Porsche 924 - wirklich ein "Hausfrauen-Porsche" ?
06.02.2010
Pro:
Unterschätzt, deshalb günstig im Einkauf, zuverlässig, dennoch durchaus sportlich .
Kontra:
Oft heruntergeritten, verspoilert oder verbastelt, schlechtes Image
Empfehlenswert:
Ja
 DerFetteZwerg
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Manchmal steht man urplötzlich vor Entscheidungen, die einem keine Zeit für vernünftige Überlegungen lassen - man muß sie einfach aus dem Bauch heraus treffen - oder ziehen lassen. Ich habe so meine Probleme damit, solche Gelegenheiten einfach vorbeigehen zu lassen - vor Allem dann, wenn es sich dabei um klassische Motorräder oder Autos handelt. Eine dieser spontanen Entscheidungen war der Kauf des 924er Porsche, um den es hier geht. :) Kurz zur Vorgeschichte: Das Auto selbst ist wahrscheinlich den meisten Lesern ein Begriff....nicht unbedingt aber die Historie, die sich nicht ganz so geradlinig präsentiert, wie allgemein üblich. Wir erinnern uns: Es gab in den 70er Jahren eine Co-Produktion zwischen Porsche und Volkswagen, die den Volksporsche Typ 914 hervorbrachte - einen zweisitzigen Mittelmotor-Sportwagen mit mäßiger Leistung, gewöhnungsbedürftigem Design (man nannte ihn nicht zu Unrecht einen "Kohlenkasten mit Schlafaugen"), aber dank Mittelmotor recht gutem Fahrwerk.
Zu seiner Zeit war dem VW-Porsche deshalb nur ein mittelmäßiger Verkaufserfolg beschieden, - heute gehört er zu den gesuchten Klassikern. Porsche bekam dennoch Anfang der 70 er Jahre den Auftrag, einen Nachfolger zu entwerfen. Als die Pläne fertig waren, hatte Volkswagen allerdings dank der Energiekrisen kalte Füsse bekommen und wollte das Projekt nicht verwirklichen. Porsche jedoch sah in seinem Entwurf durchaus Zukunftspotential, kaufte die Rechte daran kurzerhand zurück und baute den Wagen selbst.
Erstmalig betrat Porsche damit völliges Neuland. Der Motor - ein wassergekühlter 2-Liter 4-Zylinder, saß vorne, das Getriebe wanderte zum Erreichen einer möglichst ausgeglichenen Achslast nach hinten. (Transaxle-Bauweise) Die Maschine leistete für Porsche-Verhältnisse bescheidene 125 PS und war damit deutlich schwächer, als man dank der modernen, schnittigen Karosserieform erwartete. Es ließ sich auch nicht verheimlichen, daß dieser Motor eigentlich aus dem Volkswagen-Nutzfahrzeug-Programm stammte - er tat bereits zuverlässig im LT28 Dienst. Schnell machte zudem das Gerücht die Runde, der 100er Audi hätte ebenfalls denselben Motor, was allerdings nur zum Teil stimmte: Erst einige Zeit später und nur wenige Monate lang war dieses Aggregat auch im Audi erhältlich.
Trotzdem: Der Kleine hatte dadurch einen schweren Start und sein Ruf war ruiniert, noch bevor er richtig auf die Straße kam. Die Elite der Porsche-Fahrer lehnte den armen 924er strikt ab und überzog den kleinen Sportwagen mit Hohn und Spott. "Hausfrauen-Porsche", "rasende Einkaufstasche" oder "Möchtegern-Sportwagen" waren dabei noch die harmlosesten Bezeichnungen. Dabei vergaßen die Herren allerdings gerne zu erwähnen, daß der kleine 924 dank seiner modernen Konstruktion ein hervorragendes Fahrverhalten hatte, deutlich günstiger zu warten war, und seine Zuverlässigkeit in der Regel jeden 911er Fahrer vor Neid erblassen ließ Sicherlich: seine Fahrleistungen prädestinierten ihn nicht zum Ego- und Potenzverstärker-Image, das den 911er offensichtlich so beliebt macht... :) Nebenbei sei noch gesagt, daß es lange Jahre genau dieser ungeliebte Porsche 924 war, der die höchsten Verkaufszahlen im Porsche-Programm erreichte - und dies, obwohl ihn doch offensichtlich niemand wollte. (Das ist wie mit der Bild-Zeitung, die sich angeblich niemand kauft - und die wohl genau deshalb zu den auflagenstärksten Zeitungen gehört!)
Mir hat er gerade deshalb eigentlich immer schon gefallen - und als sich Mitte November 2009 die Gelegenheit bot, einen zu erwerben, schlug ich zu! Die Technik Der Porsche profitiert davon, daß er eigentlich als halber Volkswagen das Licht der Welt erblickte. Neben dem bereits besprochenen LT-28-Motor hat er noch eine Menge weiterer Teile aus dem VW-Programm, die damit erstens problemlos verfügbar - und zweitens zu moderaten Preisen erhältlich sind. So stammen die Hinterachse nebst Bremsen und die Lenkung vom Käfer, andere Kleinteile wie die Fensterkurbeln oder der Zündverteiler finden sich auch in zeitgenössischen Golf- und Passat-Modellen. Die Liste lässt sich noch um Einiges erweitern.
Die Maschine ist dank Einspritz-Anlage ein problemloser Starter, unabhängig von der Aussen-Temperatur, mit sonorem Brummen nimmt er sofort seine Arbeit auf. Der respektable Klang indessen täuscht, - eine sportliche Maschine hat man hier nicht verbaut. Der Motor geht zwar von unten heraus sehr gut zur Sache und hat einen erstaunlich starken Antritt, mag aber keine hohen Drehzahlen und ist im oberen Bereich des Drehzahlmessers nur unwillig dazu bereit, Leistung anbzugeben.
Das Fahrwerk ist selbst für heutige Verhältnisse spurstabil und fahrsicher, der Grenzbereich ist deutlich erkennbar und breit genug, um auch dem weniger geübten Fahrer genug Zeit zum Reagieren zu lassen. Übertreibt man es dennoch, so drängt der Porsche über die Hinterräder nach aussen - übersteuert also. Aber auch dann lässt er sich in der Regel problemlos wieder einfangen. Die Bremsanlage ist mit Scheiben vorne und Trommeln hinten mittlerweile nicht mehr ganz zeitgemäß, was allerdings auch an der relativ schmalen Serienbereifung liegt, die mit ihren 185er Pneus eben nicht die heute gewohnen Bremskräfte übertragen kann.. Ich habe auf 205er Reifen gewechselt und damit die Bremsleistung spürbar erhöht..
Das Getriebe hatte in den ersten Produktionsjahren nur 4 Gänge. Meines hat bereits deren 5, und ich kann sagen, daß sich das Getriebe knackig und präzise schalten lässt, was umso mehr erstaunt, da es sich ja relativ weit entfernt vor der Hinterachse befindet. Der kurze, dicke Schalthebel liegt gut in der Hand, die Schaltwege sind relativ kurz,, und die Abstufung erscheint stimmig. Die Lenkung arbeitet präzise, ist jedoch alles Andere als leichtgängig, da eine Servo-Unterstützung fehlt. Gerade mit meinen 205er Reifen ist das Rangieren mit recht unüblichem Kraftaufwand verbunden.
Man sitzt tief im 924er. Aus dieser Perspektive wirkt die lange Motorhaube schier endlos, markant ist der Anblick vor Allem dann, wenn die mittels Elektromotor ausklappbaren Frontscheinwerfer offen sind. Die Sitze sind bequem, mit gutem Seitenhalt und ausreichender Sitzfläche. Selbst meine 192 cm lassen sich angenehm entspannt im Porsche unterbringen. Hinter den vorderen Sitzen befindet sich zwar eine 2er Bank, die ist aber selbst für meine Kinder zu eng - man sollte den Porsche also eher als 2-Sitzer sehen.
Mit insgesamt 6 Rundinstrumenten ist der Porsche üppig instrumentiert - man wird über alle wichtigen Parameter informiert, incl. Öldruck, Drehzahl, Batteriespannung und Uhrzeit. Was den Kofferraum angeht, so darf man natürlich keine Wunder erwarten, er ist aber größer als gedacht. ...man bekommt schon einiges hinein. Markant ist die große, komplett verglaste Heck-Klappe, die leider auch zu den teuersten Ersatzteilen gehört - also empfiehlt sich damit ein pfleglicher Umgang.
Meiner :) Mein 924er ist ein Modell 1980. Er stand in Mittelfranken zum Verkauf und ich bin eher zufällig darauf gestoßen. Die Preisverhandlungen waren kurz und freundlich. Da das Auto nicht fahrbereit war, aber immerhin noch 14 Monate TÜV hatte und rundherum einen guten Eindruck hinterließ, habe ich die bereits zu Anfang erwähnte Spontaneität walten lassen, und den Porsche für sozialverträgliche 1200, - Euro gekauft. Da alle 924er ab Modelljahr 1980 eine feuerverzinkte Karosserie haben ist Rost ab diesem Datum normalerweise kein Thema mehr - so auch bei meinem nicht. Der Grund für seine Fahruntüchtigkeit war so simpel wie effektiv: das Relais der Sprit-Pumpe hatte den Geist aufgegeben. Kein Sprit - Kein Anspringen.
Solch ein Relais weicht vom üblichen Standard ab und kostet bei Porsche beinahe 100 Euro. Daß es auch sehr viel günstiger geht, hat wieder einmal eBay bewiesen - hier gab es das Relais für 19 Euro plus Versand. Glücklicherweise entpuppte sich dieser Defekt als einziges Problem - kaum war das neue Bauteil montiert, sprang der Motor klaglos wieder an und schnurrte wie ein Kätzchen. Viele weitere Arbeiten waren deshalb am Porsche nicht nötig, - nur die üblichen Verschleiss-Teile habe ich gewechselt. Die Maschine macht trotz ihrer 270 000 Km Gesamtlaufleistung einen gesunden Eindruck, der kaum messbare Ölverbrauch und ein gutes Kompressions-Diagramm unterstützen diesen Eindruck mit Fakten.
Der Spritverbrauch liegt bei ca, 10 Ltr Superbenzin und ist damit durchaus vertretbar, setzt man in Rechnung, wann dieses Auto konstruiert wurde. Es hat leider keinen Kat und ist deshalb momentan noch exobitant teuer im Unterhalt, bekommt aber Mitte des Jahres seine H-Zulassung. Dann lohnt es sich auch finanziell, diesen kleinen , verkannten Sportwagen zu fahren. Abgesehen davon, daß ich den Job, den eine Hausfrau den Tag über erledigt, mit Respekt und Hochachtung betrachte, ist der Porsche alles Andere als eine Mogelpackung. Er war der erste Vertreter einer ganz neuen Generation von Sportwagen aus dem Hause Porsche. Sein Design wurde unter Anderem vom 928 und 944 weitestgehend übernommen - und die brauchen sich wahrlich nicht zu verstecken.
Aber das ist mir alles sowieso herzlich egal: mein kleiner Hausfrauen-Porsche macht mir enorm viel Spaß! Vielleicht bekommt ihr mal die Gelegenheit, ihn Probe zu fahren - ich bin mir sehr sicher, daß er dann einige Vorurteile zum Einsturz bringt! :) Die Chance hat er verdient.
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26.02.2010 10:05
sehr ausführlich
09.02.2010 12:40
Feiner Bericht, es hat mir viel Spaß gemacht Deine Erfahrungen und Meinungen zu diesem kleinen "Newtimer" zu lesen! Als junger Erwachsener hatte ich leider nicht das Geld mir so einen Porsche zu leisten (da mußte mir ein Honda CRX reichen) und später war ich dann schon über den 924er hinaus. Trotzdem geisterte er mir ein paar Jahre lang in meinen Träumen herum - Danke für die Erinnerung daran. LG, Bernd
07.02.2010 09:58
Endlich mal ein finanzierbarer Porsche ;)