Der Ethnologe K. Lorenz prägte für eine Gruppe von Tieren, die Angriffe auf ein einzelnes Tier ausführten, um dieses zu verscheuchen, den Ausdruck 'Mobbing'. Ein schwedischer Arzt, Peter-Paul Heinemann, übernahm diesen Ausdruck zur Beschreibung des Verhaltens von Kindern auf dem Schulhof. Diese Studien führte er in den 60er und 70er Jahren durch.
Sie beschrieben ein Gruppenverhalten von Kindern, das sehr rohe Züge trug und so weit ging, dass es für ein davon betroffenes Kind in einer auswegsamen Situation zuweilen mit dem Selbstmord endete. Sein Buch über diesen sozialen Prozess nannte er
'Mobbing - über Gruppengewalt bei Kindern'. Der schwedische Arbeitswissenschaftler und Mobbing-Pionier Professor Heinz Leymann knüpfte daran an, um ähnliche Vorgänge in der Arbeitswelt der Erwachsenen zu entdecken und zu systematisieren.
Von Mobbing (von to mob → anpöbeln, herfallen über) spricht die Arbeitsmedizin erst, wenn die Angriffe auf eine Person systematisch und über einen längeren Zeitraum erfolgen, Psychoterror, Schikanen und Intrigen zur Routine werden. Viele Menschen sind davon betroffen. Sie werden von Selbstzweifeln geplagt und verlieren ihr Selbstvertrauen und werden krank. Doch Mobbing hat nichts mit der Persönlichkeit des Opfers zu tun. Es kann jeden treffen. Mit Mobbing wird ein Prozess bezeichnet, der mit einem Konflikt anfängt, der aber in typischer Form eskaliert und sich verselbständigt. Der Verlauf richtet sich spätestens nach längerer Laufzeit immer nur auf einen Betroffenen, der daraufhin sozial stigmatisiert und oft aus dem Arbeitsleben ausgestoßen wird, ohne Beachtung arbeitsrechtlicher Gesetze. Der Tatbestand des Mobbings ist erfüllt, wenn ein Betroffener mindestens einmal in der Woche mindestens ein halbes Jahr lang von einer oder mehreren Personen attakiert wird.
Das Kriterium 'halbes Jahr' kann man nun mal erst nach einem halben Jahr erkennen, dann ist es aber oft schon zu spät.. Auch wenn die Handlungen hinterher als Mobbinghandlungen erkannt werden, in der Erinnerung verschieben sich Handlungen und vor allen ihre Interpretation. Mobbinghandlungen werden oft auch variiert und nicht regelmäßig ausgeführt, sondern der Wechsel macht die Angriffe so 'effektiv', so unberechenbar und für den Außenstehenden so gut wie unsichtbar. Es gibt viele Fälle von psychischem Terror im Betrieb, der sich in kürzerer Zeit als einem halben Jahr zuspitzt. Auch wenn jemand nur ein oder zwei Monate intensivem Terror ausgesetzt ist, der ihn in die Krankheit, in die Arbeitslosigkeit, Frührente oder schlimmstenfalls in zu einem Selbstmordversuch treibt, ist er ein Mobbingopfer.
Mobbing ist immer strategisch, also bösartig. Mobbing macht mürbe und erzeugt dauernde Angst, nackte Existenzangst. Selbst ganz alltägliche Handlungen, denen man/frau 'mobbende' Effekte nicht zutraut, können einen Menschen zerbrechen. Die Angriffsformen lassen sich in drei Themenbereiche zusammenfassen:
Die Kommunikation einschränken: Nicht mehr mit jemandem sprechen oder die Kommunikation übertreiben (schreien, brüllen), ständig Kritik an der Arbeit und/oder Privatleben oder nur noch schriftlich kommunizieren.
Das Aussehen angreifen: Schlecht über jemanden reden, Gerüchte verbreiten, sich lustig machen über ihn, Rufmord oder sexuell belästigen.
Die Arbeitsaufgabe manipulieren: Kränkende Aufgaben, gefährliche Aufgaben, unlösbare Aufgaben, sinnlose oder gar keine Aufgaben.
Der Prozess des Mobbings wird in vier Phasen unterteilt, am Anfang steht immer ein Konflikt, ohne Konflikt kann kein Mobbingverlauf entstehen. In der ersten Mobbingphase werden ungelöste Konflikte umgangen. Es wird nicht sachlich diskutiert, sondern mit allen 'Mitteln' gekämpft. Zwischen den Konfliktpartnern besteht noch ein Geichgewicht
In der zweiten Mobbingphase ist der ursprüngliche Konfliktauslöser vergessen. Die aggressiven Verhaltensweisen werden beibehalten. Ein Konfliktpartner zeigt Schwächen und verliert seine Widerstandskraft. In der dritten Mobbingphase gibt der passiv Gemobbte seinen Widerstand auf und die aktiv mobbenden verlieren den Respekt ihm gegenüber, überschreiten seine persönlichen Grenzen und akzeptieren ihn als nicht mehr als gleichwertig.
In der vierten Mobbingphase übernimmt der Gemobbte die Sichtweise des Mobbers und wird über seine 'Wertlosigkeit' depressiv und verzweifelt. Er wird aus dem Betrieb ausgestoßen oder 'flüchtet' (wird krank, kündigt, begeht Selbstmord). Die Mobber werden dadurch in ihrer Negativannahme bestätigt. Mobbing kann jeden treffen und hat mit der Persönlichkeit des Opfers nichts zu tun. Gerüchte, vor allem Faulpelze oder Einzelgänger seien Intrigen ausgesetzt, stimmen nicht. Allerdings sind Menschen gefährdet, die sich auf irgendeine Weise von anderen unterscheiden.
Arbeitspsychologisch gesehen gibt es kein typisches Opfer, es trifft Männer ebenso wie Frauen. Die typischen Angriffe richten sich gezielt gegen die Kraftreserven der Opfer, die unter anderen Bedingungen nicht zu Opfern geworden wären. Erst im Laufe des Konfliktes entscheidet sich, wer mobbt oder gemobbt wird. Hätten die Mobber weniger Kraftressourcen, wären sie zu Opfern geworden. Frauen mobben genauso oft, aber anders. Es wird sich über Figur, Stimme, Kleidung etc. lächerlich gemacht. Hinter dem Rücken wird gehetzt, getuschelt, die Gerüchteküche angeheizt. Die Kollegin wird verunsichert, Fehler oder auch vermeintliche ausgewalzt, sie wird ständig unterbrochen.
Männer mobben, indem sie den Kollegen ignorieren, wie Luft behandeln, ihn übergehen, seine Leistung herabqualifizieren, Lebensweise und Standpunkte mit zynischen Bemerkungen kommentieren oder ihm Arbeiten geben, über die er im Unklaren gelassen wird. Auch sexuelle Belästigung ist Mobbing. Hierbei werden Frauen abgewertet und erniedrigt. Wenn sie sich wehren, müssen sie mit negativen Folgen rechnen. Sie werden doppelt zu Opfern, von den Tätern erniedrigt und wenn sie sich wehren, sind sie Anfeindungen im Betrieb ausgesetzt.
Fast alle Mobbingopfer erkranken und viel finden nicht mehr die Kraft weiterzukämpfen. Sie leiden an Magen- und Darmbeschwerden, Depressionen, Schlafstörungen, greifen in ihrer Verzeiflung zu Alkohol, Drogen und Medikamenten. Die Suchtgefahr ist in dieser belastenden Situation sowieso größer. Mobbingopfer brauchen soziale Unterstützung im Privatleben, Freunde und Familie können das Selbstvertrauen aufbauen. Wichtig ist es, am Arbeitsplatz Vertrauenspersonen zu suchen, um Rückendeckung zu haben.In einigen Städten haben sich Selbsthilfegruppen gegründet, in denen Betroffene gemeinsam über ihre Probleme reden können, zu merken, dass sie in ihrer Situation nicht allein sind.
Auch ich war mal eine 'Vertraute' einer Frau, die gemobbt wurde. Selbst für mich war der psychische Druck kaum auszuhalten, denn ich stand ständig 'zwischen den Stühlen'. Es endete dann damit, dass mir ihre Position angeboten wurde. Natürlich hinter ihrem Rücken...ich sollte ihr nichts davon erzählen. Ich habe daraufhin den Arbeitsplatz gewechselt. Eigentlich muss das Übel dort bekämpft werden, wo es entsteht, also innerhalb der Betriebe. Motivation statt Dauerkritik,Teamgeist statt Konkurrenzdruck, demokratische Strukturen statt starrer Hirarchien, offene Kommunikation statt Schweigen. Mobbing darf garnicht erst praktiziert werden, denn Mobbing macht krank.
Es ist natürlich so, dass Selbsthilfegruppen und Unterstützung von Freunden etc. zusätzlich erfolgen soll. Mobbingopfer müssen sich immer professionelle Hilfe suchen, denn sie sind traumatisiert aufgrund ihrer schlimmen "Erlebnisse" und fallen aus ihrem gewohnten Lebensrythmus heraus. Die meisten Mobbingopfer erkranken an PTSD - post-traumatic stress disorder, also an posttraumatischer Stressbelastung. Anhand von Untersuchungsergebnissen zeigen diese somatischen und psychischen Symptombilder gleiche Merkmale wie die, die Menschen haben, die Krieg, Katastrophen etc. miterlebt haben.
Das zum Schluss noch einmal zur Verdeutlichung der Problematik und den Folgen.© chris10
20.05.2003 20:15
Sehr, sehr gut beschrieben, vor allen Dingen sehr deutlich und es kommt mir so wahnsinnig bekannt vor.
15.04.2003 23:46
Leider kein unbekanntes Thema für mich. Ich bin leider auch mal einige Jahre lang mal in einem Betrieb gemobbt worden, so dass der letzte Ausweg war, diesen freiwillig zu verlassen, trotz finanzieller Einbußen.
22.11.2002 22:44
Oftmals sind aber nicht die Gemobbten die Opfer. Ein "mieser Typ" kann schnell das ganze Betriebsklima ruinieren.