Neulich in Belgien

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Belgien abseits kulinarischer Spezialitäten

4  12.10.2008

Pro:
lebensnahe Handlung und Figuren

Kontra:
insgesamt ein sehr unspektakulärer Film

Empfehlenswert: Ja 

Dr.Ed

Über sich: Neuer Job für ehemaligen Bundespräsidenten gesucht. Der arme Mann muss ja schließlich noch den Kredi...

Mitglied seit:02.03.2001

Erfahrungsberichte:510

Vertrauende:89

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 83 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Hallo Zielgruppe!
Spätestens seit dem Film "Brügge sehen und sterben" wissen wir, dass es in Belgien auch noch andere Dinge gibt neben Pommes, Schokolade und Bier. Mitunter kommt es dann doch auch mal vor, dass Belgien als Handlungsort für einen Spielfilm herhalten darf. Von welcher Güte nun dieser spezielle Film ist, dazu mehr in diesem Bericht.

### DIE GESCHICHTE ###

~~~ wie üblich zuerst die "Miss Vega parkt mal eben schnell ein" - Kurzversion ~~~

Die 41-jährige Matty lebt in einem dichtbesiedelten Arbeiterviertel von Gent und hat nur mehr als ein Problem: Ihr Ehemann Werner hat ein Verhältnis mit einer 22-jährigen Studentin, ihre älteste Tochter Vera ist in der Pubertät, die zweitälteste Tochter denkt, sie wäre in der Pubertät und ihr Sohn Peter wäre gerne in der Pubertät. Als wenn das nicht genug wäre, rauscht sie beim Ausparken vom Parkplatz vor dem Supermarkt in den LKW des 29-jährigen Johnny. Nach anfänglichem Palaver werden Johnnys Töne schnell versöhnlicher, als Matty darauf besteht, die Polizei zu holen. Ein paar Tage später steht Johnny abends bei Matty vor der Tür und bietet ihr an, den beim Unfall verbogenen Kofferraumdeckel zu reparieren. Nach anfänglicher Ablehnung geht Matty auf das Angebot ein und kurz darauf lässt sich der Kofferraum wieder schließen. Zum Dank lädt Matty Johnny ein mit ihr und den Kindern zu Abend zu essen. Beim Abschied versucht Johnny noch, Matty zu einem Date zu überreden. Zuerst lehnt Matty dankend ab, aber dann überlegt sie es sich doch anders und das Ganze findet eine überraschende Fortsetzung...

~~~ und nun wie gewohnt die "Dr.Ed findet so schnell keinen Parkplatz" - Langversion ~~~

Moscou ist ein dichtbesiedeltes Arbeiterviertel am Rande von Gent. Dort lebt die 41-jährige Matty (Barbara Sarafian). Nachdem sie mit ihren drei Kindern den freitäglichen Großeinkauf für's Wochenende erledigt hat, rauscht sie beim Ausparken in den LKW des 29-jährigen Johnny (Jurgen Delnaet). Der beginnt, lauthals auf Matty einzuschimpfen. Matty setzt sich verbal wenig zimperlich zur Wehr und nennt den rothaarigen und vollbärtigen Johnny einen Wikinger, worauf Johnny mit der Frage kontert, ob sie in letzter Zeit mal in den Spiegel geschaut hätte, denn nicht nur ihr Auto hätte schon mal bessere Tage gesehen. Erst als Matty die Polizei holen will, wird Johnny schnell versöhnlich und holt aus seinem LKW zwei große Lutscher für die beiden jüngeren Kinder. Doch auch damit lässt sich Matty nicht besänftigen. Nachdem die Polizei die Personalien aufgenommen hat, fährt sie mit wippendem Kofferraumdeckel - dieser lässt sich nach dem Unfall nicht mehr schließen - davon. Während Matty abends mit Zigarette und Rotwein in der Badewanne liegt, klingelt das Telefon. Dran ist Johnny, der sich für sein Verhalten am Nachmittag entschuldigen will. Brüsk wimmelt Matty ihn schnell wieder ab.

Als sie dann am Montagmorgen von ihrer Arbeitskollegin auf dem Postamt gefragt wird, was mit ihr los sei, lamentiert Matty, dass ihr Noch-Ehemann Werner (Johan Heldenbergh) die midlife-crisis und ein Verhältnis mit einer 22-jährigen Studentin habe, dass ihre älteste Tochter Vera (Anemone Valcke) in der Pubertät stecke, ihre zweitälteste Tochter Fien (Sofia Ferri) glaube, sie stecke in der Pubertät und ihr Sohn Peter (Julian Borsani) wünscht, er wäre in der Pubertät. Ihr Auto müsse zur Reparatur und ihr Leben bestünde nur aus Dellen und Beulen. Abends, während Matty kocht, klingelt es plötzlich an der Haustür: Es ist Johnny, der zur Versöhnung ihr Auto reparieren will. Noch bevor sie ablehnen kann, drängen die Kinder Matty, dieses Angebot anzunehmen. Kurz darauf ist der Schaden auch schon halbwegs beseitigt. Matty bedankt sich, indem sie Johnny einlädt, mit ihr und den Kindern zu Abend zu essen. Bevor Johnny sich verabschiedet, bittet er Matty um ein Date am nächsten Sonntagabend. Zunächst weigert sich Matty und spricht den großen Altersunterschied an. Diese Bedenken kontert Johnny mit dem Spruch "Dann sage ich eben, dass Du meine Mutter bist". Daraufhin muss Matty lachen und sagt zu, "aber nur für ein Glas".

Der Sonntagabend mit Johnny wird überraschend amüsant. Johnny überhäuft Matty mit Komplimenten und lässt seinen Charme spielen. Doch nach dem einen Glas Rotwein lässt sich Matty von Johnny nach Hause bringen. Auf dem Heimweg baggert Johnny unverdrossen weiter bei Matty und kommt dann mit der italienischen Redensart "una notte senza amore e una notte perduta - eine Nacht ohne Liebe ist eine verlorene Nacht". Daraufhin entgegnet Matty, dass man sich in Moscou und Ledeberg, den Arbeitervierteln von Gent befinde und nicht in Italien. Doch Johnny lässt sich nicht beirren und gibt weiterhin den Charmebolzen. Stück für Stück lässt Mattys Widerstand nach und so landen beide schließlich in der Schlafkoje von Johnnys LKW und verbringen dort eine leidenschaftliche Liebesnacht. Anschließend lässt sich Matty von Johnny nach Hause fahren. Man verabschiedet sich mit einem zärtlichen Abschiedskuss und Matty kehrt zurück zu den Kindern. Während die jüngeren ahnungslos zu Bett gehen, ahnt Vera, was läuft, denn Matty trägt das T-Shirt, was Vera ihr geliehen hat verkehrt herum. Obwohl Vera merkt, dass Matty plötzlich wesentlich glücklicher und ausgeglichener wirkt, steht sie einer möglichen Beziehung ihrer Mutter mit Johnny skeptisch gegenüber. Als dann auch Werner noch mitbekommt, dass seine Noch-Ehefrau einen Lover hat, reagiert er überraschend eifersüchtig. Er schnüffelt in Johnnys Vergangeheit und findet dabei heraus, dass Johnny ein wegen Körperverletzung vorbestrafter Alkoholiker ist. Außerdem deutet Werner an, dass er möglicherweise zu Matty und den Kindern zurückkehren möchte.

Wie die Geschichte weitergeht, erfahrt Ihr im Kino...

### MEINE MEINUNG ###

Es gibt Filme, die überzeugen wegen ihrer aufwendigen SFX, andere begeistern wegen ihrer DarstellerInnen, dann gibt es wieder welche, die einfach nur eine gute Geschichte erzählen oder es stimmt einfach das Gesamtpaket. Ehrlich gesagt, bin ich mir nicht ganz sicher, in welche Kategorie "Neulich in Belgien" gehört. Bei dem Filmtitel musste ich unweigerlich an die Don-Martin-Comics in den alten MAD-Heften denken, deren Überschrift auch meist mit "Neulich in..." anfingen. Der Film selber wirkt wie mitten aus dem Leben gegriffen. Solche oder ähnliche Konstellationen kennen viele Menschen aus eigener Anschauung oder aus ihrem unmittelbaren oder mittelbaren persönlichen Umfeld. Die Geschichte könnte also genausogut in jedem anderen europäischen Land funktionieren, weil für jedermann nachvollziehbar ist. Genau wie die Figuren sind auch die Dialoge erfrischend lebensnah und wirken ungekünstelt.

Auch der Verlauf der Handlung wirkt stimmig, in sich schlüssig und an keiner Stelle lebensfremd. Manche Wendungen im Verlauf mögen vielleicht überraschend kommen, aber sie sind nicht unvorhersehbar oder liegen außerhalb jeglicher Lebenserfahrung. Die Figuren müssen Entscheidungen treffen, deren Tragweite sie zum fraglichen Zeitpunkt nicht einschätzen können, aber sie sind auch bereit, die möglichen Risiken einzugehen. Das alles macht den Film sehr sympathisch, auch wenn er insgesamt recht unspektakulär ist. Sicher ist das auch ein Verdienst der DarstellerInnen, die allesamt sehr natürlich und passend besetzt wirken. Der Handlungsverlauf ist linear und kommt ohne Rückblenden oder Einschiebungen aus. Auch Kameraführung und Schnitt verzichten auf jeglichen Schnickschnack oder ungewöhnliche Perspektiven, sondern beschränken sich darauf, die Figuren möglichst lebensnah in Szene zu setzen. Unnötige Längen hat der Film auch keine, so dass man nicht gelangweilt dasitzt und sich fragt, wann denn endlich was passiert.

### FAZIT ###

Sicherlich kein Film für die ganz große Kinoleinwand, dafür ist er einfach zu unspektakulär. Dennoch ist der Film in jedem Fall wegen seiner erfrischen Dialoge sehenswert, wenn nicht im Kino, dann doch zumindest zuhause.

### ABSPANN ###

Spielfilm, Belgien 2008, 102 Min, FSK 12

Regie: Christoph van Rompaey
Buch: Jean-Claude von Rijckeghem und Pat van Beirs
Kamera: Ruben Impens
Musik: Tuur Florizoone

~ Matty - Barbara Sarafian
~ Johnny - Jurgen Delnaet
~ Werner - Johan Heldenbergh
~ Vera - Anemone Valcke
~ Fien - Sofia Ferri
~ Peter - Julian Borsani
u.v.a.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Carmelita2905

Carmelita2905

29.11.2008 19:44

Das klingt eher nach was für mich... Lebensnahe Beziehungskisten oder gute Thriller... Wie auch bei Büchern ist das mein Ding. :-) Bewertung muss wieder folgen. Hab letzte Nacht die BHs schon verloren... äh vergeben...! ;-)

Soraya69

Soraya69

06.11.2008 09:31

Mal nicht das ganz große Hollywoodkino, aber gerade über die anderen Filme so gut zu schreiben, ist stark beeindruckend. LG ;-)

panico

panico

24.10.2008 05:39

Deine Filmtipps haben es wirklich in sich :-)

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