Ein Platz an der Sonne?
01.10.2001 (02.10.2001)
Pro:
Fakten und Fiktion, anekdotenreich
Kontra:
Nichts
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 scherpe
Über sich:
Scherpe in ein paar Worten? Ausgeschlossen! Schaut Euch meine Meinung zu Nutella und Dr. Oetker Vita...
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Der Freiheitskampf der Hereros und Hottentotten gegen die Deutschen im ehemaligen Südwestafrika wird von Uwe Timm in diesem Buch von 1978 auf eine sehr besondere Weise beschrieben: Er mischt Fakten und Fiktion. Die Handlung orientiert sich an der fiktiven Figur des Veterinärs Gottschalk, der sich freiwillig zur deutschen Schutztruppe in Südwestafrika, dem heutigen Namibia, meldet und dort 1904 eintrifft - um sich und Deutschland einen "Platz an der Sonne" zu sichern. Gottschalk scheint der typische Deutsche seiner Zeit zu sein, neugierig auf die Kolonien und mit festen Vorstellungen von der Ordnung der Dinge in der Welt. Wie so oft ändert die Konfrontation mit der Realität die Ansichten. In Gottschalks Fall setzt der Wechsel langsam mit seiner Freundschaft zu dem später (vermutlich) desertierten Wenstrup ein, der ihm Kropotkins anarchistsiches Werk „Gegenseitige Hilfe in der Entwicklung“ zum Lesen schenkt - mit eigenen Anmerkungen. Zunächst widerwillig, später ab fasziniert setzt sich Gottschalk mit dem Buch und den Anmerkungen auseinander. Der grausame Kolonie-Alltag und die Sinnlosigkeit der deutschen Kolonisationsbemühungen, die sich unter General von Trotha darauf beschränken, die gesamten Hereros und Hottentotten auslöschen zu wollen tun ein übriges, um Gottschalks Ausblick auf die deutsche Politik zu ändern. (Im übrigen werden heute von namibischer Seite heute Forderungen auf Entschädigung gerade auf diesen von den Deutschen verübten Genozid gestützt). Gottschalk ist hin- und hergerissen zwischen seinem Pflichtgefühl, der Angst davor, Verrat zu üben und seinem sich immer stärker regenden Gewissen.Neben Gottschalk ist der Anführer eines der Stämme, Jakob Morenga, eine zentrale Figur, auch wenn er unmittelbar nur wenig auftritt. Hier ergänzt, ja „garniert“ der Autor seine fiktive Geschichte mit historischen Fakten wie deutschen Gefechtsberichten, Zeitungsausschnitten, Tagebuchaufzeichnungen und anderen historischen Dokumenten, die immer wieder in die Geschichte eingesponnen werden. Neben Morenga wird auch über Hendrik Witbooi, einen weiteren Anführer berichtet – und der ist heute auf jedem namibischen Geldschein zu sehen... Besonders erstaunt ist Gottschalk, daß er es – wie z.B. mit Morenga – nicht mit „einfachen“ Wilden zu tun hat, sondern mit einer komplexen Sozialstruktur und Menschen, die sich weit eher an die Deutschen anpasssen zu vermögen als umgekehrt. So zeigt das Buch Einblicke in die absurde deutsche (aber beileibe nicht nur deutsche!) Geisteshaltung jener Zeit.Zwischen den Handlungssträngen flicht Timm immer wieder Anekdoten aus den frühen Tagen Südwestafrikas ein, von Missionaren und Händlern (besonders gelungen: das Branntweinfaß!). Ob diese der Wahrheit entsprechen oder fiktiv sind, kann ich leider nicht sagen – einen hohen Unterhaltungswert haben sie allemal. Apropos Unterhaltungswert: Ich habe das Buch zweimal gelesen (jeweils in der famosen „Ausgabe für die sozialistischen Länder“ des Aufbau-Verlages): Einmal nach meiner ersten Reise nach Namibia, das zweite Mal bei meiner zweiten Reise. Und letzteres zeigte sich als besonders fruchtvoll. Nicht nur, daß man die Gefühle und Gedanken Gottschalks viel besser greifen kann, wenn man selbst in der Wüste steht, man kann auch heute noch die angesprochenen Orte besuchen und Zeugnisse der beschriebenen Geschehnisse sehen. Absolut lohnenswert! Eine Empfehlung für jeden, der einen Einblick in einen unrühmlichen Teil der deutschen Geschichte nehmen will und/oder nach Namibia reisen möchte.Zum Autor ======== (nur kurz, denn ich halte wenig davon, bei der Besprechung eines Buches gleichzeitig eine Biographie abzugeben) Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren (von wo aus sich Gottschalk auch nach Südwestafrika einschifft) und hat zahlreiche, sehr unterschiedliche Bücher veröffentlicht. Zu Beginn seines Schaffens Werke mit gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen (Widersprüche, 1971; Heißer Sommer 1974; Morenga, 1978; Kerbels Flucht, 1980; Der Schlangenbaum, 1986; Kopfjäger, 1991), später dann erzählerische Geschichten (Der Mann auf dem Hochrad, 1984; Die Entdeckung der Currywurst, 1993; Johannisnacht, 1996) und sogar sehr erfolgreiche Kinderbücher (Die Zugmaus, 1981; Die Piratenamsel, 1983; Rennschwein Rudi Rüssel, 1989 – Deutscher Jugendliteraturpreis). Mit dem hier besprochenen Morenga liegt eines der politisch motivierten Werke vor, daß aber gleichsam mit dem Thema erzählerisch umgeht. So bleibt der Leser der besserwisserische Zeigefinger erspart, auch wenn die historischen Dokumente eine klare Sprache sprechen.Daher nochmals: Ein Buch, das bildet und Spaß macht, absolut empfehlenswert für Geschichtsinteressierte und Namibia-Reisende! Ergänzung auf Wunsch: Gibt's als Taschenbuch bei DTV für 19,50 DM, erschienen im Jahre 2000 (!), ISBN: 3423127252.
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03.10.2001 01:25
Wie jetzt? Lesen tust Du im Urlaub auch? Und dann noch angepaßte Literatur. ;-)
02.10.2001 19:20
Ihr Wunsch, mein Befehl. Auch wenn's im Internet nachgeschlagen werden mußte - weil ich ja die gute alte DDR-Ausgabe gelesen habe...
01.10.2001 19:53
Nachdem, was du schreibst, scheint es ein Buch zu sein, was eigentlich nichts an Aktuallität verloren hat - zumindest was das sozial-kritische angeht... Denn "wir" deutschen sind ja noch immer nicht so ganz in der Lage, uns anderen Kulturen anzupassen, während die sich unserer schon anpassen müssen! Guter Bericht, Marc