Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
liest sich leicht und schnell |
| Kontra: |
ein schweres Thema, was man trotzdem lesen sollte |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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In letzter Zeit hat mich eine absolute Leselust gepackt. Lass ich doch einfach das Buch Revue passiere, welches mich am meisten beeindruckt hat in den letzten Wochen.
Michael Degen war mir bis dato als irgendein Schauspieler bekannt, mehr auch nicht. Ich wusste nicht mal, dass er Jude ist.
„Nicht alle waren Mörder“ ist die Geschichte seiner Kindheit während der Nazizeit. Sein Vater kommt sehr schnell ins KZ und überlebt dieses auch nicht. Seinen älteren Bruder schickt die Mutter nach Palästina. So bleibt Michael Degen mit ihr alleine in Berlin.
Eines Tages müssen Sie beobachten, wie in Ihrer Straße die Juden abgeholt werden. Die Mutter greift sich ihren Sohn und tut so, als ob sie als „normale“ Deutsche das Haus verlässt. Frechheit siegt eben oft. So können sie flüchten, bevor es richtig brenzlig wird. Die nächsten Jahre werden nun weiter so verlaufen. Ständig sind sie auf der Hut und auf der Flucht. Aber viele Menschen kreuzen Ihren Weg, die Ihnen helfen. Einige tun dies aus Freundschaft, einige um später sagen zu können, sie haben geholfen, einige um sich gut zu fühlen. Aber letztlich sind die Gründe unwichtig, kann Michael Degen so doch mit seiner Mutter diese Zeit überleben.
Was mich mächtig beeindruckt hat, als Berlinerin kenne ich die Orte gut, die Michael Degen in seinem Buch beschreibt. Da seine Verstecke oftmals weit auseinander liegen und man als Jude nicht einfach die Öffentlichen benutzen kann, läuft er oft von Süd nach Nord, von Ost nach West und das alles zu Fuß. Dabei noch die Angst erwischt zu werden. Das hat oftmals an den Nerven gezerrt. Und muss auch sehr schmerzhaft für die Füße gewesen sein.
Auch die ständigen Bombenangriffe auf Berlin. Sie konnten als untergetauchte Juden nicht einfach in die Luftschutzkeller. Die Suche nach neuen Verstecken, wenn eines verloren war. Dies alles schreibt er spannend und flüssig.
Das Buch hat mir Michael Degen unwahrscheinlich sympathisch gemacht. Es ist in keiner Weise eine Abrechnung, er bemitleidet sich nicht und erwartet auch kein Mitleid. Man spürt, er hat diese Zeit für sich aufgearbeitet und hasst nicht. Somit hat er sich auch frei gemacht, für sein späteres Leben. Diese Art mit einem schweren Lebensabschnitt umzugehen, bewundere ich sehr. Das Buch ist einfach mit viel Liebe für die Menschen, die eine große Rolle gespielt haben, geschrieben. Auch mit ein wenig Ironie und Augenzwinkern.
Der Schreibstil ist eher ein wenig naiv, genauso eben wie ein Kind die Dinge sieht. Kinder empfinden die Dinge meist nie so schlimm wie Erwachsene. Michael Degen musste zwar früh Verantwortung übernehmen, hat sich aber noch seine Kindlichkeit bewahrt. Das ist auch der Grund, warum sich das Buch so flüssig und sehr schnell liest. Man mag es einfach nicht mehr aus der Hand legen.
Aus dem Buch ist in mir das Gefühl entstanden, das es doch so etwas wie Schicksal gibt. Es war Michael Degen und seiner Mutter anscheint bestimmt, zu überleben. Soviel Glück auf einemmal kann es kaum geben. Ich glaube, dass muss Michael Degen damals auch so empfunden haben. Manchmal hat er es geradezu heraufbeschworen, entdeckt zu werden, so als ob er seine Grenzen abtasten möchte. Aber immer wieder ist er auf Menschen gestoßen, die ihm dann geholfen haben.
Das Buch umfasst den gesamten 2. Weltkrieg bis zu Befreiung und endet mit der Erfolgreichen Suche seines Bruders in Israel.
Textauszug:
Am nächsten Morgen wachte ich durch ganz ungewohnten Lärm auf. Meine Mutter stand am Fenster und starrte auf den Hof hinunter. Dann drehte sie sich um und sah mich an: „Sie holen gerade die Leute aus den Gartenhäusern raus“, sagte sie.
Ich sprang aus dem Bett und lief ans Fenster. Sie standen in voller Uniform, mit Stahlhelmen und aufgepflanztem Bajonett und trieben die Leute zur Eile an.
„Wir müssen uns schnell anziehen“, sagte ich. Dann wandte ich mich zu meiner Mutter um und bekam einen ziemlichen Schrecken.
Sie saß auf dem Bett und weinte lautlos vor sich hin. Sie sah plötzlich ganz mitgenommen aus, ganz alt.
„Mama, zieh dich an, bitte. Wir müssen weg.“
„Wohin“, schrie sie, „wo sollen wir hin? Weißt du, wo wir hinkönnen?“
Dann kreischte sie wie eine Tobsüchtige. Ich hatte sie noch nie so gesehen. Sie sah völlig fremd aus, beinahe verrückt. Und so knallte ich ihr eine. Ich schlug ihr mit aller Kraft ins Gesicht. Ich tat es, ohne zu wissen, was ich tat. Dann schlug ich mir die Hand vor den Mund und muss sie entsetzt angestarrt haben.
Denn sie fragte ganz ruhig, ganz übergangslos: „Du schlägst deine Mutter?“
Ich konnte gar nicht antworten, und sie strich mir kurz über die Haare. „Los, anziehen, nichts mitnehmen. Lass alles liegen. Los, los, los! Nur Geld und meinen Schmuck“, befahl sie sich selbst, während sie die Matratze hochriss. (...)
Sie riss mir die Sterne von Mantel und Jacke, die waren sowieso bloß an den Ecken angeheftet, tat bei ihrem Kostüm und Wintermantel dasselbe und wir rannten an der Küche vorbei zur Wohnungstür. Unsere Mitmieter ließen sich nicht blicken, dabei mussten sie uns einfach gesehen haben. Entweder aus der Küche oder von ihrem Zimmer aus, dessen Tür weit offenstand. Ich jedenfalls sah nichts außer meiner Mutter und dem Treppenhaus. Es war ein wunderschönes Treppenhaus mit viel Holz und einem Fahrstuhl, der fabelhaft funktionierte. Nur schnell war er eben nicht. Ich drückte zwar sofort den Knopf, und wir hörten auch, dass er sich in Bewegung setzte, aber er ließ sich Zeit, viel Zeit, während meine Mutter über das Geländer nach unten starrte.
Und dann kamen sie. Unmöglich, sie zu überhören, mit ihren eisenbeschlagenen Stiefeln.
Ich ließ die Hand nicht vom Knopf. „Scheiß Antisemit“, fluchte ich leise.
„Was?“ fragte meine Mutter. Sie war vollkommen gefasst und ruhig.
„Der Fahrstuhl kommt nicht.„
„Mal sehen, wer eher da ist“, flüsterte sie fast grinsend. Und dann kam der Fahrstuhl. Wir gingen hinein, drückten auf den Parterre-Knopf, und während Mutter mich ganz fest an sich gepresste hielt, sagte sie: „Doch kein Antisemit.“
Wir hörten sie weiter hochsteigen und an die Türen donnern, während wir im Parterre ausstiegen. An der Haustür standen Männer in Uniformen, und Mutter ging sofort auf sie zu: „Was ist denn hier los?“
Der Mann fixierte uns kurz, sagte nicht unhöflich aber bestimmt: „Gehen Sie weiter!“
Info zum Buch
Das Buch ist als Taschenbuch erschienen bei List und kostet 8,95 €.
Seitenanzahl: 331
ISBN 3 – 548 – 60051 – 4
Zur Person Michael Degen
Er wurde 1932 in Cemnitz geboren, wuchs aber in Berlin auf. 1946 begann er mit seiner Schauspielausbildung am Deutschen Theater in Berlin. 1949 ging er für 2 Jahre nach Israel. 1951 spielte er aber wieder in Berlin am Berliner Ensemble von Bertold Brecht. Viele Jahre spielte er am Theater in Köln, Frankfurt, Berlin, München, Salzburg, Hamburg und Wien. Bekannt im Fernsehen wurde er 1978 mit „Die Buddenbrooks“. Seit dem folgten weitere Serien und Filme. Dieses Buch veröffentlichte er 1999.
Fazit
Ein Buch was man in sehr kurzer Zeit gelesen hat.
Als ich es fertig gelesen hatte, konnte ich mich ganz schwer trennen. Zu gerne hätte ich Michael Degen weiter begleitet. Dabei hat er mich vorher überhaupt nicht interessiert. Aber er hat einen Schreibstil, der einen mitreißt und somit das Buch einfach nur weiter empfohlen werden kann.
Viel Spaß beim Lesen.
| weitere Erfahrungsberichte |
Ein Stück der deutschen Geschichte
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Larischen
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Kontra: /
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Das Buch „Nicht alle waren Mörder“ von Michael Degen ist im List Verlag er ...
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sehr hilfreich
19.06.2004
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Ein Plädoyer an die Menschlichkeit
Bewertung für Nicht alle waren Mörder / Michael Degen von
HEIDIZ
Pro: wertvoll und spannend
Kontra: es ist tatsächlich passiert :-(
Nachdem ich den Film im TV gesehen hatte, der mir übrigens in der Umsetzung des Stoffes sehr gut gefallen hat, wollte ich das Buch lesen, um vergleichen zu können und mich noch intensiver mit dem Thema auseinander zu setzen. Daten zum Buch: = ...
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sehr hilfreich
17.04.2011
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Das muss man gelesen haben!
Bewertung für Nicht alle waren Mörder / Michael Degen von
Hajott
Pro: Toll geschrieben, fesselnd
Kontra: Eigentlich nichts, nur vielleicht etwas unstrukturiert
Und gleich der nächste Buch-Bericht hinterher ... :-)
Das Buch „Nicht alle waren Mörder“ von Michael Degen habe ich (unter anderem) während meines letzten Urlaubs verschlungen. Und „verschlungen“ ist der richtige Ausdruck (ich glaube, ich habe zwei Tag ...
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sehr hilfreich
11.12.2002
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Holocaust-Erlebnisse fesselnd erzählt
Bewertung für Nicht alle waren Mörder / Michael Degen von
kleiner_schnucki
Pro: Geschichtlich und menschlich faszinierend
Kontra: ---
Eigentlich bin ich ja nicht so der Bücher-Freak, aber in letzter Zeit habe ich auch mal wieder öfters zu einem Buch gegriffen, das auslösende Moment hierfür war das Buch von Dieter Bohlen. Darüber ist hier allerdings schon soviel geschrieben worden das ic ...
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hilfreich
02.01.2003
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Dramatische Geschichte, humorvoll erzählt
Bewertung für Nicht alle waren Mörder / Michael Degen von
klebensberger
Pro: ernste Geschichte mit Humor und Pfiff
Kontra: gibt es nicht
Der 1932 in Chemnitz geborene und als Schauspieler in Deutschland bekannte Michael Degen hat sich mit seinem autobiografischen Buch "Nicht alle waren Mörder" seine dramatischen Kindheitserlebnisse im bombenbedrohten Berlin der 40er Jahre von der Seele ges ...
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hilfreich
10.02.2002
(23.02.2002)
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