Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
stimmungsvoll - prächtige Verfilmung, Vorlage etwas entrümpelt, überzeugende Darsteller |
| Kontra: |
nichts für kleine Kinder |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Eigentlich mag ich ja Dickens nicht so besonders. Seit wir während des Studiums in englischer Literatur jede Menge davon lesen mußten, bin ich dieses schwermütigen Autors überdrüssig. Doch als ich gesehen habe, daß hier noch eine Kategorie frei ist für eine seiner Verfilmungen, wollte ich dann doch mal wieder einen Versuch wagen, zumal mich partout nicht mehr an Nicholas Nickleby erinnern kann.
Nun denn, ein Kostümfilm mit literarischer Vorlage - nicht mein erster Versuch, aber ein weiterer.
** Die Geschichte **
Es geht um das Leben eines Jungen namens Nicholas Nickleby. Er verbringt eine glückliche Kindheit mit seinen Eltern und seiner Schwester Kate, nur das Geld ist immer etwas knapp. Die Mutter kommt auf die Idee, mit Geld zu spekulieren, so wie des Ehemanns älterer Bruder Ralph, der damit sein ganzes Vermögen gemacht hat.
Leider verliert Mr. Nickleby selbiges, was dessen Herz bricht und ihn bald dahinrafft. Und Nicholas Nickleby (Charlie Hunnam) wird mit 19 Oberhaupt der Familie.
Die Familie kratzt die letzen Cent zusammen und geht nach London zu ihrem Onkel Ralph (Christopher Plummer), der darüber erbost scheint, daß sein sterbender Bruder gewünscht hat, er möge sich um die Hinterbliebenen kümmern. (Wie kann der Mann nur über sein Geld entscheiden?) Er erwartet, daß alle für ihren Unterhalt arbeiten.
Kate bekommt eine Stelle als Schneiderin und für Nicholas hat er ein Stelle als Lehrer in einer Jungenschule weit weg von London.
Der einzige Verbündete scheint Mr. Noggs (Tom Courtenay) zu sein, der Diener des Onkels, der eher sein Sklave scheint. In dessen Obhut übergibt Nicholas die beiden Frauen.
Die Jungenschule stellt sich als wahre Zuchtanstalt heraus, in der die Jungen hungern müssen und gequält werden für ein Schulgeld von 20 Pfund im Jahr, wobei der Lehrer nur 5 Pfund im Jahr bekommt. Den Rest streicht der Schulmeister Squeers (Jim Broadbent) ein. Der ist ein geiziger und boshafter Kerl mit einer noch boshafteren Ehefrau, der eine Freude daran hat, seine Schutzbefohlenen zu quälen, die bei Kälte auf Stroh schlafen müssen und bei jeder Gelegenheit gezüchtigt werden.
Nicholas ist entsetzt, hofft aber, daß er hier einiges Gutes bewirken kann.
Besonders angetan hat es ihm der verkrüppelte Bursche Smike (Jamie Bell), der hier Mädchen für alles ist, ständig geprügelt wird und nichts lieber hat, wenn ihm vorgelesen wird.
Inzwischen hat es die Tochter von Sqeers auf den jungen Mann abgesehen, weil sie die einzige ist, die noch nicht vergeben ist in dem Dorf. Als Nicholas sie ablehnt, nehmen sich die Squeers' vor, ihn zu brechen. Das gelingt ihnen fast, als Smike ausreißt, die Hausherrin ihn zurückbringt und ihn auspeitschen läßt. Da greift Nicholas selbst zur Peitsche, verprügelt den Schulmeister und geht mit dem Jungen weg.
Unterwegs begegnen sie dem fahrenden Schauspieler Crummles (Nathan Lane), der sie überredet, bei ihm einzusteigen. Dort soll er als Romeo eingesetzt werden. Und die ganze Sache macht den beiden Spaß. Doch dann werden sie unerwartet nach London zurückgerufen. Kate braucht Hilfe, da Onkel Ralph ein grausames Spiel mit dem Anstand der jungen Kate treibt, indem er sie vor seinen Kumpanen demütigt und sie regelrecht an sie verschachert, um sie als Kunden bei der Stange zu halten.
Als Nicholas seine Pläne durchkreuzt, indem er Kate verteidigt, schwört sein Onkel unbarmherzige Rache.
** Darsteller **
Neben einer Reihe sehr junger Darsteller sind hier auch gestandene Mimen zu finden, die aus der Romanverfilmung ein Treffen der Generationen machen.
Charlie Hunnam (Nicholas Nickleby) ist ein noch sehr junges Talent, der bisher erst in drei Filmen mitgespielt hat, eben diesem hier, in "Hooligans" und "Unterwegs nach Cold Mountain".
Jamie Bell haben vermutlich die meisten von euch schon gesehen, ohne auf den Namen geachtet zu haben. Er war der unglaubliche Darsteller von "Billy Elliott - I will dance". Außerdem war er zu sehen in "Deathwatch" und "Dear Wendy".
Auch Anne Hathaway steht noch am Anfang ihrer Karriere. Sie spielte ganz bezaubernd in "Plötzlich Prinzessin" (1 und 2) sowie in "Ella - Verflixt und zauberhaft".
Christopher Plummer begann seine Karriere als Bühnendarsteller in Kanada und machte sich einen Namen als Shakespeareinterpret. 1958 hatte er in einem Film von Sidney Lumet sein Leinwanddebüt. Danach spielte er in über 90 Kinofilmen, darunter solche Meisterwerke wie "Waterloo" (1969), "Der rosarote Panther kehrt zurück" (1975), "Der Mann, der König sein wollte" (1976), "Dolores" (1994), "The Insider" (1999) oder "A Beautiful Mind" (2001).
Jim Broadbent ist ein alter Hase im Filmgeschäft, aber scheinbar eher auf Nebenrollen abonniert. Zu sehen war er u. a. in "Brazil", "Bullets over Broadway", "Bridget Jones", "Gangs of New York" oder "Iris". Immerhin aus einer Rolle solltet ihr ihn kennen: als Intendant des Moulin Rouge Zidler in "Moulin Rouge".
Außerdem dabei sind Nathan Lane (Frankie und Johnny, Mäusejagd, The Birdcage), Alan Cumming (Circle of friends, Emma, Get Carter, Titus, X-Men 2), Tomothy Spall (Gothic, Hamlet (1996), Last Samurai, Rockstar), Tom Courtenay (Doctor Schiwago, Ein ungleiches Paar, Die Nacht der Generale), Edward Fox (Anastasia, Die Bounty, Ernst sein ist alles, Ghandi, Der Schakal (1972), Agatha Christies: Mord im Spiegel), Romola Garai (Dirty Dancing 2, Vanity Fair) und der unvergleichliche Barry Humphries - besser bekannt als die schrille Dame Edna Everage.
** Filmkritik **
Wie gesagt, basiert der Film auf dem gleichnamigen Roman von Charles Dickens, der von 1812 bis 1870 lebte und als Begründer des kritisch-realistischen Romans in der englischen Literatur gilt.
Erstmals in der Geschichte der Literatur sind nicht Könige und Prinzen die Helden der Romane, sondern die Armen, die verachtete Klasse, deren Schicksale, gute und böse, deren Freud und Leid. Bereits mit Oliver Twist schuf der gelernte Advokat den sogenannten "sozialen Problem- und moralisierenden Tendenzroman", indem er bestimmte Mißstände des aufkommenden Kapitalismus, wie zum Beispiel die haarsträubend grausamen Verhältnisse in den Privatschulen in Yorkshire oder die Aufstände in den Londoner Elendsvierteln aufzeigte.
Er schuf Menschentypen, keine ausgeprägten Charaktere, sondern einseitige Typen, entweder ganz gute oder ganz böse. Dabei trennte er aber auch die sozialen Klassen nicht strikt voneinander - auch unter den eigentlich bösen Reichen gab es verarmte, gescheiterte und mitleiderregende Existenzen, aber wiederum auch idealisierte Kapitalistenfiguren (wie die Gebrüder Cheeryble in diesem Roman).
Am Ende gibt es dann eine moralisierende Zusammenfassung, wenn der Held alle Klippen umschifft hat und auf einer Insel eines friedlichen Familienlebens gelandet ist. Utopisch zwar, aber passend zum Grundkonzept der Romane.
Dickens' Romane zeichnen sich immer durch unglaubliche Detailverliebtheit, ausschweifende Schilderungen und gewisse Langatmigkeit aus. Gottseidank ist es Regisseur Douglas McGrath, der sich schon bei der Austen-Verfilmung "Emma" mit Kostümfilmen einen Namen machte, gelungen, daß von dem ausufernden Gebäude nur ein Grundgerüst der wichtigsten Handlungen übrig bleibt, dem der Zuschauer folgen kann, ohne dabei einzuschlafen.
Herausgekommen ist ein buntes Märchen, ein Kaleidoskop voller bewegender und komischer Momente, eingebettet in das schwierige gesellschaftliche Leben des viktorianischen Englands. Da werden Elend und Hunger, Verzweiflung und Mißhandlung gezeigt, weshalb ich auch sagen würde, daß dieser Film nicht für Kinder unter 12 geeignet ist.
Zwar ist auch eine gehörige Portion des Dickens'schen Humors dabei, außerdem noch viel Sentimentalität und altmodischer Charme
Die dickens-typischen Figuren sind sehr ausgeprägt und werden von hervorragenden Schauspielern repräsentiert. Vor allem die beiden Kontrahenten Plummer und Hunnam stehen an den entgegengesetzten Enden einer Charakerskala - der Engel gegen den Teufel. Die fiesen Machenschaften von Ralph Nickleby erbosen einen als Zuschauer schon sehr, aber man weiß ja im Grunde genommen, daß am Ende alles gut wird. Mehr noch, bei Dickens wird entweder der Böse geläutert oder bekommt seine gerechte Strafe.
Wunderbar und sehr realistisch ist auch die Ausstattung des Films, Kostüme und Kulissen. Sie unterstreichen realistisch das widersprüchliche Ambiente dieser Zeit mit all ihrem Elend, Hoffnungslosigkeit oder sozialer Ungerechtigkeit. Gedreht wurde übrigens an Originalschauplätzen.
** Meine Meinung **
Diese Literaturverfilmung ist ein wunderbares, bildgewaltiges Märchen vom ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, prächtig ausgestattet, mit tollen Darstellern, die die typischen Dickens'schen Figuren glaubhaft spielen.
Für Kinder ist der Film nur bedingt geeignet, aber Erwachsene, Literaturfans, Dickens-Liebhaber und Klassikerfreunde dürften ihre Freude daran haben.
Enden möchte ich mit einem Zitat aus dem Film, das ihn beschließt und alles Gesehene zusammenfaßt. Und damals wie heute gilt:
"Im Leben jedes Menschen, egal, wie voll oder leer seine Börse ist, gibt es Tragödien. Das ist eins der Versprechen, die das Leben immer erfüllt. Folglich ist das Glück ein Geschenk. Und der Trick liegt darin, es nicht zu erwarten, sondern es zu genießen, wenn es kommt. Und andere daran teilhaben zu lassen."
** Daten **
USA/GB/Dtl./NL 2002
Genre: Drama, Literaturverfilmung
Originaltitel: Nicholas Nickleby
Regie und Drehbuch: Douglas McGrath
Musik: Rachel Portman
FSK 12
| weitere Erfahrungsberichte |
Der herzlose Onkel mit der großen Kohle
Bewertung für Nicholas Nickleby (2002) von
Marc12
Pro: gelunge Umsetzung
Kontra: -
Zum Film:
Nach dem Tod des Familienoberhauptes befindet sich die Familie Nickelby ins großen finanziellen Nöten. Wie gut, dass es den wohlhabenden Onkel Ralph in London gibt. Von ihm wird sich erzählt, dass er sehr wohltätig sein soll. So macht sich Mu ...
Bericht lesen
Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich |
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sehr hilfreich
13.12.2005
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