Fahrzeugbewertung des Autors:
| Pro: |
pure Renntechnik für die Straße |
| Kontra: |
Preis |
Ja, ich bin den über 450000 Euro teuren Porsche Carrera GT wirklich gefahren! Im Gegensatz zu allen anderen Berichten hier kann ich also wirklich einige Erfahrungen im wörtlichsten Sinn hier beschreiben.
Natürlich besitze ich diesen Wagen nicht, und selbst wenn ich so viel Geld hätte, würde ich das eher in etwas wertbeständigerem anlegen als in einem Auto. Die Klientel, die so viel Geld für Autos übrig haben, werden sich wohl kaum vorher bei ciao informieren ("kaufe ich mir jetzt den Porsche, den Ferrari, den Lamborghini oder den Bugatti?"). Nur meine Tätigkeit bei einem Automobilzulieferer bescherte mir diese Probefahrt, die leider viel zu kurz war.
TECHNISCHE DATEN
Ich will Euch Leser hier nicht mit technischen Daten langweilen, die gibt es auf der www.porsche.de Webseite unter Carrera GT ganz ausführlich. Also nur kurz: der 5.7 Liter V10 Motor hat 612 PS Leistung. Das Chassis ist aus ultraleichten und hochfesten Kohlefaserwerkstoffen aufgebaut. Die Bremsen entstammen ebenfalls wie alles andere direkt aus Porsches Rennsportabteilung. Das Fahrwerk ist durch die push-rod Federung eher mit einem Rennwagen als mit allen anderen Serien-Porsches vergleichbar. Der Carrera GT rollt auf 265/35 ZR 19 Reifen vorn und auf 335/ 30 ZR 20 Niederstquerschnitt Gummiwalzen hinten, ohne dabei aber wie eine übermäßig verbreiterte Proletenkarre auszusehen. Die Fahrleistungen sind phänomenal, er ist in weniger als 10 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 200 und die Beschleunigung endet erst irgendwo weit jenseits der 300 km/h (nach Porsche Angaben 330 km/h, aber das würde ich auf öffentlichen Straßen nie probieren wollen).
OPTIK
Über Aussehen lässt sich streiten, trotzdem habe ich im Gegensatz zu anderen Autos, die wir im Werk zu Erprobungen hatten, keinen Kollegen getroffen, dem der GT nicht gefällt. Extrem flach und breit duckt sich die Kohlefaserchassis auf den Asphalt, das Design ist ein unverwechselbarer Porsche, der aber ganz eigenständig gestylt ist und eher nach einem Tourenwagen aus dem Rennsport als nach einem Serienfahrzeug für die Straße aussieht. Wo dieses Auto steht, erregt es Aufsehen, selten war er hier im Werk nicht von mindestens einem Dutzend Leute umlagert. Der nur mit einem Gitter abgedeckte Motor ist mehr als nur ein Designgag, der Motor und das Getriebe werden nach flotter Fahrt so warm, dass jedes bisschen Kühlluft gebraucht wird.
ERFAHRUNG
Der Einstieg gestaltet sich schon sehr sportlich. Der breite Seitenschweller mit dem GT Chrom-Schriftzug muß zunächst überwunden werden, dann muß man seine Beine in den engen Fußraum einfädeln und sich in die tiefen, gut ausgeformten Sportsitze fallen lassen. Wenn man dann aber mal drin sitzt, kommt einem doch alles wie von anderen Porsches gewohnt vor: trotz meiner 1,90 m Länge habe ich ausreichend Platz, die Sitze sind fest und dennoch bequem, die Instrumente aus dem 911er bekannt, das Zündschloß weiterhin links. Nur der kurze Schalthebel liegt ungewohnt hoch in der Mitte, daran gewöhnt man sich aber schnell.
Nach dem Anlassen wird schnell klar: das ist ein Rennwagen! Der Motor direkt hinter einem heult sofort bissig auf, schon der Sound im Standgas provoziert zum Gasgeben. Die Kupplung braucht einen kräftigen Fuß, um die über 600 PS vom Vortrieb trennen zu können. Die Bremse dagegen reagiert extrem feinfühlig.
Also ab auf die Straße! Nun konnte ich den Rat meiner Kollegen sofort verstehen: nur gaaaanz gefühlvoll Gas geben! Angesichts der extremen Leistung verbietet sich ein Kickdown fast völlig. Selbst beim Überholen darf man hier nicht schon beim Ausscheren Vollgas geben, sonst findet man sich nach einigen Drehungen in einem teuren Schrotthaufen im Straßengraben wieder. Alle Berührungen des Gaspedals werden sofort in Vortrieb umgesetzt. Etwas stärkerer Druck aufs Gas entfaltet schon eine immense Beschleunigung, der Motor heult sofort auf und versetzt einem fast einen Tritt in den Rücken, so zerren die g-Kräfte. Kein Wunder, wenn jedes PS nur mit 2kg Masse zu kämpfen hat.
Das fahren in der Stadt ist also sicher nicht das Metier eines Rennwagens, 50km/h sind viel zu schnell überschritten, und mitschwimmen im Strom der roten Wellen macht damit keinen Spaß.
Auf der Landstraße fühlt dich der GT wohl. Der Motor singt kurz über Standgasdrehzahl, die Kurvengeschwindigkeiten werden eher vom Mut des Fahrers als von den technischen Möglichkeiten begrenzt. Der GT klebt wirklich mit seinen breiten Walzen auf dem Asphalt, wenn die Reifen erst mal warm sind. Lenkung und Bremsen arbeiten sehr direkt, so dass flotte Kurven und schnelle Überholvorgänge echt Spaß machen. Auch hier gilt natürlich: den Gasfuß sehr dosiert einsetzen!
HIGH SPEED
Wie erwähnt hat die Höchstgeschwindigkeit von 330 km/h eher akademischen Charakter, fahren kann man das ja eh fast nirgends. Aber auf der Autobahn macht es einfach Spaß, wie mühelos der GT beschleunigt. Unter 220 km/h ist die Beschleunigung sowieso brachial, und selbst bis 280 km/h meint man, es gäbe keinen Luftwiederstand. Den Motor hört man dabei natürlich schon (um ehrlich zu sein, hört man über 250 sonst nicht mehr viel anderes). Doch die Straßenlage ist damit immer noch ruhig wie das sprichwörtliche Brett (kein Wunder bei dem Fahrwerk und 4 cm serienmäßiger Bodenfreiheit). Nett zu erwähnen ist noch der Carbon-Heckflügel, der dann selbständig oder bei niedrigeren Geschwindigkeiten auf Tastendruck ausfährt ...
Wer allerdings schon mal diese Geschwindigkeiten gefahren ist (ich grüße hier die Hayabusa-Fahrer), kennt folgendes Phänomen: je höher die Geschwindigkeit, umso höher der Radschlupf. Das heißt, um 300 km/h zu fahren, dreht sich der Antriebsreifen mit geschätzten 320km/h oder mehr, so dass die Reifen extrem belastet werden und der Gummi sich in kleinen Röllchen abreibt, wobei die Reifentemperatur natürlich ansteigt. So sieht man den Reifen dann schnell die flotte Fahrt an.
Über den Benzinverbrauch kann ich nur soviel sagen: der 92 Liter Tank reicht je nach Fahrweise für eine Reichweite zwischen 300 und 600 km. Pure Renntechnik eben, nicht optimiert auf Verbrauch.
SERVICE
Da es nur ein Testwagen war, kann ich hierzu kaum etwas sagen. Nur soviel: eine Inspektion mit Wechsel von Reifen, Schmierstoffen und Verschleißteilen (Bremsbelägen) kostet soviel wie ein neuer Kleinwagen.
FAZIT
Der Carrera GT ist kein Auto, sondern ein Rennwagen. Dem entsprechenden Ansprüchen genügt er auch ohne Kompromisse. Leider ist sein Preis jenseits von gut und böse, wenn er auch sein Geld wert ist. Doch zum Glück kostet er so viel, denn bis man sich den leisten kann, ist man auch reif genug für so ein Geschoß. Nichts wäre schlimmer, als so ein Fahrzeug einem jugendlichen Raser zu geben oder noch übler einem der Leute, die zum Geldverdienen und Termine halten täglich über unsere Autobahnen rasen "müssen" und dabei Menschen töten (in Gedenken an die junge Frau und ihre Tochter, die von einem Mercedes Fahrer bei Karlsruhe förmlich abgeschossen wurden).
PS: es gab doch mal eine Webseite, in die ciao User die Bilder mit sich und den getesteten Produkten einstellen können, leider habe ich da keine URL mehr davon. Wenn mir jemand im Kommentar die URL / Webadresse hinterlässt, kann ich da gerne auch mal ein Bild von meiner Probefahrt einstellen. Den Bericht werde ich dann mit der URL updaten!
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