Dieser Erfahrungsbericht wurde von 54 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
In Kürze: In den sieben Kurzgeschichten dieses Bandes muss Lucky Luke immer wieder helfend eingreifen. Der einsame Cowboy meistert schwierige Situationen dabei nicht nur durch seine bekannten Schießkünste, sondern beweist auch Verhandlungsgeschick. Die Vielzahl der verschiedenen Figuren des Gesamtbandes lässt ein Panorama der Menschen des Wilden Westens entstehen.
Die Macher: Morris, alias Maurice de Bévère (1923 bis 2001) war einer der führenden belgischen Comiczeichner. Er begann seine Laufbahn bei der Zeitschrift "Spirou" und damit beim Verlag Dupuis, dessen Stammsitz Marcinelle-Chaleroi zum Namensgeber einer Comicrichtung, der "Schule von Marcinelle", wurde. Schon Ende 1945 erfand Morris die Figur des einsamen Cowboys Lucky Luke und konnte mit dieser Figur bereits einen solchen Erfolg verbuchen, dass er keine weitere Serie begonnen hat. Ende der vierziger Jahre machte Morris zusammen mit den Marcinelle-Kollegen Jijé (alias Joseph Gillain, Zeichner von "Jerry Spring", "Valhardi", u.a.; 1914 bis 1980) und André Franquin (1924 bis 1997; Erfinder von "Gaston", u.a.) seine erste Reise in die USA und nach Mexiko und konnte von dort viele Inspirationen für die weiteren Lucky Luke-Abenteuer mitbringen. Ende der sechziger Jahre wechselte Morris zum Verlag Dargaud und damit zeitweise zur Zeitschrift "PIlote"; in den siebziger Jahren war Lucky Luke in Frankreich sogar Titelheld einer eigenen kurzlebigen Heftserie, für die die Geschichten aus "Eine Woche Wilder Westen" 1974 gezeichnet wurden.
René Goscinny (1926 bis 1977) war zunächst auch Zeichner, verlegte sich aber später ganz auf das Schreiben von Geschichten und Dialogen. Sein Talent beim Erfinden komischer Situationen und sein Einsatz von Mitteln wie "running gags" lieferte Morris die besten Vorlagen für "Lucky Luke" und war natürlich auch ein Grundstein für den Erfolg von "Asterix", der Serie also, die Goscinny 1959 zusammen mit Zeichner Albert Uderzo (geboren 1927) erfand und 24 Bände lang betreute (bis "Asterix bei den Belgiern"). Mit Uderzo hatte Goscinny schon den "Asterix"-Vorgänger "Umpah-Pah" gestaltet, eine Serie, die im noch französisch beeinflußten Nordamerika angesiedelt war. Goscinny arbeitete auch mit anderen Zeichnern zusammen, so André Franquin (einige "Mausi und Paul"-Episoden), Jean Tabary ("Isnogud") und Jean-Jacques Sempé.
Der Inhalt: Die sieben Episoden des Bandes zeigen Lucky Luke als den einsamen Reiter, der stets hilfsbereit ist und nach getaner Arbeit wieder in der Weite des Westens verschwindet, ohne je ein Heim zu haben. Versuche, Lucky Luke sesshaft zu machen (so in "Die Verlobte von Lucky Luke", Band 48) können deshalb nicht zum Erfolg führen. Einziger treuer Freund und Dauerbegleiter ist sein hochintelligentes Pferd Jolly Jumper, das Lucky aus verschiedenen gefährlichen Situationen rettet, z.B. vor dem Tod durch aggressive Ameisen in "Der Apachen-Canyon" (Band 61). Ansonsten besteht Luckys Welt fast nur aus Kurzbekanntschaften, wobei ihm aber oft sein Ruf vorauseilt.
Die einzelnen Episoden:
1.Der Desperado mit dem Milchzahn Lucky Luke muss erfahren, dass nicht nur große Ganoven eine Menge Ärger im Westen verursachen können, sondern dass auch kleine Kinder den Frieden empfindlich stören können. Als Lucky den renitenten kleinen Johnny zum Zahnarzt nach Sleepy Gulch bringen will, löst dieser Junge fast einen Krieg mit den benachbarten Indianern aus, als sich einer der Indianer durch politisch unkorrrekte Äußerungen des Jungen beleidigt fühlt.
2.Gastfreundschaft im Wilden Westen Nach einem extrem harten "Arbeitstag" sucht Lucky Luke ausnahmsweise ein Bett für die Nacht und landet mitten in einer Familenfeier der benachbarten Familien Flaherty und Blaston. Die Wahl der "Königin des Abends" zwischen Laura Flaherty und Rebecca Blaston führt dann zu Streitigkeiten der Familien, die an "Familenkrieg in Painful Gulch" (Band 26) erinnern. Leider ist Lucky so müde, dass er kaum zur Lösung des Konflikts beitragen kann...
3.Maverick Ein "Maverick", also ein herumstreundendes Kalb, führt zum Konflikt der Farmer Rawson und Murdock, da beide Besitzansprüche auf das Tier anmelden. Zu allem Überfluss zieht der lautstark ausgetragene Konflikt der beiden Streithähne auch noch die benachbarten Apachen an, die bald angreifen. Aber die Rettung naht...
4.Ein Mann wie Wyatt Earp Lucky Luke wird fast Opfer der katastrophalen Schießkünste des jungen Leroy Blastwater, der davon träumt, ein großer Held des Westens zu werden, um endlich Sheriff von Shestnut Town zu werden und seine Verlobte Louella Jingle zu heiraten. Was dann passiert, erinnert an den bekannten Western "Der Mann,der Liberty Valence erschoß"(1962, Regie: John Ford).
5.Der fliegende Händler Der fliegende Händler W.Flatshoe reist im Planwagen durch den Westen und ist eine relativ leichte Beute für allerlei Gangster. Es gibt auch wieder Ärger mit einigen Indianern, mit denen der geschäftstüchtige Flatshoe mit Luckys Hilfe dann aber sogar ins Geschäft kommt...
6.Gefährliche Überfahrt Ein Farmerehepaar steht bei einer Flussüberquerung vor einer fast unlösbaren Aufgabe, da riesige Mengen an Hausrat mitgenommen werden müssen. Farmersfrau Edna lässt nicht locker, bis alles mit Luckys Hilfe über den Fluss gebracht wurde...
7. Sonate in Colt-Dur Der Barpianist Bob träumt von einer Laufbahn als Konzertpianist. Lucky begleitet ihn zu einem Konzert nach Houston, das ihm den Durchbruch bringen soll; leider ist Bob die Atmosphäre dort überhaupt nicht angenehm...
Meinung: In den Episoden des Bandes erleben wir genau das, was eine gelungene Sammlung von Kurzgeschichten von einem Album mit durchgehender Handlung unterscheidet: wir erleben den Helden in ständig wechselnden Situationen mit dauernd wechselnden Nebenfiguren, die insgesamt einen schönen Einblick ins Leben verschiedener Menschen im Westen geben. Dass es dabei sehr humorvoll zugeht, ist dabei geradezu selbstverständlich.
Wer also waren diese Menschen des Westens? Nun, wie andere auch wollten sie Karriere machen ("Ein Mann wie Wyatt Earp", "Sonate in Colt-Dur") oder anderswo ein besseres Leben beginnen ("Gefährliche Überfahrt"). Sie suchten stets nach ihrem Vorteil und gingen dafür auch gern brutal vor ("Maverick", "Die Gastfreundschaft des Wilden Westens"). Dazu waren sie nicht von ihrem eingeschlagenen Weg abzubringen ("Der fliegende Händler" und in gewissem Sinne auch "Gefährliche Überfahrt"). Neben solch "realistischen" Motiven wirkt es seltsam, dass ein Kind fast einen Indianerkrieg beginnt ("Der Desperado mit dem Milchzahn").
Was die Landeskunde des Westens anbelangt, so kann der Leser wie bei Lucky Lukes besten Abenteuern üblich, Vieles über Sitten, Gebräuche und Institutionen der Zeit lernen: z.B. über die Rolle der "Mavericks" für die US-Kavallerie oder über den deutlichen Kontrast zwischen den rauen Orten des Westens und dem kultiviert wirkenden Houston.
Lucky Lukes Rolle ist übrigens nicht immer der, der schlußendlich die Lösung der Konflikte bringt. Im wunderbaren Kabinettstück "DIe Gastfreundschaft des Wilden Westens" verschläft er im wahrsten Sinne des Wortes die glückliche Lösung, und in der Geschichte "Maverick" muss die Kavallerie kommen - natürlich wie immer pünktlich!
Fazit: Es gibt mehrere Sammlungen von Lucky Luke-Kurzgeschichten in der aktuellen Reihe, über deren Band 66 ich hier berichtet habe.Zu erwähnen sind auch "Der Galgenstrick" (Band 42) und "Die Reisschlacht" (Band 78), die auch ihre Qualitäten haben. Trotzdem sind die in "Eine Woche Wilder Westen" veröffentlichten Geschichten meiner Ansicht nach die besten Kurzgeschichten der Serie. Sie stammen wie gesagt aus der Mitte der siebziger Jahre, wo die Serie an ihrem Höhepunkt angekommen war, den sie nach Goscinnys Tod 1977 leider wieder verlassen hat. Diese überzeugende Zusammenstellung kürzerer Lucky Luke-Abenteuer ist nicht weniger überzeugend als die albumlangen Klassiker der Reihe.
Daten: Lucky Luke Band 66 (erstmals erschienen 1993 und oftmals nachgedruckt) Ehapa bzw. Delta-Verlag, Stuttgart von Morris und René Goscinny Buchhandelsausgabe 8,60 Euro ISBN 3-7704-0277-4 -oder als Kioskausgabe für 4,50 Euro
* Alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt und ggf. zzgl. Versandkosten. Preise, Verfügbarkeit und Versandkosten können im jeweiligen Shop zwischenzeitlich geändert worden sein, da eine Echtzeit-Aktualisierung technisch nicht möglich ist. Maßgeblich sind immer die Preise und Angaben auf der Händlerseite. Alle Angaben ohne Gewähr.
19.07.2009 21:10
Die Überschrift finde ich witzig. Das ist glatt ein Fall für die Gewerkschaft der Cowboys ;-) LG Claudia
11.03.2006 16:25
Ausgezeichneter Bericht!
11.03.2006 08:10
Top!