EINLEITUNG
*********************
Paul Winkelmann führt ein Leben, wie man es sich als Mit-50er wünscht: Als Geschäftsführer eines Möbel- und Einrichtungsladens (das mit klangvollen Namen wie „Trullemann“ und „Vandsbrök“ sehr stark an ein gewisses skandinavisches Möbelhaus erinnert-…*g*) ist er recht engagiert und erfolgreich, er hat eine eigene Wohnung, zwar keine Kinder, aber dafür auch eine Frau an seiner Seite. Doch hier genau liegt das Problem: Denn eben jene Frau ist nicht etwa seine Gemahlin sondern die Frau Mama. Seit dem Tod ihres Mannes (der sie nicht wirklich zu berühren scheint…an seiner Stelle wär ich auch froh…) kümmert sie sich nun aufopferungsvoll um ihren „Pussy“, macht ihm sein Essen („Ich komme zu spät…“ - „Erst wird gegessen!“) und wäscht und bügelt sogar seine Hemden.
Das war schon immer so…bis plötzlich die etwas erfolglose Psychologin Margarete Tietze in sein Leben tritt. Weil sie sich - schließlich muss man jedem Kunden eine ausführliche Beratung zukommen lassen - in seinem Laden nicht gut bedient fühlt, stattet er ihr gleich einen Hausbesuch als Wiedergutmachung ab.
„KURZER“ INHALT
*************************
Hier startet die Liaison, von dessen wundervollen Weg - oder eher: Stolperpfad - ich nur einige Höhepunkte nennen werde:
- nach einem missglückten 1. Treffen lädt Paul die bereits hoffnungsvolle Margarete Tietze in seine Wohnung ein, „zu einer Tasse Kaffee und einem Hefezopf“. Dort macht er ihr ein Kompliment, dem wohl keine Frau der Welt widerstehen könnte: „Ich würde mich mit Ihnen in einer Tonne die Niagara-Fälle runterstürzen - das habe ich bisher nur zu meiner Mutter gesagt…“ Entsprechend ist auch ihre Reaktion, auf dieses höchst-romantische Angebot
- Paul lädt Frau Tietze nach Italien zu einer Geschäftsreise ein. Dort halten sie vor einem noblen 5-Sterne-Hotel, was ihr natürlich äußerst imponiert - doch er hatte eigentlich eine kleine Pension gebucht. Wie der Preis, macht auch die französische Speisekarte, die nicht einmal der Kellner versteht, Paul sehr zu schaffen, wohingegen er sich in das Zimmer verliebt, dessen Einrichtung er mit sämtlichen Maßen und Preisen auswendig kennt.
- gemeinsam versuchen die beiden, ein älteres, recht depressives Ehepaar zu einer neuen Einrichtung bewegen: Während Margarete hier eher „nach modernen psychologischen Forschungen“ vorgeht (wusstet ihr, dass „Herr Melzer seine Frau in einer violetten Sitzgruppe umbringt – nur nicht, wenn sie geblümt ist.“ ?? *g*), was bei ihr „ein frisches Gelb, ein Apfelgrün“ bedeutet, will und kann Paul die beiden eher von einem ganzen Katalog an Grautönen begeistern... [Anmerkung: Wem die beiden bekannt vorkommen: Es ist das Ehepaar Kloeppner, die in Pappa ante portas Loriot – seinerseits nun Heinrich Lohse – ein Monatsabo an Wurzelbürsten andrehen wollten. Laut Loriot soll selbige Szene, in der die beiden ebenfalls wieder depressiv im Sofa sitzen, an Ödipussi erinnern *g*)
- Paul engagiert sich auch „politisch“: So trifft er sich regelmäßig mit seinem Verein „Zurückdrängung des Mannes bei gleichzeitiger Aktivierung der Frau unter Einbeziehung der Feuchtbiotope für Deutschland als unteilbare Nation“, in dem sie so wichtige Fragen diskutieren wie „Hat die Frau ältere Rechte als der Karneval“, sonst allerdings nicht wirklich über die Festlegung eines Namens und eines Symbols (sehr stilvoll: eine rote Nase *g*) hinauskommen
- Margarete hingegen probt für eine Art Revue für eine PVC-Firma und so singt und tanzt die 50-jährige im Bunny-Showgirl-Kostüm am Ende schließlich zu dem Ohrwurm
„Meine Schwester
heißt Polyester…“
KRITIK?
***************
Im Übrigen zeigt dies auch die größte, aber damit auch einzige Schwäche des Filmes. Der Zuschauer ist durch die verschiedenen, parallel laufenden und damit nicht abgeschlossenen Nebenhandlungen verwirrt, muss Zusammenhänge knüpfen, denn Anspielungen auf die Geschichten ziehen sich durch den ganzen Film…wie etwa das aufgebratene Püree *g*
Genau deshalb war ich beim ersten Sehen auch nicht besonders begeistert, sondern sogar etwas enttäuscht von meinem Lieblings-Schauspieler und -Regisseur.
Aber ich habe mich gezwungen, nicht aufgegeben und so nach dem 3. Mal war ich schon sehr angetan und nach nun mehr als 25 Mal (also, auch durchaus 5 mal hintereinander) bin ich absoluter Fan.
Der Film ist absolut nicht Pappa ante Portas zu vergleichen. Der Humor ist tiefsinniger und damit nicht ganz so eindeutig. So bestechen die Witze vor allem durch eine ganze Menge von versteckten Andeutungen, die man teilweise wirklich erst beim10. Mal versteht *g*
Etwas schade ist nur, dass Evelyn Hamann hier nicht – wie sonst so oft – die Überlegene spielt. Zwar ist ein gewisser Sarkasmus ihr auch hier nicht abzusprechen (*g* das liegt bestimmt an ihr selbst – so ernsthaft unschuldig kann sie wohl einfach nicht sein), aber da kann man viel mehr aus ihr rausholen!
Überaus gelungen ist im Übrigen auch die Mutter von Paul: Ein Drachen, wie er im Buche steht!
HÖHEPUNKT – DIE BESTE SZENE:
***********************************
Der Höhepunkt ist übrigens - wie so oft bei Loriot, siehe „Pappa ante portas“ - nicht die finale Szene (endlich eine Auflösung des Mama-Problems! Aber keine Angst: Sie stirbt nicht *g*), sondern die vorletzte: Ein absoluter Showdown, denn die Mama von Paul (die sich inzwischen aus gekränktem Stolz einen Untermieter geleistet hat) liefert sich mit Margaretes Eltern einen „Kampf der Giganten“. Prägend ist der Ausspruch der Mutter der armen Psychologin, die den gar lieblichen Gesang von Pauls Mutter kommentiert: „Mir ist übel…“
FAKTEN:
Erscheinung: 1988
Regie + Buch: Vicco von Bülow „Loriot“
Darsteller:
Vicco von Bülow – Paul Winkelmann
Evelyn Hamann – Margarethe Tietze
Katharina Brauren - Pauls Mutter
Edda Seippel - Gerda Tietze (Margarethes Mutter)
Richard Lauffen - Kurt Tietze (Margarethes Vater)
Klaus Schultz (I) - Herr Weber (Untermieter)
Länge: 88 Minuten
Produktion: BRD
(Quelle: imdb)
FAZIT:
*****************
Auf jeden Fall zusammen mit „Pappa ante Portas“ einer meiner Lieblingsfilme und definitiv zu empfehlen. Auch wenn man erst nach wiederholtem Anschauen so wirklich mit ihm warm wird, kann man ihn danach nicht oft genug schauen. Das Traumpaar Hamann – vonBülow ist einmalig und auch die Nebendarsteller tragen ihrerseits zum Erfolg des Filmes bei!
30.12.2003 21:07
Lorots Humor ist schon einzigartig und doch erwischt man sich immer wieder wie gut er seine Mitmenschen beobachtet und beschreibt, habe mir die DVD Special bestellt und hoffe die kommt bald zu mir (6 DVDs nur Loriot)
15.08.2003 15:00
Ganz nebenbei hat er einen absoluten Klassiker, nicht nur in der Gastroszene, geprägt: Beim Essen im Nobelrestaurant, die Clochen werden gehoben, ein mikroskopisches Arrangement kommt zum Vorschein, das unvermeidliche Tellerikebana. "Hm...das ist ja...sehr übersichtlich."
13.08.2003 18:20
Ein sehr guter und ausführlicher Bericht zu einem tollen Film.