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Doch ich möchte ja nicht so viel von diesem Abend, sondern eher über ihr neues Buch sprechen:
Daten:
Assia Djebar „Nirgendwo im Haus meines Vaters“
Übersetzerin: Marlene Frucht
Fischer Verlag 2009
ISBN 9783100145000
21,95 €
Autorin:
Assia Djebar wurde 1936 als Fatima-Zohra Imalayène ... Bericht lesen
Ich bewundere Frau Djebar schon lange und freute mich deshalb sehr über diese Neuerscheinung. Auch dieses, ihr neuestes Buch hat mich nicht enttäuscht. Einige ihrer Bücher gehören zu den ersten, die ich hier bei Ciao (lang, lang ist's her...) rezensiert habe.
Ich habe nun vor wenigen Tagen Frau Djebar zum zweiten Mal "live" erlebt, das erste Mal war kurz nach der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ich war damals ganz hin und weg von ihr. Diesmal habe ich sie im Rahmen des Berliner Literaturfestivals in einem Gespräch , dem sogenannten "literarischen Salon" erlebt. Diesmal war ich nicht ganz so angetan, was aber weniger an Frau Djebar (die mit nun 72 Jahren noch absolut fit und klar wirkt und nach wie vor eine sehr starke Persönlichkeit ausstrahlt) sondern an den all zu langen französischen Passagen und an den kurzen und nicht sehr befriedigenden deutschen Übersetzungen.
Doch ich möchte ja nicht so viel von diesem Abend, sondern eher über ihr neues Buch sprechen:
Daten:
Assia Djebar „Nirgendwo im Haus meines Vaters“
Übersetzerin: Marlene Frucht
Fischer Verlag 2009 ISBN 9783100145000 21,95 €
Autorin:
Assia Djebar wurde 1936 als Fatima-Zohra Imalayène in Cherchell bei Algier geboren. Sie ist nicht nur die berühmteste Schriftstellerin Algeriens, sondern auch die erste maghrebinische Autorin, die jemals in die Academie francaise (2005) gewählt wurde. Heute lebt und lehrt sie in New York. Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit und der Lehrtätigkeit hat sie sich auch als Filmemacherin einen Namen gemacht. Sehr sehenswert ist ihr Dokumentarfilm „La Nouba des femmes du Mont Chenoua“. (ein wirklich sehenswerter Film!)
Unter den zahlreichen Literaturpreisen sind besonders der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2000) und der Premio Grinzane Cavour (2006) erwähnenswert.
Ihre wichtigsten Werke sind „Durst“ „Die Frauen von Algier“ „Die Schattenkönigin“ „Fern von Medina“, „Frau ohne Begräbnis“ und „Fantasia“ (mein persönlicher Favorit).
Bisher sind fast alle ihrer Romane im Schweizer Unions Verlag erschienen. Ihr neues Buch hat sie im Fischer Verlag verlegt. Eine Autorin, zu der man dem Fischer Verlag nur gratulieren kann!
Inhalt:
Wie in den meisten ihrer bisherigen Büchern widmet sie sich auch in diesem den Themen algerische Geschichte – besonders dem Freiheitskampf gegen die Besatzung durch die Franzosen - und dem Thema Befreiung der Frau aus patriarchalischen Zwängen, wie sie gerade (aber nicht nur) in der muslimischen Gesellschaft bestehen. „Nirgendwo im Haus meines Vaters“ ist ihr bisher persönlichstes Buch, denn es erzählt ihre eigene Geschichte. Mit der Beschreibung des Mädchens Fatima, deren Vater sich streng an die muslimische Tradition hält, deren Mutter sich aber nach westlichen Werten richtet, schildert sie gewissermaßen ihr eigenes Leben.
Eine Schlüsselszene ist diese: das kleine Mädchen lernt im Hof Fahrradfahren, ein französischer Junge hilft ihr dabei. Ihr Vater kommt wütend nach Hause und ruft sie ins Haus. Dort sagt er mit harter entschiedener Stimme, dass er nicht wünsche, dass seine Tochter ihre Beine zeige. Für die kleine Fatima, die bisher noch nie ein hartes Wort von ihrem Vater gehört hatte, ist das ein absoluter Schock, auch versteht sie nicht, was er denn plötzlich gegen ihre Beine habe. Sie betrachtet ds als einen Angriff aus sie als Person, als ein Abtrennen eines Körperteils von ihrem Ich. Auch wenn sie natürlich erst später ihr Unbehagen und ihre Angst so ausdrücken kann, hat sie es dennoch auch als Kind schon so empfunden.
Dennoch zieht sich die Liebe zu ihrem Vater (noch stärker fast als zu ihrer Mutter) durch das ganze Buch.
Er ist ein Vater, der stolz ist auf die Intelligenz seiner Tochter und immer ihre Bildung gefördert hat. So wird sie die erste arabische Schülerin des französischen Gymnasiums.
Seien es Szenen aus frühen Hamam - Besuchen mit ihrer Mutter, oder später Erlebnisse als Jugendliche im Internat (wo sie auch zu einer nur kleinen Gruppe arabischer Schülerinnen gehört, die aber gut behandelt werden von dem Lehrkörper), Assia Dejaber lässt uns teilnehmen an kleinen oft unwichtig scheinenden Alltagsszenen. Zusammen ergibt das aber ein sehr deutliches Bild ihres jugendlichen Lebens.
Auch der Einbruch von Fragen der Sexualität in ihr Leben wird nicht ausgespart und in all seiner Widersprüchlichkeit geschildert.
Stil:
Die Entwicklung des jungen Mädchens mit all seiner inneren Zerrissenheit, das Leben zwischen den Polen Freiheit und Sicherheit, zwischen Algerien und Frankreich, zwischen Vater und Mutter zu einer eigenständigen Frau stellt Assia Djebar in ihrer gleichzeitig poetischen und klaren Sprache dar.
Lasst euch nicht durch das Wort "poetisch" zu sehr auf die falsche Fährte bringen, es ist eine Poesie der Einfachheit und sollte niemanden davon abhalten, es in die Hand zu nehmen. Das Buch liest sich - im Gegensatz zu früheren Büchern von ihr wie etwa "Fern von Medina" oder "Fantasia" wirklich sehr leicht und setzt keinerlei Vorwissen voraus.
Meine Meinung:
Ich halte es für schwierig, das Buch einer Autorin, die mir viel bedeutet und die mich schon lange begleitet wirklich objektiv zu beurteilen. Einerseit erwarte ich sehr viel von ihr, was hier zu einem Punkteabzug führt (denn von einer literarischen Warte aus gesehen sind andere Bücher von ihr einfach anspruchsvoller, tiefschichtiger, auch ein wenig schwieriger, andererseits bin ich positiv voreingenommen und kännte von daher auch tief enttäuscht sein.
Wie schön, dass letzteres auf keinen Fall zutrifft: auch wenn ich versuche, mir vorzustellen, dies sei das erste Buch, das ich von ihr lese, bin ich sicher, es hätte mir gefallen! Sie hat ein interessantes Leben, die Frau hat was zu sagen und ihre Sprache ist so, dass man einfach gerne weiter liest. Also: nicht enttäuscht, aber auch nicht so begeistert wie von manchen älteren Titeln.
Fazit:
Ein einfühlsamer (und gut übersetzter!) Entwicklungsroman - aber auch ein Buch, das den Konflikt der arabischen Welt zwischen Tradition und Moderne auf den Punkt bringt.
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