Der erste Gammelfleischskandal der Filmgeschichte

4  13.05.2012

Pro:
ein gut erhaltener Stummfilm, ungeschnitten und unbehandelt, mit nachkolorierten Elementen

Kontra:
unverhüllte Propaganda

Empfehlenswert: Ja 

Demelza

Über sich: Frohes Neues Jahr an alle. Mein Vorsatz für 2013: Wieder mehr lesen, schreiben und vor allem komment...

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 62 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Ein Wort vorweg: In dem von Ciao vorgegebenen Pflichtfeld waren nur die Jahre bis maximal 2011 auswählbar - wir waren jedoch 2012 in einer einmaligen Vorführung, vor der wir an einer Bar ein Bierchen schlürfen konnten.


Liebe Stummfilmefreunde,

Am 8. Mai 2012 gönnten mein Mann und ich uns seit längerem wieder einmal einen Kinoabend, der im Offenbacher Ledermuseum stattfand. Früher hatte es dort in unregelmäßigen Abständen das sogenannte Kommunale Kino gegeben, dessen Tradition man mit einer zukünftig startenden Reihe von Stummfilmen mit musikalischer Begleitung wieder aufleben lassen möchte, so die Rede des Herrn, der uns um 20.00 Uhr begrüßte und uns mit einem kurzen Vortrag auf den russischen Stummfilmklassiker
Panzerkreuzer Potemkin

aus dem Jahre 1925 einstimmte. Gedreht im Jahre 1925 von Sergej M. Eisenstein, dreht er sich um den Aufstand, der sich 1905 auf einem russischen Kriegsschiff der Schwarzmeerflotte ereignete, nachdem die Besatzung nicht mehr länger bereit war, die mangelhafte Verpflegung hinzunehmen (erster Akt) und der Kapitän daraufhin einen Teil der Mannschaft standrechtlich erschießen ließ (zweiter Akt).

Im Film stirbt der Anführer der Aufständischen und wird anschließend auf der Hafenmole von Odessa aufgebahrt, worauf hin die Bevölkerung der Stadt sich zu einem gewaltigen Trauerzug formiert, sich auf die Seite der Matrosen schlägt und sie mit Lebensmitteln versorgt (dritter Akt). Die Situation eskaliert, als die zaristische Armee auf die unbewaffneten Zivilisten schießt, welche in Panik fliehen (vierter Akt): Die Matrosen auf dem Schiff beschließen, den Einwohnern von Odessa zu helfen, doch ein zaristisches Geschwader ist bereits unterwegs – gegen das Kriegsschiff „Knjas Potjomkin Tawritscheski“, zu deutsch: Fürst Potjomkin von Taurien (fünfter und letzter Akt) ...

Das Ende lasse ich genauso offen wie die Frage, ob die sich die Darstellung im Film mit der Wirklichkeit deckt - aber ich hatte schon viel über diesen Film gehört und hatte Ausschnitte davon auch schon zu Hause auf einem kleinen Bildschirm gesehen, doch einen mit Musik untermalten Stummfilm auf der großen Leinwand zu erleben, ist doch etwas anderes. Nun denn, also auf ins Ledermuseum und früzeitig da sein – denn es gab keinen Vorverkauf; und so fanden wir uns um 19.30 Uhr an der Abendkasse ein, zahlten pro Person sieben Euro und harrten der Dinge, die da kommen sollten.


„stummfilm & ton“
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Auf der Rückseite der Werbepostkarte, die in einer Kneipe zum Mitnehmen auslag, heißt es: „Als zeitgemäße Reminiszenz an die ursprüngliche Tradition der Filmorchester und -pianisten, die Filmbegleitungen aus bereits bestehenden Stücken zu kompiliieren, wird DJ Hypnorex den Film mit elektronischen Beats und anderer existierender Musik kreativ vertonen.“ Dem sah ich mit gemischten Gefühlen entgegen, denn wie oft haben wir es schon erlebt, dass die Musik vor lauter Kreativität als solche für unsere Ohren nicht mehr zu erkennen war und sich die musikalische Begleitung als eine Krachsymphonie für drei Kreissägen und zwei Preßlufthämmer entpuppte. Aber auch begleitende Klaviermusik ist nicht immer die helle Freude. So fühlten wir uns angenehm überrascht, dass die zu „Panzerkreuzer Potemkin“ dargebotenen Klänge in ihrer teils nostalgischen, teils modernen Stimmung das Geschehen adäquat untermalten, besonders in den Szenen, in denen nichts als arbeitende Schiffsmaschinen zu sehen sind.

In den 69 Minuten, die wir staunend vor der Leinwand saßen, konnte ich mich davon überzeugen, weshalb der Film 1958 von internationalen Kritikern zum „besten Film aller Zeiten“ gewählt wurde: perfekt durchkomponierte, teils streng symmetrisch ausgerichtete Szenen (insbesondere die Massenszenen – eine davon die Sequenz auf der Hafentreppe von Odessa) und eine sich im vierten von fünf Szenenbildern zuspitzende Spannungskurve, die sich in einem überraschenden Ende auflöst; auch wenn in dem Film ganz offen gezielt Propaganda für die Revolution eingestreut wurde. So ist zum Beispiel die am Mast der „Potemkin“ gehißte Flagge rot und wrd am Ende gar „die rote Flagge der Freiheit“ genannt. Tatsächlich wurde die Szene ursprünglich mit einer weißen Flagge gedreht und das Zelluloid anschließend rot eingefärbt, und genau diese Fassung bekamen wir zu sehen. Da hatten wir Glück, denn meistens ist in den frei zugänglichen Kopien im Internet diese Szene in schlichtem Grau gehalten. Ob diesem Film ein Vorwort von Lenin vorangestellt war, habe ich leider vergessen, woran ich mich aber nach fast einer Woche noch gut erinnern kann, ist die Szene im vierten Akt, auf der Hafentreppe von Odessa, als die Bevölkerung flieht und dabei ein Kinderwagen der sterbenden Mutter entgleitet – darum auch der auf dem in Offenbach aufgehängtem Filmplakat und der Werbepostkarte, die ich diesem Bericht angehängt habe.

Wenn mich eine Szene besonders beeindruckt hat, dann war es aber nicht, wie Sie vielleicht allgemein vermutet haben, die Szene im vierten Akt, die das Massaker auf der Hafentreppe zeigt, sondern im dritten Akt der anschwellende Trauerzug, in dessen Verlauf Menschen in großer Zahl auf die Hafenmole und von allen Seiten in allen Ebenen kreuz und quer sich durchs Bild bewegen: oben auf der Brücke, von der Brücke die Treppe hinab, und unten in einem gewaltigen Strom unter der Brücke hindurch. Daß sich die Bilder im ersten und im letzten Akt beinahe gleichen, wenn sich die Matrosen formieren, finde ich unter dem Aspekt der Symmetrie mindestens genauso bemerkenswert wie einzelne symmetrisch aufgebaute Szenen. Und die Bilder der in der Abend- oder Morgendämmerung dahindümpelnden hölzernen Segelschiffe im Hafen von Odessa erinnerten mich teilweise an Gemälde von William Turner. Sehr malerisch, obwohl in Schwarzweiß. Weniger malerisch dagegen finde ich die Szene im ersten Akt, als der Kapitän entscheidet, das bereits von Maden befallene Fleisch sei zum Verzehr noch geeignet, so man es denn ordentlich mit Salzwasser abspüle – na denn Prost Mahlzeit – und ich war im nachhinein froh, vor dem Film noch nichts gegessen zu haben.

Meine Erkenntnis: Insgesamt war es für mich ein sehr gelungenes Filmexperiment, da hier einfach alles stimmte: ein spannender Film, wenn auch etwas arg propagandistisch an manchen Stellen – in Kombination mit stimmiger Musik, bei der man stellenweise wirklich das Gefühl hatte, mitten im dramatischen Geschehen zu sein, besonders dann, wenn die Kamera im Maschinenraum zugange war. Manometer (ja, ich war erfreut, als ich ausnahmsweise den Namen des Herstellers dieser Geräte lesen konnte, denn es war eine Magdeburger Firma) – so einen Abend würde ich gerne noch einmal erleben.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
LustigerKunde

LustigerKunde

16.02.2013 10:49

fleisch ist ja grad ein aktuelles thema ;) schöner bericht!

autoklinik

autoklinik

02.07.2012 17:16

Ich bin jetzt nicht so der Stummfilmfan, aber diesen Filmklassiker würde ich mir auch antun. Die Propaganda muss man sich auch im zeitlichen Kontext sehe, bzw. über das Eine oder Andere hinweg sehen...LG, Stefan

jaros

jaros

15.05.2012 09:39

die Amis zeigen bis heute in (fast) jedem Film die USA-Fahne, ist das keine Propaganda? :-) Gruß!

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