Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
tolle Geschichte, toll gespielt, mit einer Hauptdarstellerin, die einem einfach das Herz bricht . |
| Kontra: |
stellenweise etwas zu "beseelt" für eine Atheistin wie mich, aber egal ! |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Am Anfang war…
…das Ende. Jedenfalls in meiner Erinnerung. Da sehen wir Hannah und ihre Chorkollegen auf dem Weg zu einem Auftritt, wie sie lachen und scherzen und schließlich sehen wir nur noch Hannah, die Hauptfigur. Ihre Augen, ihre Mimik, mal unterdrückt, mal befreit, mal lächelt sie, mal guckt sie ins Leere. Mehrere Minuten lang schaut sie, hängt sichtlich ihren Gedanken nach und vielleicht den gleichen Dingen, die uns - die Zuschauer - gemeinsam mit ihr in den letzten 90 Minuten beschäftigt haben. Oh Happy Day - das ist Kino, wie es einem zuweilen den Atem raubt. Und Schauspielkunst, die durch keinen Spezialeffekt zu toppen wäre. Nur zu schade, dass meine bescheidene DVD-"Leinwand" dies nur sehr unzureichend wiedergibt.
Es ist ein klassisches Kinomärchen, das uns die dänische Regisseurin Hella Joof serviert: Hannah ist so etwas wie ein Aschenputtel mittleren Alters, das sich arrangiert hat mit den Gegebenheiten in einem Kaff irgendwo mitten in der dänischen Pampa, durch das nicht einmal mehr ein Bus hindurchfährt. Die Hausfrau und Mutter führt eine leidenschaftslose Ehe mit dem Workaholic Torsten und einmal die Woche singt sie im Kirchenchor. Nur weil Grethe, ihre beste Freundin und Schwägerin doch so gern singt, wie sie gern betont.
Eines Tages gewinnt sie für sich und Grete zwei Eintrittskarten für den Auftritt eines echten amerikanischen Gospelchors. Dieser Abend verändert ihr Leben. Nicht nur, dass ihr angesichts des Gesangs der voluminösen Soul Ladies der selbstgebackene Sandkuchen im Halse stecken bleibt. Als sie im Anschluss an die Veranstaltung beseelt nach Hause radelt, baut sie einen Unfall, dessen Opfer der charismatische Chorleiter Moses Jackson ist. Dem passiert zwar nichts Ernstliches, doch kann er für eine Weile nicht ausreisen und so kommt es, dass die unerschrockene Grethe den Amerikaner fragt, ob er ihnen nicht ein wenig unter die Arme greifen kann mit ihrem eigenen Gospelchor, den Hannah angeblich gerade gegründet hat.
Hannah schämt sich in Grund und Boden und hofft eigentlich nur, dass Herr Jackson der kläglichen Veranstaltung in der Dorfkirche fernbleibt. Doch das Wunder geschieht bzw. der Alptraum wird wahr, je nach Perspektive: Der Amerikaner kommt in die kleine dänische Kirche und schafft es tatsächlich, dem zuvor etwas uninspirierten Kirchenchor die Seele des Gospel einzuhauchen.
Ein paar Gefühlsverwirrungen bleiben da natürlich nicht aus. Hannah verliebt sich in den Chorleiter, doch klar ist natürlich auch, dass der nicht in einem dänischen Provinzkaff bleibt, sondern zu Hause Familie und Kinder hat. Diesmal beschließt Hannah, nicht wegzulaufen und künftig nicht nur die Geschicke des Chors, sondern auch ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen.
Glaube, Liebe, Hoffnung
Nicht nur im Staate Dänemark kann das Leben auf dem Lande ganz schön trostlos sein und vor sich hin dümpeln. Die Besetzung des Chors versammelt ein Panoptikum solcher Figuren. Vorrangig junge Leute, die dort wo sie leben, nicht den Hauch einer Zukunft haben. In dieser Hinsicht erinnert "Oh Happy Day" manchmal an die jüngere Generation britischer Sozialkomödien à la "Ganz oder gar nicht" oder "Kalender Girls".
Doch Frauen wie Hannah, die sich und ihre Träume aufgegeben haben, gar nicht mal so sehr, weil sie unterdrückt werden, sondern weil sie Angst haben vor ihrer eigenen Courage, die gibt es wohl überall.
Lotte Andersen war mir vorher kein Begriff. Ich konnte auch nicht herausfinden, ob sie in Dänemark ein Star ist. Ich hoffe es sehr, denn sie ist grandios. Nicht nur ihre Stimme, die ihre eigene zu sein scheint, überzeugt. Als Hannah ist sie eigentlich am besten, wenn sie gar nichts herausbringt, so paradox das bei einem Musikfilm klingen mag. Wenn man genau zu sehen glaubt, was sich hinter ihren Gehirnwindungen abspielt, wenn ihr Ehemann mal wieder nur von "den Franzosen" und "den Deutschen" auf der Arbeit redet. Oder wenn Kirsten, ihre Erzfeindin, die Leitung des Chors an sich reißt, weil Hannah sich das nicht zutraut. Wenn sie sich nicht traut zu schreien. Und es schließlich doch tut. Lauter und intensiver als alle anderen.
Wie leicht hätte das zum Klischee geraten können: Das Hausmütterchen, das sich emanzipiert und verborgene Talente entdeckt…durch einen anderen Mann. Nein, Lotte Andersen lässt mit ihrem vielschichtigen Spiel keinen Zweifel aufkommen, dass Hannah von Anfang an ein Potenzial besitzt, das nahezu jeder erahnen kann außer ihr selbst.
Doch neben der großartig besetzten Hauptfigur sind auch alle Nebenrollen hervorragend gewählt. Da bleibt schon wegen ihren überkandidelten Art die Ditte Grabo, die Darstellerin der Grethe besonders im Gedächtnis, die ihren Ehemann maßregelt "Kriegst du jetzt bald mal deinen Infarkt oder was?", als er über sie als käsweiße Weiber lästert, die mit dem Arsch wackeln und Halleluja singen. Als Dritter im Bunde schließlich Malik Yoba, der den schwarzen Baptistenprediger, der gerade privat zwischen allen Stühlen steht und doch nicht seinen Glauben an die Gott und an die Liebe verloren hat, überzeugend darbietet.
Trotz der riesengroßen Themen um Glaube, Liebe, Hoffnung bleibt "Oh Happy Day" bei seinen Leisten: Es ist kleines, aber feines Unterhaltungskino. Ja, vielleicht gerät das "Beseelte" des Films stellenweise ein klein wenig zu pathetisch, aber meine Güte, was wäre Gospel ohne Pathos? An den Stellen, an denen es hätte kitschig werden können, gibt es jedenfalls immer wieder ironische Brüche oder komödiantische Einlagen, die das Ganze erträglich machen.
Der Film wurde mit einem Mini-Budget gedreht, aber es zeigt sich halt sich auch mal wieder: Es braucht eigentlich nur eine gute Geschichte und eine Handvoll guter Darsteller, um das Publikum auch ohne Spezialeffekte mit offenem Mund zurückzulassen. Staunend, glücklich und vielleicht nur, um ein paar Takte des Soundtracks mitzuträllern, den übrigens die 80er-Ikone Rick Astley (Ihr wisst schon, das ist der, der immer "Never gonna give you up" geknödelt hat) komponiert hat, nebst Gospel-Klassikern von Mahalia Jackson und anderen hörenswerten Songs.
Geheimtipp!
Eine wilde Mischung aus "Sister Act" und "Ganz oder gar nicht" ordentlich mit dänischem Humor und einer Authenzität gewürzt, wie sie oft nur die Skandinavier hinbekommen. Hella Joof hat einen liebenswerten Erzählfilm geschaffen, der mit seiner universellen Botschaft auch alte Atheistinnen wie mich vom Hocker reißen kann. Eigentlich schade, dass der 2004 gedrehte Film zumindest in Deutschland kein Kinohit war. Ich bin sicher, das liegt eher daran, dass der kleine dänische Film kaum beworben wurde. Sowohl hier bei Ciao wurde er bisher noch nicht besprochen und bei Amazon wird er ebenfalls für ein paar Euros vertickt. Ja, da kann ich nur sagen: Wenn ihr Lust habt auf einen Wohlfühl-DVD-Abend mit toller Musik à la Sister Act und einer Story, die ich beinahe noch berührender fand: Greift zu. Es lohnt sich auf jeden Fall.
Extras…
…sind dünn gesät. Es gibt ein Mini-Interview mit Hella Joof und Lotte Andersen (die sagt jedenfalls einmal kurz was) und eine strunzlangweilige Slideshow mit Musikuntermalung. Eigentlich hätte ich ganz gerne gewusst, wie z.B. der Gospelgesang trainiert wurde und ob es wirklich die Schauspieler sind, die die jeweiligen Songs singen. Das ließ sich leider auch übers Internet nicht herausbekommen - ich nehme an, mein Dänisch ist auch nicht gut genug, um sich durchs dänische Internet zu googeln.
Sowohl die Bild- als auch die Tonqualität überzeugen, vor allem letzteres ist bei einem Musikfilm schließlich besonders wichtig. Wer mag, kann sich den Film auf Deutsch oder Dänisch anschauen, Untertitel gibt es dänische und französische. Kleine Anmerkung meinerseits: Es gibt auch viele englische Untertitel, denn Jackson spricht natürlich nur Englisch, was zum Glück nicht synchronisiert wurde. Es ist auch höchst vergnüglich, zu hören, wie die Figuren im Englischen radebrechen, um sich verständlich zu machen.
***Kleingedrucktes für Kleinkarierte: Dies ist die Filmkategorie, es geht also um den Film und nicht um irgendwelche bescheuerten Extras, Bildformate oder Ländercodes.***