Erfahrungsbericht über

New York / Lily Brett

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Writing to reach you

5  27.02.2003

Pro:
echt

Kontra:
nur 159 Seiten

Empfehlenswert: Ja 

Cora-Lee

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:248

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 107 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Da ist sie.
Wochenlang war ich bemüht, sie abzuwenden, doch jetzt ist sie da: die Gewissheit, kein ungelesenes Buch von Lily Brett mehr im Regal zu haben. Scheußlich. „New York“ hatte ich mir aufgespart, bis mich die Neugier nicht mehr losließ. Nicht erst einmal habe ich den schmalen Band in den Händen gehalten, um mich schließlich doch zu zwingen, zu Margaret Atwood und Alistair MacLeod zu greifen. Beide waren Glücksgriffe, das gebe ich gerne zu. Doch heute Morgen konnte ich nicht anders...

Ich liebe es, Bücher vorrätig zu haben. Dass ich eines Tages vor einem unserer Bücherregale stehe und erfolglos nach einem ungelesenen Buch suche – unvorstellbar. Wahrscheinlich wird dieser Zustand niemals eintreten. Das liegt einfach daran, dass ich jede Woche mehr Bücher kaufe, als ich (je?) lesen kann. Nicht einmal jetzt, da uns ein Umzug bevor steht und sich die Bücherkartons im Flur stapeln, muss ich mich in die Buchhandlung bequemen, wenn ich lesen möchte. Eine großzügige Menge an sorgfältig ausgewählten Büchern habe ich noch nicht eingepackt, darunter befinden sich Paul Austers „Buch der Illusionen“, Maarten’t Harts „Regenbrachvögel“ und Pavel Kohouts „Henkerin“. Außerdem die Shakespeare-Sonette und Baudelaires „Blumen des Bösen“; man weiß ja nie, ob einen noch der Größenwahn ereilt. Und bis vor wenigen Stunden stand in dieser verwaisten Billy-Regal-Reihe eben auch noch „New York“.

„New York“ ist kein Roman, sondern eine Sammlung von Texten, die Lily Brett in der „Zeit“ veröffentlicht hat. Irgendwie hatte ich befürchtet, diese kurzen Texte nicht zu mögen, denn keiner ist länger als drei Seiten und ich hatte Zweifel, dass es Lily Brett gelingen würde, ihre köstlichen Neurosen auf so beengtem Raum zu entfalten.
Völlig unbegründete Zweifel, wie ich jetzt weiß. „New York“ ist ein herrliches Buch und es ist typisch Lily Brett. Nur dünner.

Sie entwirft ein Bild von einer Stadt, die mich vor allzu langer Zeit noch nicht sonderlich interessierte. Oder eigentlich ist es nicht ein Bild, sondern viele Eindrücke, die recht mühelos zu einem (dennoch und natürlich) lückenhaften Bild zusammengesetzt werden können. Im Moment erscheint mit NY gerade wie die interessanteste, aufregendste, verrückteste und lebendigste Stadt der Welt; Inspiration pur.
Die Stadt, in der niemand jemals Zeit hat, in der alle in erster Linie schlank sein wollen und in der der „Take Your Dogs To Work - Day“ gegründet wurde. Die Stadt, in der es lauter ist und mehr stinkt als woanders und in der Kürbisse sprechen können.

„“Hallo, ich bin ein Eikürbis und stamme aus Oklahoma“, sagte ein Kürbis, den ich letzte Woche kaufte. Mir war, als müsste ich antworten: „Freut mich, Sie kennenzulernen.““

„Ich fühle mich auf dem Land nicht wohl. Und das Land fühlt sich in meiner Gegenwart nicht wohl.“ So ist es. Ich muss in die Großstadt.

Lily Brett beschreibt Situationen, Geschichten, Anekdoten aus ihrem Leben in New York. (Zumindest lässt sie uns das glauben.) Dabei ist sie so eindringlich, so ehrlich, so penibel, dass man als Leser ihr gegenüber wahrscheinlich nur drei Haltungen einnehmen kann: Begeisterung, Ablehnung oder Neid. Eventuell auch eine Mischung aus zweien, niemals aber Gleichgültigkeit, da bin ich sicher. Lily Brett lässt niemanden unberührt. Sie zu lesen ist nicht so wie Mary Higgins-Clark zu lesen, obwohl die beiden gemeinsam haben, dass sie im Prinzip in all ihren Büchern immer wieder das Gleiche schreiben. Bei Mary hat mich das nach dem zweiten Roman dazu veranlasst, sie für einfalls- und belanglos zu erklären. Von Lily kann ich gar nicht genug kriegen.

Vielleicht kommt sie ja mal wieder auf einer Lesereise nach Düsseldorf. Dann werde ich da sein. Auf Seite 75 erklärt sie nämlich: „Ich mag Düsseldorf.“ Und das, obwohl ein Düsseldorfer Friseur sie seinerzeit zutiefst gekränkt hat, als er ihr Ähnlichkeit mit Chers Mutter unterstellte, obwohl Lily Brett gerade mal so alt ist wie Cher selbst. Und sie hat Recht, „Düsseldorf ist eine elegante und kultivierte Stadt“ verglichen mit vielen anderen und dort „kann man die eigenen Schritte hören.“
Jetzt freue ich mich noch ein kleines bisschen mehr auf und über unseren Umzug.

„New York“ ist ein Buch, das ich sehr gerne in den Copyshop, der hier noch Kopierladen heißt, tragen würde, um einige Kapitel daraus zu kopieren. Für verschiedene Menschen in meinem Umfeld gibt es Texte darin, die irgendwie zu ihnen passen. Bei manchen Sätzen stelle ich mir vor, dass A. sich darüber amüsieren oder S. mit flatternden Nasenflügeln darüber lachen könnte. An anderen Stellen sehe ich J. vor mir, die die Stirn runzeln oder D., die eine Augenbraue hochziehen würde. Und für ein paar wichtige Menschen, zu denen ich seit Jahren keinen rechten Zugang finden kann, gibt es auch den ein oder anderen mehr als passenden Text in „New York“, den ich ihnen gerne in DinA1 vergrößert und mit neongelben Unterstreichungen und knallroten Ausrufezeichen übers Bett hängen würde.
„Writing to reach you... only wanna teach you about you.“, singen Travis seit Tagen. Und manchmal ist das, was ausgelassen wird, am wichtigsten.

Mein Kapitel wäre vielleicht „Großartig“ (ab Seite 55), da habe ich viel unterstrichen. Oder „Lügen“ (ab Seite 82). Ich bin nicht sicher, ob ich gern wüsste, welches Kapitel mir die Menschen, die mir am meisten bedeuten, auswählen und rauskopieren würden, wenn sie bei der Lektüre auf die selbe Idee kämen Heute sind die Copyshops ohnehin geschlossen und bis morgen hat mich der Mut wahrscheinlich schon wieder verlassen...

Wie dem auch sei: Lily Brett ist hervorragend. „New York“ ist als Taschenbuch bei List erhältlich und kostet nur 6,95€. Ich habe schon Nachschub geordert: „Alles halb so schlimm“ habe ich noch nicht. Vor den „Auschwitz Poems“ fürchte ich mich noch ein wenig. Aber eines Tages.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Rotha

Rotha

12.06.2003 22:13

Wo steht geschrieben, liebe Coralie, daß man NY nicht auch in sparsamen Worten erklären könnte. Man kann es und , auch ich könnte es. LG, Achim

TheFrail

TheFrail

15.05.2003 17:38

Apropos, ist der Titel nicht eine Anspielung auf den Song von... warte... Travis? Kann das sein?

Lambertus

Lambertus

10.03.2003 17:37

Hmmm - ha - hmmm... Klasse Buchbesprechung, weil sehr persönlich und dadurch besonders interessant. Das "Hmmm..." bezieht sich auf die Bemerkungen über Düsseldorf. Ach, ich akzeptiere das mal, ist ja quasi meine Heimatstadt. Da verzeiht man eben so'n bisschen Arroganz, von der diese Stadt auch geprägt wird. Liebe Grüße, Kurt

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