Über sich:Der Alltag ist wieder zurück, aber nebenbei erscheint viel Gutes, Blödes oder beides unterhaltsam Ve...
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Mali, Westafrika, im Frühjahr 1998: Samantha Colby, Doktor der Paläo-Anthropologie, einer noch jungen Wissenschaft, die sich auf die Auswertung vor- und frühmenschlicher Menschenknochen spezialisiert hat, macht in einer verschütteten Höhle den archäologischen Fund ihres Lebens. Unter dem Staub von Jahrzehntausenden kommt das perfekt erhaltene Skelett eines sehr seltsamen Urzeit- Bewohners zum Vorschein: Dieser Zwei-Meter-Mann mit seinem anachronistisch voluminösen Hirnschädel besaß zwar nur vier Finger an jeder Hand, trug aber ein kunstvoll und offensichtlich maschinell fabriziertes Artefakt bei sich, das buchstäblich nicht von dieser Erde ist.
Damit ist für die junge (und selbstverständlich bildhübsche) Frau, die ob ihrer Energie von den einheimischen Grabungshelfern vom Stamm der Dogon respektvoll "feuriger Dachs" genannt wird, klar, wen sie rufen muss, um diesen Fund gebührend zu würdigen: Dr. Jack Austin, ihren ehemaligen Lehrer, Mentor und Geliebter, der die Welt der Wissenschaft seit Jahren mit der Theorie malträtiert, die Erde sei vor Äonen von Aliens aus dem Weltall besucht worden, welche die damals noch reichlich unkultivierten Bewohner von den Bäumen geholt und zivilisiert hätten. Leider geschah dies vor so langer Zeit, dass sich bisher kein einziger schlüssiger Beweis dafür finden ließ. Nur halb vergessenes Wissen und verschüttete Erinnerungen konnte Austin seinen skeptischen Kollegen bieten. Die Strafe folgte auf dem Fuß: Der Rebell gegen das Kultur-Establishment wurde von der renommierten University of California an die Luft gesetzt und muss sich nun als akademischer Tagelöhner für eher obskure Lehreinrichtungen in Mittelamerika verdingen. Seinem missionarischen Eifer im Dienste der Wahrheit, die bekanntlich irgendwo da draußen liegt, hat dies keinen Abbruch getan. Unverdrossen sucht Austin nach den Bruchstücken einer untergegangenen Vergangenheit und leimt sie zu einer phantastischen Geschichte der Menschheit zusammen, wie er allein sie zu kennen glaubt.
Samantha ist schon lange auf Abstand zum Archäologen-Mulder Austin gegangen. Ihrer Karriere hat dies nur gut getan. Als hilfreich erwies sich zudem die Verbindung zum zwielichtigen Waffenhändler und -schmuggler Ben Dorn. Dieser bemüht sich seit einiger Zeit um einen guten Ruf und tritt als Mäzen diverser wissenschaftlicher Projekte auf. Die Liebesaffäre mit Samantha neigt sich allerdings ihrem Ende zu, da diese deutliche Indizien dafür entdeckt, dass Dorn trotz aller Beteuerungen, ehrbar werden zu wollen, im Herzen ein Lump geblieben ist und mit Wonne weiterhin allerlei Schurkenstreiche ausheckt - ein Zustand, den Samantha als blitzsauberes US-Mädel (Verzeihung: -Frau) und Vorbild für alle Gutmenschen dieser Welt keinesfalls dulden kann.
Auch in Mali ist Dorn mit von der Partie. Hier liefert er sich mit dem inzwischen angereisten Austin zwar sogleich einen Platzhirsch-Ringkampf um die wenig erfreute Samantha, erweist sich dann aber als Retter in prekärer Lage, als die Dogon sich plötzlich als Hüter des Geheimnisses um die Urzeit-Aliens entpuppen und die Herausgabe des wertvollen Artefaktes fordern. Dieses stellt sich wiederum als Teil eines holografischen Wegweisers heraus, der den Wissenschaftlern noch viel größere Wunder verheißt, die sich allerdings in der bolivianischen Ruinenstadt Tiahuanaco hoch in den Anden verbergen. So machen sich die Abenteurer auf nach Südamerika, wo Dorn alte Verbindungen spielen lässt und die Expedition ins Unbekannte ausgerechnet durch ein mächtiges Drogenkartell organisieren lässt. Das erregt die Aufmerksamkeit der CIA, die seit einiger Zeit in Bolivien tätig ist, um die dortigen Bösen heimlich zu bekämpfen, noch bevor sie das US-Mutterland besudeln. Samantha und Jack merken von alledem nichts. Reinen Herzens (und leeren Hirns) machen sie sich daran, das Alien-Rätsel zu lösen. Sie haben auch keine Ahnung, dass der niederträchtige Dorn längst insgeheim tückt, die außerirdischen Schätze ausschließlich zum Wohle der eigenen Geldbörse und möglichst medienwirksam auszubeuten. Dasselbe plant der verräterische Drogenboss, ein vertierter Unhold wie aus George Bush, jrs. Bilderbuch, was sehr bald eine wahrlich explosive Situation heraufbeschwört ...
Wie das wohl ausgehen mag? Lässt die kurze Inhaltsbeschreibung nicht unsere Spannung & Erwartung in nie gekannte Höhen steigen? Waaas - das kommt uns alles doch recht bekannt vor? Das kann nicht sein; würde der ehrwürdige Droemer-Verlag denn eine Geschichte recht kostenintensiv zwischen feste Buchdeckel pressen, wenn sie nicht etwas ganz, ganz Besonderes darstellte?
Das sind natürlich rhetorische Fragen, gewürzt mit Ironie, einem Stilmittel, das Ihr Rezensent gern einsetzt, wenn es gilt, Ärger nicht durch hässliches Fluchen abzureagieren, sondern trotz aller Lästereien halbwegs sachlich zu bleiben. Wie die Lektüre des hier vorgestellten Werkes belegt, kann dies zu einer echten Herausforderung werden, oder anders ausgedrückt: Wieviel Dummheit muss ein Mensch ertragen, bevor es ihm gestattet ist loszuschimpfen?
Auf der anderen Seite gebietet es der Anstand zu relativieren. Über Menschen mit gewissen Defekten sollte man sich nur in Maßen lustig machen. Leider fällt es schwer, Walt Becker in diesem Punkt richtig einzuschätzen. Ist er denn wirklich ein Jünger Graham Hancocks und anderer dubiosen Gestalten, die er so stolz in einer langen Literaturliste seinem Publikum nahe bringt? (Mittendrin: Charles Darwins "Die Entstehung der Arten" ... und der arme Kerl kann sich nicht mehr wehren.) Oder bedient er sich der beliebten, weil weder zu beweisenden, aber auch nicht zu widerlegenden These von der verschwundenen ersten Hochkultur der Menschheit - ob nun durch Außerirdische angeschoben oder nicht - nur, um seinem knallbunten Mystery-Vehikel einen Booster zwecks Durchstart zur Spitze der Bestseller-Listen zu spendieren? Das ginge in Ordnung, doch der durchgängig ehrfürchtige Unterton ob der trotz aller Sabotage seitens der verkrusteten "offiziellen" Forscher-Mafia endlich ans Tageslicht drängenden Archäofakten stimmt eher misstrauisch.
Denn "Missing Link" ist lupenreine, von objektiver Sachkenntnis kaum getrübte Fiktion. Beckers scheinbares Fachwissen ist selbst dort, wo er sich auf dem Boden wissenschaftlicher Tatsachen bewegt, sichtlich nur angelesen. Viel verstanden hat der Autor offenbar nicht; vielleicht liegt es aber auch an der unbeholfenen Umsetzung in eine Geschichte, vor deren Niederschrift der Verfasser ein ihm stets präsentes Schild mit der Aufschrift "Nur nicht originell werden!" in Augenhöhe angebracht haben mag. (Das wurde dann an den deutschen Übersetzer weitergereicht.) Statt dessen hastet er streng nach Schema F von einer pseudohistorischen Sensation zur nächsten und tischt seinen Lesern noch den ältesten Käse wieder auf. Wo immer auf dieser Welt einst Menschen geduldig schwere Steine hin und her bewegten, hatten die Außerirdischen ihre Finger im Spiel. Noch der baufälligsten frühgeschichtlichen Ruine wohnen komplexe Geheimbotschaften inne, mit denen die Zeitgenossen aus recht unerfindlich bleibenden Gründen den Standort der Wega zur Wintersonnenwende oder den galaktischen Kopfstand des Doppelspiralnebels Deconoate-XXL im Sternbild Ohweia alle 22.000 Jahre verschlüsselt haben. Mit Zahlen jongliert Jack Austin stellvertretend für alle Krypto-Archäologen dieser Welt voller Wonne - sie lassen sich so leicht gewinnen und beweisen scheinbar alles. Addiert man die zwölfeinhalbfache Kantenlänge der Cheopspyramide drei Mal zum Durchmesser des Westturms der Kreuzritterburg Akkon und multipliziert das Ergebnis mit dem Winkel, den der Mond zu Halloween um Mitternacht zum höchsten Tempelstein von Stonehenge einnimmt, erhält man exakt 4/5 des Abstandes, den der Merkur am 1. April zum dritten Mond des Jupiter hält - und dieser Wert lässt sich glatt durch die Zahl Pi teilen! Na, wenn das nichts zu bedeuten hat ...
Leider beharren die fantasielosen Skeptiker dieser Welt trotzdem auf etwas handfestere Beweisen, wie sie seit jeher durch langwierige und daher für unsere Kryptos langweilige Forscherarbeit der traditionellen Art gewonnen werden. Da ist es einfacher und auch viel spannender, sich jenseits aller durchaus berechtigten Zweifel - die Wissenschaft weiß längst nicht alles! - die exotischen Bröckchen aus der Weltgeschichte zu picken und ansonsten allerlei verwickelte Verschwörungen zu konstruieren, mit denen die Mulders dieser Erde seit jeher von "denen da oben" ausgebremst werden. Auch das kann sehr unterhaltsam sein, wird jedoch von Becker mit jenem Bierernst dargeboten, der den verbohrten Fanatiker kennzeichnet. Das Ergebnis ist immerhin ein Feuerwerk unfreiwilliger Heiterkeit, gemischt erneut mit einem gewissen Unbehagen, wie es sich z. B. in der Nähe erwachsener Menschen einstellt, die sich aus einem inneren Zwang heraus als Klingone oder Xena, die Wrestling-Prinzessin der US-Antike, verkleiden müssen.
Konsequenz beweist der Verfasser allerdings in der Figurenzeichnung: Sie fällt genauso flach wie die Geschichte aus, die wenig mehr als seitenlange Beschreibungen gar wundersamer Alien-Artefakte, Forscher mit durchsackenden Kinnladen und unbeholfene Verfolgungsjagden zu bieten hat. "Missing Link" ist das gedruckte Pendant zur vielleicht dümmsten TV-H(istorym)ystery-Show aller Zeiten: "Relic Hunter" mit B-Movie-Babe a. D. Tia Carrere in der Samantha Colby-Rolle - hübsch, klug, hübsch, selbstbewusst und hübsch, aber andererseits doch "klassischer" angelegt, weil trotzdem ganz Frau, d. h. nicht gar zu selbstständig und bereit, bescheiden in den Hintergrund zu treten, wenn echte Männerarbeit (Balzen, Prügeln, Schurkenkillen) ansteht. Jack Austin muss man sich wohl als Indiana Jones vorstellen, der nicht von Harrison Ford, sondern einem der minderen Baldwin-Brüder oder Richard Dean Anderson gespielt wird. Ben Dorn, das Schwein vom Dienst, böte sich als Comeback-Chance für Mickey Rourke an.
Auf Hollywood wird hier mit Bedacht Bezug genommen, denn "Missing Link" ist eindeutig bereits als Drehbuch-Vorlage konstruiert. Das kommt nicht von ungefähr; Becker kommt vom Film und hat u. a. in 2000 als Autor und Regisseur in Personalunion eine Möchtegern-Komödie mit dem schönen Originaltitel "Buying the Cow" in den Sand gesetzt. An blöden Details für einen Kinostreifen der Güteklasse "Resident Evil" oder eine wirklich erfolgreiche Fernseh-Serie wurde denn auch in "Missing Link" nicht gespart - von wilden Wumba-Wumba-Negern über Aye- Caramba-Desperados bis hin zu CIA-Geheimagenten, wie der kleine Max sie sich vorstellt, fährt Becker alles auf, was dem Trash-Fan lieb und teuer ist. Man werfe ihm aber nicht vor, er verfüge über keinen Sinn für Humor oder verstehe es nicht, seinen Figuren Konturen zu verschaffen - ist es nicht ein dramaturgischer Geniestreich, den knorrigen General Wright (da sitzt eine prima Rolle für Charlton "Im-Alter-spiele-ich- alles" Heston drin!) mit quälenden Hämorrhoiden zu schlagen? Und der finstere Drogenbaron ist nicht nur Meuchelmörder aus Passion, sondern zwingt des Nachts gern - ho-ho, wir trauen uns als Autor aber was! - die eigene Nichte ins Lotterbett. Zwischen Helden und Bösewichten tummeln sich ansonsten die üblichen Kumpane & Spießgesellen - gesichtsloses Kanonenfutter, das in regelmäßigen Abständen über die Planke geschickt wird, um den Hauptpersonen Gelegenheit zu publikumswirksamen Abschiedsszenen, Racheschwüren und sonstigen Gefühlsausbrüchen zu geben. Dazu gibt's als Sahnehäubchen eine brüllkomische "Sexszene" (Höhepunkt & Finale: "Dann fiel ihr Kopf zurück in das dicke Polster aus Moos, und sie wurden eins.")
Warum wurde aber nun gerade "Missing Link" zwischen feste Buchdeckel gepresst? Einerseits sind Mystery-Thriller mit Hightech-Elementen gerade in und versprechen Publikum und Profit. Andererseits hat der Droemer-Verlag Pech gehabt und keinen Michael Crichton oder Philip Kerr mehr abbekommen. Selbst John Darnton oder Petru Popescu sind schon anderweitig unter Vertrag. Nur Walt Becker war noch zu haben, und so hat man es eben mit ihm versucht - es werden schon genug zahlende Leser darauf hereinfallen! Da können wir fast schon sicher sein, dass auch Beckers verheißungsvolles Zweitwerk bald seinen Weg zu uns finden wird - ein Justiz-Drama, das er gemeinsam mit dem Ex-Verteidiger von O. J. Simpson verfasst ...
Wer mehr erfahren möchte, werfe einen Blick auf die sehr professionell gestaltete Website www.waltbecker.com. Da gibt es für den jungen Menschen von heute einiges darüber zu lernen, wie man eine Karriere in der Unterhaltungs-Industrie einstielt! Ansonsten bleibt nur noch der Rat anzufügen, doch besser auf die Taschenbuch- Ausgabe von "Missing Link" zu warten, da selbst der ausgewiesene Trash-Freund nicht gar zu viele Euro für seine Wochenration Schwachsinn ausgeben möchte!
Originaltitel: Link (New York : Morrow 1998) Droemer Verlag Deutsche Erstausgabe: Sommer 2001 Übersetzung: Helmut Splinter 463 S. EUR 22,90 ISBN 3-426-19579-8
also dieses phänomenale Rechenbeispiel hat mich tief beeindruckt, das sind eben Dinge, die die Welt beschäftigen...*g* Also bis zum ersten Absatz der Inhaltsangabe hat es sich noch spannend angehört-das Buch- aber dann...grandioser Bericht über ein scheinbar grottenschlechtes Buch! *mfg*
Hallo !
Ein sehr unterhaltsamer und exzellent verfasster Bericht!
Mist...und wie kann ich Deinen Bericht noch toppen? Ich wollte doch auch einen Bericht verfassen :o(
13.02.2010 14:59
Wow, sowas nenn ich mal ausführlich. Klasse
14.08.2003 23:46
also dieses phänomenale Rechenbeispiel hat mich tief beeindruckt, das sind eben Dinge, die die Welt beschäftigen...*g* Also bis zum ersten Absatz der Inhaltsangabe hat es sich noch spannend angehört-das Buch- aber dann...grandioser Bericht über ein scheinbar grottenschlechtes Buch! *mfg*
17.02.2003 05:42
Hallo ! Ein sehr unterhaltsamer und exzellent verfasster Bericht! Mist...und wie kann ich Deinen Bericht noch toppen? Ich wollte doch auch einen Bericht verfassen :o(