Niemand ist eine Insel

5  15.02.2012 (16.02.2012)

Pro:
Ungeahnten Chancen

Kontra:
Ungeahnte Risiken

Empfehlenswert: Ja 

dahmane

Über sich: Entwicklungshilfe ist der Transfer von Geldern von den armen Menschen in reichen Ländern zu den reic...

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Niemand ist eine Insel, in sich ganz;
jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents,
ein Teil des Festlandes.
Wenn ein Erdklumpen ins Meer gespült wird,
wird Europa weniger,
genauso als wenn's eine Landzunge würde,
oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes.
Jedes Menschen Tod ist mein Verlust,
denn ich bin Teil der Menschheit;
und darum verlange nie zu wissen,
wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst

John Donne. Meditation XVII

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Ist ein Leben ohne Internet noch vorstellbar?


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Klar. Ich habe es selbst erlebt.

Als ich meine Diplomarbeit schrieb, ging das so.
Die Gliederung und die Materialsammlung habe ich mit der Hand geschrieben. Die dafür erforderlichen Zeitschriftenaufsätze und Bücher konnte ich mir zum Glück in der Universitätsbibliothek sichern – es ist eine kleine Uni, etwa 20 km von uns entfernt; da ich mein erstes Auto erst Jahre später bekam, mußte ich mich mitnehmen lassen oder mindestens eine Stunde lang mit dem Zug und zwei Bussen fahren; und weil es eine kleine Uni ist, hatte sie eine Präsenzbibliothek (ich konnte also das, was ich für die Diplomarbeit benötigte, vor Ort sichten und kopieren).
Die verschiedenen Fassungen der Diplomarbeit entstanden auf einer Adler-Schreibmaschine aus den 30er Jahren (etwas Besseres konnten wir uns nicht leisten) und mit vier Fingern und auf orangem Durchschreibepapier. Darauf habe ich damals alles geschrieben.
Die endgültige Fassung gab es dann auf weißem Papier. 715 Fußnoten und 362 Literaturnachweise habe ich auf A4 im Querformat geschrieben und dann in einem Bürofachgeschäft (in einer Kleinstadt, 5 km entfernt) so verkleinert, daß ich alles auf eine normale Seite A4 kleben konnte. (Als Gymnasiast hatte ich ein paar Jahre das Layout für die Schülerzeitung verantwortet, das kam mir natürlich zugute.)
Am Ende war die Diplomarbeit auf rd. 100 Seiten zusammengeklebt: Der fortlaufende Text mit normaler Schrift (keine Proportionalschrift; die gab es damals nur auf Kugelkopfschreibmaschinen von IBM¹, und die waren unerschwinglich teuer.²) Die Fußnoten, das Literaturverzeichnis und die Bildunterschriften waren um den Faktor 1,415 (Wurzel aus 2) verkleinert.

Was war damals anders? Wie ist es heute?

1. Wie ich mir die Informationen beschaffte

Das dauerte um ein Vielfaches länger als heute und hing sehr viel stärker als heute von zufälligen Gegebenheiten ab. Wer auf dem Land wohnte (wie ich), hatte enorme logistische Schwierigkeiten, wer in einer Großstadt wohnte, mußte sich womöglich mit anderen um die leicht zugänglichen, aber nicht für alle Interessenten ausreichenden Ressourcen prügeln.
Dazu kamen enorm aufwendige Vorarbeiten, um die Informationen überhaupt strukturieren zu können.

Heute geht das alles sehr viel schneller. Informationen sind im Internet so leicht zugänglich, daß man sie sogar mit „paste & copy“ in die eigene Arbeit integrieren und dann nachbearbeiten kann (sog. „guttenbergen“). Es gibt auch keine Ressourcenknappheit: jeder kann sich bedienen, ohne daß er dem anderen etwas wegnähme. Bücher dagegen kann man nur begrenzt teilen. Alles das kann man von seinem Schreibtisch aus erledigen. (Daher war ich damals auch viel schlanker als heute.)

2. Wie ich die Informationen zusammenfügte

Materialsammlungen (also unendlich viele Kopien aus Zeitschriften und Büchern) vermengten sich mit Notizen und Konzepten zu pittoresken Mittelgebirgen aus Papier. Was verloren ging oder nicht in kurzer Zeit gefunden wurde, konnte nur mit Mühe wiederbeschafft werden. Die Diplomarbeit selbst mußte zu großen Teilen im Kopf konstruiert werden.

Heute kann man jedes intellektuelle Bäuerchen als digitalen Schnipsel abspeichern und sogar, wenn man sich nicht schämt, der Welt instant zugänglich machen. Der ganzen Welt. So wie diesen Besinnungsaufsatz hier. Den kann jemand in China und in Chile lesen (falls er in der Lage ist, diesem anspruchsvollen Deutsch zu folgen, versteht sich). Damals war das völlig unmöglich.

3. Wie ich meine Gedanken präsentierte

Da ich nicht viel Geld hatte, mußte ich mit Bordmitteln arbeiten. Das Ergebnis entsprach nicht annähernd den Vorschriften für die Präsentation einer Diplomarbeit, sah aber ziemlich eindrucksvoll aus (was den Professor leider nicht beeindruckte).
Aber ich mußte jeden Tippfehler mit TippEx sorgsam korrigieren. Die auf den weißen TippEx-Flicken gesetzten Buchstaben waren niemals so klar und sauber wie die auf dem jungfräulichen Papier. Außerdem habe ich meine Farbbänder immer verwendet, bis die Lektüre die doppelte geistige Anstrengung erforderte. Bei einer Diplomarbeit kam das nicht in Frage. Neue Farbbänder alle zwei Seiten. Außerdem ständig die geschlossene Fläche z B im Buchstaben „e“ säubern, weil die sich schnell zusetzte.

Heute kann ich – wie bei diesem Aufsatz – mit dem Layout spielen. Einige Jahre lang habe ich das Layout für musikwissenschaftliche Jahrbücher gemacht. Die wurden von der Druckerei so gedruckt, wie ich die Vorlage abgeliefert habe und unterschieden sich in nichts (wenn man mal von der Anzahl der Tippfehler absieht, die ich großzügig im Text aussäe) von ganz normalen Druckerzeugnissen.
Die Organisation des Textes bis hin zur automatischen Fußnotenverwaltung, zum Zeilenumbruch, zur (so la la arbeitenden) Rechtschreibe- und Grammatikkontrolle – das alles ist unendlich komfortabel. „Suchen & ersetzen“ und ähnliche Funktionen sind ebenso selbstverständlich wie die überaus einfache Korrektur durch Löschen oder Überschreiben.
So wird das Ergebnis optisch ansprechend und – wenn man sich ein bißchen Mühe gibt – auch manchmal richtig schön.
Kann man es auch kürzer sagen?

Kann man. In dieser Hinsicht ist mit dem Internet alles besser geworden.
Ja?
Na ja. Wir wollen nicht vergessen, daß ein vernünftiger PC-Arbeitsplatz trotz der rapiden Preissenkungen immer noch nicht für jeden Privatmann (oder für jede Privatfrau) erschwinglich ist. (Im Jahr 1992 habe ich für meinen 486-PC umgerechnet etwa € 7.500 bezahlt; seine Festplatte hatte 0,14 GB, sein Arbeitsspeicher 0,008 GB, und man konnte ihm beim Laufen die Schuhsohlen beschlagen.) Das Verbrauchsmaterial ist deutlich teurer als das für eine Schreibmaschine.
Wir haben hier die gleiche Entwicklung wie bei vielen Geräten für den Haushalt und im Büro. Sei sparen Zeit und Mühe und leisten auch noch mehr als die prähistorischen Methoden. Aber die gewonnene Zeit müssen wir verwenden, um das Geld zu verdienen, mit denen wir sie kaufen und unterhalten.

Man erkennt, mit wieviel Nostalgie ich diese Zeit betrachte, die mir - das bringt mir zu Recht die Anmerkung ein, ich würde am Thema vorbei schreiben - als die Zeit "vor dem Internet" erscheint. Es ist nicht das Auftreten des Pentium-Prozessors, das für mich die Wasserscheide definiert, sondern die allgemeine Verfügbarkeit des Internets, unabhängig davon, welche konkreten Auswirkungen es auf eine bestimmnte Arbeit hat. Davor = primitiv. Danach = komplex.

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Ein Leben ohne Internet ist vorstellbar. Aber…


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Wir leben ja immer noch analog und stellen fest, daß dieses „direkte“ Leben unglaublichen Spaß macht. Würden wir auf das Internet verzichten, müßten wir sicherlich deshalb nicht verhungern. (Das könnte sich aber noch zu unseren Lebzeiten ändern.)
Gleichzeitig verschwinden aber zusehns analoge Technologien, Berufe, Verfahren.³
Bald wird man seine Steuererklärungen nur noch online abgeben können. In Teilen der U.S.A. wird man seltsam angeschaut, wenn man mit Bargeld bezahlt. Solche Entwicklungen sind wohl nicht aufzuhalten.
Ein Leben ohne Internet ist natürlich vorstellbar. Aber keiner will es leben

In Wirklichkeit reden wir nicht über ein Leben ohne Internet, sondern darüber, welche Gefahren damit verbunden sind und wie wir diesen Gefahren begegnen können. Die Möglichkeiten, die das Internet bietet, haben sie meisten von uns – und a l l e, die dies hier lesen – als selbstverständlich in ihr Leben integriert.

1. Wir informieren uns mehr über das Internet als außerhalb des Internets, selbst wenn wir dabei analoge Verfahren simulieren wie den Chat oder die Email.
2. Wir handeln (kaufen und verkaufen) zunehmend mehr über das Internet. Manche Waren können wir anders gar nicht zu vertretbaren Kosten beschaffen.*
3. Wir teilen uns über das Internet mit. Diese Mitteilungen gleichen nicht selten Brechdurchfall, und nur manchmal sind sie so geistvoll wie dieser Beitrag. Aber gerade diese Möglichkeiten zur Selbstentblößung haben unsere Freiheit konkret erweitert. Was das bedeutet, sehen wir jeden Tag in totalitären Staaten, die, weil es das Internet gibt, den Informationsfluß nicht mehr vollständig kontrollieren können.
4. Wir pflegen Kontakte über das Internet. Goethe und Schiller hätten es geliebt (Rüdiger Safranski wird das bestätigenÚ¬)
5. Wir spielen über das Internet. Ich selbst spiele bestimmt über 20 Stunden die Woche Online-Spiele. Das war früher nicht möglich. Wenn man spielen wollte, hatte man oft keine Mitspieler. Das geht jetzt viel einfacher.
6. Wir lernen über das Internet. Gerade in diesen Jahren werden online-Vorlesungen immer beliebter. Damit kann man Menschen erreichen, die nur so die Möglichkeit haben, derartige Stoffe einzuüben. Bildung kann so demokratisiert und bezahlbar gemacht werden.
7. In bescheidenem Umfang wird uns auch unsere eigene Kultur zugänglich, zum Beispiel indem wir auf gewaltige Bild- und Tondateien zugreifen können, die uns anders als über das Internet gar nicht zugänglich wären.

Das sind nur die Beispiele, die mir gerade einfallen. Sicherlich gibt es noch mehr, und auch sind sie alle miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig.

Wie die Chancen, wachsen auch die Risiken

Keine Meditation über das Internet wäre vollständig ohne ein stilles Gedenken an die vielen, vielen Opfer. Es sind meistens Menschen, die das reale vom virtuellen Leben nicht mehr unterscheiden konnten oder denen das virtuelle Leben das reale ersetzt hat.
Ich will auf diese Gefahren hier nicht näher eingehen. Nicht weil sie harmlos sind oder zu vernachlässigen. Sondern weil es nicht zum Thema gehört. Ein Leben ohne Internet ist noch vorstellbar, aber vielleicht sehr bald nicht mehr möglich.
Gerade deshalb muß man über die damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen reden.
Ein Leben ohne Elektrizität ist auch noch vorstellbar – klar –, aber es ist für die meisten unter uns fast nicht mehr möglich. Deshalb ja hat man sich bemüht, die damit verbundenen Risiken überschaubar zu halten.
Wie wir gerade in diesen Tagen merken, kollidiert die Risikobegrenzung im Internet mit dem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung. Das ist bei der Elektrizität anders. Deshalb können wir aus den Erfahrungen mit dem einen nur wenig für die Risikobegrenzung beim anderen lernen.
Das Internet ist grundsätzlich nur eine Technologie zur Verbreitung von Daten, von Informationen (allgemein gesprochen), ein Medium wie die Zeitung, das Buch, der Funk, das Fernsehen, das Telefon… Die Daten selbst sind die gleichen: Pornographie hat es ebenso immer schon gegeben wie Kunst (echte und gefälschte), wie aktuelle Nachrichten (auch manipulierte) oder wie Spiele und andere Kunst. Durch das Internet wird nur alles viel unmittelbarer, zugänglicher und also vielleicht auch verführerischer.
Wir alle sind keine Inseln mehr, weil jeder, der etwas über uns wissen will, so viel mehr erfahren kann als früher. Und er kann machen damit, was er will. (Denken wir nur an die armen Menschen, die behelfs des Internet gehetzt und gemobbt werden. Ist das nicht schrecklich?)

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Ich frage mich, was der nächste Schritt sein wird!

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¹ Noch Jahre später hat IBM mit dem Slogan geworben: SchreIBMaschine. Kann man sich heute nicht mehr vorstellen, oder?

² Als wir unsere Schülerzeitung machten, haben wir den gesamten Text an eine darauf spezialisierte Druckerei geschickt, die diesen Text auf einer Kugelkopf in Proportionalschrift und in einer von uns vorgegebenen Spaltenbreite abschrieb und an uns zurücksandte. Den so gesetzten Text haben wir dann in die Druckvorlagen für die Schülerzeitschrift geklebt. Das Ergebnis war für damalige Verhältnisse bei einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis ziemlich eindrucksvoll.

³ Zu den verschwindenden Verfahren gehört auch die Handschrift. Früher einmal war die gewöhnliche Schreibschrift (geschwungene, ineinander übergehende Buchstaben) die effizienteste Art zu schreiben. Jetzt gerade erleben wir, wie sie abgeschafft und statt dessen nur noch die „Druckschrift“ gelehrt wird. Ich will gar nicht über den Verlust an Schönheit oder das ZENartige der Disziplin reden, die man erlernte, indem man sich mühsam eine schöne Handschrift erarbeitete, und auch nicht davon, daß in den U.S.A. jedes Jahr etliche Tausend Menschen sterben, weil die Apotheken und Krankenpfleger die Schrift der Ärzte auf den Rezepten nicht lesen können.

* Bücher auf die einsamen Inseln: die Portokosten wären vergleichsweise ruinös. Amazon subventioniert solche Sendungen, weil der Laden nur existieren kann, wenn er keinen Unterschied in der Behandlung seiner Kunden macht. Natürlich sterben dadurch die schönen Buchläden aus, so wie im Alltag auch die schönen Pferde und die anmutigen Rikschas ausgestorben sind.

Ú¬ Ich habe gerade sein wunderbares Buch über ihre Freundschaft gelesen, das als Nebenwirkung der großen Schiller-Biographie entstanden ist.


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No man is an island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main. If a clod be washed away by the sea, Europe is the less, as well as if a promontory were, as well as if a manor of thy friend's or of thine own were. Any man's death diminishes me because I am involved in mankind; and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Anacrusis

Anacrusis

26.06.2012 19:14

Was ist denn dies für eine grandiose Abhandlung? Über die Arbeit an musikhistorischen Jahrbüchern möchte gern mehr erfahren. Habe selber noch a) an unsere damaligen Schülerzeitschrift mit gewirkt und seit 88 Fanzines (Print) mit erstellt. Diese gibt es ja heute leider nicht mehr, daher meine Arbeit (Hobby) im Netz. Das Flair, der Charme des Handgemachten ist verflogen. Die ausgetauschten Information sind weniger exklusiv.

mima17

mima17

17.03.2012 10:51

bh + lg, mima

Das_Ky

Das_Ky

24.02.2012 09:17

Feuer frei! (und auf sie mit Gebrüll ;)

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