Allein gegen Bollywood... (DVD)
16.02.2003
Pro:
unterhaltsam, humorvoll, z . T . bewegend, aktuell, genau beobachtend, DVD - Ausstattung
Kontra:
verwirrende große Zahl der Darsteller und der Handlungsstränge; sehr lang
Empfehlenswert:
Ja
 mima17
Über sich:
Mein jüngster Bericht: "Titan-21" (Buch). +++ Die "Königin der Träume" hungert n...
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Die reiche indische Familie Verma will ihre älteste Tochter Aditi endlich verheiraten. Alles ist vorbereitet für ein gigantisches Fest. Doch Aditi hat andere Pläne: Sie würde am liebsten mit einem Mann vom Fernsehen durchbrennen. Ob doch noch alles gut wird? Filminfos °°°°°°°°°
O-Titel: Monsoon Wedding (Indien, 2001), DVD: 1/2003 FSK: ab 12 Länge: 109 Min. mit 4 Min. Abspann Regisseur: Mira Nair ("Salaam Bombay", 1987, und "Kama Sutra", 1994/95) Produzentin: Mira Nair, Caroline Baron Drehbuch: Sabrina Dhawan Musik: Mychael Danna und diverse Künstler Darsteller: Naseeruddin Shah (Lalit Verma), Vijay Raaz (P.K. Dubey), Vasundhara Das (Aditi Verma) u.a. Handlung °°°°°°°°°
Der wohlhabende indische Manager Lalit Verma (N. Shah) hat alles für die Hochzeit seiner Tochter Aditi (Das) vorbereitet. Er hat sogar ein Event Manager namens P.K. Dubey (Raaz) engagiert, um die Vorbereitungen in die Hand zu nehmen. Den scheucht er nun durch die Gegend, nervös, wie Väter eben zu solchen Anlässen sind. Doch P.K. Dubey kommt aus einer der unteren Kasten Indiens; er ist einsam, denn er hat keine Frau. Lediglich seine Mutter lebt mit ihm zusammen. Da sie sich ständig beklagt, sie wolle eine Schwiegertochter haben, hat P.K. ein schlechtes Gewissen. Da fällt sein Auge auf die reizende Alice, das Hausmädchen der Familie Verma. Zwischen den beiden erblüht eine Romanze. Daher kommt es am Schluss zu einer Doppelhochzeit. Doch die Art und Weise, wie Reiche und Arme heiraten ist grundverschieden und zeigt die vielfältigen Kontraste der indischen gesellschaft auf.
Auch die Braut, Aditi (V. Das), ist reichlich nervös. So eine arrangierte Heirat ist schon was Merkwürdiges, wenn man im "Cosmopolitan" über die Selbstbestimmung der Frau liest. Aditi will lieber ihrem Herzen folgen und einen sympathischen Fernsehmoderator heiraten. Doch der romantische Ausflug ins Grüne wird abrupt von zudringlichen Polizisten unterbrochen. Kann Aditi der Schande entgehen, als Braut am Vorabend ihrer Verheiratung fremdgegangen zu sein? Und dann erzählt sie auch noch ihrem Bräutigam davon? Kann es schlimmer kommen? Es kann! Im Verma-Haus ereignet sich ein weiteres Drama. Ria, die intellektuelle Adoptivtochter der Vermas, beobachtet entsetzt, wie der Freund des Hausherrn ihres Beinaheschwester umschmeichelt und verführt. Sie bezichtigt den Hausfreund, sie einst selbst missbraucht zu haben und dies nun bei ihrer Schwester wieder zu versuchen. Diese Anschuldigung ist natürlich für ihren Adoptivvater extrem unangenehm: Er muss zwischen ihr und einem alten Freund der Familie wählen.
Diese Hochzeit scheint eine mittlere Katastrophe zu werden. Ob doch noch alles gut wird? Die DVD °°°°°°°
Technische Infos Bildformate: 1,78:1, 16:9 Tonformate: Dolby Digital 5.1 Sprachen: Engl., dt. Untertitel: dt. Extras:
- Behind the scenes: ein Making-of - Produktionsnotizen: Hintergrundtexte über die Entstehung des Films - Cast & Crew: Infos über 11 Darsteller und die Regisseurin - Der Monsun: ein Prosatext - Der indische Film: Filmgeschichte Indiens (Text) - Bollywood Basics: ein Verzeichnis der wichtigsten Begriffe aus Bollywood-Herzschmerzopern - Originaltrailer - Videovorschau (5 Trailer) Mein Eindruck °°°°°°°°°°°°°°
Mira Nair ist eine intelligente, gebildete und mutige Frau. Sie riskierte für diesen ihren Film sehr viel und gewann dafür einen Löwen beim Biennale-Filmfestival von Venedig. In Indien wollte man nichts von ihrem Film wissen: Er passt nämlich überhaupt nicht zu den Normen, die Bollywood entwickelt hat. Diese schreiben eine realitätsferne Herzschmerz-Seifenoper vor, die strengen Regeln folgt. Den indischen Filmgewaltigen schien der Misserfolg von Nairs Konzept vorprogrammiert zu sein. Also musste sie selbst Geld zusammenkratzen und einen Großteil ihrer eigenen weitläufigen Verwandtschaft als Statisten einspannen. Trotz oder gerade wegen dieses persönlichen Einsatzes ist ihr ein schöner Film gelungen, der selbst für westliche Augen und Gehirne zahlreiche Reize bietet.
Den Film zu genießen, ist am Anfang einfach, doch mit der wachsenden Zahl der insgesamt fünf parallel laufenden Geschichten und den insgesamt 68 Schauspielern (Statisten nicht mitgerechnet) wird die ganze Sache ein wenig ermüdend. Am besten eine kleine Pause einlegen! Dafür hat Nair selbst schon in weiser Voraussicht gesorgt: Wenn die Action zu bunt und vielschichtig wird, streut sie eine Passage von Straßen- und Nachtimpressionen aus Neu-Delhi ein. So lernen wir auch ein wenig die Dynamik indischen Lebens kennen. Die Darsteller spielen allesamt glaubwürdig und jederzeit mit Freude und Engagement. Die schwierigsten Männer-Rollen haben sicherlich Lalit Verma und P.K. Dubey - sie müssen ihr Mienenspiel subtil und ausdrucksvoll einsetzen, jeden Satz, jedes Wort richtig betonen. Die wichtigsten Frauen-Rollen sind die von Aditi und Ria, vielleicht auch die ihrer beider Mutter. Doch Aditi und Ria sorgen für erhebliche Spannungen in der Familie Verma; ihre Darstellerinnen müssen dies glaubwürdig vermitteln. Das gelingt ihnen ebenfalls. Überhaupt gehen alle 68 Schauspieler in ihren Rollen auf.
Schauwerte Indien ist ein reiches Land, nicht nur was seine einzigartige Natur angeht, sondern auch seine Menschen. Die höchsten Schauwerte des Filmes sind daher einerseits der schönen Natur (Pflanzen, Vögel) entliehen, andererseits aber auch mit Frauen verbunden. Viele der gezeigten Frauen haben in irgendeiner Form einen Auftritt: Da singt die Tante ein traditionelles Liebeslied, dort legt die junge Nichte eine heiße Sohle aufs Parkett. Ayeshas Auftritt als eine Art weltliche Tempeltänzerin nimmt so viel Raum ein, dass man schon auf das Ende der Show wartet - eigentlich unfair. Aber der Surround-Sound in DD 5.1 macht ihre Tanzdarbietung zu einem Erlebnis.
Die DVD Die auf der deutschen DVD mitgelieferten Hintergrundinformationen sind durchweg hilfreich und sehr willkommen. Das Feature "Behind the scenes" muss das herkömmliche Making-of ersetzen. Man sieht niemanden, der gerade am Film oder am Drehort arbeitet, sondern erhält Filmausschnitte und zahlreiche Statements, besonders von der Regisseurin. Dabei wird klar, dass die Hauptdarsteller beileibe keine Unbekannten sind, sondern vielmehr erfahrene Bühnenschauspieler, zum Teil sogar schon mit Starruhm.
Offenbar versteht sich Mira Nair auch als Botschafterin des indischen Films. Entsprechende Informationen dienen dazu, den westlichen Zuschauer über den künstlerisch wertvollen, weil gesellschaftlich engagierten indischen Film zu unterrichten. Hier sieht sich Nair selbst. Bolly-Opern sind eine andere Welt, und wir erfahren nur wenig darüber. Unterm Strich °°°°°°°°°°°°°
Mit einem deutlich weiblichen Gespür für menschlichen Gefühle, Schicksale und Zusammenhänge hat Mira Nair diesen Film inszeniert. Diese Familie(n) spiegeln natürlich teilweise auch die heutige indische Gesellschaft. "Monsoon Wedding" lässt sich daher sowohl als Drama und Komödie, als auch als Gesellschaftsporträt anschauen. Es ist aus beiden Perspektiven reizvoll. Die große Zahl an Sprechrollen und Handlungssträngen legt ein zweites Ansehen nahe. Die DVD ist hilfreich, informativ und gut ausgestattet: Sie ist ihr Geld wirklich wert.
Michael Matzer (c) 2003ff
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16.02.2003 14:55
Rein aus Interesse: Ist die engl. Tonspur der Originalton oder ist der Film auf Hindi (oder was man auch immer da spricht)?
16.02.2003 14:41
Ich kam etwas enttäuscht aus dem Kino heraus... Aber auch nur etwas... Der Film ist sicherlich herausragend, aber nicht der ganz große Wurf, den ich mir erhofft habe... Dabei mag ich doch diese kitschigen Bollywood-Filme... Wenn auf einmal alle anfangen zu tanzen und zu singen... Das ist so herrlich... carpe diem - JENS
16.02.2003 14:37
Bisher habe ich mir den Film noch nicht angeschaut - einfach, weil ich mir nicht so recht vorstellen konnte, worum es geht (außer um Hochzeit(en) natürlich). Das hat sich mit deinem Bericht geändert. Gruß Ginevra