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Der Studienreferandar Ole Reuter kauft sich 1976 eine Bundesbahn-Netzkarte und gondelt durch die damals noch kleine Bundesrepublik. Es geht ihm dabei weniger um rasante Streckenbewältigung, es geht ihm um Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen. Reuter ist kein Kind von Traurigkeit und geht dabei absolut offen ans Werk - und schon bald erfährt er die sinnlichen Momente des Reisens. Das mag sich dem Alltagspendler zwischen Tostedt und Bremen nicht erschließen - Nadolnys Reuter jedoch nehme ich das ab. Zudem schildert er diese Vorgänge mit dezenter Ironie ohne jeden Voyeurismus. Aber Reuter erlebt ja noch mehr - er begegnet der Einsamkeit entlegener Endbahnhöfe. Er sitzt markanten Gesichtern oder pittoresken Typen in ländlichen Gasthöfen gegenüber. Und wieder laufen ihm Frauen über den Weg, die ganz offensichtlich einen Narren an ihm gefressen haben. All dies sind keine sensationellen Erlebnisse - und doch besitzt Nadolnys Prosa eine derart glühende Leuchtkraft, dass der Leser keine Chance hat, das Buch aus der Hand zu legen. Ein unspektakuläres, aber ungeheuer dicht gezeichnetes Zeitbild.
Und es kommt noch besser. Seine Fußwanderung von „Bayern nach Übersee" - es handelt sich um zwei Dörfer in der Nähe des Chiemsees in Bayern - gerät unversehens zu einer Auseinandersetzung mit Trauer über seinen jüngst verstorbenen Vater. Und hier vermischen sich Landschaftsschilderungen mit persönlichen Erinnerungen zu einer pulsierenden Schmerzlandschaft.
Ich bin vor einigen Jahren mit dem Büchlein in der Hand diese Strecke selbst mal marschiert - über Weidezäune und Wiesen und zwischen ignoranten Kühen hindurch: ich habe den Weg gefunden, obwohl Nadolnys Prosa alles andere als eine Tourenbeschreibung ist. Und diesen Spaziergang und meine Gefühle dabei werde ich nie vergessen......
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