Erfahrungsbericht über

Owen Meany / John Irving

Gesamtbewertung (26): Gesamtbewertung Owen Meany / John Irving

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Endlich Kratzer am Ami-Heldentum

5  14.08.2001 (16.08.2001)

Pro:
unterhaltsame Story mit Seitenhieben auf die Ami - Mythen

Kontra:
zu lang zum In - einem - Rutsch - Durchlesen

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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BeeBee

Über sich: Endlich bin ich mal wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Meine Schreiblust war lange Zeit auf Urla...

Mitglied seit:27.06.2000

Erfahrungsberichte:170

Vertrauende:12

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 36 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

"Ich bin dazu verdammt, mit der Erinnerung an einen kleinen Jungen mit einer entsetzlichen Stimme zu leben." So beginnt der Roman "Owen Meany", in dem uns die Hauptfigur Johnny Wheelwright in Rückblenden sein halbes Leben an der Seite seines besten Freundes Owen im New Hampshire der 50er und 60er Jahre erzählt. Der Haupt-Erzählstrang bildet die auch von diesen Ereignissen geprägte Hälfte danach im selbstgewählten kanadischen Exil.

Owen ist nicht nur klein und hat eine merkwürdige Falsettstimme, er ist auch noch überdurchschnittlich intelligent und fest davon überzeugt, Gottes Werkzeug zu sein. Sein Wuchs und seine Stimme sind gottgewollt, haben einen triftigen Grund und dürfen deshalb auch keineswegs verändert werden. Dennoch stempeln sie ihn zum Aussenseiter. Welchem Zweck seine körperlichen Anomalien dienen, will er jedoch niemandem verraten - oder er hat es einfach noch nicht herausgefunden. Immerhin weiss er aber schon in jungen Jahren sein genaues Todesdatum, wie er in seinem Tagebuch vermerkt. Anderen verrät er aber nichts davon. Dafür stellt er seinen eigenen Grabstein im väterlichen Granitsteinbruch im vorhinein fertig - komplett mit Namen, Army-Dienstgrad, Geburts- und Sterbedatum.

John und Owen lernen sich als Knirpse ausgerechnet in der Sonntagsschule kennen, und ihre Freundschaft kann weder die Suche nach Johnnys unbekanntem Vater, noch ein ausgestopftes Gürteltier oder Johnnys wilde Verwandte erschüttern. Nicht einmal als Owen unbeabsichtigterweise Johnnys Mutter tödlich verletzt, ändert sich etwas an ihrem Verhältnis. Die Beschreibung dieser Szene, samt Vorgeschichte und Reaktion der Betroffenen, gehört übrigens zum Gefühlvollsten und gleichzeitig Skurrilsten, was ich jemals von Irving gelesen habe. Und da besteht bei diesem Autor ja reiche Auswahl.

Die Auseinandersetzung mit Religion durchzieht dieses Buch wie ein roter Faden. Nicht dass mich als Person ohne religiöses Bekenntnis ein sachlicher Vergleich zwischen verschiedenen reformierten amerikanischen Kirchen interessieren würde. Aber Irving macht unterhaltsam klar, wie die Gesellschaft im vergangenen Jahrhundert von Sonntagsschullehrern, Kirchenchören, Krippenspielen und dergleichen durchdrungen und beeinflusst ist. Wir feiern Weihnachten, schliessen Ehen oder sterben, und immer hält das passende Ritual die gerade zuständige Kirche ab. Trotzdem gerät die Erinnerung an derlei weder zur Zeitgeschichts-Krücke, noch wird hier wirklich über Gott und seine Existenz philosophiert. Es ist einfach so: durch Owen Meany ist John ein religiöser Mensch geworden. Einer, der regelmässig zur Kirche geht, sich im Pfarrgemeinderat engagiert und harsche Selbstkritik übt.

Zum Beispiel darüber, dass er seinem Land auch zwanzig Jahre danach nicht verzeihen kann, was es Owen Meany angetan hat. Oder warum er immer noch eine männliche Jungfrau, sozusagen ein Josef ist und wohl auch bleiben wird. Er schildert auch seine eher erfolglosen Bemühungen, ein guter Kanadier zu werden, indem er das kollektiv-amerikanische Vietnam-Trauma überwindet. (Copyright BeeBee) Stattdessen schlägt er immer wieder Paralellen von den Verfehlungen, die zum Vietnam-Desaster geführt haben, zu den Verfehlungen der amerikanischen Aussenpolitik der Gegenwart (der Roman ist 1990 erschienen, deshalb bezieht sich die Kritik hauptsächlich auf Reagan und die Iran-Contra-Affäre). Dabei hat er selbst gar nichts mit dem Krieg zu tun gehabt: Owen hat ihn auf originelle Art und Weise vor der Einberufung bewahrt. Ein Grund weniger, nach Kanada auszuwandern - oder doch nicht?

Irving kratzt mit diesem Roman gewaltig an Vielem, was (angeblich) die amerikanische Identität ausmacht: dem Nationalsport Baseball, den verschiedenen Kirchen und ihrem Einfluss auf Schulen und Gemeinden, dem Mythos vom unausweichlichem Eingreifen in Vietnam, an John F. Kennedy oder auch an der US-Army.
Doch tut er das nicht verbittert (das überlässt er seiner Hauptfigur Johnny), sondern sachlich und gleichzeitig gefühlvoll. Da kritisiert einer, der gut recherchiert hat und allen Grund zum Kritisieren hat - und sein Land trotzdem liebt. Einer, der unterhaltsam und doch plausibel Personen als Opfer der "Weltpolizei Amerika" entwirft, noch dazu im eigenen Land - und sie dennoch nicht märtyrerhaft, sondern sympathisch und mit allen menschlichen Schwächen behaftet erscheinen lässt. Und die Täter genauso ernsthaft-sachlich beschreibt, nie respektlos wird. Das Urteilen bleibt dem/der Lesenden überlassen.

Darüberhinaus ist die Schilderung einer Jugend in den 50er/60er Jahren detailreich, komisch und ungewöhnlich wie immer - als ob man Woody Allen's "Radio Days" mit Huck Finn, einer Gesellschaftssatire und ein paar theologischen Werken in einen Mixer gesteckt hätte. Mein Tipp für stundenlanges Lesen im Urlaub - aber nicht vergessen hin und wieder die Sonnencreme zu erneuern ;.)

PS Das update diente nur dem Entfernen von Fehlern.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
dani___

dani___

01.10.2006 13:27

Eine hinreißende Rezension in dieser Sparte, ich dachte schon, dergleichen kommt gar nicht mehr. Liebe Grüße, Daniela

Jutta23

Jutta23

12.09.2001 13:29

Toller Bericht! Ich liebe dieses Buch! Habe fast alle von Irving gelesen, und das ist eindeutig das Beste!

Schini

Schini

15.08.2001 02:16

Leider habe ich es schon gelesen (und fast alles andere, was von John Irving am Markt ist), ich könnte mir keine bessere Urlaubslektüre vorstellen. Lg, Teresa

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