Monster´s Ball

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"Übersprungshandlung"

5  18.09.2002

Pro:
Erzähldichte, Spannung, Anspruch

Kontra:
etwas zu problembeladen

Empfehlenswert: Ja 

Jean-Luc_Picard

Über sich:

Mitglied seit:10.03.2001

Erfahrungsberichte:500

Vertrauende:52

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 49 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Man ist doch wirklich zu schnell zu verwöhnt. Also ich bin es wohl wirklich. Gestern habe ich seit langer Zeit mal wieder einen Film im Kino gesehen und der lief nicht im Cineplex, sondern in einem kleineren Kino (für Münsteraner: im Metropolis). Na ja, es ist halt kleiner, nicht so komfortabel, aber persönlicher und kultiger. Allerdings habe ich wirklich nach dem Film dem Komfort und vor allem der Beinfreiheit aus dem Cineplex nachgetrauert. Aber das habe ich im Nachhinein in Kauf genommen, denn ich habe im Gegensatz zum Großteil des Cineplex-Programms einen richtig guten und anspruchsvollen Film gesehen. UN darüber soll nun der Bericht gehen.

Ende März diesen Jahres: Der Gewinn des Oscars in der Kategorie „Beste Hauptdarstellerin“ und die bewegende (und von Weinkrämpfen begleitete) Rede von Halle Berry, die die Chance nutzte, auf die immer noch herrschenden Rassenunterschiede in den USA aufmerksam zu machen, ging rund um den Globus. Für ihre Rolle in dem (Melo)Drama bekam sie eben die kleine goldene Statue verliehen.

Auf Lawrence Musgrove (Sean "Puffy" Combs) wartet der elektrische Stuhl. Oberaufseher Hank Grotowski (Billy Bob Thornton) will dem Schwarzen einen anständigen letzten Abend und letzten Gang bereiten. Dass gerade Hanks Sohn Sonny (Heath Ledger) dabei versagt und sich beim letzten Gang übergibt, macht seinen Vater richtig wütend. Conny wäre der dritte in der Familie der Grotowskis, der im Gefängnis als Aufseher arbeitet, denn auch Hanks Vater (Peter Boyle) war Staatsgefängnis Georgia Aufseher. Vor allen Kollegen macht Hank seinen Sohn zur Sau, beschimpft und schlägt ihn und wirft ihm vor, sich mit den Schwarzen abzugeben. Kurz darauf nimmt Sonny sich das Leben und Hank quittiert seinen Dienst, was wiederum sein Vater nicht verstehen kann.

Leticia Musgrove (Halle Berry) fährt zum letzten Besuch mit ihrem Sohn Tyrell (Coronji Calhoun) ins Gefängnis zu ihrem Mann. Ihr steht eine schwere Zukunft bevor. Ohne Job, ohne Geld wird sie bald aus dem Haus zwangsgeräumt und mit ihrem Sohn kommt sie auch nicht klar. Dessen Fettleibigkeit bringt sie immer häufiger dazu, ihn zu schlagen und zu beschimpfen. Schwarze haben eh wenig Chancen und wenn sie fett sind noch weniger. Zwar findet Leticia bald einen Job als Kellnerin und nimmt ihren Sohn nach dorthin auch immer mit, damit sie ihn im Auge hat. Allerdings muss sie dorthin immer einen langen Weg in Kauf nehmen. In einer verregneten Nacht wird Tyrell von einem Auto angefahren und nur Hank zwingt sich dazu, anzuhalten und den verletzten Jungen und seine Mutter ins Krankenhaus zu bringen. Tyrell verstirbt an seinen Verletzungen und Hank wird erst einmal dazu "genötigt", Leticia nach Hause zu bringen.

Fortan beginnt der Eigenbrödler sich vermehrt um die junge Schwarze zu kümmern und ihr zu helfen, auch wenn sein Vater absolut dagegen ist. So beginnt für die beiden eine unmögliche Liebe, die nicht gut gehen kann, die zum Scheitern vorprogrammiert zu sein scheint...

Marc Forster ist ein wirklicher guter, anspruchsvoller und spannungsgeladener Film gelungen. Von Beginn an wird der Zuschauer an die Charaktere und deren Schicksale gefesselt. Ein Problem jagt das andere, Probleme überschneiden sich und werden nicht weniger. Immer wieder fragt sich der Zuschauer: "Wann entlädt sich das Ganze in einem großen Knall?" Forster lässt es im Saal knistern, die Atmosphäre ist zum zerreißen gespannt, man wagt kaum zu atmen, konzentriert sich voll auf Story und Charaktere und wartet darauf, dass irgendeine Art von Erleichterung kommt, irgendein Licht am Ende des Tunnels.

So wird man zuerst mit der heftigen Geschichte der Todesstrafe für den Schwarzen Musgrove konfrontiert, die einen an "Dead Man Walking" erinnert und die genauso tiefgründig und problembelastet ist, wie der genannte Film. Nur ist sie kürzer, nach etwa 20 – 30 Minuten wird diese Geschichte "übertüncht" von weiteren problembeladenen Erzählsträngen. Für uns Deutsche mag es zu problembelastet sein, vielleicht weil wir nicht mit so vielen Problemen konfrontiert werden. Der Umgang mit der Todesstrafe, Fettleibigkeit, Rassenhass, allgemeine familiäre Beziehungsprobleme treten bei uns gar nicht oder in ganz anderer Weise in Erscheinung. Auch haben wir mit Sicherheit einen anderen Umgang mit solchen Problemen und doch berühren sie uns zutiefst, was ja durchaus verständlich ist. Es ist ja auch nicht so, dass Forster mit Absicht eine Mitleidstour fährt, er zeigt das Leben, wie es schlimmer nicht sein kann, wie es aber immer noch (für gut situierte Bürger wie uns) vorstellbar und möglich ist. Aber er zeigt auch, wie man solche Probleme überwinden kann.

Und damit komme ich zu dem schon angesprochenen Punkt: der große Knall, die Erleichterung der Story, die der Zuschauer förmlich erwartet oder herbeisehnt. Die erste "Problembewältigung" entlädt sich in einer heftigen Sexszene auf dem Sofa zwischen Hank und Leticia. "Mach, dass es mir wieder gut geht!" sind Leticias Worte. Von da an entwickelt sich zwischen den beiden eine Liebe, die von keinem Außenstehenden gewollt ist, besonders Hanks Vater lehnt die "Niggerfotze" kategorisch ab. Und weil die Geschichte zwischen Hank und Leticia nicht problemlos verläuft, bahnt sich schon wieder ein neuer Knall ab, als Leticia erkennt, welchen Beruf Hank einmal ausgeübt hat. Und doch fällt dieser leiser aus als erwartet.

Billy Bob Thornton überzeugt auf der ganzen Linie. Selbst seinen Wandel nach dem Tod seines Sohnes kann man nachvollziehen, auch wenn es eine 180°-Wende ist. Vorher noch wie sein Vater ein Rassist, geht er mit einer Schwarzen eine Beziehung ein, die auf wackligen Füßen steht. Sehr gut stellt Thornton die Unsicherheit und die Verletzlichkeit seines Charakters dar, sehenswert seine Mimik und Gestik, wenn er seinen Wandel gegenüber seinem Vater klarstellt und ihm zeigt, dass er für sich allein entscheiden kann.

Peter Boyle spielt fantastisch. Als kranker alter Mann, der mit Sohn und Enkelsohn im Haus wohnt, beharrt er auf die Rassentrennung und hat dies auch seinen Sohn so gelehrt. Boyle verkörpert seine Rolle wirklich stark, schafft es, ihr die nötige Tiefe und Glaubwürdigkeit gibt, dass man beginnt, seinen Charakter zu hassen und sich freut, als Hank seinen Vater in ein von Schwarzen geleitetes Altenheim steckt.

Aus der "Familientradition" ist Sonny direkt herausgebrochen. Er hat Schwarze als Freunde und steht da auch zu. Heath Ledger schafft es nach "Ritter aus Leidenschaft" eine wirklich ernste Rolle zu übernehmen, die ihm wie auf den Leib geschnitten zu sein scheint. Verunsichert, verschüchtert und vom Vater eingeschüchtert gibt Ledger seinem Charakter großartig Tiefe und lässt den Zuschauer durch wunderbare Mimik an seinem Leid teilnehmen. Ledger ist in diesem Film ganz klar mit der positivste Darsteller im gesamten Ensemble.

Doch nun zur Oscar-Preisträgerin Halle Berry. Meint man zuerst, sie ist zu schön für diese Rolle, so verliert sich das ganz schnell in einem großartigen Spiel, dass man von dem ehemaligen Model nicht erwarten konnte. Sehnsucht nach einer Person, die sich um sie kümmert, Verletzlichkeit, Trauer, Zorn und Liebe werden von Berry fantastisch dargestellt. Sie wächst mit jeder Minuten, ihr Spiel wird mit jedem Augenblick intensiver und besser. Sie wird nicht zur Mitleidsperson, sie buhlt auch nicht darum. Und auch die Darstellung ihrer Emotionen, wenn sie weitere Dinge über Hank mit- oder rausbekommt sind super natürlich und ehrlich gespielt. Somit hat sie für mich wohl den Oscar verdient, denn sie zeigt wirklich ein zutiefst bewegendes Spiel.

Sean "Puffy" Combs taucht nur kurz auf, überzeugt aber auf der ganzen Linie als ruhiger und gefasster Todeskandidat. Coronji Calhoun als übergewichtiger Sohn schafft es auch, zu überzeugen. Dabei gelingt es ihm, die Verletzlichkeit des Kindes, des Schwarzen und des Dicken zu gleichen Teilen in seine Rolle einzubringen.

"Monster's Ball" ist wirklich ein guter Film. Hoher Anspruch, eine spannungsgeladene Atmosphäre und eine tiefgreifende Story bestimmen den Film. Die wenigen humorvollen Szenen dienen dazu, bei den Zuschauern für Entlastung zu sorgen, sie durch "Übersprungshandlungen" von der Belastung abzulenken. Und genauso ist es auch im Film. So kann man auch einige Szenen als "Übersprungshandlungen" bezeichnen, wenn die Charaktere ihre Probleme vergessen wollen. "Monster's Ball" ist auf jeden Fall zu empfehlen und vielleicht kann er aufgrund genannter Gründe nicht in einem Cineplex laufen.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
J_T_Kirk

J_T_Kirk

23.09.2002 16:34

Muß ein geiler Film sein. Muß ich unbedingt sehen, diesmal ausnahmsweise mal nicht wegen der Schauspielerin, sondern wegen des Films selbst...;-)

Dr.Ed

Dr.Ed

19.09.2002 17:45

Bin sowieso überrascht, wie sich das Metropolis immer mehr zu einer Abspielstätte für etwas anspruchsvollere Filme mausert...

tepu

tepu

18.09.2002 21:01

Habe schon sehr viel über den Film gelesen und gehört, freue mich schon drauf, wenn ich ihn endlich gesehen habe, werde sicherlich auch nciht enttäuscht sein. gruß von tepu

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