Manche Menschen sind geboren, um auf zwei Rädern unterwegs zu sein.
Diese Menschen fühlen sich in einem Auto irgendwie beengt, Blechkabine und Airbags sind ihren risikofreudigen Geistern ein tiefer Greuel und ihre größte Furcht ist, man könnte in einem Stau stecken bleiben.
Selbst Hagel, Schnee und Minusgrade können diese Menschen nicht davon abhalten, mit ihren Zweirädern durch die Gegend zu brettern.
Auch ich gehöre zu dieser Sorte Mensch, die Mobilität mit "Vorankommen" gleichsetzt - in meiner Gegend ist das mit einem Auto inzwischen nahezu unmöglich, egal wo und wie, man kann sicher sein, dass man irgendwo in einen Stau stößt.
Jedes Jahr, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Fahrerkabine meines kleinen Micras auf etwa 70°C auheizten, blickte ich neidisch zu denen, die es besser hatten, den Kollegen auf zwei Rädern.
Dieses Jahr war es dann soweit: Ein Roller musste wieder her, nicht kleiner als 125 Kubikzentimeter, wir sind ja nicht im Kindergarten!
*** Warum ein Roller? ***
Für einen Roller spricht relativ viel, besonders im Vergleich zu einem Motorrad. Sicherlich, die Fahrleistungen lassen zu wünschen übrig, aber dafür kann man einen Roller problemlos draussen stehen lassen, ohne dass das Öl aus allen Lagern ausgewaschen wird.
Der kurze Radstand erlaubt im zusammenspiel mit der Automatik ein relativ einfaches Navigieren im Großstadtdschungel, Motorräder haben da keine Chance.
Die Haltungskosten sind ungeschlagen niedrig.
Wie dem auch sei, letztendlich ist die Entscheidung für einen Roller auch Geschmacksfrage, ich hatte immer Roller, warum also nen Motorrad kaufen?
*** Der Kauf ***
Auf der Suche nach einem günstigen Gebrauchtgefährt wäre ich fast wahnsinnig geworden. Auf Ebay wurde ich ständig in letzter Sekunde überboten und das Kleinanzeigenblatt bot auch kaum etwas.
Schließlich stiess ich dort aber doch auch etwas interessantes:
Piaggio Sfera 125, Baujahr '96, 20.000km, Unfallschaden für 400 Euro.
Unfallschaden? Naja, fragen kostet ja nichts. So rief ich den guten Mann an, der das Ding verkaufte.
Auffahrunfall am Heck. Hatte ich selber mal gehabt, passiert, weil Roller deutlich besser bremsen als Autos. Nichts schlimmes also, dachte ich und schaute mir das Teil an.
Vor mir stand sie dann: Blau, etwas lädiert, einige Tropfen Öl drunter, mit zerbrochener Scheibe und zerbrochenem Heckschutzblech, ansonsten aber gepflegt.
Wie ich geahnt hatte, nichts tragisches.
Ich schlug zu. Immerhin kosten die Teile sonst doppelt soviel.
Roller Nummer drei war also mein. Nach Vespa PX 125 und Piaggio Skipper LX 125 war es mein erster Viertakter: Sound wie ein "echtes" Motorrad, recht leise, keine pubertäre Rauchfahne, kein Zweitaktöl, niedrigerer Verbrauch. Der Preis dafür: Schlechtere Leistungsdaten.
*** Design ***
Das Design ist klassisches spätes 20. Jahrhundert von Piaggio.
Die Verkleidung besteht vollständig aus Plastik. Die Formen sind rundlich, irgendwie feminin, vespatypisch.
Rein optisch sicher der einzige Plastikroller von Piaggio, der die zeitlose Eleganz der Vespas besitzt, auch wenn er sich kaum optische Anleihen leistet.
Was mich persönlich stört ist der im Beinschild eingelassene Scheinwerfer - ich hab den Kram lieber oben am Lenker, damit die Straße besser ausgelechtet wird, wenn man sich in die Kurve hängt.
Bisher ist die Sfera der einzige "kleine" Plastikroller, der meine langen Beine problemlos verdaut hat, das Teil bietet viel Platz, auch für lange Fahrer.
Unter der Sitzbank ist ein recht großes Helmfach, außerdem der Tankstutzen.
Im Beinschild befindet sich ein für Plastikroller überaus geräumiges Staufach für den tagtäglichen Kleinkram.
Schön: Dieses Fach wird über den Zündschlüssel geöffnet, man muss den Schlüssel nur reindrücken.
So kann man bei laufendem Motor schnell etwas holen oder verstauen, zum Beispiel das Handy bei einem überraschenden Regenguß.
*** Licht und Elektrik ***
Dank Vollverkleidung ist die Elektrik gut vor den Wiedrigkeiten deutschen Klimas geschützt.
Der Scheinwerfer allerdings lässt mehr als zu wünschen übrig, die kleine Funzel leuchtet die Straße kaum aus, bei nasser Straße sieht man selbst mit Fernlicht kaum etwas. Die Lampe dient also hauptsächlich dem Zweck, gesehen zu werden.
Interessanterweise sind alle anderen Lampen, Blinker, Bremslicht und Rücklicht, ziemlich stark.
*** Fahrkomfort ***
Die Sitzbank ist solide und bequem, zwei erwachsene Männer können ohne schwulitäten problemlos drauf sitzen. Der Sozius kann sich an speziellen Griffen festhalten.
*** Das Cockpit ***
Die Armaturen sind sachlich.
Links befindet sich der Schalter für Abblend-/Fernlicht, der Blinkerknopf (übrigens mit Rücksteller), die lausige Hupe und natürlich die Hinterradbremse.
Die Rechte Hand bedient Gashebel, Vorderradbremse, E-Starter und Lichtsschalter.
Man erhält nur spärliche Infos über Tankinhalt, Geschwindigkeit und welches Licht gerade brennt.
*** Fahrleistungen ***
Theoretisch zieht die Sfera 7,4 kW aus ihren 125ccm, das sind netto etwa 10 PS. Im Vergleich zu meinem 2-Takt Skipper, der immerhin 13,5 PS hatte, ein deutlicher Unterschied.
Die PX hatte vergleichbare Werte wie die Sfera, kam mir aber subjektiv schneller vor.
Der Tacho zeigt mit viel Glück 110km/h, eingetragen ist eine Höchstgeschwindigkeit von 90km/h, was wohl eher den Tatsachen entspricht.
Reicht, um in der Stadt flott unterwegs zu sein, auch für kurze Überlandfahrten, aber die Autobahn sollte man nur in Notfällen aufsuchen.
Ich bin jetzt bereits mehrfach Autobahn mit dem Teil gefahren, es geht, ist aber nicht angenehm.
*** Beschleunigung, subjektiv ***
Da ich die Beschleunigungswerte nicht im Kopf habe, kann ich nur den subjektiven Eindruck wiedergeben:
Ein Dreh am Gasgriff katapultiert das mit mir und vollem Tank knapp 200 kg schwer Gefährt innerhalb von knapp 4 Sekunden auf 60km/h. Danach wird's zäh, aber reicht, um die Dosen abzuziehen ;-)
Mit Sozius ist an entspanntes Fahren nicht zu denken, bei jeder Steigung geht die Geschwindigkeit in die Knie, genauso die Beschleunigung.
*** Verbrauchswerte ***
Vom Hörensagen hatte ich etwa 3,5 l Super auf 100km im Kopf. Netto verbraucht das Fahrzeug aber rund 4,5 Liter, was aber an meiner vollgaslastigen Fahrweise liegen dürfte.
Dumm daran ist nur, dass die Sfera einen mickrigen Tank von nur acht Litern hat und sich das Reservelämpchen bereits bei halbvoll das erste Mal meldet. Netto kommt man bis zum konstanten Aufleuchten des Reservelämpchens etwa 130 km weit, dann passen rund 5 Liter in den Tank.
*** Fahrwerk ***
Ein Traum! Meine Fahrwerkserfahrungen bei Rollern waren bisher eher schlecht: Die Vespa PX hatte zwar gute Stoßdämpfer, war aber dank Trommelbremsen, schmaler 10"-Reifen, rechts aufgehängtem Motor und Hecklastiger Konstruktion überaus kippelig.
Der Skipper war dank Motor in der Mitte und 12"-Reifen deutlich stabiler, dafür waren die Stoßdämpfer mehr als schlecht, federten quasi nichts ab.
Die großen Räder sorgten dafür, dass das Teil einen Punkt hatte, an dem es abkippte. Nicht schlimm, so muss es ja sein, aber unangenehm, hatte man doch das Gefühl, gleich abzufliegen.
Die Sfera ist da anders: Die 10"-Räder sind mit ziemlich breiten Schlappen bezogen, die Scheibenbremse vorne bietet im Zusammenspiel mit der Trommel hinten Negativbeschleunigungswerte, sie sich gewaschen haben.
Man muss förmlich aufpassen, dass man sich nicht auf's Vorderrad stellt.
Aber selbst das wäre kein Problem, der Roller ist perfekt ausbalanciert.
Die Vorderradschwinge bügelt Unebenheit für Rollerverhältnisse gut aus, könnte aber meines Erachtens eine Spur härter sein.
Das Schmankerl ist der Heckstoßdämpfer: Man kann die Federvorspannung in vier Stufen einstellen, von weich bis hart, wobei die weicheste Stellung für Solofahrer mir Bandscheibenschaden und härteste für Sportler zu sein scheint.
Die Reifen, Michelin Zippy, kleben förmlich auf der Straße, ich habe mich selten mit einem Roller so in die Kurven gehängt wie mit der Sfera!!!!
*** Wartung ***
Ein dunkles Kapitel. Ich habe den Roller gestern von der Inspektion abgeholt, Kostenpunkt 124,- Euro. Davon waren 85 Euro Arbeitslohn.
Das sagt im Grunde alles. Welcher Ingenieur sich auch immer diese Konstruktion ausgedacht hat, gehört gesteinigt. Meine ersten Versuche, selber den Leerlauf einzustellen, scheiterten daran, dass ich nicht an die Schraube herankam, ohne die Verkleidung abzubauen.
Beim Erneuern des Heckschutzbleches musste ich sage und schreibe 15 (!!!) Schrauben und diverse Verkleidungsteile lösen.
Einzig Öl- und Kerzenwechsel sowie die Batterie sind ohne lösen der halben Verleidung möglich. Möchte man aber irgendwas am Motor machen, darf man die gesamte Heckverkleidung umständlich abnehmen.
Besonders unangenehm ist der Wiederanbau der Verkleidungsteile, da sie zum Teil unter andere geklemmt werden müssen. Macht man einen Fehler, darf man das ganze nochmal in Angriff nehmen.
Scheinbar hat sich jemand bei Piaggio Gedanken gemacht, wie er den Händlern und Werkstätten was gutes Tun kann - kein Vergleich zur PX, bei der man maximal 3 Schrauben lösen musste, egal, wo man dran musste.
Der oben erwähnte Ölverlust wurde problemlos behoben, es lag an den Dichtungsringen der Ölablaßschraube, nichts tragisches, die Ringe sind Centartikel.
*** Zuverlässigkeit ***
30 km nach dem Kauf ist mir der Keilriemen um die Ohren geflogen, das war eine Reparatur von 53 Euro für einen neuen Varioriemen samt Variorollen.
Der Riemen hätte bei der 12.000er-Inspektion gewechselt werden müssen, war also 8000km überfällig.
Ein gerissener Varioriemen ist nichts schlimmes, allerdings kann man das Fahrzeug dann nicht mehr fahren, weil keine Kraftübertragung auf's Hinterrad besteht.
Seither bin ich rund 1200km mit dem Teil gefahren und es läuft rund und problemlos.
Ab und zu geht der Motor bei nassem Wetter an der Ampel von alleine aus, das dürfte aber an einem zu niedrig eingestellten Leerlauf liegen.
*** Fazit ***
Die Sfera RST 125 ist ein überaus eleganter Roller mit akzeptablen Fahrleistungen und einem geilen Fahrwerk.
Der Viertakter ist umweltfreundlich und leise.
Für längere Strecken mit Sozius ist der Roller trotz bequemer, großer Sitzbank aber nicht geeignet, es sei denn, man hat kein Problem damit, bergauf ein Verkehrshindernis zu sein.
Der technisch gute Eindruck wird leider von wartungsunfreundlichen Konstruktion und der mickrigen Lampe zunichte gemacht.
Insgesamt würde ich sagen, dass ich die Sfera wieder kaufen würde, allerdings ist sie weniger für sportliche (Touren-)Fahrer wie mich geeignet als für ruhigere Semester und als zuverlässiger Esel für die tägliche Fahrt zur Arbeit.
Ich persönlich spare jetzt auf eine PX 200, da ich generell lieber klassische Blechvespas mag.
Bis dahin wird mir die Sfera aber gute Dienste leisten - ich hasse es, im Auto zu schwitzen ;-)
*** Nachtrag 14.09.2003 ***
Anfang Juli wurde mir die Sfera geklaut. Stand unter meinem Balkon und war morgens einfach weg. Von der Versicherung habe ich nach Abzug der Selbstbeteiligung noch 600 Euro bekommen.
Von dem Geld habe ich mir eine Bajaj Chetak 125 gekauft. Das Ding ist baugleich mit der Vespa Sprint, allerdings viel neuer, nämlich Baujahr 1996. Der Test folgt bald.
12.08.2003 23:52
Wenn Roller, dann Vespa, das ist meine Meinung. Früher waren die Teile sogar noch aus richtigem Blech... rollende Grüße von Martin
07.07.2003 10:07
Sehr ausführlich und zudem sachlich - so stelle ich mir nützliche Berichte vor. Gratuliere, hat bestimmt eine Menge Arbeit gemacht!
11.06.2003 13:56
Hallo! Ein wirklich guter und informativer Bericht...! Ich "schwitze" aber lieber im Auto bei durchschnittlich 170km/h auf der Autobahn! *fg* Liebe Grüße, Lars :o) *Shake Heads*