'Ich liebe dich für immer'
29.09.2003
Pro:
Sonja Richter, Inszenierung
Kontra:
nicht viel
Empfehlenswert:
Ja
 Oleanna
Über sich:
schreibe auch unter andy77 bei yopi
Mitglied seit:14.03.2003
Erfahrungsberichte:26
Vertrauende:5
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 30 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Zwei Paare: Marie und Niels, beide Ende dreißig und schon länger verheiratet. Cecilie und Joachim: Jung, sehr verliebt und vor ihrer Hochzeit. Bis sich ihr Leben von einer Sekunde auf die andere verändert: Eines Morgens wird Joachim (Nicolaj Lie Kaas), als er aus dem Auto steigt, von einem anderen Wagen erfasst. Er überlebt, wird aber so schwer verletzt, dass er vom Hals abwärts gelähmt ist. Während er sich zunehmend aufgibt und seiner Umgebung voller Hass und Verbitterung begegnet, kämpft Cecilie (Sonja Richter) um seine Liebe. Dabei braucht sie auch selbst Unterstützung, um mit dem Schock fertig zu werden. Marie (Paprika Steen), die den Unfall verursacht hat, wird von Schuldgefühlen geplagt. Sie bittet ihren Ehemann Niels (Mads Mikkelsen), der im Unfallkrankenhaus als Psychologe arbeitet, sich um Cecilie zu kümmern. Niels redet mit ihr – erst, um seiner Frau einen Gefallen zu tun, dann, weil Cecilie ihn mehr und mehr fasziniert. Ihre wachsende Leidenschaft droht Niels‘ Ehe zu zerstören... Es ist schon ein Glücksfall welch kraftvolle Bilder uns die formale Beschränkung der Dogma Bewegung in den Kinos noch immer beschert. Auch in 'Open Hearts' werden wir mit einem Unfall konfrontiert, der mit einer solch unerwarteten Wucht daherkommt, dass man kurzzeitig das Atmen vergisst.
Der Film beginnt ausführlich das perfekt scheinende Glück von Cecilie und Joachim zu erzählen. In einem Restaurant macht er ihr einen Heiratsantrag und sie nimmt ihn an. Die Kamera wackelt ungeduldig vor Aufregung, sehr nah an den Gesichtern und wird so zum Komplizen, zu einer weiteren Figur, die nicht nur beobachtet, sondern mitleidet, sich freut, oder traurig auf Distanz zu gehen vermag. Genauso erleben wir auch die Unfallszene, in der Joachim aus dem Auto steigt, sich noch einmal von Cecilie verabschiedet und von einem dumpfen Knall begleitet plötzlich nicht mehr neben dem Auto steht. Wir blicken in die Augen von Cecilie, fassungslos, suchen Joachim, wie er schwerverletzt auf der Straße liegt, blutüberströmt, blicken hoch in das Gesicht von Marie, die den Wagen gefahren hat, der Joachim erfasste und sehen ihre Tochter Stine, die mit erstarrten Blick nicht vom Opfer lassen kann.
Dies ist der Moment in dem der Film seinen Anfang nimmt. Hier geschah soeben die Szene, die allen Dogma Filmen gleich scheint. Zu Beginn eine Tragödie. Jemand muss sterben, einen Unfall haben, oder einfach vor Verzweiflung zerbersten. Dies sind die Stoffe, die der Kamera diesen direkten Einblick in das Gefühlsleben der Charaktere ermöglichen. Es muss ein Unglück geben oder eben ein Fehlverhalten, wie in "Das Fest", in "Open Hearts" ist es gleich beides, denn das Opfer wird querschnittsgelähmt sein und seine Freundin nicht mehr sehen wollen. Sie wird um ihn kämpfen, braucht aber auch den nötigen Halt bei einem anderen Menschen, dem Ehemann der Fahrerin. Dies wird beide Beziehungen aufs äußerste belasten, denn niemand scheint glücklich in dieser so ungewohnten Situation. Niemand scheint dieses Trauma überwinden zu können und eigenständig nach dem zu suchen, was man eigentlich will. Die Geschichte ist zugegebenermaßen sehr konstruiert, denn durch die Drangsalierung, die die Regeln dem Film auferlegen, benötigt jeder dieser, mittlerweile 31 Filme, eine solche Ausgangskonstruktion, aus der sich dann die weitere Handlung langsam entflechten muss. Die ursprüngliche Intention die Wahrheit den Bildern zurückzugeben wird dadurch auf eine harte Probe gestellt. Doch Susanne Bier löst sie meisterhaft.
Sie inszeniert leise und unaufdringlich diese Dreiecksgeschichte, mit einer Liebe zu den Figuren, einer Herzenswärme, die nicht nur durch die Umrahmung des Filmes mit Aufnahmen einer Wärmebildkamera zum Ausdruck gebracht werden. Ihr Respekt den Figuren gegenüber lässt den Charakteren den nötigen Freiraum auch einmal neben den üblichen Grenzen zu gehen, etwas auszuprobieren, ohne die Frage nach richtig und falsch zu stellen. Eine Lebensweise die auf den ersten Blick immer nur nach dem Glück suchend so viel zerstört. Doch das Leben trifft einen zuweilen zu unvorbereitet, hält Überraschungen bereit, wirft einen um vor der Wucht der Liebe. Genau diese Stimmung erschafft Susanne Bier in diesem wunderbaren Film.
Sie kann dabei auf eine überzeugende Sonja Richter zurückgreifen, die hier in ihrer ersten Kinorolle glänzt. Ihre einsamen Wege durch das nächtliche Kopenhagen, die Spaziergänge um das Krankenhaus, in dem ihr verbitterter Freund liegt, die Momente in denen die Kamera nur ihr leeres hilfesuchendes Gesicht zeigt, in diesen Augenblicken verstehen wir, wie sie um die Kontrolle ihres Lebens kämpfend eine Familie in die Katastrophe führt. Ihr Handeln ist nicht egoistisch, es ist der Ausdruck ihrer Unsicherheit, der Zerbrechlichkeit, deren Halt weggebrochen ist und den sie nie wieder spüren kann. Doch 'Open Hearts' besitzt auch eine andere, eine heitere Seite. Hier findet Bier Momente, in denen man der Situation entfliehen kann. Neben dem feinen Humor, werden die einzelnen Szenen auch immer wieder von grobkörnigen Aufnahmen einzelner Körperteile unterbrochen. Sie versinnbildlichen die geheimen Wünsche und Träume Cecilies. In ihnen ist eine gegenseitige Berührung mit Joachim möglich, aber ausschließlich dort.
"Open Hearts" heißt im Originaltitel "Ich liebe dich für immer". Ein zynisch wirkender Titel, denn niemand scheint sein Glück zu finden. Die Suche nach einem Ausweg der Situation stürzt auch immer einen anderen hinein. Keine Tat bleibt ungesühnt, auch wenn man sich auf die Macht der Liebe bezieht. Folgende Extras befinden sich noch auf der DVD:
- San Sebastian Filmfestival 2002 - Pressekonferenz (engl. - mit deutschen UT) - Eindrücke vom Festival (ca. 3 min.) - Szenen mit der Thermo Kamera (ca. 3 min.) - Die zehn Gebote eines Dogma-Filmes Ein eindrucksvoller Film, voller Überraschungen und einer oft schmerzhaften Direktheit. Empfehlenswert!
Wertung: 9/10 Verleihstart: 17. Juli 2003 Verkaufsstart: 18. September 2003 FSK: ab 12 Jahren Länge: 109 min Land: Dänemark 2002 Regie: Susanne Bier Darsteller: Paprika Steen, Nicolay Lie Kaas, Sonja Richter, Mads Mikkelsen Audio : Deutsch Dolby Digital 2.0, Dänisch Dolby Digital 2.0 Sprachen: Deutsch, Dänisch Untertitel: keine Bildformat: 1:1,33 4:3 Regionalcode: 2 Disc-Typ: 9 Herausgeber: Highlight Home Entertainment
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26.10.2003 02:27
Gnadenlos gut
05.10.2003 15:27
Den habe ich noch nicht gesehen, obwohl mir die Dogma-Filme eigentlich ganz gut gefallen. Aber deine sehr plastische Beschreibung macht mir richtig Lust auf den Film. :-) LG, Meike
01.10.2003 12:08
Ich habe die Presse-VHS hier und werde den Film wohl in den nächsten Wochen irgendwann sehen und hoffe dann mal, dass er mir ähnlich gut gefällt. Mfg Björn.