Erfahrungsbericht über

Momo - Ein Märchen-Roman / Michael Ende

Gesamtbewertung (54): Gesamtbewertung Momo - Ein Märchen-Roman / Michael Ende

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Soviel Zeit muss sein

5  05.06.2002

Pro:
wunderschön geschreiben, ergreifend

Kontra:
leider zum Kinderbuch abgestempelt

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

Niveau

mehr


Duvie

Über sich: "Schöner Bericht" und "Liebe Grüße" in 'nem Kommentar sind ebenso spannend wie G...

Mitglied seit:30.04.2000

Erfahrungsberichte:514

Vertrauende:66

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 67 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Menschen hasten durch graue Straßen, zwischen grauen Betonbauten in grauen Anzügen. Doch irgendwo unter ihnen lebt ein Kind, das diesem Alltag noch nicht erlegen ist, das noch träumt und das nahezu anarchisch standhält, in einer Welt, in der das Geld regiert. Und frei dem Motto „Zeit ist Geld“ ist eine Gesellschaft entstanden, irgendwo im Untergrund, unbemerkt, heimlich, eine Gesellschaft, die die Menschen zittern ließe, würden sie sie bemerken. Eine Gesellschaft von grauen Herren, die den Menschen die Zeit stehlen, unheimliche Verträge mit ihnen abschließen und auf Kosten der Lebenszeit anderer ihr Leben fristen.
Sie tauchen auf – aus dem Nichts – überzeugen einen eben noch glücklichen Menschen, von seinem Leid, überreden ihn seine Lebenszeit „sinnvoller“ zu nutzen und verschwinden wieder – ins Nichts. Und wie sie gehen, erlischt auch die Erinnerung an sie und der Besuchte weiß nur noch von seinem neuen Lebensentschluss „Zeit zu sparen“.
Und das Kind zwischen ihnen? Dieses Kind nennt sich Momo. Ein an Geld armes aber an Zeit reiches Mädchen, das ohne Vater und Mutter im alten Amphitheater einer Stadt lebt. Eines Tages war sie da und die Menschen haben sie ins Herz geschlossen und sich um sie gekümmert. Ganz besonders ihre Freunde Beppo Straßenkehrer und Gigi Fremdenführer.

Als unsere Geschichte beginnt, ahnte keiner, wie gefährlich die grauen Herren einmal sein würden, schließlich bemerkte sie keiner, niemand nahm sie wahr. Aber dann trifft Momo auf einen von ihnen. Er erliegt ihrer faszinierend Eigenschaft anderen so zuhören zu können, dass diese immer weiterreden wollen und verrät ihr die wichtigsten Geheimnisse seiner Gesellschaft. Von diesem Moment an ist Momo der schlimmst Feind der grauen Herren, sie allein kann sie erkennen und jeder, der ihrer Geschichte glaubt, kann ihrem Bann ebenso entkommen.
So beschließen die grauen Herren das Mädchen zu jagen, der mit Hilfe einer kleinen Schildgröße die Flucht aus der Zeit und somit aus dem Einzugbereich der grauen Herren gelingt.
Als die grauen Herren begreifen, dass an die kleine Momo so nicht heranzukommen ist, beginnen sie, sie auf andere Art zu bekämpfen. Sie nehmen ihr das Kostbarste, das sie besitzt – ihre Freunde. Gigi wird Fernsehstar und Beppo bringen sie durch eine Lüge dazu, all seine zeit seinem Beruf zu widmen.
So ist Momo völlig einsam, als sie von Meister Horas, dem Verwalter der Zeit, den sie nach ihrer Flucht kennengelernt hat, zurückkehrt.
Doch die kleine Momo wird trotzdem nicht zum Opfer der grauen Herren, ihr Glaube an die Welt und ihre Freunde geht nicht verloren und dank ihrer Zuversicht findet sie den Mut sich gegen die grauen Herren zu wehren und für das Glück der Menschen zu kämpfen.

Mehr zu Handlung verrate ich nicht, obwohl ich zugeben, dass das hier noch sehr rudimentär ist. Doch wer das Buch oder den Film, bzw. das Hörspiel noch nicht kennt, dem möchte ich dieses atemberaubende, phantastische Märchen nicht durch zu viele Details rauben!

Das schönste an Momo ist neben der wundervollen Wortwahl Michael Endes, vor allem, dass er so grundlegende Dinge, der Welt heute angesprochen hat. Ohne anzuklagen oder deutlich darauf hinzuweisen, macht er darauf aufmerksam, dass Eltern über ihre Arbeit immer häufiger ihre Kinder vergessen, dass erfüllende Dinge im Leben oftmals zurückgestellt werden, weil sie angeblich zu zeitintensiv sind.
Das absurde an diesem Buch ist, dass die Leute verbissen Zeit sparen, für irgendwelche späteren Zeiten, von denen man nicht weiß, wann sie kommen sollen und sich dabei nicht einmal Gedanken machen, wozu sie diese Zeit überhaupt verwenden möchte.
Und so verlernen die Menschen in Momos Stadt schließlich fast das Leben zu lieben, noch schlimmer, sie machen ihre Kinder zu Maschinen, versuchen sie durch kostspieliges phantasieloses Spielzeug ruhig zustellen….kommt uns das bekannt vor?

Wenn man Endes Dialogen folgt, hat man oftmals das Gefühl eine der Personen tatsächlich sprechen zu hören und das halbverfallene Amphitheater entsteht vor einem. Ende wirkt mit solch einer Wortkraft, dass es erstaunt, wie ein Buch auf einem Niveau geschrieben sein kann, dass gleichermaßen Erwachsene wie auch Kinder fordert, ohne zu überfordern.
Wörtliche Rede ist in diesem Buch ohnehin ein häufig genutztes Stilmittel, was manchen Sequenzen eine szenische Tiefe verleiht und den Leser noch enger mit den handelnden Figuren verbindet. Ebenso kann es einen schütteln, wenn eine der kalten schnorrenden Stimmen der grauen Herren sich in den Gehörgang zu schlängeln scheint – ja etwa so fühlt sich das an.

Ebenfalls einmalig gelungen sind Michael Ende die Überschriften für die Kapitel, die neugierig machen, nie zuviel verraten, aber immer zumindest kleine Hinweise geben. Außerdem sind sie sehr originell und geben dem Buch einen zusätzlichen Pfiff. Alles in allem besteht das Buch aus 3 Teilen mit insgesamt 21 Kapiteln, die sich hinter Überschriften wie „Momo kommt hin, wo die Zeit herkommt“.

Doch in der zauberhaften Geschichte der lockenköpfigen Momo befinden sich noch zahlreiche weitere Geschichten, z.B. von einem ungeheuerlichen Seekampf, den Momo mit einigen Kindern in ihrer Fantasie durchlebt, als sie eines Tages von einem schauderhaften Gewitter heimgesucht werden.
Dann sind da noch wundervolle Märchen, die Gigi nur für Momo erfindet – und später verkauft, doch das sollt ihr ja selbst nachlesen.

Recht anspruchsvoll ist auch ein Rätsel, das Meister Horas Momo aufgibt, mal sehen, vielleicht könnt ihr es ja lösen; wenn nicht habt ihr zumindest einen kleinen Einblick in das sprachliche Geschick Endes gewonnen:

Drei Brüder wohnen in einem Haus,
die sehen wahrhaft verschieden aus,
doch willst du sie unterscheiden,
gleicht jeder den anderen beiden.
Der erste nicht da, er kommt erst nach Haus.
Der zweite ist nicht da, er ging schon hinaus.
Nur der dritte, ist da, der Kleinste der drei,
denn ohne ihn gäb’s nicht die anderen zwei.
Und doch gibt’s den dritten, um den es sich handelt,
nur weil sich der erst’ in den zweiten verwandelt.
Denn willst du ihn anschaun, so siehst du nur wieder
Immer einen der anderen Brüder!
Nun sage mir: Sind die drei vielleicht einer?
Oder sind es nur zwei? Oder ist es gar – keiner?
Und kannst du – mein Kind – ihre Namen mir nennen,
so wirst du drei mächtige Herrscher erkennen.
Sie regieren gemeinsam ein großes Reich –
Und sind es auch selbst! Darin sind sie gleich.

Da bin ich mal gespannt, wer von euch, das auf die Schnelle löst.

Zum Abschluss meines Berichts, möchte ich noch auf die Illustrationen im Buch eingehen. Bis auf das Titelbild – das bei allen Momo-Ausgaben, die ich kenne gleich ist (Momo, mit der Schildkröte in einer großen Stadt aus Uhren) und sehr treffend, wie ich finde – hat Michael Ende alle Bilder selbst gezeichnet. Es handelt sich um einfache schwarz-weiß Zeichnungen, die meist zwischen zwei Kapiteln auftreten und etwas mit dem unmittelbaren Zusammenhang zum folgenden oder vorrausgehenden Kapitel zu tun hat. Sie sind immer sehr liebevoll erstellt und haben zumeist eine witzige Komponente (z.B. basteln die Kinder Schilder für eine Demonstration, mit flotten Sprüchen und goldigen Rechtschreibfehlern).

Das Buch ist sowohl im Festband, wie auch als Taschenbuch erhältlich.
Meine Ausgabe wurde vor vielen Jahren beim Bücherbund gekauft – aber Momo findet sich selbstverständlich in jeder Buchhandlung.

Bei amazon.de kostet das Buch zwischen 8 und ca 15 Euro, je nach Ausgabe.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
ausforming

ausforming

17.06.2003 19:59

Naja, fast:)

ausforming

ausforming

17.06.2003 19:58

Das Buch hab ich noch nicht gelesen, den Film vor langer zeit einmal gesehen. Mal sehen, von Michael Ende hab ich glaube ich noch gar nichts gelesen, nur die Filme kenn ich. Dann versuch ich mich mal am Rätsel (auch wenn ich davon ausgehe, dass das schon jemand richtig gelöst hat;) Tag, Dämmerung, Nacht:)

Lost_Hero

Lost_Hero

24.06.2002 00:08

Das Buch ist einfach toll, find' ich, sowie eigentlich auch alle anderen Bücher von Michael Ende. Die Verfilmung ist auch nicht schlecht, aber gerade bei den Büchern von Michael Ende merkt man (z.B. auch bei der "Unendlichen Geschichte"), dass in Büchern unendlich mehr drinsteckt als in der besten Verfilmung. Weil ein paar bewegte Bilder können, sollten sie auch noch so ausgefeilt und durchgestylt sein, die Phantasie des Einzelnen nie und nimmer ersetzen. So, dieses kleine Pladoyer musste jetzt sein ;) Gruß, Patrick

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