Lena Grigoleits wechselvolles Leben
12.07.2001
Pro:
Der unterhaltsame und gut lesbare Inhalt
Kontra:
Nichts
Empfehlenswert:
Ja
 Elira
Über sich:
Ich bin ein Mensch mit Liebe zur Literatur, jenseits der Fünfzig, schreibe Kurzgeschichten u.a., hab...
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Bittehnen (ostpreußisch) oder Bitenai (litauisch) - für Lena Grigoleit war es HEIMAT bis zuletzt. Ungeachtet der jeweiligen politischen Zugehörigkeit des schmalen Grenzlandes zwischen Deutschland und Russland, fühlte sich die ostpreußische Bäuerin Lena in ihrem Herzen vor allem als Memelländerin.Ulla Lachauer beschreibt die alte Frau als „letzte Ureinwohnerin“ des ehem. preußisch-litauischen Dorfes Bittehnen, wo Lena 1910 geboren und in das sie nach Flucht und Vertreibung zurückkehrt war. Mit ihren fast 80 Jahren war sie für die in alle Welt verstreuten Landsleute „die Brücke zur Heimat“. Ganz alleine lebte sie nun mit Kuh „Rose“ und allerlei Kleinvieh auf ihrem Hof, säte und erntete nur noch für ihren Eigenbedarf. Daneben pflegte sie die Gräber der Vorfahren, sah auf den von Unkraut überwucherten Anwesen der „Ausgewanderten“ nach dem Rechten, führte die immer häufiger als „Erinnerungstouristen“ auftauchenden früheren Bittehner und ihre Enkel zu den Fliederbüschen, die früher vor jedem Haus standen. Einmal hatte sie Gelegenheit, ihre beste Freundin Liesi in Frankenthal zu besuchen und sollte eigentlich bleiben im schönen Westen.- Aber Lena kehrte zurück zu dem Landstrich, der für sie der schönste der Welt war. Das war der Stand der Dinge, als das Fernsehteam 1989 mit Ulla Lachauer auftauchte und so entstand die Idee zu dem Buch „Paradiesstraße“. Litauisch und Deutsch waren die zwei gleichberechtigten Sprachen ihrer Kindheit, erzählte Lena. Später lernte sie Französisch in der Schule und etwas Russisch in Sibirien.Fritz, dessen Eltern später „Hitlerfreunde“ waren hat sie heiraten wollen, geheiratet hat sie dann 1934 auf Wunsch der Eltern den Groß-Litauer Konstantin Kondrativicius. Er war Grenzbeamter und wurde nach der Hochzeit nach Schmalleningken versetzt, wo Lena von ihrer Mitgift einen Kurzwarenladen kaufte. Zwei Töchter hat sie dort geboren. Bis 1939 hat sie die wechselnde Zugehörigkeit des Landstriches an der Memel nur wenig wahrgenommen, denn in Bittehnen wohnten Deutsche, Juden und Litauer in ganz selbstverständlichem Einvernehmen miteinander. Als Hitler 1939 das Memelland plötzlich „heim ins Reich“ holte, wurde Lenas Mann zum Ausländer, durfte nicht mehr litauisch sprechen, verlor seine Stellung als litauischer Staatsbeamter. Lenas Laden im Grenzgebiet , sozusagen „im Auge des Sturms“ wurde von nun an zum Umschlagsort für Nachrichten, zum Anlaufpunkt für Flüchtlinge, aber auch ein Ort der Gefährdung für Lena und ihre Familie.Nach einer vorübergehenden Flucht mit dem Treck der Ostpreußen nach Deutschland im Oktober 1944 kehrte Lena wieder nach Bittehnen zurück, fand ihr Haus von Litauern bewohnt vor, die vor dem Sowjetregime geflohen waren. Eine schwere, entbehrungsreiche Zeit begann, da das Land überfüllt war mit Menschen aus dem russisch besetzten Ostpreußen. Viele überlebten den Hunger, die Verzweiflung und die Rechtlosigkeit nicht. Für die zu Sowjetbürgern ernannten Memelländer begann nach 1947/48 die Verschleppung nach Sibirien. Auch Lena und ihre Familie traf dieses Schicksal . Von 1951-1956 lebten sie dort in der Kälte, aber „unter edlen und guten Menschen“, wie Lena in der Rückschau erzählte. Zurückgekehrt nach Bittehnen fängt die Familie dort wieder neu an, zunächst als Einquartierung im eigenen Haus. Alle diese Schicksalsschläge ertrug Lena, die Bäuerin, mit stoischer Haltung und verlor nie die Hoffnung. Nach dem Tode ihres Mannes, ihrer Eltern und dem Wegzug ihrer erwachsenen Töchter sowie der Auswanderung vieler deutschstämmiger Freunde nach Deutschland blieb Lena in ihrem Häuschen alleine zurück, wo Ulla Lachauer sie fand.Nicht nur eine Zeitzeugin einer vergangenen Welt, sondern auch eine aufgeweckte und informierte Zeitgenossin, die die Loslösung Litauens von der Sowjetunion und das gefahrvolle Entstehen eines neuen Staates mit Interesse verfolgte war Lena Grigoleit. Durch einen kleinen Weltempfänger wußte sie erstaunlicherweise bestens Bescheid über alles, was sich in der großen weiten Welt zugetragen hat. Sie hatte in ihrer Einsamkeit viel Zeit zum Lesen, Radiohören und zitierte Goethe und Dostojewski ebenso wie eine Wunschmelodiesendung, die sie regelmäßig über das österreichische Radio hörte. Gefragt, warum sie nicht auch nach Deutschland ausgewandert ist, antwortete Lena: „Heimat ist Heimat, da gibt‘s nichts Besseres nicht“ und sie meinte das Dorf Bittehnen. Ulla Lachauer hat dieser tapferen Frau aus dem fast vergessenen Memelland mit ihrem Buch „Paradiesstraße“ ein Denkmal gesetzt.Ich kann das Buch allen geschichtsbewußten Lesern sehr empfehlen, besonders denen, die von dem wechselhaften Schicksal Ostpreußens und des des Baltikums bisher nichts oder wenig wußten. Das Buch ist als Taschenbuch vom Rowohlt-Verlag erhältlich und kostet DM 14,--. Es ist auch als Großdruck für ältere Menschen erhältlich.
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Paradiesstraße, Ulla Lachauer
161 Seiten, teilweise farbige Abbildungen, teilweise Schwarz-Weiß-Abbildungen, ...
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Paradiesstraße, Ulla Lachauer
Taschenbuch, Verlag: Rowohlt TB., Reihe: rororo Taschenbücher, Seitenanzahl: 192
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