Erfahrungsbericht über

Owen Meany / John Irving

Gesamtbewertung (26): Gesamtbewertung Owen Meany / John Irving

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Gottes Werkzeug

5  01.10.2006

Pro:
vielschichtig; kritisch; detailreich; Stimmung; Freundschaft; Religion; Motive;

Kontra:
nichts;

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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dani___

Über sich: Überwiegend auf studivz anzutreffen :)

Mitglied seit:07.04.2002

Erfahrungsberichte:453

Vertrauende:237

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 202 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Owen Meany ist in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Nicht nur, dass er selbst im Erwachsenenalter eine dermaßen hohe Stimme wie kein anderer besitzt, nein, er ist von so großer Bedeutung, dass er seinen besten Freund John Wheelwright rückwirkend zum Christentum bewegen konnte.
Mit diesen zwei Eckpfeilern beginnt John Wheelwright zu erzählen. Er erinnert sich an seinen Wegbegleiter, den er in der Sonntagsschule kennen - und im Laufe der Jahre lieben gelernt hat. Er sinniert über gemeinsame Erinnerungen, über Erlebnisse und nie in Erfüllung gegangene Träume.

Doch selbst in diesem weitläufigem Kontext behält John Irving den Überblick: meist chronologisch, hin und wieder gespickt mit Erzählungen anderem Datums, beschreibt er die besondere Bindung zwischen zwei heranwachsenden Jungen. Er weiht den Leser darin ein, dass John mit seiner Mutter und Großmutter in einem Haus wohnt, sie an Weihnachten stets zu Johns Cousins und Cousinen fahren, dass John noch nie etwas über seinen leiblichen Vater erfahren hat, dass er jedoch Dan, der spätere Mann seiner Mutter, sogleich als neues Familienmitglied akzeptiert hat. Owen spielt dabei immer eine entscheidende Rolle: er ist bei den Wheelwrights sozusagen zu Hause, möchte John zu seinen Verwandten begleiten, schafft es dennnoch nie, ist der festen, und wie sich später hausstellt, richtigen Meinung, dass sein leiblicher Vater nur eine Enttäuschung für John wäre und sieht Dan als einen Freund an - wie John eben auch. Ihr Leben verläuft parallel - außer dieser einen Freundschaft gibt es für sie keine weitere. Sie binden sich so fest aneinander, dass das Wohlbefinden des einen von dem des anderen abhängt.

Selbst Owens Schuss bei einem Baseballspiel, der Johns Mutter treffen und für sie den Tod bedeuten sollte, stellt ihre Freundschaft nicht in Frage. Für Owen ist sofort klar, dass er nur Gottes Werkzeug ist und er sich nicht gegen sein Schicksal wehren konnte. Offensichtlich ist für ihn auch, wann er sterben wird. Durch einem Traum wurde ihm das genaue Datum von Gott zugesandt. Grund genug für Owen, die Beteiligung am Vietnamkrieg als ein Muss anzusehen, was auch nicht durch seine Antipathie gegenüber dieses Krieges abgeschwächt wird. Angetrieben durch die Gewissheit, er würde vietnamesische Kinder im Ernstfall retten, lässt er sich auf das Abenteuer Militär ein. Erklären kann er sich seinen Mitmenschen nicht - niemand kennt den Traum, wodurch nicht zuletzt auch seine Beziehung zu Johns Cousine Hester leidet.
Doch nicht genug: es kommt ganz anders, als man denkt.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ OWEN MEANY ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
John Irvings "Owen Meany" ist nicht nur jahrelange Arbeit an zwei Figuren und ihren Gedanken und Gefühlen, sondern vielmehr ein vielschichtiger Roman, der über oberflächliche Betrachtungen hinausgeht und Politisches, Moralisches und Soziales mit einbezieht. Kritisch ist "Owen Meany" insofern, dass er genau diese Vielschichtigkeit und die Protagonisten nutzt, um Missstände in Amerika aufzuzeigen, gleichgültig in welchem Bereich. Kein Wort vor dem Mund, keine Illusionen - die Dinge werden so ausgesprochen und kritisiert, wie sie sind. Manches Mal rutscht John Irving hier in amüsantes Philosophieren ab - doch nie so sehr, dass es langweilen könnte. Wenn sich zum Beispiel John über die ambivalenten Haltungen der amerikanischen Politiker ärgert und damit fortfährt, dass sein Umzug nach Kanada das einzig Richtige war. Solche Passagen verleihen dem Roman seinen Charakter: intelligent, zügellos und kritisch.

Irvings Roman ist jedoch keiner von denen, die sich auf ein Gebiet spezialisieren und fortan nur dieses beleuchten. Es ist rührend, wenn Owen, der schon immer etwas gewiefter als John war, sich um seinen Freund kümmert, genauso wie es rührend ist, als John genau diese Freundschaft resümiert: er lässt kein Detail aus, betont, welch großes Glück er hatte, so einen Gefährten gefunden zu haben und bedauert letztlich, dass Owens Leben nicht für die Ewigkeit gedacht war. Gemeinsame Erlebnisse werden gefühlvoll nacherzählt, es fehlt nur noch Musik, die den Charme eines melancholischen Films entstehen lässt.
Die Atmosphäre der Erzählung ähnelt schon fast der einer Romanze, nur dass sich das Emotionale auf einer freundschaftlichen Ebene abspielt.

Unbeschreiblich sind die Momente, in denen Owen zum Beispiel seinem Freund den rechten Zeigefinger absägt, nur um diesen vor der Musterung und dem bevorstehenden Einzug ins Militär zu bewahren. Denn Owen ist sich sicher: John war in seinem Traum dabei und um ihn von dort zu eliminieren, darf er niemals nach Vietnam gelangen. Die einzige Möglichkeit dafür ist, John untauglich zu machen.
Dinge, die grausam sind, aber gleichzeitig auch so mutig und liebevoll, dass man als Leser eine Verschnaufpause benötigt.

Doch nicht nur Bereiche wie Politik und Freundschaft werden thematisiert, ganz oft ist auch von Glaube die Rede. Daher ist die dafür eingangs erwähnte Bezeichnung "Eckpfeiler" durchaus gerechtfertigt. Owen ist extrem religiös, während John sich nichts aus Religion macht. Er wechselt als kleiner Junge den Glauben, weil er denkt, Dan hätte darauf bestanden. Erst spät, durch die Erlebnisse mit Owen und dessen Schicksal, erkennt er den Glauben für sich und praktiziert ihn auch.
Nicht zu vergessen sind die Erklärungen zu verschiedenen Religionen, die in Amerika praktiziert werden. John Irving erzählt nicht einfach drauf los und hofft auf das Wissen der Leser, sondern gibt ihnen subtil die Hintergrundinformation mit, die sie für die Geschichte benötigen. Ungezwungen und ganz und gar nicht von oben herab. Es wirkt eher wie ein großes Tagebuch, das er John Wheelwright hat schreiben lassen - einfach drauf los! Vielleicht ist es das, was "Owen Meany" so authentisch macht.

Recht früh wird der Leser in Kenntnis gesetzt, wie Johns Mutter stirbt: Owen schießt einen Baseball, der Mrs Wheelwright am Kopf trifft und sie tötet. Man fürchtet, dass John seinem Freund das niemals verzeihen könnte oder dass sie sich früher oder später nach etlichen Versuchen erst wieder zusammenraufen können. Doch der Leser wird überrascht, denn es geschieht etwas ganz Skurilles: der gebeutelte Dan steht John bei und hilft ihm beim Verzeihen. Es wird kein Wort darüber verloren, warum der hinterbliebene Sohn und der Ehemann niemals auch nur einen Vorwurf laut werden ließen, wichtig ist nur: sie gehen mit Owen als einen Teil ihres Lebens um. Auch Dan, der eigentlich nur durch die Schule und John mit ihm in Kontakt steht.
Abstrus deshalb, weil sich beide mit dem Todeswerkzeug, wie Owen sich selbst nennt, ein Leben lang beschäftigen werden.

Das rote Kleid - das Cover des Buches - zieht sich wie ein Leitmotiv durch den Roman.
The Red Lady, wie sie genannt wurde. Bald kommt nämlich John dahinter, was seine Mutter verheimlicht hatte und das war nicht allein der leibliche Vater. Das Kleid wird bis zuletzt eine Rolle spielen und so schließen sich die Kreise, die anfangs so unübersichtlich waren. Ein ganz interessanter Aspekt, wenn man das Motiv von Anfang an beachtet.

"Owen Meany" ist nicht spannend, es ist auch kein Buch, welches vor Romantik strotzt. Es ist eine Mischung aus Vielem, vor allem aber kommt die Melancholie zur Geltung, die immer vorhanden sein wird, wenn John an seinen geliebten Freund denken wird.
Auch zu Zeiten, als sie noch zusammen sind, findet sich immer eine traurige Stimmung - sie philosophieren viel und sprechen Fragen an, die eine solche Grundstimmung fordern. Ein hinreißendes Buch, wenn man sich nur darauf einlässt und sich nicht fragt, wann nun endlich die 800 Seiten vorüber sind.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Eckdaten ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Titel: Owen Meany
ISBN: 3-257-22491-5
Seitenanzahl: 853

Preis: 12,90€
weitere Informationen unter: -

weitere Bücher von John Irving:
-Gottes Werk und Teufels Beitrag
-Bis ich dich finde
-Witwe für ein Jahr
-Garp und wie er die Welt sah
-Das Hotel New Hampshire
-Die wilde Geschichte vom Wassertrinker
-Eine Mittelgewichts-Ehe
-Zirkuskind
-Die vierte Hand

u.v.m.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Autor ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
John Irving wurde am 02.März 1942 in New Hampshire geboren. Er hat noch drei weitere, jüngere Geschwister. Aufgewachsen ist er nicht mit seinem leiblichen Vaters, sondern mit Collin F.N. Irving, seinem Stiefvater, der russische Geschichte lehrte.
John Irvings Legasthenie hat ihm während seiner Schulzeit große Probleme bereitet, jedoch war für ihn schon früh klar, dass das Schreiben zu ihm gehörte.

Er studierte in Pittsburgh, Wien und New Hampshire, wo er 1965 seinen Bachelor machte. Zwei Jahre später beendete er erfolgreich seinen Master of Fine Arts in Iowa. Anschließend war er an einem College in Vermont tätig.
Bereits 1968 veröffentlichte John Irving sein Buch "Lasst die Bären los!", das er schon zu Wiener Zeiten geschrieben hatte.

Mit dem Roman "Garp und wie er die Welt sah" wurde John Irving bekannt und verschrieb sich ganz dem Schreiben.
John Irving ist zum zweiten Mal verheiratet und hat drei Söhne. Er lebt in Vermont und Toronto.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Fazit ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Ein lebhaftes, interessantes, vielschichtiges, intelligentes Buch, das keinen Zweifel offen lässt, dass John Irving ein bewundernswerter Schriftsteller ist. Man muss Geduld mit sich und der Geschichte haben, doch enttäuscht wird man mit Sicherheit nicht!

Fünf von fünf Sternen für "Owen Meany".

Viel Spaß beim Lesen wünscht Daniela.


+++

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Lorin76

Lorin76

31.03.2007 17:56

Ich lese das Buch auch gerade und es gefällt mir immer besser, je weiter ich vorankomme. Dein Bericht ist sehr informativ und ausgewogen, da gebe ich auch gern ein b.h.

Cuchulainn1981

Cuchulainn1981

19.11.2006 15:34

Von John Irving habe ich schon viel gehört, aber ich muss gestehen, dass ich noch nichts von ihm gelesen habe. Dafür lese ich noch ein paar Berichte von dir. Arbeite momentan an einer Sache fürs Studium, aber manchmal braucht man auch mal Pausen :)

GoParc

GoParc

15.10.2006 20:16

Na da hast Du Dir wie immer viel Mühe gegeben, die sich mal wieder gelohnt hat ... :-)

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