Frisch von der Leber weg
08.02.2005
Pro:
ehrlich, bewegend
Kontra:
nichts
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 Boda
Über sich:
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Erfahrungsberichte:123
Vertrauende:13
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 54 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Einen wunderschönen Tag, verehrter Leser! Wie nett, dass Sie sich zu diesem Bericht verirrt haben! Nun ja, mit meinem inzwischen dritten Bericht über verschiedene Werke des schweizerischen Autors Max Frisch – Gott habe ihn selig – laufe ich wohl nun langsam Gefahr, endgültig als neurotisch abgestempelt zu werden, oder?Es ist schon so, dass die von Max Frisch kreierten Protagonisten unter, sagen wir mal ähnlichen, Problemen leiden, die man so gemeinhin als Neurosen bezeichnet. Sie kriegen irgendwie nichts so richtig gebacken. Und haben meist Probleme mit Frauen. Und neigen zu Ausschweifungen (die Erzählzeit bei Frisch ist meist zigfach so lang wie die erzählte Zeit...) So was eben. Man denke nur an den geehrten Herrn Faber. Da kann er gerade noch dagegen ankämpfen, auf die dunkle Seite der Macht überzutreten, und zack...erfährt er dass sein Erzfeind sein eigener Vater ist. Oh, Moment, das war ja diese andere Geschichte, hoffentlich merkt es keiner... Weitab von unkomischen, anmaßenden Zoten, die ich mir als Karnevalsgegner nicht leisten sollte, komme ich nun tatsächlich auch zum eigentlichen Thema. Vielleicht noch ein paar Informationen zum AUTOR: Max Frisch wurde 1911 in Zürich geboren und starb dort 1991. Das klingt so, als sei er nicht viel herumgekommen, täuscht aber. Der Sohn eines Architekten arbeitet nach Abbruch eines Germanistikstudiums als freier Journalist, studiert schließlich 1936-1941 Architektur auf Diplom, danach eröffnet er ein Architektenbüro, schreibt aber noch nebenbei. Nach dem Krieg reist er durch Europa, hat u.a. Kontakt mit Berthold Brecht , 1952 folgt ein einjähriger Aufenthalt in den USA und Mexiko, dem später noch andere folgen. Sein Architektenbüro schließt er 1954, in dem Jahr, in dem auch „Stiller“ erscheint. In den folgenden Jahren schreibt er seine bekanntesten Werke, wie „Homo Faber“ oder „Biedermann und die Brandstifter“, er reist auch durch Arabien, die UdSSR, wohnt von 1960-1965 in Rom, reist Ende der 60er nach Japan. Für seine Stücke, Romane und Erzählungen erhält er u.a. den Literaturpreis von Nordrhein-Westfalen, den großen Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung, den Heinrich-Heine-Preis, außerdem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1976. „MONTAUK – EINE ERZÄHLUNG“ heißt das Werk, dass ich heute vorstelle, es ist 1975 erstmals erschienen, also großzügig in der zweiten Schaffenshälfte Frischs, eher ein Spätwerk, jenseits von „Homo Faber“ oder „Andorra“. Und wohl auch nicht so das typische Buch, dass man von Frisch liest (das sind die gerade genannten). „Montauk ist ein indianischer Name, er bezeichnet die nördliche Spitze von Long Island, hundertzehn Meilen von Manhattan entfernt“, so zitiert der Herr Reich-Ranicki in einer Art Einleitung, Klappentext aus dem Buch. Das weitere, was er schreibt, erspar ich uns, dazu bin ich ja jetzt mal da, behaupte ich großkotzig. Montauk ist, wie schon der Untertitel andeutet, eine autobiographische Erzählung. Erzählt wird uns über ein Wochenende eben in Montauk, im Mai des Jahres 1974. Ein Liebesabenteuer könnte man das nennen, was dort stattfindet, und doch ist gar nicht das so interessant, was dort passiert, sondern welche Assoziationen es weckt, die Überlegungen, die der Erzähler sich daraufhin macht. Eingeleitet wird das Buch mit dem Motaigne-Zitat: „Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser, es warnt dich schon beim Eintritt, dass ich mir darin kein anderes Ende gesetzt habe als ein häusliches und privates... Ich habe es dem persönlichen Gebrauch meiner Freunde und Angehörigen gewidmet, auf dass sie, wenn sie mich verloren haben, darin einige Züge meiner Lebensart und meiner Gemütsverfassung wiederfinden... Denn ich bin es, den ich darstelle, meine Fehler wird man hier finden, so wie sie sind, und mein unbefangenes Wesen, so weit es nur die öffentliche Schicklichkeit erlaubt... So bin ich selber, Leser, der einzige Inhalt meines Buches; es ist nicht billig, das du deine Muße auf einen so eitlen und geringfügigen Gegenstand verwendest. / Mit Gott, zu Montaigne, am ersten März 1580.“Ich habe nun dieses Zitat nicht vollständig abgeschrieben, um den Bericht nach mehr aussehen zu lassen, sondern weil man schöner nicht ausdrücken kann, was man von dem Buch erwarten kann. Ich versuche trotzdem, dafür später noch eigene Worte zu finden, dass nur als Vorgeschmack. Nun, es geht also um ein Wochenende. Ein alternder Schriftsteller, der zufällig Max heißt (ja, nicht Erzähler direkt mit Autor gleichsetzen, ist schon gut), verbringt dieses Wochenende zusammen mit der 31 jährigen, amerikanischen Journalistin Lynn in Montauk, auf Long Island. Zwischen diesen beiden völlig unterschiedlichen Menschen entwickelt sich also eine Liebesbeziehung, wobei die beiden nicht wirklich tiefe Empfindungen teilen. Diese Beziehung an diesem Wochenende bilden den roten Faden der Erzählung. Daran entlang hangeln sich andere Geschichten, Reflexionen, die von der Gegenwart angeregt werden, immer wieder unwirklich unterbrochen durch journalistische Fragen, die erneut Assoziationen im Ich-Erzähler Max auslösen. Wir erfahren durch die Erinnerungen über sein stets problematische Verhältnis zu Frauen, über seinen Wahn nach Männlichkeit, sein Gefühl, unzulänglich zu sein. Wie ein Spiegel hier die gegenwärtige Beziehungen, in der sich diese Probleme wiederfinden. Eine der interessantesten Geschichten ist jene von seinem Jugendfreund W., Sohn einer reichen Familie, ein hochintelligenter Mann, mit viel Sinn für Kunst, der Max alte Anzüge schenkt, Geld borgt, doch enttäuscht ist von seinen Fähigkeiten als Schriftsteller, was er nicht offen zugibt, aber deutlich zeigt, indem er einfach die Werke, die Theaterstücke von Max ignoriert. Wir erfahren auch von der früheren Tätigkeit als Architekt, von seiner Versagensangst. Anekdoten auch von Begegnungen mit Menschen, die ihn als Schriftsteller erkennen und schätzen, ihn aber eigentlich für Dürrenmatt halten. Die Gegenwart tritt gegenüber den Erinnerungen in den Hintergrund, ist nur Kulisse. In Erinnerung seiner Vergangenheit reift auch die Erkenntnis, dass er dem Tode immer näher kommt, denn „es mehren sich die Toten im Freundeskreis“. Er selbst wirkt dabei gespalten, ausgelöst durch das Springen zwischen „ich“ und „er“ bei den Erzählperspektiven. Doch muss die Selbstanalyse, die er betreibt durchaus auch eine reinigende Wirkung haben, selbst wenn sie sich mit Aussagen wie „Leben ist langweilig, ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe“ zeigt. So zeigt sich doch bei diesem Zitat später ein – durchaus menschlicher - Widerspruch: „Der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen er wartet dann auf sine Ironie; seine Wahrnehmungen unterwirft er der Frage, ob sie beschreibenswert wäre, und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann.“ Die Trennung von Lynn ist schließlich unvermeidbar, auch eigentlich uninteressant, da ohnehin klar. Es überwiegen die negativen Einsichten, das Scheitern von Max’ „Life as a Man“ („Es sind nicht die Frauen, die mich hinters Licht führen; das tue ich selber.“) seine Unsicherheit sowohl als Mensch, als auch als Autor. Um eine nähere Erläuterung meiner "MEINUNG" zum Buch einzuläuten: ich bin mir noch nicht mal sicher, in welches Genre ich dieses Werk stellen soll. Ich habe mal gelesen, dass jemand es als eine Verbindung zwischen Autobiographie und Poesie beschrieb. Es ist zumindest eine Autobiographie, die erzählt ist, wie eine Fiktion, die Anspruch auf Literatur erhebt und meiner Ansicht nach auch erheben darf. Er selbst nennt es „schreibend unter Kunstzwang.“ „Montauk“ hat keine klar definierbare Struktur. Fiktion, tagebuchartige Einträge, Dokument, unmittelbar erlebte Gegenwart gehen ineinander über. Frisch sagt in seinem Buch: „Ich möchte erzählen können, ohne zu erfinden. Eine einfältige Erzähler-Position.“ Ich glaube, gerade diese komplexe Struktur macht das Buch trotz seiner eigentlichen Statik (für mich) so interessant. Nur über das Schreiben kann Frisch sich offenbar erinnern, sich definieren, analysieren. Trotz der Zweigeteiltheit des Erzählers ist „Montauk“ doch ein sehr geradliniges Buch. Ein Buch eben, in de die Wahrheit gesprochen wird, ein intimes Buch, das viel über den Menschen Max Frisch erzählen kann. Teilweise stehen interessante Dinge dabei dicht aneinander, stichpunktartig schnell zusammengefasst: „Er ist gekränkt! Das ist schlimmer, als wenn wir sagen: er ist hundsgemein. Das letztere sagen wir ohne Herablassung./ Gefühle von Schuld, ohne dass ich weiß, was ich unter Schuld verstehe. / Zwei Mal, in Montreal und Chicago, die öffentliche Frage: Stimmt es, Herr Frisch, dass Sie die Frauen hassen? / Verhältnis von Lebensalter und Unwissen: welche mathematische Kurve ergibt das? Trotz Zuwachs an Wissen schnellt die Kurve mit dem Lebensalter: das Unwissen wird unendlich.“ Solche kurzen Stichpunkte finde ich unheimlich interessant. Ich finde, durch die Prägnanz erscheinen sie zumindest unmittelbarer, ich habe das Gefühl, direkt etwas von Frisch zu lesen, nicht etwas, dass mehrmals überarbeitet und zwischen Worthülsen versteckt, als Parabel getarnt wurde. Erinnern tun ich mich diese Passagen an „ Mein Name sei Gantenbein“, so wie wohl „Montauk“ unweigerlich diverse Themen aus anderen Werken aufgreift (auch aus Homo Faber, Stiller, allein schon die Ähnlichkeiten der Protagonisten dort..), verarbeitet, weiterentwickelt. Trotz der Ehrlichkeit des Buches: es ist natürlich nicht so, dass wir alles erfahren dürfen. Vieles findet sich nur in Andeutungen, die etwa bei Ingeborg Bachmann wenig subtil waren. Der Vorsatz, einmal wirklich aufrichtig zu sein, auch die Erkenntnis, zu sich selbst nicht ehrlich genug gewesen zu sein („Ich habe mir mein Leben verschwiegen. Ich habe irgendeine Öffentlichkeit bedient mit Geschichten“), wird zwar im Buch ausgiebig erläutert, problematisiert, stößt irgendwann auch auf ihre Grenzen. „Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser. Und was verschweigt es und warum?“ Die Sprache selbst, die im Buch benutzt wird, ist fließend zu lesen, unterbrochen wird sie dennoch einerseits von journalistischen Fragen von Lynn, die, da in Englisch, vielleicht bei manchem Leser, der diese Sprache nicht ganz so gut beherrscht ein leichtes Stocken auslösen könnte, andererseits durch „Überschriften“, die Frisch selbst wählt, etwa kurze Ortsangaben, oder aber auch herausgehobene Statements, die sich blockartig als Ellipsen zeigen, etwa „Leben im Zitat“, aber ohne tiefere Erläuterung auskommen müssen. Um nun eine BILANZ zu ziehen nach all dem Geschwafel: Montauk ist ein empfehlenswertes Buch für alle, die sich bereits mit Max Frisch, bzw. mit Werken von Max Frisch auseinandergesetzt haben, besser noch, die ihn mögen. Denn wer von Frischs neurotischen Protagonisten ohnehin nichts hält und so gar keinen Punkt der Identifikation in ihn oder seinen Figuren finden kann; nun, was soll der schon anfangen mit den eigenen Erinnerungen dieses Schriftstellers? Für Leser, die nicht nur „Homo Faber“, sondern auch etwa „Stiller“ mochten, ist „Montauk“ eine bewegende, zum Nachdenken anregende Reise in die ganz eigene Welt dieses einfachen, und doch so wirkungsvoll, poetischen Schriftsteller. Und ja, ich mag ihn sehr! Erschienen ist „Montauk“, wie wohl alle Frisch-Bücher, als solch ein blaues Taschenbuch bei SURHKAMP. ISBN 3-518-37200-9 Preis: 8 €Boda/Boadicea für ciao und yopi
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14.02.2005 19:13
Toller Bericht, hab HOMO FABER von Max Frisch gelesen! Ist auch zu empfehlen! LG Trekstar
08.02.2005 18:46
gut, gut , gut!!
08.02.2005 18:37
Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält, oder ein ganze Reihe von Geschichten