Ich war jung und brauchte das Geld...

2  01.11.2003

Pro:
Kleines Zubrot, kostenloser Gesundheitscheck

Kontra:
gesundheitliches Risiko

Empfehlenswert: Nein 

herzhausen

Über sich:

Mitglied seit:24.01.2002

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Wie alles anfing...

Da sitzt man nun als Erstsemester in einer fremden, scheußlichen Stadt. Die im Herbst bezogene günstige, schnucklige Ein-Zimmer-Altbaubutze entpuppt sich im Winter schnell als Faß ohne Boden. Wie komme ich bloß zu 300 DM Nebenkosten monatlich für Strom und Gas? Was also tun wenn der vollgestopfte Semesterwochenplan keinen gescheiten Job zuläßt? Da gibt es ja einige Möglichkeiten, ich habe mich damals für das Blutplasmaspenden entschlossen.

Was ist das überhaupt, Blutplasma?

Das wußte ich ehrlich gesagt vor der ersten Spende auch nicht so genau. Blutplasma ist jedenfalls der flüssige Bestandteil des Blutes, also quasi die Substanz in der rote und weiße Blutplättchen schwimmen. Es macht 55% des Blutes aus. Plasma besteht im wesentlichen aus Wasser, 91% um genau zu sein. Den Rest stellen über 120 wichtige Eiweißstoffe und Transportstoffe dar (Nährstoffe, Stoffwechselprodukte, Hormone und Vitamine). Das entnommene Plasma rangiert von der Farbe her irgendwo zwischen rötlich und grünlich gelb, die Helferinnen haben auch schon mal einen Mann bei der Spende gefragt, ob er in der letzten Zeit viel fettiges gegessen habe, das Plasma sehe entsprechend aus. Auch ob eine Frau die Pille nimmt kann man angeblich an der Farbe erkennen. Faszinierend.

Wie geht das?

Die Vene wird mit einer Einwegkanüle angestochen, das Blut läuft nun in eine Plasmapheresemaschine. Dort wird es zentrifugiert, das Plasma läuft in eine Flasche, die restlichen Bestandteile werden in einem Rückgabezyklus dem Körper wieder zugeführt. Der Vorgang dauert je nach Blutfluß unterschiedlich lange, in der Regel zwischen 30 und 50 Minuten. Das sind dann meist 3-5 Entnahme- und Rückgabezyklen. Nach der Entnahme reguuliert sich der Kreislauf innerhalb von 20 Minuten, der Flüssigkeitsausgleich braucht 2 Stunden und der Plasmaeiweißersatz 2 Tage.

Und wofür wird das Plasma benötigt?

Die Frage kann ich nur für Aventis Behring beantworten, da ich dort gespendet habe. Das Plasma wird zu Arzneimitteln (bei Indikationen wie Gerinnungsstörungen, Immundefekte, Wundheilung und Intensivmedizin) weiterverarbeitet. Aventis Behring ist übrigens einer der führenden Anbieter in dem ca. 6,4 Mrd. Dollar betragenden Markt der Plasmaderivate.

Was habe ich davon?

Geld. Bei der ersten Spende in der Woche sind es 18 Euro, kommt man zum zweiten Mal erhält man 20 Euro . Zudem gibt es noch ein ausgeklügeltes Prämiensystem was bestimmte "Jubläumsspenden" honoriert. Zudem hat man einen kostenlosen Gesundheitscheck, außer dem kurzen Eingangscheck werden nämlich regelmäßig Blutbild- und Serumeiweißkontrollen sowie Untersuchungen auf verschiedene Virusinfektionen durchgeführt.

Was zu beachten ist

Man sollte vor der Spende ausreichen getrunken haben (natürlich nicht alkoholische und zudem nicht entwässernde Getränke), nach der Spende sollte man ebenfalls wieder etwas trinken um den Flüssigkeitsverlust schnellstmöglich auszugleichen. Eine kleine Ruhepause nach der Spende sollte man zeitlich einkalkulieren. Die letzte Mahlzeit sollte auch nicht mehr als 2 Stunden zurückliegen. Insgesamt sind pro Jahr 39 Spenden möglich. Der Spender darf nicht jünger als 18 und nicht älter als 65 Jahre sein. Zudem darf das Körpergewicht nicht weniger als 50 kg und nicht mehr als 120 kg betragen.

Der Ablauf

Als allererstes muß man ich mich am Empfang per Personalausweis ausweisen und im Warteraum Platz nehmen. Hier gibt es eine tolle Saftmaschine mit eiskalten Wasser dem ein Fruchtkonzentrat zugesetzt wird. Man hat die Wahl zwischen Kirsche und Multivitamin. Dann werde ich aufgerufen und als Erstspender oder auch nach längerer Pause (und das sind 6 Jahre dann schon) muß ich einen Haufen Formulare ausfüllen. Da geht es um Tättowierungen, Piercings, Zahnextraktionen, Schwangerschaften, Sexualkontakte, strengen Vegetarismus, Aufenthalte in Großbritanien im Zeitraum von 1980 bis 1996 und ähnlich riskante Unternehmungen. Zudem gibt es noch, ich bin beruhigt, eine Datenschutzerklärung und eine Information über HIV. Dann wird mein Puls gemessen, ein kleines bisschen Blut aus der Fingerspitze entnommen (huh, der Hämatokritwert ist an der unteren Spendeerlaubnisgrenze, sieht nach zu wenig Eisen aus) und Fieber im Ohr gemessen. Alles überstanden? Ja. Na dann ab zur Ärztin. Das war vor sechs Jahren eine andere, damals gehörte der Laden aber auch noch gar nicht zu Aventis, residierte kleiner und bescheidener im Hinterhaus. Nun ist man stolz in größere Räumlichkeiten umgezogen und hat, wie es mir scheint, das gesamte Personal (bis auf die Center-Leiterin) gegen Russen eingetauscht. Im Arztzimmer schaut sie sich im Computer erst mal meine Untersuchungsergebnisse von vor 6 Jahren an, teil mir minutiös mein damaliges Körpergewicht bei jeder Untersuchung mit um mich dann vergleichend auf die Waage zu stellen. Es folgt ein Abhören der Lunge, mir wird in den Hals geschaut und das war es nach ein paar zusätzlichen Fragen zu meinem Allgemeinbefinden dann auch schon. Schade, früher gab es noch lustige Koordinationstests. Auf einem Bein stehen, den Zeigefinger mit geschlossenen Augen zur Nase führen und so. Na dann halt nicht.

Nun geht es in den Spenderaum. Niemand kümmert sich so richtig um mich, wie das alles ging habe ich weitestgehend vergessen. Ich lege mich dann einfach auf eine Liege, vorher habe ich mich noch mit einer tollen Frauenzeitschrift eingedeckt. Irgendwann kommt dann doch ein Mädel, ich mache eine Faust, werde genadelt und es läuft. Ich habe vergessen, während den Entnahmezyklen mit zu pumpen (man bekommt ein rotes Knautschkissen welches man fest drücken soll), es geht ein gelbes Lichtlein an der Maschine an, ein warnender Piepston ertönt und ich werde angemuffelt, dass ich doch bitte mit pumpen soll. Insgesamt sind es bei mir drei Entnahme- und Rückgabezyklen, während der Rückgabe spüre ich ein unangenehmes Druckgefühl um die Einstichstelle herum. Wenn die Maschine 750 ml entnommen und separiert hat, in meinem Fall nach 32 Minuten, geht wieder das Piepsen los, jemand kommt, klemmt mich ab, es gibt noch ein Pflaster auf die Einstichstelle und fertig. Nun geht es wieder in den Empfangsraum. Auf den Schildern lese ich, dass die vorgeschriebene Wartezeit nach Ende der Spende dreissig Minuten beträgt. Na schön. Warte ich halt. Irgendwann fällt mir auf, dass von den anderen Spendern niemand auch nur 5 Minuten abwartet, ich packe dann auch mein Zeugs zusammen und gehe zur Kasse. Hier gibt es dann 18 Euro.

Dieses war der erste Streich...

Eigentlich wollte ich nach diesem Erlebnis nicht mehr wieder kommen, irgendwie war ich dann aber in der Gegend und wollte sehen, ob sich der Hämatokrit-Wert gebessert hat, in den vergangenen zwei Wochen hatte ich schließlich oft genug Rote Bete gegessen. Also noch ein Versuch! Selbes Prozedere wie beim ersten Mal bloß ohne die ausführlichen Fragebogen und den Arztbesuch. Mein Puls war bei der Messung zu niedrig. Das Mädel vom Empfang forderte mich nun auf, die zum Center führenden Treppen doch bitte runter zulaufen und wieder hoch zu kommen. Gesagt, getan. Der Puls war dann o.k., die restlichen Werte auch, also ab an die "Zapfanlage". Neidische Blicke von einer Frau, die für die Spende abgelehnt wurde. Ihre Eiweißwerte waren bei der letzten Spende zu niedrig. Sie muß jetzt die ganze Zeit im Warteraum herumsitzen und auf ihre mit besseren Werten ausgestattete Freundin warten. Die Spende verläuft diesmal wieder reibungslos, ich stehe auf und gehe in den Warteraum um noch etwas zu trinken. Ich merke bereits, wie mein Kreislauf langsam absackt, kenne ich schon, im Sommer wenn es heiß ist kommt das öfters vor. Schnell hinsetzen und auf Besserung hoffen. Irgendwann merke ich, wie ich abdrifte. Da, die Frau mit den niedrigen Eiweißwerten steht vor mir und hält meine Beine in die Luft, jemand klatscht mir auf die Wange und fragt, ob ich da sei. Ja sicher bin ich hier, wo denn sonst. Und ob ich immer so blaß sei, dumme Frage, ich kann mich ja schließlich nicht selbst sehen. Was wollen eigentlich die ganzen Leute von mir? Dann kommt die Center-Ärztin, mißt meinen Puls und stellt mir weitere dumme Fragen, am meisten amüsiert mich die Frage, ob ich vorhin Treppen gestiegen sei... Ich bekomme den tollen Himbeersaft eingeflösst, schwitze, friere. Meine Stirn tupft die Ärztin mit einem blauen Spüllappen ab. Fein. Dann gibt es Dextro-Energen-Plättchen für mich, ich bekomme Kreislauftropfen eingeflößt und werde auf einem Bürodrehstuhl wieder in den Spenderaum gebracht und wieder auf eine Liege verfrachtet. Der Puls geht immer noch nicht hoch, ist mit dem elektrischen Pulsmeßgerät noch nicht mal messbar, irgendwann ist er endlich bei 90 zu 60, ich bekomme noch mal Kreislauftropfen und als der erste Wert endlich auf 100 hoch ist darf ich gehen. In der U-Bahn wird mir wieder schlecht, ich steige aus und fange mich gottseidank an der frischen Luft. Erleichterung als ich endlich zuhause angekommen bin. Der Abend endet zermatscht und auch der nächste Tag ist nicht besser. Jetzt gehe ich bestimmt nie, nie wieder zur Plasmaspende.

Fazit

Ich selber bin der mittlerweile der Meinung, dass man mit einer Blutplasmaspende seinem Körper nicht unbedingt einen Gefallen tut. Es ist umstritten, ob die Blutzellen während dem Zentrifugieren nicht zerstört werden. Zudem können Kreislaufprobleme entstehen, der Körper verliert wichtige Stoffe, die Gefahr von Abszeßen bei der Einstichstelle besteht und die Venen leiden auf Dauer. Komplikationen können zudem auftreten. Vor allem die Politik in den Spendencentern, die Spender so oft wie möglich zur Nadel zu bitten, finde ich zweifelhaft. Beim zweiten Spenden lag eine alte Frau neben mir deren einer Arm schon so zerstochen war, dass keine Vene mehr zu finden war. Den von den Centern aus marketingtechnischen Gründen oft hervor gekehrten Aspekt der guten Tat finde ich höchst trügerisch. Sicher werden aus dem Plasma wichtige Medikamente hergestellt, wenn ich mir jedoch die Praktiken auf dem Pharmasektor ansehe, denke ich, dass man höchstens als kleines Rädchen zur Gewinnmaximierung eines Pharmariesen beiträgt. Plasmaspenden für ein Krankenhaus, etwa bei der Uniklinik, wäre für mich vielleicht etwas anderes als bei Aventis.

Auf http://www.aventisbehring.de findet man weitere Infos über die Plasmaspende (natürlich keine neutralen) und auch ein Verzeichnis von Spendecentern in Deutschland.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Cioalex

Cioalex

01.02.2010 20:23

Dein Erfahrungsbericht ist sehr übertrieben. Es doch recht gut wenn man aus der Ich perspektive beschreibt, allerdings bekommt man ab dem ersten Absatz ständig mitgeteilt wie schlecht Plasmaspenden sein soll. Das sollte man doch jedem mal selber überlassen, man muss dieses Thema nicht komplett in den Keller ziehen. So weit man kein Problem damit hat zich stechen zu lassen, ist das ganze Bedenkenlos, und man bekommt noch etwas dafür. Und wie du schon bereits erwähnt hast, den Gesundheitscheck hat man mit dabei;). Gruß Alex

Puckimaus

Puckimaus

26.02.2009 22:25

du gewährst einen guten einblick und erleichterst mir meine entscheidung!

Katrin81

Katrin81

05.09.2004 19:28

Mir ist nur eine kleine Sache bei deinem Ablauf aufgefallen. Bevor man dich von dem Gerät entfernt hat, gabs da nicht noch die Kochsalzlösung? In allem haste da ja ganz schön was durch gemacht. Ich gehe wiederum gerne dahin und hab keinerlei Porbleme weder mit dem Personal noch mit der Spende an sich. LG Katrin

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