren dürfen. Daher sage ich nur: Es ist bedauerlich, aber es war auch in meinen Augen richtig, daß er zurückgetreten ist.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
romantikramona

romantikramona

20.05.2012 17:00

sh und lg

goofy3der1te

goofy3der1te

28.10.2011 23:24

Diesr Mann hatte keinerlei Anstand, er ist auch nicht freiwillig zurückgetreten, dazu fehlte ihm der Anstand und haz weiter gelogen!, er hatte nur den Adelsstand und die lange Deckung von der sogenannten "mutti", bis es Anhand der Beweise nicht mehr ging. Denn auf solche Blender baut man in der Politik scheinbar. Der gesamte Lebenslauf offenbahrt dieses Blendertum. Es gibt keine Adelstitel mehr in Deutschland, scheinbar aus gutem Grund! "So häufig wie er war keiner bei den Truppen im Auslandseinsatz usw." Da erwarte ich dann einen kritischen Bericht Ihrerseits, warrum ein solche im öffentlich rechtlichen inzeniet wurde, wie diese Gestalt eigentlich von Haus aus, denn Leistung, ............... wo denn?

goofy3der1te

goofy3der1te

28.10.2011 23:04

Dieser Satz sagt fast alles .......................................................................................................................... "Und so zeigt der freiwillige Rücktritt von zu Gutenberg schon, daß er noch einen gewissen Anstand und Moralvorstellungen hat und für sich selbst entschieden hat, daß es das Beste ist. "..................................................................................................................................... Sie verdrängen das wesentliche. Mehr Schein als Sein scheint das Optimum. Empfehle Ihnen die eigene Kritik an Ciao etwas weiter unten bei Ihrer Übersicht! Im Gegensatz zu Ihnen wieder ohne Bewertuung, den unterirdisch gibt es dort nicht. ............................................................................................................................ "von einem Gostwriter beschissen worden." ................................................................................................................. Geht es noch, wo fängt die Strafbarkeit an?

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