Pflege in Deutschland

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... Ich schreibe über die Pflege. Ich schreibe über Krankenpfleger, über Krankenpflegerinnen, die ehemaligen Krankenschwestern, aktuell nennt man diesen Beruf Gesundheits- und Krankenpfleger, aber ich rede auch von Altenpflegern, von den Menschen aus den ambulanten Diensten, was gemeinhin als ... Bericht lesen





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Deutschland, Deine Pflege!
Erfahrungsbericht von innocence667 über Pflege in Deutschland
15.04.2009


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Kompletter Erfahrungsbericht

Liebes Ciao-Publikum!

Der Bericht, den ich heute zum Besten geben werde, ist ein für meine Verhältnisse ein mittlerweile ungewöhnlich gewordener welcher. Er befasst sich mit einer akuten Situation unserer Gesellschaft, einem trostlosen Mißstand, einer schreienden Ungerechtigkeit. Möglicherweise hätte ich ihn am Karfreitag schreiben sollen, denn so wie man einen Menschen kreuzigen kann, so kann man auch einen Beruf kreuzigen.

Ich schreibe über die Pflege. Ich schreibe über Krankenpfleger, über Krankenpflegerinnen, die ehemaligen Krankenschwestern, aktuell nennt man diesen Beruf Gesundheits- und Krankenpfleger, aber ich rede auch von Altenpflegern, von den Menschen aus den ambulanten Diensten, was gemeinhin als Sozialstation bekannt ist, also kurzum alles, was Pflege beinhaltet.


I. Sozial?

Man nennt diese Berufe "Soziale Berufe". Warum eigentlich?
Nun ja, diese Berufe befassen sich mit dem "Nächsten" im christlichen Sinne, bzw. um es etwas neutraler auszudrücken, im neutestamentarischen, besser noch im ethischen Sinne. Es ist der Beruf dieser Menschen, derer auch ich einer bin, anderen Menschen durch eine Situation zu helfen, durch die sie alleine gar nicht, oder aber nur in menschenunwürdiger Weise hindurchkommen.


II. Geschichte

Diese Berufe haben eine christliche Tradition, die aus heutiger Perspektive eine ausgesprochen tragische ist. Ja, einst wurde dieser Beruf von Frauen ausgeübt, welche ihr Leben Gott, Jesus oder wem auch immer gewidmet haben, lebende Heilige, Asketen, selbstgeißelnde Schlafwandler, welchen Schmutz, Siechtum und Schmerz, ja, denen Verachtung zur Heiligkeit gereichte.

III. Diese Geschichte und ihre Instrumentalisierung heutzutage

Doch heute ist heute. Heute ist ein Beruf, was einst reine Berufung war. Heute bekommen die Pflegenden ein Gehalt statt Heiligkeit, heute bekommen sie Rechte, anstatt einem Platz zur Rechten des Herrn, heute wollen sie leben, wollen sie Familien haben, wollen sie Glück erfahren, anstatt sich in Staub und Schmutz selbst zu erniedrigen und nach kurzem, mühseligen Dasein elendiglichst, wenn auch seligen Blickes, zu verrecken. Heute wollen sie nicht mehr die personifizierte Demut sein, denen der Speichel anderer im Gesicht Krone ist, heute bemühen sie sich, sich zu einem eigenständigen Berufsstand zu entwickeln, sich zu den Medizinern abzugrenzen, Verantwortung und Rechte zu beanspruchen, es ist eine andere, ein entmystifizierte Pflege, keine keuschen Frauenideale werden hier mehr gepflegt ( denn es arbeiten dort auch Männer wie ich ), es ist ein Beruf, wenn auch vielleicht nicht einer, wie jeder andere.


Doch das interessiert leider noch immer nur bedingt. Zu bequem ist die Vorstellung, einen "Berufsstand" zu haben, der sich das Wort "sozial" auf die Fahnen geschrieben hat. Solche Leute arbeiten ja aus Idealismus, sie erhalten Gotteslohn, sie übernehmen Verantwortung, weil es ihnen Bedürfnis ist, den Bedürftigen zu helfen, ihr Lohn ist das "Lächeln im Gesicht des Kranken", welches unbezahlbar ist.

Tatsache ist allerdings, dass Pflege ein Dienstleistungsgewerbe ist, es ist eine kommerzielle Angelegenheit. Ihr denkt, das sei nicht so? Ja, auch ich bin aus dem Grund in die Pflege gegangen, weil ich sowohl von der Richtigkeit, als auch von der Wichtigkeit dessen, was ich tue, überzeugt bin, nicht etwa des großen Geldes wegen, das man in der Pflege ohnehin nicht wirklich verdient. Aber diejenigen, die diese Einrichtungen leiten, diejenigen, welche ganz oben sitzen, ganz gleich ob es Kliniken, Diakoniestationen, Altenheime oder was auch immer sind, sie leiten ganz normale Unternehmen, welche Profit abwerfen müssen, um zu überleben, und in denen sich manch einer eine goldene Nase verdient.

Was meint ihr etwa, wie es kommt, dass Chefärzte im Jahr teils zweistellige Millionenbeträge verdienen? Weil das kein nach den Gesetzen der Ökonomie arbeitendes Gewerbe ist?


IV. Verantwortung, Ideal und Zwang


Die "kleinsten" unter denen, die beruflich Menschen helfen, sind vielleicht die Pflegenden. Es ist Euch vielleicht nicht bekannt, aber es handelt sich wahrscheinlich um die zahlenmäßig größte Berufsgruppe überhaupt, genaue Zahlen fehlen, weil die Pflege nicht etwa sauber verkammert ist, wie die Medizin, deswegen kann sie sich auch nur von Ver.di vertreten lassen. Dass Scheiße von oben nach unten fällt, das haben die meisten von Euch schon am eigenen Leibe erfahren. Ein marodes Gesundheitssystem, eine völlig ungerechte Güterverteilung in den Kliniken ( vgl. Gehälter Chefärzte ), die Willkür der Klinikleitungen, deren kompromisslose Profitgier, aus der heraus sie das Getriebe ihrer verhängnisvollen Maschinerie mit dem Blut der Pflegekräfte ölen, all das kommt bei uns an, auf dem Weg zum Patienten. Rücksichtnahme gibt es kaum, das Arbeitsrecht wird mit Füßen getreten, Dinge, die für andere Arbeitnehmer selbstverständlich sind, muss sich die Pflege erst erkämpfen.

Wir stehen zwischen der Katastrophe und dem Patienten, wir leiden an Personalmangel, wir hetzen von Zimmer zu Zimmer, wir hören uns Rügen von Vorgesetzten an, weil wir unsere Überstunden aufschreiben, wir wanken nach 20, teils nach 25 Schichten ( diese Zahl ist in der ambulanten Pflege kein Witz ) am Stück durch die Welt und sind verantwortlich für 15 Menschenleben. Hier werden Worte wie etwa Arbeitszeitgesetz zu Fremdworten, Pausen sind nicht möglich, weil zu wenig Personal da ist, so dass die einen Pause machen könnten und die anderen zu den um Hilfe klingelnden Patienten ins Zimmer gehen könnten. Man nutzt es aus, dass wir Verantwortung übernehmen, man nutzt es aus, dass wir, wenn wir uns querlegen, wenn wir nach uns selbst schauen, den Patienten, das heilige Tabu, den personifizierten Schwachen, im Stich zu lassen gezwungen sind und uns an einem Menschen schuldig machen, der für all das nichts kann.

Doch macht man sich nicht gerade an uns schuldig? Sind wir etwa weniger schützenswert, als der Patient?

Wir leben in einem Spiel, in dem wir uns zwischen der eigenen Gesundheit und der des Patienten entscheiden müssen, wir opfern nicht nur unser Privatleben, unsere Wochenenden, unseren Urlaub und normale Arbeitszeiten, wir opfern unsere Gesundheit, unser Leben - das kann nicht richtig sein.
Schaut in unsere Psychiatrien, schaut in die Gastroenterologie, wer ist die Berufsgruppe mit den meisten Magengeschwüren, mit den meisten Burnouts, mit den meisten Depressionen, mit den meisten Suiziden? Ich gehe durch die Stationen und sehe Pflegende, die unglücklich, erschöpft, verbittert und krank sind, ich sehe schreiende Ungerechtigkeit, und keinen kümmert es.


V. Wo das hinführt......

Wir pflegen EURE Angehörigen, EURE Väter und Mütter, EURE Großeltern, EURE Kinder und irgendwann auch EUCH SELBST!

Das deutsche Grundgesetz garantiert die Unabhängigkeit des Richters, indem es ihm ein bestimmtes Gehalt, eine bestimmte Art, seine Arbeit zu verrichten, garantiert. Dieser Richter entscheidet über Gefängnis oder nicht, Geldstrafe oder Sozialstunden, eine wichtige Entscheidung, er entscheidet über die Beschneidung von Grundrechten.

WIR entscheiden über Leben und Tod. Wir leben in Welten, in denen das Wort Menschenwürde noch durchaus ein Thema ist, Welten, die sie in Frage stellen. Wenn ein Mensch irgendwo noch gefährdeter ist, seine Menschenwürde nach Art. 1GG einzubüßen, seine Freiheits- und Entscheidungsrechte nach dem Grundgesetz zu verlieren oder sie sich empfindlich beschneiden lassen zu müssen als etwa in einem Gefängnis, dann im Krankenhaus, in der Situation als zu Pflegender.

Ich sah Pflegekräfte, die total kaputt einen Stapel angefeuchtete Tücher auf den Boden fallen ließen, ihn aufhoben, und damit den Hintern eines Patienten wischten, ich sah Pflegekräfte die Nerven verlieren, sah sie mit Patienten unmenschlich umspringen, ich sah hygienisch unhaltbare Zustände, die nur aus Personal- und somit Zeitmangel entstanden, ich sah Menschen, die wie Sachen behandelt wurden, weil sie nicht mehr bei Verstande oder bei Bewusstsein waren, weil die Pflegenden einfach nur frustriert waren, ich sah Pflegende weinen, weil sie den Druck nicht mehr aushielten, weil sie, die ihren Beruf liebten, dazu gezwungen waren, Patienten abzuwimmeln, unfreundlich zu sein, Bitten zu verweigern, nicht mehr zu kommunizieren, weil sie schlicht und ergreifend sonst 2h länger bleiben mussten nach Dienst, ich sah Pflegende schwerstkranke Patienten hetzen, ich erlebte, wie sich eine 25jährige Schwester das Leben nahm. Ich habe mich zuweilen zwischen Pfleger und Patienten gestellt, musste Partei ergreifen gegen meinesgleichen, obgleich ich genauso für den einen wie den anderen fühle, und die Reaktion der Pflegekraft absolut nachvollziehen konnte. Ich sah Pflegekräfte, welche kaum unsere Sprache beherrschten, die Patienten pflegen sollten, welche in einer schweren Situation ( Krebs, psychische Erkrankungen ) steckten, die nicht anders konnten, als diese einfach zu ignorieren, weil es nicht in ihren Möglichkeiten lag, im Rahmen der Zeit mit ihren Möglichkeiten zu helfen, was auch eine deutsche Pflegekraft nicht vermocht hätte.

Ich sah Pflegekräfte, die ihre Patienten hassten.

Deutschland muss begreifen: Pflege erfordert ungeheuer viel Professionalität und diese kann man nicht auf Sand bauen, sie erfordert eine Basis. Pflege wird von Menschen betrieben, nicht von Maschienen. Die Menschen, die in der Pflege arbeiten, haben humanistische und psychologische Herausforderungen zu bewältigen, sie müssen sauber und korrekt arbeiten und sie müssen sich mit all dem auseinandersetzen, was die Gesellschaft gerne verdrängt und tot schweigt, weil es eben verdammt anstrengend ist, mit solchen Dingen bewusst umzugehen. Sie belasten ihren Körper und ihren Geist enorm, und zwar auch dann, wenn sie unter ordentlichen Bedingungen arbeiten können. Wenn man diese soziale Ungerechtigkeit weiter voranschreiten läßt, dann werden Patienten wegen Hygienemängeln sterben, dann werden Gespräche unmöglich werden, dann wird Pflege auf beiden Seiten, Patient und Pflegender, menschenunwürdig werden, dann werden Pflegende krank, unglücklich und verbittert werden und Pflege wird immer weiter in die reine Mechanik abrutschen, etwas, das über das Schrubben von Leibern, das Wischen von Pofalten, das Geben von Spritzen, das Machen von Betten und das Austeilen von Essen hinausgeht, wird es nicht mehr geben. Außerdem wird immer mehr Pflege ( das ist ohnehin Trend ) im geriatrischen Bereich durch Medikamente ersetzt, die Neuroleptika lassen grüßen, Ruhigstellen ist billiger als Pflege, lieber entmenschlichen als menschlich pflegen.

Wir lieben unseren Beruf und es ist ein guter Beruf, der wunderschöne Momente beinhaltet. Es ist ein Beruf, von dem fast jeder profitiert, auf den jeder irgendwann einmal angewiesen sein wird, es ist ein wichtiger Beruf. Wir laden unserem Gewissen hohe Verantwortungen auf, weil wir davon überzeugt sind, dass das, was wir tun, das Richtige ist und eine Notwendigkeit. Das hat nichts mit Religion zu tun, nichts mit Jesus, hier geht es, auch ohne jeglichen Glauben, um Tatsachen, die, um in den Worten der amerikanischen Verfassung zu sprechen "self-evident" sind, die ihre Wahrheit bereits in sich selbst tragen.

Lasst uns diesen Beruf also würdig verrichten, so dass durch unsere Würde auch die des Patienten gewahrt werden kann.

P.S.: Falls irgeneiner denken sollte, dass dieser Bericht alle Ärzte verdammen soll und einseitig das Martyrium der Pflege darstellen soll, so hier noch ein paar kurze Worte zu den Ärzten: die sog. "Götter in Weiß" schuften keineswegs weniger, als wir Pflegekräfte, nein, teils sogar mehr. Sie werden in ihren Praxiszeiten ausgebeutet und als Assistenzarzt sind sie der Depp für alles, der sich für einen recht geringen Betrag durch Höllenschichten quälen darf ( während er am Menschen ´rumschnibbelt ) und sich ein Privatleben abschminken kann. Das könnte man aber ohne Zweifel ändern, wenn unsere lieben Chefärzte nicht zweistellige Millionenbeträge jährlich einstreichen würden, täten die sich mit "läppischen" 1-2 Millionen begnügen, mal ehrlich, wer braucht so viel Geld, noch dazu, wenn jemand in diesem Bereich arbeitet, wo man jeden Tag sehen kann, dass Menschen für diese Gehälter von wenigen unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten und andere unter diesen Bedingungen behandelt oder gar operiert werden. Wäre es nicht eine ganz normale Konsequenz, dass dieses Geld woanders landen muss?


......ach ja, Wertungen sind mir bei diesem Bericht nicht wichtig, wertvoll wären Kommentare, besonders gerne von Leuten, die selbst Erfahrungen gemacht haben oder gar in der Pflege arbeiten. Ganz besonders würde mich freuen, wenn mein Bericht zu Pflege als sozialer Brennpunkt nicht der einzige bleiben würde.   


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