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Nachtblau / Kester Schlenz

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Blutige Femme Fatale

5  25.01.2003

Pro:
Endlich mal eine lesenswerte Vampirstory aus deutschen Landen !

Kontra:
 -

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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Michi78

Über sich: Kulturwissenschaftler, Bücherwurm, Vampirbesessen, Tätowiert, Kurzsichtig und leicht verrückt.

Mitglied seit:05.05.2002

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Vertrauende:44

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 74 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Blutige Femme Fatale

Ludmilla studiert Archäologie und ist gerade frisch von ihrem Freund Peter getrennt. Um sie aufzumuntern, überredet ihre Freundin sie zu einem Picknick. Doch als ausgerechnet Peter mit einer neuen Flamme dort auftaucht, macht Ludmilla sich aus dem Staub und plant, zurück in die Stadt zu trampen. Daß das heutzutage keine sichere Fortbewegungsart ist, stellt sie schnell fest. Sie landet im Auto einer sehr seltsamen Frau, schläft ein und findet sich beim Erwachen als Vampir wieder.

Nie hat sie einen solchen Durst gekannt - sofort stürzt sie sich auf ein vorbeihoppelndes Häschen. Allerdings erkennt sie bald, daß nur menschliches Blut sie zufriedenstellen kann. So wird sie zur Mörderin. Sie gibt ihr Leben auf und fängt in einer großen Stadt (Frankfurt? Hamburg?) völlig neu an. Dort lernt sie zufällig Grant kennen, der ihr in seinem Club einen Job anbietet. Zwar findet sie dort neue Freunde, diese merken aber ziemlich rasch, daß mit Ludmilla etwas nicht stimmt. Sie ist unglaublich stark, man sieht sie nie tagsüber, sie ißt nie mit den anderen und ihre Augen sind irgendwie seltsam. Doch sie akzeptieren Ludmillas Schweigen über ihre Vergangenheit.

Ludmilla ihrerseits versucht verzweifelt, etwas über ihre eigene Art herauszufinden. Sie liest Bücher, sie hält Ausschau nach anderen Untoten. Aber erst in einem Professor, der sich mit dem Okkulten beschäftigt, sieht sie ihre Chance. Sie vertraut sich Professor Barker an, der bald einen geheimnisvollen Text ausfindig macht, in dem von einer Vampirvereinigung der „Dunklen Schwestern“ die Rede ist.

Doch Ludmilla wird auch verfolgt. Am Anfang ihres Vampirdaseins hat sie ihre Opfer achtlos liegen lassen und nun ist Kommissar Michael Goldstein auf der Spur des Mörders. Er ermittelt auch in Grants Club, verdächtigt aber Ludmilla zunächst nicht. Aber es kommt, wie es kommen muß: Obwohl Ludmilla weiß, daß es leichtsinnig und dumm ist, verliebt sie sich in Goldstein und fängt eine Affäre mit ihm an.

Auch Ludmillas Suche nach anderen ihrer Art hat bald ein Ende. In einem versteckten Waldstück macht sie die Dunklen Schwestern ausfindig, die ihr offenbaren, daß es ihr Schicksal war, zum Vampir zu werden. Die Oberin hatte sie schon in ihrer Kindheit ausgesucht - doch jeder Vampir müsse erst eine „Probezeit“ überstehen und zeigen, ob er überlebensfähig sei. Ludmilla hat bestanden, doch sagen ihr die starren Regeln der Schwestern gar nicht zu.

Als ein Mitarbeiter des Grants Clubs hinter ihr dunkles Geheimnis kommt, beginnt die Situation zu eskalieren. Michael wird schwer verletzt und nur mit Barkers Hilfe kann sie hoffen, ihren Geliebten noch zu retten...

Kester Schlenz dürfte weiblichen Lesern eventuell durch seine Kolumnen in der „Brigitte“ ein Begriff sein. Dort meditiert er regelmäßig mit einem gehörigen Schuß Komik über die Fallstricke des Vaterseins. Diese Erfahrungen hat er mittlerweile auch in mehreren Büchern zu Papier gebracht. „Nachtblau“ ist sein einziger Roman, der völlig aus der Vater-Kind Thematik herausfällt. Leider, denn „Nachtblau“ ist ein durchaus gelungener, leicht zu lesender und unterhaltsamer Vampirroman mit einer starken Heldin, deren innere Zerrissenheit Schlenz überzeugend zu schildern weiß.

Scheinbar hat Schlenz seiner Frau die Anne Rice Bücher entwendet, denn einige Motive klingen sehr nach der „Chronik der Vampire“. So wird sehr stark die Einsamkeit eines Vampirs thematisiert, die verzweifelte Suche nach anderen der eigenen Art, die Frage nach dem „Wozu“ dieses Daseins und auch die drohende Langweile eines ewigen Lebens. Selbst den Ursprung der Vampire verlegt Schlenz in Anlehnung an Anne Rice nach Ägypten. Doch er vermag es auch, eigene Ideen einzubringen. So gibt es in seiner Romanwelt nur weibliche Vampire, die streng in verschiedenen regionalen Orden organisiert sind. Männliche Vampire sind einfach zu ausschweifend und machtsüchtig. So versuchten sie vor Jahrtausenden, die Menschen untertan zu machen, sie schufen viel zu viele Vampire und knechteten die Menschen - bis diese sich wehrten. Die Frauen fühlten sich also aufgerufen, die Kontrolle zu übernehmen. Alle männlichen Vampire wurden vernichtet und fortan war es untersagt, einen Mann zum Vampir zu machen - Feminismus nach Art der Untoten.

Auch das Ende des Romans hinterläßt bei der geneigten Leserin einen fahlen Beigeschmack: Kann man den Männern trauen? Oder versuchen sie dann sofort, die Kontrolle zu übernehmen und ihren eigenen Vorteil durchzusetzen? Das Ende (das hier aber natürlich nicht verraten werden soll) liefert in der Hinsicht Anlaß zu Spekulationen und unterschiedlichen Interpretationen.

Kester Schlenz ist anzumerken, daß er seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben bestreitet. Sein Stil ist routiniert, sehr bildhaft und so leichtfüßig, daß sich der Roman tatsächlich wegliest wie eine „Brigitte“-Kolumne. Dadurch mit der kurzen Form vertraut, schafft er es, seine Charaktere mit wenigen Pinselstrichen zu zeichnen. Alle Figuren sind bis ins Letzte ausgearbeitet und für den Leser nachzuvollziehen. Dabei sticht natürlich besonders die Protagonistin Ludmilla hervor. Sie wandelt sich während des Buches von der jungen Studentin zu einer abgebrühten Untoten. Schlenz schildert diesen Prozeß überzeugend in all seiner Widersprüchlichkeit. Ludmilla empfindet sowohl als Mensch wie auch als Vampir. Sie liebt ihre Freunde und Michael, aber sie tötet auch ohne Reue, wenn der Hunger sie treibt. Diesen Zwiespalt versteht Schlenz sprachlich gut umzusetzen.

„Nachtblau“ ist ein Vampirroman wie man ihn sich wünscht. Er bietet eine ausgewogene Story zwischen Bekanntem und neuen Einflüssen. Er bietet vor allem endlich mal wieder eine weibliche Protagonistin - das gab es bisher in dieser Konsequenz nur in „Carmilla“ und „The Hunger“. Es bleibt daher nur zu hoffen, daß Schlenz auch weitere Ausflüge ins Romanfach wagt. Er hat mit „Nachtblau“ dem brachliegenden deutschen Vampirgenre wieder neues Blut injiziert.
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Allgemeine Infos:
Kester Schlenz
„Nachtblau“
Goldmann, 1998
ISBN 3-442-44689-9
broschiert, 7.45 Euro

Carpe Noctem!
Michi, Januar 2003

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Vampire-Lady

Vampire-Lady

02.02.2003 18:18

doch ich hatte bewertet, gestern glaube ich, hast bestimmt übersehen. Die dämliche Zeitsperre von Ciao regt mich schon lange auf. Ich habe damit schon rumgetestet. Den einen Bericht kann ich nach 10 Minuten nicht bewerten, dafür den nächsten aber schon nach 10 Sekunden. Richtig Amok laufe ich, wenn ich auf der Startseite bewerten will - da sind ja häufig so Berichte von 5 Zeilen Länge - und Ciao will, daß man sich mit denen 8 Stunden beschäftigt. Außerdem lese ich sehr viel und dadurch auch gewohnheitsmässig sehr schnell - das nervt alles ungemein!

Vampire-Lady

Vampire-Lady

01.02.2003 23:05

Mist! jetzt wollt ich schon motzen, da hast du's mir vorweggenommen (wegen Anne und abgeschrieben mein ich). Aber nur Frauen? Zuviel Alice Schwarzer für meinen Geschmack! Schönen Sonntag, VL

Heckie

Heckie

28.01.2003 06:22

sehr spannend beschrieben und sicherlich etwas, was ich mir bald zum lesen hole

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