Orphan

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Das beste Beispiel für perfektes Horrorkino
Erfahrungsbericht von Realjackass über Orphan
20.11.2009


Produktbewertung des Autors:   


Pro: In seinen 2 Stunden fast pausenlos spannend, einfach ein großartiger Horrorfilm
Kontra: Nichts für Splatterfetischisten und Anspruchs - Allergiker

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Da die Kategorie zu Orphan kürzlich einem technischen Problem zum Opfer fiel und demzufolge auch mein Review dazu von der Plattform verschwand, poste ich es hiermit erneut. Auf dass die Kategorie dieses Mal bestehen bleibt ;-)


Auf den ersten Blick sind die Colemans eine glückliche Vorzeigefamilie. Die noch immer sehr intakte Ehe zwischen Kate und John hat zwei wundervolle Kinder hervorgebracht, die kleine, taubstumme Max und deren Bruder Daniel. Doch hinter der Fassade tun sich Abgründe auf. Die junge Kate hat die Fehlgeburt ihres dritten Kindes nicht verkraftet und verfiel dem Alkohol, worunter auch ihre Familie sehr leiden musste. Als symbolisches Zeichen für einen Neuanfang entschliessen sich Kate und John nach reiflicher Überlegung dann dazu, ihren Kindern per Adoption eine Schwester zu schenken. Im Waisenhaus treffen die beiden dann auf die neunjährige Esther und sind sofort hin und weg von dem für sein Alter außergewöhnlich intelligentem und kreativen Mädchen. Esther gewinnt sofort das Herz des Paares und schließt auch mit der kleinen Max schnell Freundschaft, lediglich Daniel betrachtet seine Stiefschwester ob ihres altmodischen Kleiderstils und ihrer ungewöhnlichen Manieren sehr argwöhnisch. Anfangs verläuft alles harmonisch, doch als sich dann nach einiger Zeit immer wiederkehrende, seltsame Vorkommnisse um das Mädchen häufen und gar eine Ordensschwester verschwindet, die den Colemans einige mysteriöses Details aus Esthers Vergangenheit berichten wollte, beginnt Kate langsam, hinter die perfekte Fassade des Mädchens zu blicken. Zu spät erkennt sie, welch entsetzliches Geheimnis die neunjährige umgibt und wen sich ihre Familie da wirklich ins Haus geholt hat...


Genial. Einfach nur genial. In der deutschen Sprache gibt es viele Adjektive, welche einen Film angemessen beschreiben können, doch im Falle von Orphan trifft es dieses mit am Besten. Hinter einem nicht sehr aussagekräftigen Titel, einem eher unspektakulären Plakat-Motiv und einer abgenutzt scheinenden Handlung verbirgt sich hier eines der absoluten Horrorfilm-Highlights 2009, wenn nicht sogar der letzten Jahre. In bester Tradition von Genre-Klassikern wie Das Omen oder Rosemaries Baby, mit denen Orphan im Übrigen absolut verdient in einem Atemzug genannt werden darf, wird hier eine spannende und verstörende Geschichte über ein mysteriöses Mädchen erzählt, das ein Familienidyll von innen heraus nicht nur komplett zerstört, sondern auch vor rabiater Gewalt nicht zurückschreckt. Regie führte hierbei im Übrigen ein gewisser Jaume Collet-Serra, der sich bereits für House of Wax verantwortlich zeichnete, mit Orphan jedoch eine deutliche Steigerung in allen Belangen hinlegte. Im Grunde ist es sogar irreführend, Orphan nur ins Horror-Genre zu stecken, birgt dieser Film doch so viel mehr als das, was man vor allem in letzter Zeit gerne mal mit dieser Filmsparte in Verbindung bringen konnte. In Zeiten von plumpen Folter-Orgien und einfallslosen Remakes ist dieser Film jedenfalls eine mehr als nur angenehme Abwechslung.

Was dieses Werk von ähnlich gelagerten Horrorfilmen mit mörderischen Kindern unterscheidet, ist die Herangehensweise an die Story. Während andere Filme aufgrund einer eher straff gehaltenen Spielzeit schnell ans Eingemachte gehen, lässt sich Orphan Zeit, viel Zeit, die Charaktere in das zuvor sorgsam gewobene Storygeflecht zu integrieren. Wir lernen die Colemans nicht nur als eindimensionale Horrorfilm-Stereotypen, sondern vielmehr als Menschen kennen. Wir erhalten einen kleinen Einblick in ihr Leben und in die Probleme Kate's, die nach dem Tod ihres dritten Kindes von Albträumen und Schuldgefühlen geplagt wird. Gerade sie und die kleine Max werden im Laufe des Films zu regelrechten Bezugspersonen des Publikums, denen man sich vertraut fühlt und somit viel mehr in die Story hingezogen wird, als es bei den gängigen 08/15-Schockern der Fall ist. Ein essentielles Fundament des Films ist zudem seine Laufzeit von über 2 Stunden. Dies liegt zwar deutlich über dem Durchschnitt des Genres, ist hier jedoch keinesfalls zu lang angesetzt. Keine Szene in Orphan wirkt gestreckt oder unnötig platziert, sie alle erhalten ihre Daseinsberechtigung und so fühlen sich die 123 Minuten auch keinesfalls zu lang an, sondern vergehen vielmehr wie im Flug.

Jaume Collet-Serra wusste diese Spieldauer perfekt einzusetzen und unterteilte Orphan quasi in mehrere Parts. Zu Beginn steht die Situation der Colemans und die harmonische Eingliederung Esthers in die Familie im Vordergrund. Irgendwann schwankt die Stimmung dann um, Verstörendes und Beunruhigendes ereignet sich. So tötet Esther beispielsweise vor den Augen von Daniel und Max einen verletzten Vogel oder bricht einem Mädchen das Bein, indem sie es von einer Rutsche stößt. Aufgrund ihrer Intelligenz und der gehobenen Ausdrucksweise gelingt es ihr spielerisch, die Fassade des braven Mädchens aufrecht zu erhalten und derweil ihren diabolischen Plan in die Tat umzusetzen. Die Einzige, die von alledem wirklich etwas mitbekommt, ist zu Beginn die taubstumme Max, die Esther jedoch als eine große Schwester betrachtet und es nicht über ihr kleines Herz bringen kann, die anderen über die Geschehenisse zu informieren, zumal Esther auch damit droht, ihre Mutter zu erschießen, sollte Max sie verraten. Im letzten Akt zeigt Esther dann nach einem ebenso genialen wie schaurigen Storytwist ihr wahres Gesicht und Orphan steuert einem brutalen und unausweichlichen Höhepunkt entgegen, während der Film zuvor eher auf subtil-grauenerregende Weise funktionierte. Man möchte es fast nicht für möglich halten, doch Orphan hält über zwei Stunden pausenlos eine ungemein an den Nerven zerrende Spannung aufrecht, die in dieser Zeit keinerlei Abbruch findet. Hier stimmt einfach alles. Die Sympathie zu der Familie, die sich langsam einschleichende Bedrohung durch Esther und die schlußendliche Wandlung zu einem waschechten Horrorfilm.

Dabei sind es jedoch nicht einmal die schaurigen Sequenzen, die letztendlich am Deutlichsten in Erinnerung bleiben. Vielmehr inszenierte Jaume Collet-Serra mit höchster Sensibilität einige wundervoll anrührende Momente, die einem sofort ans Herz gehen und tatsächlich sehr bewegend ausgefallen sind. Dies gilt vor allem für viele Szenen mit der taubstummen Max, die sich mit ihrer Mutter in Zeichensprache verständigt und diese in einem sehr emotionalen Moment fragt, ob ihre bei der Geburt gestorbene Schwester nun ein Engel geworden ist. Allgemein weist Orphan viele Wesenzüge eines Dramas auf und hält damit einen Anspruch bereit, dem man diesem Film wohl nicht zugetraut hätte. Alleine deshalb wäre es schon vermessen, hier von einem plumpen Horrorstreifen zu sprechen, denn gerade die Einbindung eines Familiendramas lässt den Horroranteil um einiges grausamer erscheinen.

Die FSK-Einstufung ab 16 Jahren geht übrigens in Ordnung. Als besonders blutrünstig ist dieser Film nicht zu bezeichnen, doch wenn es dann mal darum geht, härtere Geschütze aufzufahren, dann hält sich Orphan keineswegs zurück. Splatterfans dürfen diesen Film dennoch unangetastet lassen, zumal das Grauen hier onehin auf einer weitaus subtileren Ebene zelebriert wird, statt regelmäßig durch Blutfontänen ins Bildzentrum gerückt zu werden. Gerade deshalb ist dieser Film für zarte Gemüter nicht geeignet, denn während Splatterstreifen oftmals als realitätsferner Nonsens abgetan werden können, wirkt Orphan da schon um einiges realistischer und bedrückender. Gerade die Gewalt gegen Kinder und die akkute Bedrohung von Daniel und Max durch Esther dürfte einigen sauer aufstoßen.

An dieser Stelle würde nun für gewöhnlich wohl so langsam die Auflistung der negativen Aspekte erfolgen, doch in dieser Hinsicht macht es einem Orphan nicht leicht, da man hier einfach in jeder Hinsicht von einem makellosen Film sprechen kann. Zwar verzichtet auch dieser Film nicht auf das typische Klischee, dass nur eine Person den Ernst der Lage zu deuten vermag, in diesem Fall Kate, doch haben die Drehbuchschreiber mit ihrer früheren Alkoholsucht einen plausiblen Grund dafür gefunden, warum John seiner Frau keinen Glauben schenkt. Ein weiterer Grund für das absolute Funktionieren dieses Films sind die Schauspieler, die allesamt eine beachtliche Vorstellung abliefern. An erster Stelle ist hier natürlich Isabelle Fuhrman zu nennen, die in der Rolle der Esther zu beängstigender Höchstform aufläuft. Die 12jährige beherrscht das Wechselspiel zwischen liebenswertem, kleinen Mädchen und teuflischer Psychopathin bereits perfekt und portraitiert damit eine furchteinflößende Neunjährige, gegen den Damian aus Das Omen wie der freundliche Knirps von nebenan wirkt. Doch auch Vera Farmiga schafft es, der Familienmutter Kate eine glaubhafte Tiefe zu verleihen. Nach einer Weile erkennt sie die Bedrohung, die von Esther ausgeht und liefert sich einen regelrechten Zweikampf mit dem Mädchen. Die wachsende Verzweiflung, die Angst, wieder zur Flasche zu greifen und die Sorge um ihre Kinder, all das bringt Farmiga perfekt rüber. Das größte Lob ist jedoch mit Sicherheit den Kindern auszusprechen und neben Isabelle Fuhrman verdient hier definitiv Aryana Engineer Erwähnung. Das auch im wahren Leben unter Schwerhörigkeit leidende Mädchen spielt die vielleicht sechsjährige, taube Max so verblüffend authentisch, dass ihr dafür einfach nur größtes Lob gebührt. Das kleine Mädchen, das Esther sofort als große Schwester aufnimmt und so in einen inneren Konflikt gerät, als sie mit deren Taten konfrontiert wird, ist derart goldig und süß gespielt, dass sie in fast jeder ihrer Szenen allen anderen die Show stiehlt.


Orphan ist ein rundum perfekter Horrorfilm. Mit einer erdrückenden Atmosphäre und schier durchgehender Spannung auf höchstem Niveau schafft es dieses Werk, aus der alten Horror-Thematik um mörderische Kinder das Beste herauszuholen. Selten zuvor hat man sich bei einem solchen Stoff so gefürchtet wie bei der diabolischen Esther. Orphan setzt dabei auf subtilen, wirksamen Horror statt auf plumpe Schocks und erscheint damit, vor allem in Verbindung mit den soliden Charakterisierungen der Protagonisten, als durchaus anspruchsvoller Vertreter seiner Art. Dieser Film versteht es perfekt, eine elektrisierende Hochspannung mit dramatischen Handlungsstücken, verstörenden Szenen und einem genialen Storytwist am Ende zu verbinden. Ein Vergleich mit den ganz großen Klassikern des Genres ist hier absolut nicht zu hoch gegriffen - wer sich auch nur ein wenig für Horrorfilme interessiert, für den ist dieser Film absolutes Pflichtprogramm und für Kenner der Materie sowieso. Es ist länger her, dass ich für einen Horrorfilm die Höchstwertung vergeben habe, doch Orphan hat sie sich verdient.

10 von 10 Punkten für diesen Film.


Orphan
USA 2009, 123 Min.
FSK: 16
Regie: Jaume Collet-Serra

Darsteller: Vera Farmiga, Peter Sarsgaard, Isabelle Fuhrman, Karel Roden, Aryana Engineer, Jimmy Bennett, Lorry Ayers, CCH Pounder, Matthew Raudsepp, Andrew Shaver   
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