Erfahrungsbericht über

Panzer Dragoon Saga (Sega Saturn)

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Prämierter Erfahrungsbericht

Divine Visitor

5  30.09.2001

Pro:
grandiose Story, umfangreich, perfekte Umsetzung, komplexe Verknüpfung unzähliger Elemente

Kontra:
sehr gute Englischkenntnisse erforderlich, kein zeitvernichtender "Dauerbrenner"

Empfehlenswert: Ja 

Martin

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:92

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 363 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Mystische Welten erkunden, atemberaubende Landschaften durchfliegen, heilige Stätten entweihen und glorreiche Schlachten triumphieren – all diese Abenteuer soll der "göttliche Besucher" überstehen, um die Erde zu erretten. Mag ein wenig schal und abgedroschen klingen, ist es aber keineswegs. Eine nähere Durchleuchtung zum besseren Verständnis somit an dieser Stelle.

Obwohl "Panzer Dragoon Saga" das wohl herausragendste Spiel aller Zeiten hätte werden können, blieb es doch klein und wenig beachtet. Der Grund lag auf der Hand – exklusiv für die glücklose Konsole "Saturn" des einstigen Videospielgiganten Sega entwickelt, erschien dieses Spiel im Eintagsfliegenleben genannter Konsole vergleichsweise gegen fünf vor Zwölf. Längst hatten Nintendo und Sony die Märkte vollends beherrscht und gegenseitig aufgeteilt, da unternahm Sega ein letztes Aufbegehren gegen den drohenden Untergang. Dieser wäre auch gelungen, wenn – wie gesagt – es nicht schon längst zu spät gewesen wäre. Die Zeit bereits abgelaufen, der Sega Saturn nur spärlich verbreitet und angesichts der funkelnden, frischen Konkurrenz war das Kaufpotential der meisten Saturn-Jünger eher auf eine neue Konsole denn auf ein – zum zig tausendsten Male – angeblich die Standards der Zockerwelten revolutionierendes Produkt gerichtet. Der Mißerfolg schien vorprogrammiert. Als mehr oder minder stolzer Besitzer eines Sega Saturn, der immer blauäugig an den Sieg dieser Konsole glaubte, aber gehörte dieses Videospiel einfach zum Pflichtprogramm meiner damaligen spärlichen Sammlung.

Bis heute möchte ich behaupten, in diesem Punkt absolut richtig gehandelt zu haben. So erlesen und exquisit ein künstliches Videospiel auch sein muß, um von mir mit Lorbeeren überschüttet zu werden, so vortrefflich und tadellos erfüllte dieses virtuelle Unterhaltungswerkzeug seinen Dienst. Es wurden tatsächlich nie dagewesene Grafiken geboten, Handlungstiefe die alle bisherigen Genre-Vertreter in den Schatten stellte und eine Faszination, die einfach ewig währt.

Bevor man nun in den Wahn verfalle, daß ich auf schlichte Propaganda und übertriebene Preisungen eingegangen wäre, was im übrigen sogar der Realität entsprach, möchte ich zu meiner Verteidigung anbringen, daß meiner wohlüberlegten Kaufentscheidung bereits zwei Teile dieser Reihe vorangingen. Zwar besaß ich nie "Panzer Dragoon" oder "Panzer Dragoon II" selbst, zockte diese in meiner jugendlichen Unreife jedoch von früh bis spät bei Freunden und Verwandten. Besonders die zweite Fortsetzung übertraf alles je Dagewesene – phänomenale Grafiken, augenscheinlich bestechende Zwischensequenzen und eine ausgeklügelte Steuerung zeichneten die sogenannten 3D-Action-Shooter aus. Unübertroffen genial, nur stets leider ohne wirklich tieferen Handlungshintergrund wurden die blutigen Kämpfe und barbarischen Metzelein veranstaltet. Und eben dieses Manko versprach "Panzer Dragoon Saga" mit dem entscheidenden Zusatz "RPG" auszumerzen, was soviel wie Rollenspiel heißt. Doch man höre und staune – Rollenspiele stehen auf meiner Haßliste mit an vorderster Position. Wie also konnte die Symbiose aus herrlich betörender, gedankenloser Action mit den tiefsinnigen, teilweise komplexen Rollenspielelementen gelingen?

Die Antwort darauf vermag ich nicht zu geben, nur eines ist sicher – eine fesselndere Kombination aus wilder Ballerei, geschicktem Taktieren, verwobenen Labyrinthen, kniffligen Rätseln und intelligentem Interagieren gab es meiner Ansicht nach in diesem Sektor bis heute nicht. "Command & Conquer" und Konsorten definieren in meinen Augen eine vollkommen andere Sparte und bieten hier nicht den geringsten Vergleich; nicht einmal im übertragenen Sinne.

Worum genau geht es in diesem einzigartigem Spiel? Ein kleiner großer Dämpfer zum Handlungsverständnis gleich vorweg, ehe man voreilig das Scheckheft zückt – das gesamte Abenteuer ist in japanischer Sprache mit englischen Untertiteln gehalten. Da ich einmal voraussetze, daß Japanisch eher weniger verbreitet in unseren Gefilden ist, rate ich zum Genuß dieses Spielchens höchst umfangreiche Englischkenntnisse an; denn ohne diese wird der ganze Spaß rasch verdorben. Denn die insgesamt vier (!) CDs, die in den zwei Großraumpackungen für einst neunundachtzig Schleifen erstanden werden, bieten zu gut einem Viertel pures Handlungsvideo an. Wunderschön und mit nahezu fanatischer Liebe zum Detail Szene für Szene umgesetzt, wäre es ein Jammer, würde man diese aufgrund mangelnder Spracherfahrungen nicht genießen können – denn allein aus den Videos erschließt sich der eigentliche Zusammenhang. Und dieser ist so enorm gewaltig, daß es unmöglich ist, ihn an dieser Stelle darzulegen, schließlich benötigt er eben genannte stolze Anzahl an Silberlingen.

Grob umrissen gestaltet sich die Handlung folgendermaßen. Der Held und gleichfalls Spielfigur "Edge" ist ein Junge einer ungewissen, unbestimmten Zukunft. Eine Welt voller Schrecken, Monster und Plagen. Überreste einer vergangenen Ära; einem Zeitalter höchster Technologie und Vollendung – im Verlauf stets das "Ancient Age", die vergangene Epoche, genannt. Die Menschen strebten einst nach Perfektion, erschufen unglaubliche Mächte, nutzten die gewaltigsten Energien und lebten friedfertig in den Tag hinein. Die Wissenschaft gedieh prächtig auf dem Höhepunkt ihres Seins. Schließlich und letztendlich jedoch erhoben sich die Menschen über die Götter, sie kreierten mittels Gentechnologie neue Rassen und Kreaturen, die im Bauplan der Natur nie vorgesehen waren. Sie errichteten gewaltige, furchteinflößende Festungen rund um den Globus, auch als "Tower" bezeichnet, welche ihre Macht festigen und den Evolutionsprozeß steuern sollten. Doch selbst in der goldenen Vergangenheit gab es Streit und Uneinigkeit über die Existenz dieser Lebenskontrollstationen; angesichts der kolossalen Waffen und Technologien eine unvorstellbar gefährliche Situation. Und es kam, wie es kommen mußte; die Menschen wandten sich gegeneinander und hinterließen eine zerstörte Welt voller Mutanten; eine einzige, gigantische Einöde mit den vergrabenen Technologien. Nur wenige Menschen überlebten diesen Krieg, organisierten sich neu, teilten die Welt unter sich auf und begannen das Wissen der vergangenen Epoche wieder zu erlernen. Eine flächige Ausbreitung war jedoch unmöglich, denn verseucht mit monströsen Kreaturen kontrollieren nach wie vor die unbezwingbaren "Tower" Leben und Tod aller Kreaturen auf dem Planeten. Allein ein einziger, der von den Göttern gesandten Drachen vermag es, die Welt zu erlösen und das Schicksal der vergangen Äonen zu brechen. Unser vorab erwähnter Freund "Edge" nun ist es, welcher sich unschuldig mitten im Konflikt zwischen dem neuen "Empire" und einigen Rebellen wiederfindet, welche in Ruinen nach den vergessenen Technologien und Waffen graben und versuchen, zu reaktivieren. Tief in einer Höhle wird er Augenzeuge der bedeutendsten "Ausgrabung" überhaupt – einem Mädchen namens "Azel", welche der Schlüssel zu allen Rätseln zu sein scheint. Kurz darauf wird er in schweren Gefechten um dieses Relikt verletzt in eine unterirdische Schlucht gestürzt. Hier beginnt sein Schicksal, seine Vorherbestimmung – er wird von "dem" Drachen errettet, was er zwar noch nicht weiß, aber recht bald bemerkt, in was für ein Abenteuer der Weltenbefreiung er sich gestürzt hat. Dem ein oder anderen scheint dies bereits zu umfangreich oder gar zu nebulös? Es sei gesagt, daß dies allein den Inhalt des Einleitungsvideos wiedergibt – das gesamte Spiel umfaßt mehrere Dutzend, teilweise noch umfangreichere Sequenzen.

Ausgerüstet mit seinem laserspeienden Drachen und einer geheimnisvollen Handfeuerwaffe beginnt man die Jagd nach der Wahrheit. Unzählige Orte müssen besucht, nahezu unendlich viele Gegner besiegt und mit so mancher Person ein ausführliches Gespräch geführt werden, um voranzukommen. Eine wie bereits erwähnt grandiose Kombination von Action, Adventure und Rollenspiel. Man sammelt Erfahrungspunkte, entdeckt wertvolle Items, erlebt erstaunliche Verwandlungen seines Drachens und spürt die göttliche Macht dieser Kreatur. Denn wie erfährt man im Laufe der Handlung so schön: es wird der "Divine Visitor" kommen und die Menschheit erlösen. Wer letztendlich dieser göttliche Held ist, wird so manchen Zockerfreund in Erstaunen versetzen.

Aber auch die vielen kleinen Rätsel der einzelnen Passagen – von Levels wage ich hier keinesfalls zu sprechen – zeichnen das Spiel aus und runden das Erlebnis am heimischen Fernsehbildschirm ab. Wer nicht denkt, verliert. Fast so, als befände man sich im realen Leben.

Schwärmte ich eingangs von den brillanten Eigenschaften der Vorgänger der "Panzer Dragoon" Reihe, so ist hier festzuhalten, daß alles noch weiter verbessert und mit abertausenden i-Tüpfelchen verziert wurde. Die Steuerung erlernt sich kinderleicht, die Grafiken sind schlichtweg umwerfend und die technische Umsetzung präsentiert sich mehr als nur gelungen. In all dieser Perfektion vereint sich denn auch die Handlung, welche man hautnah miterlebt, mitfühlt und die einen selbst mitreißt. An keiner Stelle kapituliert oder verzweifelt man an unlösbaren Problemen oder unbesiegbaren Gegnern, langweilt sich an Monotonie oder gar an zu einfachem Spielgeschehen; alles ist im Sinne einer formidablen Balance gehalten. Ob man nun zum ersten oder zehnten Mal diese visuelle Kurzweil durchspielt, es gibt stets neue Winkel zu entdecken, windigere Kniffe zu erlernen, um noch bessere Drachen zu erkämpfen oder weitere Bonusgegenstände zu erobern. Zwar ist es kein Spiel für "Zwischendurch", aber ich denke, wenn man sich einmal ein paar Stunden Zeit nimmt, um sich von seinem weltlichen Elend abzulenken, dann ist man in dieser faszinierenden Sagenwelt immer wieder bestens aufgehoben. Obgleich man kaum mehrere Wochen am Stück spielen wird – effektiv "durch" ist man nach 30-40 Stunden – so ist eine gelegentlich Runde alle paar Monate stets herzlichst willkommen. Der tatsächliche Langzeitspaß muß somit jedoch differenziert betracht werden.

Bewundert man also dieses fabelhafte Videogame, so fragen sich an dieser Stelle mitunter viele daddelnde Leser, warum sie denn davon noch nie etwas gehört haben. Es ist nun einmal leider die Unbekanntheit des Spieles aufgrund des Mißerfolgs seiner Plattform. Wer aber auf eBay zum Beispiel ein wenig stöbert, findet schnell ein Saturn-Komplettpaket mit 10 Spielen (unter welchen mit 90%iger Sicherheit auch "Panzer Dragoon Saga" prangt) für weniger als hundert Mark. Ich persönlich bin froh, dieses wahrhaft magische Werk mein Eigen nennen zu können. Und ich denke, daß jeder, der selbst in diesem Bereich der Unterhaltungselektronik aktiv ist oder war, hier bedenkenlos einmal "reinschauen und anspielen" kann, wie man im Fachjargon sagt.

Alles in allem ein umfassendes, hoch komplexes Abenteuer, welches den Spieler rasch in seinen Bann zieht und ihn über einige Tage zu fesseln vermag. Eine märchenhafte Geschichte mit wunderbaren Charakteren, welche durch Perfektion und Detailtreue glänzt und den Joypad als auch die Gehirnwindungen zum Glühen bringt. Traurig allein, daß dieses Spiel zeitgleich mit dem Untergang seiner Konsole wenig Beachtung fand. Meine uneingeschränkte Empfehlung ist dennoch gegeben.


In Erinnerung dieses vergangenen, sorgenfreien Sommers grüßt Euch alle herzlichst,

Martin

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
zitrol

zitrol

24.01.2002 18:31

Der Preis ist immer noch heftig! Selbst bei eBay bekommt man es kaum unter 130 DM! Ciao, Nora

spani1986

spani1986

22.01.2002 09:40

Sehr guter und ausführlicher Bericht. Habe das Spiel leider noch nie gespielt. Gibt es das auch für die Dreamcast? Schöne Grüße Spani1986

spliffo

spliffo

06.12.2001 22:45

Das Spiel kenn ich noch, da muss ich mal meinen alten Sega wieder rauskramen.

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