Rückblende...
Wir schreiben das Jahr 1985, eine Horde pickeliger Jünglinge versammelt sich zu einem Treffen der besonderen Art an diesem heißen und sonnigen Augusttag.
Es gilt, einmal mehr, die noch nicht existierende Männlichkeit unter Beweis zu stellen.
Unter lautem Gejohle der im Stimmbruch befindlichen "Bravo"-Jünger zückt der selbsternannte und herrschsüchtige Anführer dieser pubertierenden Testosteron-Gang die neueste Jagdtrophäe, ein Herrenmagazin mit dem wohl bekanntesten Klappbild der westlichen Hemisphäre, den Playboy. Sich der bewundernden und neidvollen Blicke seiner Mitstreiter bewußt, reicht das Alpha-Männlein, nennen wir ihn der Einfachhalt halber Roger, das Objekt der Begierde einmal in der Runde herum, im Bewußtsein, seinen männlichen Geschlechtsgenossen einen Quantensprung im Bereich der sexuellen Aufklärung beschert zu haben.
Zum besseren Verständnis derer, die nicht das Glück hatten, in diesem noch medial-jungfräulichen Zeitalter aufzuwachsen, Sender wie RTL 2, tägliche Dummlabershows mit zweifelhafter sexueller Thematik a la "Stürmt Opi mal wieder das Freudenhaus, gehen die Erben leer aus" oder dummdreiste TV-Werbung im Stile von "Ruf...mich...an" inklusive peitscheschwingender Domina, warten noch in ferner Zukunft darauf, die Fernsehunterhaltung zu revolutionieren. Im Jahre 1985 indess hatte man nach 24 Uhr die freie Auswahl zwischen dem Testbild der ARD, des ZDF oder der regionalen dritten Programme, inklusive schrillem und nervenzerfetzendem Testsignalton.
Der Jugend von damals blieb also nichts anderes übrig, ihren sexuellen Horizont zu erweitern indem man sich unter Zuhilfenahme des Personalausweises seines älteren Bruders ins Kino schlich um sich Filme wie "Eis am Stiel" anzuschauen oder auf illegalem Wege den Schlüssel zu Daddy´s Videoschrank zu organisieren (die ganz Cleveren ließen sich natürlich ein Duplikat jenes Schlüssels fertigen) um sich dann in elternlicher Abwesenheit an der stattlichen "Emmmanuelle"-Sammlung zu erfreuen. Diejenigen nun, die weder einen älteren Bruder noch den Schlüssel zum "Paradies" vorzuweisen hatten, waren natürlich in einer äußerst prekären Lage, konnten sie sich doch nicht an den intellektuellen Expertenrunden ihrer Alters- und Geschlechtsgenossen beteiligen und mit Kommentaren wie "boah, hatte die dicke Dinger" oder "hast Du schonmal so `ne Muschi gesehen" ihr Fachwissen unter Beweis stellen.
Wenn sich dann doch einmal ein "Unwissender" dazugesellte und sich selbst ins Gespräch brachte mit einem "wir haben zu Hause auch eine süße Katze" war man gesellschaftlich so gut wie ruiniert und durfte zukünftig mit den Strebern und Schleimern, die auf dem Schulhof kein großes Ansehen genossen, die Zeit totschlagen.
Das die sogenannten Streber und Schleimer nun erfolgreiche Geschäftsleute sind oder gar als Ärzte oder Anwälte ihr Geld verdienen, während meine Wenigkeit sich als Taxifahrer verdingt, ist allerdings eine andere Geschichte...
Um also für den alltäglichen Kampf auf dem Schulhof gewappnet zu sein, entschied ich, prophylaktisch tätig zu werden und ein Studienobjekt in Form eines Herrenmagazins zu organisieren.
Nie werde ich den Blick der alten Dame an der Kasse vergessen, als ich ganz selbstsicher und völlig cool meine 2 Tüten Gummibärchen, 10 Wassereis, 1 Flasche Cola, Bravo und Pop-Rocky und ganz tief unten versteckt den Playboy auf das Band legte. Im nachhinein betrachtet war es vielleicht nicht die cleverste Entscheidung, die ich bis dato in meinem noch jungen Leben traf, im "Tante-Emma-Laden" gleich die Straße herunter, den Playboy, wenn auch gut getarnt, zu kaufen.
Schon als 5-jähriger Knirps stürmte ich allwöchentlich das kleine Geschäft, nicht weit von meinem Elternhaus entfernt, um meine 5 DM Taschengeld sinnvoll in Wassereis und einzeln abgezählte Bonbons zu investieren. Und immer hatte die liebe alte Frau Kirmeyer ein nettes Wort und ein Extra-Bonbon für mich übrig.
Das meine Mutti und die gesamte Nachbarschaft in selbigem Laden einkaufte, versteht sich von selbst.
Leider wurde mir das erst richtig bewußt, als es schon zu spät war.
Ihr wissender, teils amüsierter, teils überraschter Blick musterte mich und meine anfänglich extrem coole Fassade war mit einem Mal wie weggeblasen.
Ich konnte mir schon bildlich vorstellen, wie sich diese Neuigkeit rasend schnell, einem Buschfeuer gleich, in der Nachbarschaft ausbreiten würde und die Leute mit dem Finger auf mich zeigen. Jeder würde mich mit diesem "Na, hast Du wieder an Dir rumgespielt-Blick" anstarren und ich wäre im Nu zum mastrubierenden Sex-Monster mutiert. Mit zittrigen und schweißnassen Händen gelang es mir noch gerade so die Rechnung zu begleichen und die Haltung zu wahren.
Als mich die alte Dame dann doch sehr herzlich verabschiedete, wußte ich irgendwie intuitiv, daß meine unbeschwerte Kinderzeit mit einem Schlag vorbei war und der "kleine" Roger nun nicht mehr existierte.
Die Zeiten des Extra-Bonbons waren von diesem Tage an nur noch eine schöne Erinnerung... Um nun wieder zum Anfang dieses Artikel zurück zu kommen, wir standen also an besagtem heißen Augustnachmittag in trauter Sechssamkeit zusammen und betrachteten den Playboy. Zu unser aller Unzufriedenheit bestand das Hochglanzmagazin aus viel zu viel Text und viel zu wenigen Bildern.
Nichtsdestotrotz fanden wir das, wonach wir schon so lange begehrten.
Was nun das Männlichkeitsritual anbelangt, kann sich wohl jeder denken, wie das in etwa ausgesehen haben dürfte.
Miss September 1985 auf einem ausklappbarem Poster, umringt von pubertierenden Teenagern mit runtergelassenen Hosen und ein Prinzenrollen-Keks, der keine unwesentliche Rolle bei diesem Szenario spielte, frei nach dem Gorbatschowschen Sinnspruch "wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Wer den Film "Crazy" gesehen hat, weiß, was sich im weitern Verlauf abgespielt hat, allen anderen kann ich nur empfehlen, ihre Phantasie zu bemühen, denn eine genaue Schilderung der Ereignisse werde ich hier aus Jugendschutztechnischen Gründen und aus persönlichem Interesse, alles eine Frage der Seriosität, nicht wiedergeben.
Na schön, wer es genau wissen will, ich bin leider ein notorischer "Zu-spät-Kommer", im wirklichen Leben wie auch in eben geschilderter Situation.
Das hat dann auch zur Folge, daß sich meine Mutti wunderte, warum ich denn plötzlich einen übertriebenen Hang zur Mundhygiene entwickelte, da ich mir in den darauffolgenden 2 Wochen täglich mehrmals die Zähne putzte und die Familienflasche Odol gerade mal 3 Tage ausreichte, aber nun genug davon. Auch Jahre später bin ich dem Magazin, daß verspricht "alles, was Männern Spaß macht" treu geblieben.
Und selbst als fast Erwachsener blieb ich nicht verschont von diesen gelegendlichen mütterlichen Reinigungsorgien, die nicht selten dazu führten, daß das, was im Verborgenen lag, scheinbar gut versteckt, ans Tageslicht befördert wurde.
Konfiszierende Väter, natürlich allein zum Schutze der eigenen Brut, greinende Mütter, erzkatholische Großeltern, die sogleich den Untergang des Abendlandes propagieren, all dies blieb mir zum Glück erspart.
Wenngleich ich in jungen Jahren den Playboy nur aus einem ganz speziellen Grunde konsumierte so entwickelte sich im Laufe der Zeit doch ein Bewußtsein für die Dinge, die mir zuvor eher als uninteressanter Füllstoff das "lesen" erschwerten. Ab einem gewissen Zeitpunkt begann ich auch das gedruckte Wort wahrzunehmen und mit steigendem Interesse blätterte ich durch das Magazin was letztlich dazu führte, daß ich mittlerweile den Playboy vom Editorial bis zur letzten Seite regelrecht studiere.
Was erwartet nun den geneigten Leser? Einleitend werden zuerst einmal Personen vorgestellt, die an der aktuellen Ausgabe mitgewirkt haben, seien es nun bekannte Fotografen, Autoren oder Journalisten.
Nachfolgend werden die eingegangenen Leserbriefe abgehandelt, wobei der "Leserbrief des Monats" einen edlen Montblanc Füllfederhalter verliehen bekommt. In der darauffolgenden Lounge werden in aller Kürze Tipps, Trends und kürzere Interviews dargeboten. Die Themenvielfalt reicht von der Beschreibung eines Abends mit einer mehr oder minder bekannten Persönlichkeit, über Kurzinterviews und einem Schlagfertigkeitstest, Internet-Sides-Empfehlungen bis zu festen Rubriken wie "Weinschmecker" einer Kolumne für alle Liebhaber der gegorenen Traube, dem "Männerspielzeug" des Monats und den von mir sehr geschätzten Zitatensammlungen "Frauen über Männer" & "Männer über Frauen".
Königlich amüsiert habe ich mich über Zitate wie z.b. "Frauen wissen nicht, was sie wollen, aber sie sind fest entschlossen, es zu bekommen" oder aber "Wer eine Frau heiratet, kann endlich all die Sorgen teilen, die er vorher nicht hatte".
Ein MUSS für jeden beziehungsgeschädigten Mann.
Auf den folgenden Seiten sind dann auch schon die ersten, nicht immer naturbelassenen Eva`s zu bewunderen worauf dann der sogenannte Playboy-Berater folgt, sozusagen der Dr.Sommer für Erwachsene, oder zumindest jene, die sich dafür halten.
Dort werden dann weltbewegende Fragen wie z.b. "warum beginnen Telefontastaturen immer mit einer 1 während Taschenrechnertastaturen immer mit einer 7 beginnen" abgehandelt, aber auch Klassiker wie "ich komme zu früh, was kann ich dagegen tun?" werden beratschlagt, ein Problem, mit dem ich mich glücklicherweise nun wirklich nicht herumschlagen muß. Auf den nächsten Seiten ist dann zumeist ein längeres Interview mit einem Promi nachzulesen, in der aktuellen Juli-Ausgabe mit Angelina Jolie, worauf dann aktuelle Filme, Bücher und CD´s besprochen und bewertet werden.
In der Heftmitte dann stößt man auf das Playgirl des Monats mit dem obligatorischen Ausklapp-Poster.
Erfreulicherweise ist die Vormachtstellung der wasserstoffblonden Plastikpüppchen in den letzten Monaten doch arg ins Wanken geraten und immer häufiger darf sich der interessierte Leser an jungen Damen erfreuen, deren Brüste zwar nicht ganz so drall und prall daherkommen wie beispielsweise bei Gevatterin Anderson, dafür aber eíne Natürlichkeit ausstrahlen, die ich persönlich lange Zeit vermisst habe. Sehr zu empfehlen ist auch die Witzeseite, auf der ich schon häufiger echte humoristische Perlen fernab jeglichen Bild-Zeitungsniveaus entdeckt habe.
Die doch teils sehr deftigen Schenkelklopfer eignen sich allerdings nicht als Allroundwaffe um z.b. langweilige Meetings, Oma´s Geburtstagsparty oder beim ersten Date mit der neuen Perle seinen Humor unter Beweis zu stellen.
Das richtige Ambiente vorausgesetzt, kann man sich aber mit diesen kleinen humoristischen Geschichtchen gekonnt in Szene setzen und erntet bei Gleichgesinnten und politisch weniger korrekten Zeitgenossen sehr viel Gejohle und Gelächter.
Im weiteren Verlauf dieses Herrenmagazins wird man noch auf diverse Artikel über die neuesten Sportwagen, hippesten technischen Gadgets, modernsten Hifi-Geräte und 99 Dinge die ein Gentlemen wissen sollte, stoßen. Einige Modetrends werden vorgestellt, eine weitere Bilderstrecke mit nackten Schönheiten wird präsentiert und als Sahnehäubchen gibt ein zumeist berühmter Autor noch eine Kurzgeschichte zum besten, in diesem Monat übrigens von John Updikes.
Auch die Reportagen, die einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen sind zumeist sehr spannend und unterhaltsam geschrieben, wie z.b. der Artikel in der aktuellen Ausgabe über das Leben und Wirken der französischen Fremdenlegionäre in Südamerika. Alles in allem eine sehr gelungene Mischung aus Lifestyle, sehr ästhetischen und erotischen Bildern, bissigen und anspruchsvollen Interviews (in einer der letzten Ausgaben konnte man zum Beispiel feststellen was für einen Hinterwäldler die Amerikaner wirklich zum Präsidenten gewählt haben) und auch die Kolumnen absolut lesenswert.
Mich erstaunt allerdings immer wieder mit welch schlechtem Image der Playboy heutzutage noch immer zu kämpfen hat.
Noch immer werden erwachsene Männer puterrot im Gesicht, wenn sie an der Kasse ihr Magazin bezahlen und auf die Frage: "Du liest den Playboy?" gibt´s die peinlich-berührte Antwort "aber nur wegen der interessanten Interviews".
Jaja, die BILD-Zeitung liest auch niemand, keiner geht zu McDonald´s und "Die Grünen" hat bei der letzten Bundestagswahl auch keiner gewählt. Das der Playboy mehr ist als nur eine Aneinanderreihung von Bildchen nackter Frauen scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben und daher hoffe ich, daß ich mit diesem Artikel, der offen gesagt viel zu ausschweifend geworden ist, doch ein bißchen dabei behilflich sein kann das billige Sex-Heftchen-Image loszuwerden.
Für mich ist der Playboy der Vater aller Herrenmagazine und hiermit bekenne ich öffentlich: "Ja, ich lese den Playboy, und das ist gut so". Zuallerletzt möchte ich mich bei all jenen bedanken, die bis zum Ende durchgehalten und wirklich bis hierher gelesen haben.
Als kleines Dankeschön noch ein kurzer Witz, natürlich aus der aktuellen Ausgabe 7/2001. Flitterwochen. Das junge Paar steht vor dem Pariser Eiffelturm.
Er: "Wollen wir hinauf oder erst ins Bett?"
Sie: "Erst ins Bett, der Eiffelturm steht länger"
Quellenangaben:
Playboy Ausgabe Juli 2001
31.10.2007 09:23
Hi! Klasse Bericht! Gruß, Bernd.
21.06.2002 10:16
sehr guter bericht! hast sicher ziemlich lange gebraucht! schau doch mal bei mir vorbei! bis dann raveaholic
22.02.2002 16:36
Es gibt sie tatsächlich und Du bist einer von ihnen: die Kekswichser!!! Hätte nie gedacht, dass pubertierende Testosteronschleudern wirklich auf solch eine bescheuerte Idee kämen. Naja, solange das mit einem Keks aus der Prinzenrolle gemacht wird (und nicht mit einer schmackhaft pikanten Currywurst) soll es mir egal sein. Ansonsten einfach ein super Bericht. Wäre gar nicht nötig gewesen, dass Du noch etwas zum Inhalt des Magazins selber geschrieben hast. Hat echt Laune gemacht. Scharfe Grüße, curry