... Das Buch von Gunter Haug, das ich vor kurzem aus dieser Kiste nahm, sprach mich schon aufgrund des Covers an, auch der Titel "Niemands Tochter" klang vielversprechend und so war ich gespannt, was mir das Buch bieten würde. Der Untertitel "Auf den Spuren eines vergessenen Lebens" deutete schon ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von alteSchwedin über Niemands Tochter / Haug, Gunter 28. Juni 2005
Produktbewertung des Autors:
Niveau:
durchschnittlich
Stil:
ausschmückend
Unterhaltungswert:
sehr hoch
Wie ergreifend ist die Story?
sehr ergreifend
Aufmachung:
sehr schön
Pro:
faszinierende Geschichte, abwechslungsreiche Themen, schön zu lesen
Kontra:
nichts
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Diejenigen von euch, die meine Berichte regelmäßig lesen, kennen schon meine Bücherkiste, die ich mal geschenkt bekam und in der sich Bücher der verschiedensten Genres und Autoren befinden. Das Buch von Gunter Haug, das ich vor kurzem aus dieser Kiste nahm, sprach mich schon aufgrund des Covers an, auch der Titel "Niemands Tochter" klang vielversprechend und so war ich gespannt, was mir das Buch bieten würde. Der Untertitel "Auf den Spuren eines vergessenen Lebens" deutete schon auf eine Biografie hin und als ebenso eine entpuppte sich das Buch auch.
Gunter Haug erzählt die Geschichte seiner Großmutter mütterlicherseits, die er selbst kaum gekannt hat. Doch er begab sich auf die Suche nach der Vergangenheit seiner Familie, befragte seine Mutter, seine Onkel und Tanten und andere Zeitzeugen, um das Leben der Maria Staudacher zu rekonstruieren.
1903 wird sie unter dem Namen Maria Reingruber geboren. Ihr Vater, Leonard Ohr, ist der Sohn eines Bauern und verliebt sich in die Magd Anna Reingruber, darf sie aber nicht heiraten. Anna kann ihre Tochter jedoch auch nicht aufziehen, da ihr Arbeitgeber damit nicht einverstanden ist. Also nimmt Leonard Maria mit in seine Familie, wo seine Eltern nach anfänglicher Skepsis das Kind aufnehmen. Als die Großeltern sterben und Leonard heiraten muss, wird Marias Leben schwerer. Sie muss viele der mütterlichen Pflichten übernehmen, da ihre Stiefmutter sich oft krank stellt, bald ist sie auch Ersatzmutter für die Halbgeschwister. Doch sie geht zur Schule und nach ihrem Abschluss nimmt sie eine Stelle in einer Gastwirtschaft in der nächstgrößeren Stadt Dinkelsbühl an. Nach einiger Zeit wechselt sie die Stelle und wird Magd in einer Mühle in der Nähe von Rothenburg ob der Tauber, wo sie Johann Staudacher kennen lernt. Maria wird schwanger und will heiraten, doch ihr Vater ist nicht damit einverstanden, dass sie einen einfachen Knecht und Tagelöhner heiratet. Nachdem ihr erstes Kind zur Welt gekommen ist, setzt Maria sich durch und heiratet Johann, kurz bevor das Kind plötzlich stirbt. Wie immer in schweren Zeiten findet Maria Trost in ihrem Glauben und ihrem Mann. Bald ist sie wieder schwanger, zieht nach deren Auszug in das Haus ihrer Schwiegereltern. Insgesamt zieht sie neun Kinder groß, arbeitet ihr gesamtes Leben lang, erträgt viele schwere Zeiten und lebt immer unter dem Motto "Geben ist seliger denn nehmen." So hilft sie Bedürftigen, teilt ihr Weniges freigiebig und wird so von vielen gemocht, wodurch in ihrem Haus ständiges Kommen und Gehen herrscht. Im zweiten Weltkrieg gewährt sie Flüchtlingen Unterschlupf, während ihr Mann im Krieg ist und sie die Kinder allein durchbringen muss. Als sie mit 63 Jahren stirbt, ist es das größte Begräbnis, das man in Rothenburg je gesehen hat.
Das Leben der Maria Staudacher ist wirklich ungewöhnlich, doch vermochte es mich anfangs kaum zu fesseln. Ich befürchtete schon schreckliche 400 Seiten, denn ich habe den seltsamen Ehrgeiz, die Bücher, die ich anfange, auch zu Ende zu lesen. Aber dann kam die unvermutete Wendung, als ich, nachdem ich die ersten ungefähr 60 oder 70 Seiten überstanden hatte, "Niemands Tochter" kaum noch aus der Hand legen konnte. Plötzlich hatte mich die Geschichte völlig in ihren Bann gezogen, Maria war mir sozusagen ans Herz gewachsen, so dass ich unbedingt wissen wollte, wie ihr Leben weiterging. Das Verwunderliche dabei ist, dass ihr Leben gar nicht im eigentlichen Sinne spannend ist, und ich trotzdem so gefesselt war.
Einen großen Reiz von "Niemands Tochter" macht sicherlich die große Themenvielfalt aus. Maria Staudacher lebte von 1903 bis 1966, erlebte während die beiden Weltkriege, die Wirtschaftkrise, den Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus. Auch wuchs sie auf einem Bauernhof, um dann in eine kleine Stadt und später in eine größere Stadt zu gehen. So werden auch in dieser Hinsicht viele Perspektiven abgedeckt und der Unterschied zwischen diesen damals so verschiedenen Welten wird schön hervorgehoben. Trotz der harten Arbeit auf dem Land ist die Versorgung dort oft einfacher und die Gefahr des Krieges scheint weit weg. In der Stadt dagegen ist es einfachen Knechten möglich eine Familie zu gründen und auch die medizinische Versorgung ist unkomplizierter. Die Kluft wird deutlich und glaubhaft dargestellt.
Weitere Themen werden zwar explizit teils nur angeschnitten, doch vieles kann man zwischen den Zeilen lesen. So spielt der Krieg natürlich eine wichtige Rolle, denn er beeinflusst das Leben aller Menschen, wenn Ehemänner, Väter, Söhne in den Kampf ziehen - manche willig, andere als Kriegsgegner. Vor allem im zweiten Weltkrieg wird der Konflikt zwischen Nazis und Kriegsgegnern schön deutlich. Maria Staudacher und ihr Mann waren nie Mitglieder der NSDAP und so sind sie sehr geschockt, als ihr ältester Sohn ganz begeistert bei der Hitlerjugend mitmischt. Gunter Haug macht klar, wie leicht es den Nazis fiel, die Jugendlichen zu begeistern. Natürlich ist "Niemands Tochter" kein Buch über den Nationalsozialismus, aber der Autor macht deutlich, wie das Leben der einfachen Leute davon beeinflusst wurde.
Eine nicht unbeträchtliche Faszination übt auch der Charakter der Hauptfigur aus. Marias Wesen ist in einer Hinsicht sehr genügsam und äußerst freigiebig, so dass ihre Kinder und ihr Mann dies nicht nachvollziehen können. Denn sie gibt immer, auch wenn es in ihrer Familie selbst nicht gerade üppig zugeht. Trotz so vieler schwerer Zeiten hält sie stets an ihrem Glauben und ihren Überzeugungen fest. Maria Staudacher war vielleicht keine einzigartige, aber ganz sicher eine bewundernswerte Persönlichkeit.
Der Titel "Niemands Tochter" blieb mir lange Zeit unklar, bis es Gunter Haug erklärte. Als nämlich die leibliche Mutter Marias und kurz darauf ihr Vater starben, wurde sie in keiner der Todesanzeigen erwähnt, was sie sehr unglücklich macht und wodurch sie sich entwurzelt fühlt: "Gerade so, als hätte es mich nie gegeben. Gehöre ich denn zu niemandem?"
Bei einer Biografie, sofern es keine Autobiografie ist, bin ich meist skeptisch, was die Lesbarkeit anbelangt, weil es nicht selten recht trocken erzählt ist und ich keinen wirklichen Bezug herstellen kann, wodurch das Lesen kaum Spaß macht. Gunter Haug wählte jedoch eine äußerst geschickte Art, mir diese Biografie schmackhaft zu machen. Immer wieder beschreibt er auch seine Schwierigkeiten, die Geschichte seiner Großmutter zu rekonstruieren, da vor allem über ihre Kindheit und Jugend sehr wenig bekannt ist. So begibt man sich gemeinsam auf die Reise in die Vergangenheit seiner Großmutter und baut eine ganz besondere Verbindung auf. Dabei konzentriert sich der Autor in "Niemands Tochter" darauf, einzelne Tage und Details herauszuarbeiten, wobei er zu Gunsten des Lesevergnügens bewusst auf Vollständigkeit verzichtet. Durch dies kommt man der Hauptfigur sehr nahe, wird von ihrer Geschichte mitgerissen und das Buch liest sich einfach wunderbar.
Insgesamt möchte ich euch "Niemands Tochter" von Gunter Haug ganz klar empfehlen. Es ist die Geschichte einer faszinierenden Frau, die sich durch viele Schwierigkeiten treu geblieben ist. Viele interessante Themengebiete werden angeschnitten, wodurch das Buch abwechslungsreich wird. Hinzu kommt noch, dass es nach einer kurzen Eingewöhnzeit wunderbar zu lesen ist, weil es fast in der Art eines Romans geschrieben ist. Ich vergebe also eine klare Leseempfehlung und volle fünf Sterne.
"Niemands Tochter" von Gunter Haug erschien 2002 unter der ISBN 3-455-09359-0 bei Hoffmann und Campe. Ein gebundenes Exemplar kostet momentan bei Amazon 21,90 €.
Was ist denn eine Lieblingsbeschäftigung von mir bei diesem Wetter draußen? Genau! Lesen! Ich möchte heute über das Buch "Niemands Tochter" von Gunter Haug schreiben. Wie bin ich zu diesem Buch gekommen?
Dazu kurz bemerkt: Ich komme aus der Nähe von Rothenburg ob der Tauber und die Geschichte dieses Buches spielt zum Großteil in dieser Stadt. Nachdem meine Tanten und Cousinen dieses Buch alle gelesen hatten, habe ich es mir aus lauter Neugier auch ... ...Gunter Haug ist 1955 in Stuttgart geboren und wohnt nun in der Nähe von Heilbronn. Er ist ein beliebter Fernsehmoderator und hat zahlreiche historische Bücher, Romane und Kriminalromane veröffentlicht.
In diesem Buch erzählt er aus seiner eigenen Vergangenheit, bzw. die seiner Vorfahren. Das Buch handelt nämlich über das Leben der Maria Reingruber aus Rothenburg ob der Tauber. Günter Haugs Großmutter, mütterlicherseits.
Geschichte:
1903 wird in ...
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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
Niveau:
Stil:
Unterhaltungswert:
Wie ergreifend ist die ...
Aufmachung:
sehr hilfreich
22.11.2006
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